Locus Theologicus

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Locus theologicus (Sg.) beziehungsweise loci theologici (Pl.), deutsch: „Ort/Orte theologischer Erkenntnis“ ist ein Begriff aus der evangelischen sowie katholischen Dogmatik und theologischen Erkenntnislehre.

Loci theologici in der Theologie[Bearbeiten]

Der Begriff locus theologicus wurde wohl von Philipp Melanchthon gebildet und meint in der evangelischen Theologie die nach inhaltlichen Gesichtspunkten gegliederten Hauptstücke des Glaubens auf Basis der Heiligen Schrift. In seinem Werk Loci communes[1] versteht Melanchthon darunter die „zentralen Inhaltspunkte und Erkenntnisgegenstände (Themen) der Glaubenslehre“ wie Gott, Gnade, Rechtfertigung, Sakramente, Obrigkeit usw.[2].

Den katholischen Begriff der loci theologici erarbeitete Melchior Cano in seinem Werk De locis theologicis Libri XII, das 1563, drei Jahre nach seinem Tod, veröffentlicht wurde. Canos Schrift war in der Schultheologie jahrhundertelang ein bedeutendes Lehrbuch für die theologische Erkenntnislehre und Methodologie und erfuhr bis 1890 mehr als 30 Neuauflagen. Bei Cano umfasst der Begriff die Erkenntnisquellen der Dogmatik auf der Grundlage der kirchlichen Tradition. Mit locus ist daher ein sachlich an Thomas von Aquin (S. Th. I, 1,8) orientierter Begriff „zur methodologischen Fundierung der argumentativen Theologie (d. h. des dogmatischen Beweises)“ gemeint. Canos differenzierte Liste der loci theologici wurde verändert und vereinfacht, als wesentliche Erkenntnisquellen gelten das kirchliche Lehramt, die Kirchenväter, die Liturgie, die Theologen.

Begriffsgeschichte[Bearbeiten]

Der Begriff locus (griech. τόπος, tópos = Ort, Topos) entstammt ursprünglich der antiken Rhetorik und wird Cicero als anderer Ausdruck für sedes argumentorum zugeschrieben, „als Fundstätte für Beweise oder für die thematische Stoffsammlung“[3] bzw. als „Stichworte, mit denen sich Argumente leicht assoziieren lassen“.[4]

Die loci communes des Mittelalters waren Gesichtspunkte zur Auffindung und Gliederung des Stoffs im Sinne eines vorgegebenen Inventars von Argumenten. Im heutigen Sinn bezeichnen loci theologici eher Orte, an denen sich Erkenntnis bilden kann, aber nicht muss. Sie sind als ein komplexes System aufeinander verweisender Instanzen zu verstehen, die über die Glaubensgemeinschaft Kirche vermittelt sind.

Zur Bedeutung bei Melanchthon[Bearbeiten]

Philipp Melanchthons Loci wurde bis in die Zeit des Konkordienwerks unter anderem in der kursächsischen Universitätsordnung für Wittenberg und Leipzig von 1580 als Lehrbuch vorgeschrieben.[5] Der intensive Gebrauch als Lehrbuch spiegelt sich in einer Reihe von Beareibeitungen und Hilfsbüchern dieser Zeit wider, wie Veröffentlichungen von Johannes Spangenberg 1540 oder Paul Crell 1561. Daneben gibt es eine Reihe von Darstellungen des dogmatischen Stoffs, die aus den Vorlesungen Melanchthons entstehen, unter anderem Victorin Strigels Loci theologici (1582-84) oder Martin Chemnitz' Loci Theologici (1591).

Literatur[Bearbeiten]

  • Melchior Cano: De locis theologicis.(Locus theologicus.) Veröffentlicht 1567. Am 19. Mai 2009 von der Bayerischen Staatsbibliothek digitalisiert, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche
  • Haible, Eberhard, Art. Loci theologici in: Sacramentum Mundi. Theologisches Lexikon für die Praxis 3 (1969), Sp. 291ff. Vgl. auch: Primavesi, Oliver, Art. Topik; Topos, I. - Antike in: Historisches Wörterbuch der Philosophie 10 (1998), Sp. 1263-1269.
  • Lang, Albert, Art. Loci theologici, in: Lexikon für Theologie und Kirche 6 (1961)2, Sp. 1110ff.
  • Sander, Hans-Joachim, in: Hünermann, Peter - Hilberath, Bernd Jochen (Hg.), Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil 5 (2006), S. 186-200 und S. 349-356.
  • Seckler, Max, Art. Loci theologici, in: Lexikon für Theologie und Kirche 6 (1997)3, Sp. 1014ff.
  • Körner, Bernhard, Melchior Cano: De locis theologicis. Ein Beitrag zur theologischen Erkenntnislehre, Graz 1994 (ISBN 3-7012-0023-8)
  • Hünermann, Peter, Dogmatische Prinzipienlehre, Münster 2003.
  • Seckler, Max, Die schiefen Wände des Lehrhauses. Katholizität als Herausforderung, Freiburg 1988.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Der Grosse Brockhaus: Band 7 von 1955 unter Schlagwort locus.
  2. Entwicklung der Methodenlehre in Rechtswissenschaft und Philosophie vom 16. bis zum 18. Jahrhundert S. 25
  3. Der Grosse Brockhaus: Band 7 von 1955 unter Schlagwort locus: „in der älteren Logik und Rhetorik Fundstätte für Beweise oder für die Stoffsammlung. Der Ausdruck geht auf die Topik und Rhetorik des Aristoteles zurück.“
  4. Jan Schröder (Hsg.) Entwicklung der Methodenlehre in Rechtswissenschaft und Philosophie vom 16. bis zum 18. Jahrhundert: Beiträge zu einem interdisziplinären Symposium in Tübingen, 18.-20. April 1996. Franz Steiner Verlag, 1998. ISBN 3-5150-7173-3. S. 21
  5. Andreas Stegmann: Johann Friedrich König. Mohr Siebeck, 2006. ISBN 3-1614-9041-X. S. 135