Fertigungsbetrieb

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Lohnfertigung)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Dieser Artikel beschreibt „Fertigungsbetrieb“ als Auftragnehmer eines Herstellers; zur Unterscheidung siehe Herstellungsbetrieb.

Ein Fertigungsbetrieb ist der Lieferant (Unterauftragnehmer) eines Herstellers. Auch wenn die von ihm produzierte Ware direkt zum Händler oder Endkunden gelangt, tritt er diesen gegenüber nicht als Lieferant auf, sondern überlässt dieses dem Hersteller oder dessen Distributor. Kernkompetenz des Fertigungsbetriebes ist die Optimierung von Fertigungsabläufen, er befasst sich nicht mit der Entwicklung und dem Marketing. Die Qualitätssicherung wird vom Kunden, dem Hersteller am Ort des Betriebes durchgeführt.

Verlängerte Werkbank[Bearbeiten]

Der metaphorische Ausdruck verlängerte Werkbank, also die Arbeit an einer gedachten Werkbank entlang weiterzureichen, bis sie aus dem eigenen Betrieb nach draußen, also auf den Markt, reicht, wird ursprünglich für industrielle Fertigungsbetriebe (oder gar ganze Volkswirtschaften) verwendet, die keine eigene Forschung und Entwicklung betreiben, sondern nur Lohnfertigung von Produkten anbieten, die von anderen Unternehmen (oder in anderen Volkswirtschaften) entwickelt wurden.

Vorteile[Bearbeiten]

Dieser Trend setzte in den Siebziger Jahren ein, als die ASEAN-Staaten anfingen sich in Richtung Westen zu öffnen und ausländische Investoren anzulocken. Auch in Südamerika gab es diese Tendenzen. Mit der einsetzenden Globalisierung, der Öffnung Osteuropas gen Westen und dem Ende der gelenkten Wirtschaft in Indien Ende der 1980er und zu Beginn der 1990er Jahre breitete sich dieser Trend weiter aus.

Die verlängerte Werkbank bietet den investierenden Unternehmen mehrere Vorteile:

  • Nähe zu Rohstoffquellen
  • Niedriges Lohnniveau und (in vielen Ländern) schwache Gewerkschaften, fehlende Arbeitnehmerrechte (wobei teilweise die Ausnutzung von Kinderarbeit in Kauf genommen wird)
  • Direkte Unterstützung durch eine (oft) korrupte politische Klasse
  • Zugang zu inländischen Absatzmärkten

Für die einzelnen Länder sind die Vorteile

  • Aufbau der Infrastruktur
  • Ausbildung von Facharbeitern
  • Steuer- und Zolleinnahmen

Nachteile[Bearbeiten]

Nachteile und Risiken für die Wirtschaft sind dagegen:

Die Nachteile für die Länder:

  • wachsende Abhängigkeit von der Weltwirtschaft und internationalen Finanzströmen
  • wachsende Umweltprobleme

Geschichte[Bearbeiten]

Anfänglich wurden vor allem Bereiche der Leichtindustrie ausgelagert, die wenig Fachpersonal und geringe Investitionen voraussetzen, es folgte die Schwerindustrie, die mehr Kapital benötigt. Mit dem wachsenden Bildungsniveau in den entsprechenden Ländern umfasst das Outsourcing jedoch auch White Collar-Jobs und sogar Forschungs- und Entwicklungsabteilungen.

Der Effekt der "verlängerten Werkbank" verliert sich langsam und in den ehemaligen "Werkbank-Ländern" erwachsen vollwertige Zulieferer und sogar Konkurrenten. Inzwischen wird der Begriff verlängerte Werkbank auch allgemein für Sublieferanten benutzt, die Standardtätigkeiten oder Vorarbeiten für den eigentlichen Lieferanten erbringen.

Gründe dafür sind beispielsweise:

  • Der eigentliche Lieferant kann sich flexibler an einen schwankenden Kapazitätsbedarf anpassen.
  • Kostenersparnis
  • Prozesstechnische Gründe
  • Strategische Gründe

Beispiel: Ein Unternehmen bietet an mehreren weltweiten Standorten die Reparatur und Überholung von Turbinen an. Da das eigentliche Werk, das die komplexen Reparaturprozesse durchführen kann, nur einmal existiert, gibt es für außereuropäische Kunden eigenständige, zum Konzern gehörende Landesgesellschaften, die die Turbinen im Empfang nehmen, zerlegen, reinigen und für die eigentliche Überholung in das Reparaturwerk übersenden. Das reparierende Unternehmen spricht dabei von den ausländischen Landesgesellschaften als einer verlängerten Werkbank.

Auftragshersteller von Markenware[Bearbeiten]

Auftragshersteller oder Auftragsproduzenten sind Industrieunternehmen, die Produkte serienmäßig im Auftrag und auf Rechnung von Markenwareherstellern produzieren, ohne dem Käufer gegenüber als Hersteller in Erscheinung zu treten. Der Vorteil ist die Anonymität des produzierenden Unternehmens, der Nachteil die fehlende Möglichkeit, dem produzierenden Unternehmen ein Image zu geben. Sie sind jedoch von der verlängerten Werkbank abzugrenzen, da dies als eine Auslagerung gewisser vor- oder nachgelagerter Arbeiten an einem Produkt aus der Produktion definiert wird.

Die Übertragung der Herstellung von Markenprodukten ist von überragender Bedeutung für die Computerbranche (Originalgerätehersteller), aber auch in vielen anderen Industriezweigen haben sich Unternehmen als Auftragshersteller spezialisiert, z. B. in der pharmazeutischen Industrie, der Kosmetikindustrie und auf dem Gebiet der Lebensmittelproduktion (Handelsmarken).

In der Automobilindustrie ist die Auftragsfertigung ein Kooperationstyp, der in mehreren Anwendungsszenarien zum Einsatz kommt. Oft wird in diesem Rahmen auch von Vertragsfertigung gesprochen. Eine bereits seit Jahrzehnten genutzte Variante ist das Outsourcing von Kleinserien und geringvolumigen Derivaten. Die Produktionsanlagen der Automobilhersteller sind normalerweise auf hohe Volumen ausgelegt. Geringe Stückzahlen lohnen sich daher selten. Auftrags- bzw. Vertragsfertiger haben sich dagegen genau dieses Segment als Ziel gesetzt. Sie übernehmen die Produktion von geringvolumigen Derivaten und Sondermodellen (z.B. Cabrios). Der andere Anwendungsfall stellt sich beim Eintritt in neue Märkte. Hierbei beauftragt der Hersteller einen Auftragsproduzenten im Zielmarkt mit der Montage der Fahrzeuge. Hierdurch können die Steuerlast erheblich reduziert und Handelshemmnisse überwunden werden. Derartige Fertigungskooperationen stellen jedoch hohe Anforderungen an Prozesse und Systeme der beiden Partner, da durch die Auftrennung der Wertschöpfungskette zwischen zwei Unternehmen erhebliche Informationsbedarfe und Abstimmungen nötig werden.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]