Live-View

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Live-View auf dem Monitor einer digitalen Spiegelreflexkamera

Als Live-View (auch: Live Preview) bezeichnet man ein bei Digitalkameras und Camcordern eingesetztes System, das es ermöglicht, die Bildkomposition nicht über einen optischen Sucher, sondern über den eingebauten Bildschirm vorzunehmen. Hierzu wird das elektronische Signal des Bildsensors in Echtzeit (live) an den Bildschirm übertragen.

Technische Entwicklung[Bearbeiten]

Die erste nichtprofessionelle Digitalkamera mit einem Flüssigkristallbildschirm und Live-View brachte Casio mit der QV-10[1] im Jahr 1995 auf den Markt. Andere Hersteller arbeiteten an ähnlichen Lösungen, und keine fünf Jahre später war Live-View bei digitalen Kompaktkameras zum Standard geworden.[2]

Erst später bürgerte sich Live-View auch bei digitalen Spiegelreflexkameras ein. Die erste DSLR, bei der alternativ zum optischen Sucherbild ein Live-View möglich war, war die Olympus E-330 von 2006.[3]

Im September 2008 wurde mit der Panasonic LUMIX DMC-G1 die erste spiegellose Systemkamera mit elektronischem Sucher vorgestellt, bei man über diesen oder über den Monitor auf der Rückseite der Kamera ausschließlich mit Live-View arbeitet.[4][5]

Vorteile[Bearbeiten]

  • Es können zusätzliche Bildinformationen, wie zum Beispiel ein Histogramm mit der Verteilung der Helligkeiten, im Bild angezeigt werden.[6]
  • Mit Hilfe der Softwarelupe wird die manuelle Entfernungseinstellung vereinfacht. Mit der vorhandenen Hardware kann ein beliebiger Bildausschnitt mit variablem Vergrößerungsfaktor dargestellt werden. Bei optischen Suchern ist dies bei hinreichender Bildschärfe des Sucherbildes mit zusätzlichen Sucherlupen möglich, die das Blickfeld jedoch auf einen Ausschnitt aus der Bildmitte beschränken.[7]
  • Durch die Hervorhebung scharf abgebildeter Strukturen (Fokus-Peaking) wird die manuelle Entfernungseinstellung vereinfacht. Die Firmware ermittelt Kanten mit starkem Kontrast und stellt diese Linien mit einer auffälligen Farbe oder besonders hell dar.
  • Bei schwenk- oder klappbaren Monitoren kann das Monitorbild des Motivs zum Auge des Betrachters ausgerichtet werden. Damit sind auch Aufnahmen über Kopf, vom Boden aus oder gar Selbstporträts möglich.
  • Beim Live-View können direkt vor der Aufnahme automatisch Informationen über die Bildschärfe und die Helligkeit in beliebigen Bildpartien gewonnen werden. Darauf beruhen einige Motivautomatikfunktionen moderner Kameras wie zum Beispiel Gesichtserkennung.
  • Die Bildschärfe kann exakt dort ermittelt werden, wo bei der Aufnahme das Bild entsteht, nämlich durch den Bildwandler selbst, wenn dieser für die Live-View-Anzeige zuständig ist. Da kein weiterer Fokussensor erforderlich ist, entfallen prinzipbedingt Fokussierungsfehler, die durch schlechte Justierung entstehen.[8]
  • Die Helligkeit des aufzunehmenden Bildes kann bei Überbelichtung leicht überwacht werden, in dem in den entsprechenden Bildbereichen zum Beispiel eine Zebramusterung oder auffällige Warnfarben angezeigt werden.[9]
  • Die Helligkeit und der Kontrast des angezeigten Bildes können bei ungünstigen Beleuchtungsverhältnissen oder bei der Verwendung kleiner Arbeitsblendeneinstellungen angepasst werden.
  • Die Anzeige auf dem Bildschirm kann unterschiedlichen in der Kamera eingestellten Aufnahmeformaten, wie zum Beispiel 4:3, 3:2 oder 16:9, sowie Ausschnittvergrößerungen beim Digitalzoom angepasst werden, sofern unterstützt.
  • Der Live-View erlaubt immer eine exakte Kontrolle des Bildwinkels, also auch beim Digitalzoom, über einen sehr großen Zoombereich oder bei Nahaufnahmen.
  • Bei der Erstellung von Panoramabildern aus Einzelbildern (Stitching) können im Live-View-Modus nach der ersten Aufnahme Konturen oder Ausschnitte der bereits registrierten Aufnahmen angezeigt werden, um die Passgenauigkeit der Anschlussbilder zu verbessern.
  • Da es keine optische Verbindung zwischen einem rein optischen Sucher und dem Bildsensor gibt, kann auch kein indirektes Licht von außen durch das Okular des optischen Suchers auf den Bildsensor gelangen, was insbesondere bei Langzeitbelichtungen zu Falschlicht führen kann.
  • Live-View steht auch bei Videoaufnahmen dauerhaft zur Verfügung.

Nachteile[Bearbeiten]

  • Für eine permanente Anzeige des Bildes muss der Bildwandler ununterbrochen in Betrieb sein, wodurch er sich entsprechend erwärmt. Dies wirkt sich insbesondere bei den früher häufig eingesetzten CCD-Sensoren oder bei großen Bildsensoren ungünstig auf das Bildrauschen aus.[10]
  • Die automatische Entfernungseinstellung beruht beim Live-View meist auf einer Kontrastmessung, die zwar über die Signale des Bildsensors sehr variabel verfügbar ist, jedoch bei der Auswertung aufwendiger ist, als die mit entsprechenden Zusatzvorrichtungen durchgeführte Phasenvergleichsmessung, wie sie üblicherweise in Spiegelreflexkameras mit Autofokussystemen eingesetzt wird.[11] Um die automatische Scharfstellung zu beschleunigen, werden zunehmend Bildsensoren eingesetzt, die über eine integrierte Phasenvergleichsmessung verfügen und daher gleichzeitig im Live-View-Modus betrieben werden können.[12]
  • Bei sehr hellem Licht, wie zum Beispiel bei direktem Sonnenlicht, ist auf vielen Flüssigkristallbildschirmen kaum noch etwas zu erkennen.
  • Flüssigkristallbildschirme und elektronische Sucher zeigen die Bilder mit einer gewissen Verzögerung, so dass beim Schwenken oder bei sich schnell bewegenden Motiven unter Umständen nicht der richtige Bildausschnitt bzw. -inhalt angezeigt wird.
  • Einfache elektronische Sucher haben eine geringe Auflösung, die die Beurteilung der Schärfe ohne die Verwendung einer Softwarelupe einschränken kann.[13][14]
  • Elektronische Sucher erhöhen den Stromverbrauch der Kamera und verkürzen die typische Betriebszeit pro Batteriesatz oder Akkuladung. Die meisten Kameramodelle aktivieren die Anzeige deshalb nur bei Bedarf und schalten sie nach relativ kurzer Zeit ab, manche erlauben auch den Betrieb ohne Anzeige.
  • Bei tiefen Betriebstemperaturen kann die Anzeige verzögert sein oder ganz ausfallen.

Spiegelreflexkameras[Bearbeiten]

Bei digitalen Spiegelreflexkameras wird üblicherweise das durch das Objektiv eindringende Licht über Spiegel und Prisma umgelenkt, wodurch im optischen Sucher ein Bild entsteht. Nur beim Auslösen wird der Spiegel weggeklappt und der Verschluss geöffnet, so dass der Bildsensor nur in diesem Augenblick belichtet wird und benutzt wird.

Um auch bei dieser Kameratechnik Live-View nutzen zu können, werden zwei unterschiedliche Lösungswege beschritten:

  1. In der ersten digitalen Spiegelreflexkamera mit kontinuierlichem Live-View, der Olympus E-330, wird ein zweiter Bildsensor geringerer Auflösung im Strahlengang platziert. Auf diesen wird ein Teil des Lichts umgeleitet und das dort entstandene Bild auf der Flüssigkristallanzeige der Kamera dargestellt. Da sich hierbei der Spiegel in der normalen Position befindet, ist gleichzeitig das Sucherbild verfügbar. Die automatische Scharfstellung erfolgt hierbei über das klassische Phasendetektionsverfahren. In einem zweiten Modus (Makro) wird der Spiegel hochgeklappt, und der eigentliche Bildsensor liefert die Live-View-Vorschau, wobei der Autofokus mit dem langsameren Kontrastverfahren arbeitet. Wegen des hohen konstruktiven Aufwands wird diese Technik trotz einiger Vorteile nur selten eingesetzt.
  2. Mit der Weiterentwicklung stromsparender CMOS-Bildsensoren hat sich bei digitalen Spiegelreflexkameras weitgehend die Technik durchgesetzt, für die Bildvorschau den eigentlichen Aufnahmesensor einzusetzen. Bei dieser Bauweise ist im Live-View-Betrieb der Spiegel ständig hochgeklappt. Die Scharfstellung findet hierbei meist über Kontrastmessung statt, kann bei manchen Kameramodellen aber auch auf Phasenmessung umgestellt werden; hierzu schwingt der Spiegel für den Autofokus herunter und für das Auslösen der Aufnahme wieder hoch.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. http://www.casio-europe.com/de/unternehmen/geschichte/produkte/detail/1995_2/ Casio-Website zur QV-10
  2. http://www.digitalcamerainfo.com/content/Evolution-of-the-Live-Preview-in-Digital-Photography-.htm Zur Entwicklung des Live View in der Digitalfotografie (englisch)
  3. http://fotoblog.validome.org/news/Olympus-E-330-erste-DSLR-mit-Live-View-110.html
  4. ftp://ftp.panasonic.com/pub/Panasonic/pressroom/pdfs/Panasonic_Press_Release_LUMIX_G1.pdf Panasonic LUMIX DMC-G1 - World’s smallest and lightest digital interchangeable lens camera, online abgerufen am 3. September 2012
  5. Stiftung Warentest: Systemkamera Panasonic Lumix G1 - Meilenstein der Fototechnik, test.de, online abgerufen am 27. Dezember 2012
  6. Spiegellos in die Zukunft?! - Optisch versus elektronisch, publisher (online abgerufen am 21. Dezember 2011)
  7. Suchertechnologien: SLR-Prinzip, optischer Sucher und elektronische Alternativen - Elektronischer Sucher in Digitalkameras, ScanDig Fotostudio in Unterhaching (online abgerufen am 21. Dezember 2011)
  8. Scharf gestellt - Phasen- gegen Kontrast-Autofokus (PDF; 875 kB), ColorFoto, 9/2011, Seiten 27 bis 32
  9. Markus Bautsch: Bildaufnahme - Helligkeiten, Wikibooks Digitale bildgebende Verfahren, abgerufen am 26. März 2014
  10. Bildrauschen, www.ccd-sensor.de, online abgerufen am 5. September 2012
  11. Test: Systemkameras erreichen Spiegelreflex-Niveau, yahoo Finanzen, online abgerufen am 5. September 2012
  12. Ken Utagawa, Yosuke Kusaka: Image sensor and image capturing device, Patentanmeldung US 7715703 B2 vom 11. Mai 2010
  13. Mike Tomkins: New EVF makes it clear: the optical viewfinder’s days are numbered, 27. Januar 2012, online abgerufen am 5. September 2012
  14. Elektronische Sucher wie beispielsweise in der spiegellosen Kamera Panasonic Lumix DMC-G3 haben im elektronischen Sucher inzwischen sogar ein größeres Sucherbild (0,7-fache Vergrößerung) als zum Beispiel der optische Sucher der etwa doppelt so teueren digitalen Spiegelreflexkamera Canon EOS 60D (0,6-fache Vergrößerung), siehe auch Olympus E-M5 OM-D - Viewfinder and screen, online abgerufen am 5. September 2012