Litauische Literatur

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Litauische Literatur bezeichnet die in litauischer Sprache verfasste Literatur.

Frühe litauische Schriftsprache[Bearbeiten]

Den Anfang des Schrifttums im Gebiet des heutigen Litauens bilden die in ostslavischer Kanzleisprache verfassten Chroniken des Großfürstentums Litauen. Bis zur Renaissance herrschten die lateinische Sprache (so der Dichter Sarbievski, Sarbiewski oder Sarbievius) und das Polnische im Schrifttum vor.

Litauen wurde 1525 protestantisch. Basierend auf der polnischen Fassung von Martin Luthers Katechismus verfasste der evangelische Pfarrer Martynas Mažvydas (ca. 1510–1563) mit Catechismusa Prasty Szadei 1542 das erste Buch auf Litauisch. Auch die anderen frühen Schriften der litauischen Sprache waren geistlichen Inhalts, darunter das Gesangbuch von Baltramiejus Willentas (ca. 1525-1587) und Johannes Bretkes (1536–1602) Bibelübersetzung, die jedoch nicht mehr gedruckt werden konnte. Die Gegenreformation wirkte jedoch hemmend auf die Herausbildung einer litauischen Schriftsprache. Die protestantischen Bücher wurden verbrannt, die Druckereien wurden geschlossen. Seit 1600 wurde das Litauische zunehmend durch das Polnische verdrängt, das die einheimischen Eliten nach der Union mit Polen übernahmen. Vilnius wurde zu einer polnischen Stadt, die Gelehrten der Universität Vilnius sprachen Latein, die Juden Hebräisch.

Der Jesuit Konstantinas Sirvydas gab das erste Wörterbuch der litauischen Sprache heraus, da diese immer weniger verstanden wurde. Barocke Predigten und barockes Theater verdrängten die Schrift. Litauische Übersetzungen des Neuen Testaments und der gesamten Bibel erschienen zuerst 1701 bzw. 1735 in Königsberg, wie auch litauische Grammatiken und Wörterbücher im 18. Jahrhundert von protestantischen Pastoren in Preußisch-Litauen herausgegeben wurden. Dafür erfolgten „Kulturimporte“ nach Litauen: 1706 erschienen die Fabeln des Äsop in litauischer Übersetzung. Im Chaos der polnisch-litauischen Adelsrepublik des 18. Jahrhunderts ging die litauische Schriftsprache schließlich ganz unter. Die Lexik wurde polnisch, nur die Grammatik blieb litauisch. Die Reformen der aufgeklärten Reformer vor der letzten polnischen Teilung kamen zu spät. 1794/95 fiel Litauen unter zaristische Herrschaft.

Das 19. Jahrhundert[Bearbeiten]

Ein Kennzeichen der Literatur im Bereich des seit der letzten polnische Teilung von 1795 bestehenden russischen Generalgouvernements Wilna, das eine etwas größere Fläche als das heutige Litauen umfasste, war ihre Mehrsprachigkeit. Neben litauisch (auf dem Lande) und polnisch wurde in Russisch-Litauen Weißrussisch und vor allem in Wilna hebräisch und jiddisch gesprochen. In Preußisch-Litauen (dem litauischsprachigen Teil Ostpreußens um Tilsit) wurde neben litauisch auch deutsch gesprochen.

Die russische Herrschaft tolerierte und förderte anfangs die litauischen Traditionen. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erfolgten erste Bestrebungen zur „Reinigung“ der litauischen Sprache von polnischen Wortstämmen. Dies ist vor allem das Werk des Historikers Simonas Daukantas, der in abgelegenen Gegenden buchstäblich nach verschollenen litauischen Wörtern suchen musste und mit seinen Schülern eine systematische Sprachentwicklung betrieb.[1] Der erste Gedichtband in litauischer Sprache, der freilich noch von polnischen Liedformen beeinflusst war, stammt von Antanas Strazdas und wurde 1814 gedruckt. Das Gedicht Die Jahreszeiten (Metai), in dem der deutsch-litauische Pfarrer Kristijonas Donelaitis (Christian Donalitius) im 18. Jahrhundert das Leben der Leibeigenen in 3000 Hexametern beschrieb, wurde erst im 19. Jahrhundert als große dichterische Leistung erkannt und von Ludwig Rhesa (1818) in gekürzter Fassung, dann erneut von August Schleicher (Petersburg 1865) und Georg Nesselmann (Königsberg 1868) herausgegeben. Schleicher und Nesselmann sammelten auch zahlreiche litauische Märchen, Sagen und Volkslieder und übersetzten sie aus den verschiedenen Dialekten.

Der Priester Antanas Baranauskas schrieb ursprünglich in polnischer Sprache, die von den gebildeten Schichten und vom Kleinadel gesprochen wurde. Er entwickelte - motiviert durch den polnischen Dichter Adam Mickiewicz, der sich selbst auch als Litauer verstand - das als „Bauernsprache“ geltende Litauische zu einer Literatursprache. Noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts konkurrierten drei Dialekte um die Anerkennung als Literatursprache. 1860/61 beschrieb Baranauskas in seinem Gedicht Anykščių šilelis (Der Hain von Anykščai) die Abholzung eines Waldes durch fremde Herren - eine Metapher, die sich wohl auf die Vernachlässigung der litauischen Sprache bezog. Nach dem Aufstand von 1863 bestand von 1864 bis 1904 eine zaristische Order, wonach Bücher nur in kyrillischer Schrift gedruckt werden durften, was die Standardisierung der Schriftsprache stark behinderte und die Verbreitung des Russischen förderte. Viele litauische Bücher in lateinischer Schrift mussten in Preußen herausgegeben werden. Erst kurz vor der Unabhängigkeit setzte sich das Westhochlitauische unter dem Einfluss der Arbeiten von Jonas Jablonskis als Standardschriftsprache durch.

Gleichzeitig konnte sich in Litauen eine jiddische Literatur in einem Umfang wie sonst kaum in einem anderen europäischen Land entfalten. Ein Vertreter der deutsch-litauischen Variante des Jiddischen war Eisik Meir Dick. Viele Druckereien befanden sich in zaristischer Zeit in jüdischer Hand. Die Erstarkung des litauischen Nationalbewusstseins nach 1918 führte jedoch zum Niedergang der jiddischen Literatur und auch zu antisemitischen Äußerungen etlicher litauischer Schriftsteller.

Nationale Romantik und frühe Moderne[Bearbeiten]

Als erstes Werk der Moderne gilt das Gedicht Pavasario balsai (Frühlingsstimmen) des Priesters Jonas Mačiulis (Maironis) von 1895.

1904 wurde das Druckverbot für litauische Bücher in lateinischen Lettern aufgehoben. Es war ohnehin durch den Bücherschmuggel aus Preußen und durch den Boykott von litauischen Büchern in kyrillischer Schrift unterlaufen wurden. Dadurch trat die litauische Nationalbewegung mit ihrer legalen Zeitung Vilniaus žinios ans Tageslicht, geriet aber sofort in Konkurrenz mit der polnischen und der sich formierenden weißrussischen Nationalbewegung.[2]

Die litauische Literatur der ersten Zeit der Unabhängigkeit nach 1918 war vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen litauischen, polnischen und russischen durch die nationale Romantik des Maironis geprägt. Daneben entwickelte sich der litauische Symbolismus (Balys Sruoga und Vincas Mykolaitis-Putinas, 1894 - 1967). Lange Zeit dominierte die Versdichtung; die Themen entstammten oft dem ländlichen Leben.

In französischer Sprache schrieb der Lyriker Oscar Milosz (1877-1939), der auch Volksmärchen sammelte. Bis 1927 nur in russischer, dann auch in litauischer Sprache schrieb der Symbolist Jurgis Baltrušaitis (1873-1944), der auch als Diplomat und Übersetzer skandinavischer Literatur arbeitete. Der Avantgardist Kasys Binkis (1893-1942) knüpfte an den europäischen Futurismus und Expressionismus an. Mit Antanas Rimydis und anderen wandte er sich einer Neugestaltung der litauischen Metrik zu.

Ein eigentümlicher, katholisch-neoromantisch beeinflusster litauischer Existentialismus bildete sich um die Zeitschriften Granitas (1930) und Naujoji Romuva (1931) herum. Zu seine Vertretern zählt die bedeutendste Lyrikerin ihrer Zeit, Salomeja Neris, der vom Expressionismus beeinflusste Jonas Kossu-Aleksandravičius sowie Bernardas Brazdžionis, der den symbolistischen Stil bis zur Perfektion weiter entwickelte.

Vilius Storosta (Vydūnas) und Kazys Puida (1883-1945) können als Vertreter des romantischen bzw. impressionistischen Theaters vor und nach dem Ersten Weltkrieg gelten. Jurgis Savickis (1890-1952) war ein bedeutender Prosaautor der Zwischenkriegszeit.

Exilliteratur[Bearbeiten]

Zahlreiche litauische Autoren wie B. Brazdžionis, H. Radauskas, Algirdas Landsbergis und Jonas Kossu-Aleksandravičius (seit 1952 unter dem Psyeudonym Jonas Aistis dauerhaft in den USA) gingen 1941 bis 1944 ins Exil, nachdem Litauen durch die faschistische und sowjetische Besatzung schwer getroffen war. Im US-Exil erschienen die Romane Baltoji drobule (Das weiße Laken) von Algimantas Skema und Miskais ateina ruduo (Der Herbst schreitet durch die Wälder) von Marius Katiliskis. Die jüngere Generation der Exilanten entwickelte die litauische Literatur weiter in Richtung der zeitgenössischen amerikanischen oder westeuropäischen Prosa.

Eduardas Mieželaitis floh 1943 vor der deutschen Besatzun nach Moskau. Dort veröffentlichte er seinen ersten Gedichtband und schuf in den 1960er Jahren eine an den Futurismus anknüpfende experimentelle Lyrik.[3]

Der im heutigen Litauen geborene Czesław Miłosz, seit 1951 im französischen Exil und seit 1970 amerikanischer Staatsbürger, der 1980 den Nobelpreis erhielt, schrieb in polnischer Sprache.

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

In den Nachkriegsjahren schrieb der Dichter und Dramaturg Balys Sruoga (1896-1947) seinen Dievu miskas (Der Götterwald), einen realistisch-grotesken Roman über seine Erfahrungen im nationalsozialistischen KZ Stutthof. Die im Land verbliebenen Autoren konnten Ende der 1950er Jahre unter dem Einfluss Mieželaitis', der auch auf die russische Literatur zurückwirkte, an die litauische Dichtung der 30er Jahre anknüpfen. Vertreter des sozialistischen Realismus in Litauen waren neben dem Erzähler Juozas Baltušis der Dramatiker Juozas Grušas, der schon seit 1928 realistische Prosatexte veröffentlicht hatte, und die Erzähler P. Cvirka und M. Sluckis. Erst seit den 1970er Jahren emanzipierten sich die litauischen Prosaautoren thematisch von den politischen Vorgaben. Die bei Memel geborene Ieva Simonaityte (1897 - 1987) wurde bekannt durch neorealistische Familienromane aus ihrer Heimat.[4] Der bedeutendste, weil künstlerisch kompromisslose Roman der späten sowjetischen Zeit ist Priesausrio vieskeliai (Die Landstraßen im frühen Morgen) von Bronius Radzevičius (1940 - 1980).[5] Postum wurden mehrere seiner Erzählungen veröffentlicht.

Gegenwart[Bearbeiten]

Zu den bekannten Autoren der Zeit nach 1990 gehörte der auch weiterhin patriotischen Themen verhaftete Lyriker Bernardas Brazdžionis, der 1989 aus dem Exil zurückkehrte und 2002 in Los Angeles starb. Ebenfalls 2002 starb Ricardas Gavelis, der in seinem Roman Vilniusser Poker (Poker in Vilnius) in obszöner Sprache nicht nur mit dem Kommunismus, sondern auch mit dem romantischen Nationalismus abrechnete.[6] Im Westen wurde Romualdas Granauskas, der bereits seit 1954 Erzählungen und Romane zu Geschichte, Mythologie und bäuerlichen Traditionen Litauens verfasst hatte, durch den 2011 in deutscher Sprache erschienenen Roman Das Strudelloch (litauische Ausgabe 2009) bekannt.

Der auch in Deutschland bekannte Roman Die Regenhexe von Jurga Ivanauskaitė wurde gleich nach der Veröffentlichung in Litauen (1992) verboten. Sie betrachtete den Katholizismus sehr kritisch, was den Publikumserfolg in ihrem Heimatland bis heute erschwert. 45-jährig starb sie im Jahr 2007. In Deutschland veröffentlicht wurde u.a. die (vor allem kultur-)geschichtliche Betrachtung Vilnius: Eine Stadt in Europa des Lyrikers und ehemaligen Yale-Professors Tomas Venclova.

2002 war Litauen das Partnerland der Frankfurter Buchmesse.

Literatur[Bearbeiten]

Allgemeines
  • Friedrich Scholz: Die Literaturen des Baltikums. Ihre Entstehung und Entwicklung. (= Abhandlungen der Rheinisch-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, Bd. 80). Westdeutscher Verlag, Opladen 1990. ISBN 3-531-05097-4.
  • Eugenija Ulcinaitė: Baroque literature in Lithuania. Baltos Lankos, Vilnius 1996, ISBN 9986-813-05-0.
  • Sigita Barniškienė: „Auch ich muß wandern zur Heimat zurück“. Litauen und die ostpreußische Literatur. Saxa-Verlag, Berlin 2009, ISBN 978-3-939060-20-8.
  • Litauen lesen. Trauner-Verlag, Linz 2009, ISBN 978-3-85499-586-9 (Die Rampe)
  • Jürgen Joachimsthaler: Litauische Lieder und Geschichten. In: ders.: Text-Ränder. Die kulturelle Vielfalt Mitteleuropas als Darstellungsproblem deutscher Literatur. Winter, Heidelberg 2011, Bd. 2, S. 1-145, ISBN 978-3-8253-5919-5
  • Friedrich Scholz: Die litauische Literatur. In: Kindlers Neues Literatur-Lexikon, Hg. Walter Jens, Bd. 20, S. 368 ff.
Mythologie
  • Adalbert Bezzenberger: Litauische Forschungen. Beiträge zur Kenntnis der Sprache und des Volkstums der Litauer. Peppmüller, Göttingen 1882.
  • August Schleicher: Lituanica. Abhandlungen der Wiener Akademie, Wien 1854. (über litauische Mythologie)
  • Edmund Veckenstedt (Hrsg.): Mythen, Sagen und Legenden der Zamaiten (Litauer). Heidelberg 1883 (2 Bde.).
Volkslieder
  • Christian Bartsch: Dainu Balsai. Melodien litauischer Volkslieder. Sändig, Walluf 1972, ISBN 3-500-24190-5 (Nachdr. d. Ausg. Heidelberg 1886/89).
  • Karl Brugmann: Littauische Lieder, Märchen, Hochzeitsbittersprüche aus Godlewa. Verlag Trübner, Strassburg 1882.
  • Antoni Juszkiewicz: Lietuvîkos dainos. Kasan 1880-82 (3 Bde.).
  • Antoni Juszkiewicz: Lietuvîkos svotbinès dainos („Hochzeitslieder“). Petersburg 1883.
  • August Leskien: Litauische Lieder und Märchen'. Verlag Trübner, Strassburg 1882.
  • Georg Nesselmann: Littauische Volkslieder. Verlag Dümmler, Berlin 1853.
  • Ludwig Rhesa (Begr.), Friedrich Kurschat (Hrsg.): Dainos. neue Aufl. Berlin 1843.
  • August Schleicher (Hrsg.): Litauische Märchen, Rätsel und Lieder. Weimar 1857.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Tomas Venclova, Vilnius. Eine Stadt in Europa, edition suhrkamp, Frankfurt 2006, S. 78 und 128
  2. T. Venclova, 2006, S. 177 ff.
  3. Vgl. F. Scholz, Die litauische Literatur, S. 372
  4. Vgl. F. Scholz: Die litauische Literatur, S. 372 f.
  5. [1] Litauen: Die Literatur, randburg.com
  6. [2] Reinhard Veser, Literatur aus Litauen: Exil und Mutterland, FAZ-Feuilleton, 9. Oktober 2002

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]


Meyers Dieser Artikel basiert auf einem gemeinfreien Text aus Meyers Konversations-Lexikon, 4. Auflage von 1888–1890.
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