Lithophon

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Als Lithophon (von griechisch λιϑος „Stein“ und φωνή „Klang“) bezeichnet man Gegenstände, deren Klangkörper aus Stein bestehen und die auf mechanischem Wege (Anschlag, Reibung) in Schwingung versetzt werden. Entsprechend der grundlegenden Hornbostel-Sachs-Systematik gehören „Lithophone" zur Gruppe der Idiophone, werden jedoch nicht extra genannt. Bevorzugtes Material ist auf Grund seiner besonderen Klangqualität das als Phonolith bekannte Lavagestein. Andere Mineralien sind Jade, Granit oder auch Serpentin. Im Unterschied zum Metallophon und Xylophon, bei denen zur Tonererzeugung metallische bzw. hölzerne Stäbe benutzt werden, bestehen Lithophone aus stab- oder plattenförmig geformten, abgestimmten Steinen.

Geschichte[Bearbeiten]

Zu den ältesten Zeugnissen gehört das in der Provinz Sumatera Barat auf Sumatra als prähistorisches Lithophon identifizierte Talempong batu. Es besteht aus sechs Steinblöcken unterschiedlicher Größe und Klanghöhe.[1] Ein Lithophon aus Ndut Lieng Krak in Südvietnam wird der eisenzeitlichen Sa-Huynh-Kultur zugerechnet. Erwähnenswert ist auch der Fund von 20 Klangsteinen in Indien (bei Sankarjang), der von der Forschung dem 2. Jahrtausend v. Chr. zugeordnet wird.[2] Bei Ausgrabungen in An-Yang (China) fand man die der Shang-II-Dynastie (1350–1050 v.Chr.) zuzuordnenden Orakelinschriften, Trommeln, Trommelstöcke, Schlegel, eine Okarina- artige Kugelflöte sowie den ch’ing genannten Klangstein. Die richtige Bezeichnung für einen einzelnen, großen Klangstein ist t’e-ch’ing. Außerdem wurde das „Klangsteinspiel“ pien-ch’ing gefunden, welches aus verschiedenen, gestimmten Steinen besteht. Es ist unwahrscheinlich, dass diese Lithophone und die Okarina bereits in der früheren, der Shang I-Periode vorhanden waren, nachweisbar ist jedoch, dass sich die Stimmung der Instrumente aus Stein, Jade und Bronze in der frühen Chou-Dynastie vervollkommnete. In jüngerer Zeit sind Lithophone in weiten Teilen Südostasiens von Vietnam bis Korea nachweisbar. Der stärkste Entwicklungsimpuls ging jedoch von China aus, wobei sich zwei charakteristische Formen herausgebildet haben: Zum einen die aufgehängten Platte in traditionell pentagonaler Form mit gebogener Basis und zum anderen der flach liegende Jade-Klangstein in Scheibenform. Lithophone wurden zu zeremoniellen Zwecken im Tempel und im Palast verwendet und dienten auch als Grabbeigabe. Die Erforschung der Litophone im asiatischen Bereich wird seit einigen Jahren durch die Musikwissenschaftlerin und Musikethnologin Gretel Schwörer-Kohl durchgeführt.

Neben dem fernöstlichen Raum sind es zwei weitere Verbreitungsgebiete, in denen das Lithophon eine jeweils eigene Tradition ausgebildet hat: In Zentralafrika und im Norden Südamerikas. So wurden schon seit frühesten Zeiten in Nordtogo fünf sternförmig auf dem Boden angeordnete Basaltplatten zu ganz bestimmten Ritualen gespielt - eine Tradition, die auch in Benin und Nigeria nachgewiesen werden konnte. Der französische Archäologe Eric Gonthier identifizierte einen Bodenfund aus Zentralafrika als mittelsteinzeitliches Lithophon.[3] Aus Stein gefertigte Klangstäbe und -platten aus präkolumbianischer Zeit wurden in Ecuador, Kolumbien und Venezuela gefunden.

Orchesterinstrument, Steinspiel[Bearbeiten]

Aus Phonolith gefertigtes Lithophon im Botanischen Garten Schellerhau

In Europa sind Steinspiele erst in der jüngeren Geschichte nachweisbar. So wurde 1785[4] (andere Quellen nennen das Jahr 1875[5]) im Lake District England ein aus 16 Steinplatten bestehendes und zwei diatonische Oktaven umfassendes Steinspiel gefunden, dessen Alter jedoch noch nicht genauer bestimmt werden konnte. Zu erwähnen sind hier das 1837 von Franz Weber in Wien vorgestellte Lithokymbalom aus abgestimmten Alabasterscheiben sowie die 1840 von Richardson and Sons gebaute Rock Harmonica aus England. Ein bekanntes Lithophon ist auch das Musical Stones of Skiddaw, das von 1827 bis 1840 von dem Engländer Joseph Richardson konstruiert wurde und im Keswick Museum and Art Gallery in Keswick ausgestellt ist. 1883 spielte der Franzose Honoré Baudre im Rahmen der Weltausstellung Amsterdam auf einem aus abgestimmten Feuersteinen hergestellten sog. Silex Piano.

Im 20. Jahrhundert hat sich das Lithophon zu einem Orchesterinstrument entwickelt. Meist von Schlagzeugern gespielt, ähnelt es in Form und Handhabung den Stabspielen (Xylophon, Marimbaphon, Vibraphon) oder den runden Scheiben der Crotales. Üblicherweise kommen die Töne a3 bis c5 zum Einsatz. Erstmals hat Carl Orff den Klang des Lithophons als integralen Bestandteil des Orchesterklangs in Werken wie "Antigonae" (1949), "Astutuli" (1953) und "Oedipus" (1959) verwendet. Moderne Weiterentwicklungen haben sog. Stone Marimbas entstehen lassen, bei denen die Spielweise der Marimba-Technik ähnelt.

Klangstein, Installation[Bearbeiten]

Lithophon im Schloss Freudenberg, Wiesbaden

Durch neue Technologien wurde die Entwicklung von bis dahin unbekannten Formen und Möglichkeiten der Klangentwicklung an und mit Steinen erweitert. Daher gibt es etwa seit der Mitte des 20. Jh. neben dem eindeutig als Musikinstrument konzipierten „Lithophon" eine Vielzahl neuartiger Formen von Klangsteinen. Sie entziehen sich weitgehend einer Handhabung im Sinne traditionellen Instrumentalspiels und werden dementsprechend auch als Klangskulpturen bezeichnet. In erster Linie waren es zunächst Bildhauer wie Elmar Daucher in Deutschland und Arthur Schneiter in der Schweiz, die sich mit diesem Phänomen beschäftigten. Gegenstand einer polyästhetischen Herangehensweise, dienen ihre Kunstwerke neben allen akustischen Eindrücken auch in erster Linie dem Erlebnis der visuellen Wahrnehmung. 1974 entdeckte der Bildhauer Elmar Daucher gewissermaßen als Nebenprodukt das musikalische Innenleben seiner von tiefen Sägeschnitten durchzogenen Steinskulpturen und entwickelte daraus eine ganze Serie von Klangsteinen. Dauchers Prototypen sind von Darstellungen der harmonikalen Forschungen von Hans Kayser beeinflusst. In diesem Sinne wurden sie weiterentwickelt von Michael Scholl und Urs A. Furrer. Die von Klaus Feßmann entwickelten Klangsteine sind nach Klangforschungsergebnissen entwickelte Skulpturen mit rechteckigen Formen, die er in den großen Formen als Stelen bezeichnet. Sein Bau geht von Berechnungen der Proportionsverhältnissen aus. Seine Entdeckung ist die spezielle Art der Entwicklung des Klanges, das Herausarbeiten der Klangmöglichkeiten aus dem Stein.

Installationscharakter hat die 1956 von Leland W. Sprinkle in den Luray-Höhlen im Shenandoah National Park (Virginia/USA) gebaute "Steinorgel". Dabei werden riesige Tropfsteine durch ein elektronisch gesteuertes System von kleinen Anschlaghämmern in Vibration versetzt, bis die ganze Höhle vom Klang der Great Stalacpipe Organ erfüllt ist. Phonolite können von den Besuchern des Ringing Rocks Park in Upper Black Eddy (Pennsylvania/USA) experimentell zum Klingen gebracht werden, bis der ganze Park von Vibrationen erfüllt ist. In der Therme Vals (Schweiz) installierte Fritz Hauser Klangsteine von Arthur Schneiter zu einem Sound-Ambiente. In diesem Zusammenhang sind auch die Summsteine von Hugo Kükelhaus erwähnenswert.

Eine Kombination von Klangsteinen mit herkömmlichen Musikinstrumenten erweist sich auf Grund der Unterschiedlichkeit von Klang und Tonalität als ungewohnt und teilweise schwierig, wurde vereinzelt jedoch auch schon kompositorisch realisiert. So schrieb der Schweizer Ulrich Gasser Die singenden Zikaden für Flöte und 3 Klangsteine (1989) sowie Zitat für Sopran, Orgel und einen Klangstein von Arthur Schneiter (1991). Klaus Hinrich Stahmer führte in Kristallgitter (1992) die Verbindung eines Klangsteins von Daucher mit einem Streichquartett auf dem Wege der elektronischen Ringmodulation herbei. Von Gottfried Hellmundt stammen Partituren wie Aiguille du Midi für Kammerensemble und Lithophon (2000) und Steine leben für Sopran-Solo, Violoncello, Lithophon, Sandpapier und Feldsteine (2002). Lapides clamabunt heißt ein Werk von Hans Darmstadt für Stimme und Klangstein (2001).

Literatur[Bearbeiten]

  • James Blades: Lithophones. In: The New Grove Dictionary of Musical Instruments. Macmillan, Band 2, London 1984, ISBN 0-333-37878-4, S. 531f.
  • Lithophon. In: MGG. 2. neubearb. Ausgabe. Sachteil. Band 5, Bärenreiter, Kassel u. a. 1996, ISBN 3-7618-1100-4, S. 1382f.
  • Lithophon. In: Gyula Rácz (Hrsg.): Das große Buch der Schlagzeugpraxis. Conbrio, Regensburg 2014, ISBN 978-3-940768-43-8, S. 102.
  • Christoph Louven: Untersuchungen zu Klang und Stimmung des ’talempong batu’-Lithophons aus Talang Anau, West-Sumatra. (PDF; 7,1 MB) In: Wolfgang Auhagen, Bram Gätjen, Klaus Wolfgang Niemöller (Hrsg.): Systemische Musikwissenschaft. Festschrift Jobst Peter Fricke. Musikwissenschaftliches Institut Universität zu Köln, Köln 2010, S. 263–276.
  • Uwe Pätzold: Das talempong batu' von Talang Anau: Ein musikalisches Erbstück einer Megalithkultur in West-Sumatera, Indonesien. (PDF; 389 kB) In: Wolfgang Auhagen, Bram Gätjen, Klaus Wolfgang Niemöller (Hrsg.): Systemische Musikwissenschaft. Festschrift Jobst Peter Fricke. Musikwissenschaftliches Institut Universität zu Köln, Köln 2010, S. 277–291.
  • Trân van Khē: Du lithophone de Ndut Lieng Krak au lithophone de Bac Ai. In: Révue de musicologie. 68, 1-2, 1982, S. 221–236.
  • Bernard Fagg: The Discovery of Multiple Rock Gongs in Nigeria. African Music (Johannesburg, South Africa: International Library of African Music) 1956.
  • Klaus Feßmann: KlangSteine. Begegnungen mit dem ewigen Gedächtnis der Erde. München 2008, ISBN 978-3-517-08392-6.
  • Elmar Daucher: Stein.Klang.Stein. Ausstellungskatalog Ulm (hg. v. Stadt Ulm, Ulmer Münstergemeinde u. Kath. Bildungswerk Alb-Donau-Kreis) 1986.
  • Bea Voigt u. Mathias Bärmann (Hg.): KlangSteine – SteinKlänge. Mit Beiträgen von Mathias Bärmann, Walter Gröner, Rudolf zur Lippe, Tadashi Otsuru, Klaus Hinrich Stahmer, Horst Stierhof und Michael Vetter. Bea Voigt Edition, München 1998.
  • Arthur Schneiter: Ausstellungskataloge.

Tonaufnahmen (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Stephan Micus: The Music of Stones. CD. ECM 1384. (c) 1989. (Klangsteine Daucher)
  • KlangSteine – SteinKlänge. (Musik: Klaus Hinrich Stahmer/Michael Vetter) CD. ProViva ISPV 159. (c) 1990. (Klangstein Daucher)
  • Klaus Hinrich Stahmer: Kristallgitter. CD. ProViva ISPV 167. (c) 1992. (Klangstein Daucher)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Uwe Pätzold: Das talempong batu' von Talang Anau S. 279. (PDF; 389 kB)
  2. Paul Yule, Martin Bemmann: Klangsteine aus Orissa. Die frühesten Musikinstrumente Indiens? In: Archaeologia musicalis. 2.1, 1988, S. 41–50 (online auf archiv.ub.uni-Heidelberg.de) (PDF; 613 kB) S. 13.
  3. Eric Gonthier: Transfixions et labrets subsahariens et le précieux. In: British Archeological Report. BAR International Series, Oxford 1934, S. 81–90.
  4. James Blades S. 531.
  5. MGG Sachteil Band 5, S. 1383.