Longue durée

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Longue durée (dt. lange Dauer) bezeichnet einen geschichtswissenschaftlichen Fachbegriff, der die Geschichtswissenschaft auf eine neue, strukturalistische Grundlage stellt. Dieser Begriff ist von Fernand Braudel aus der Annales-Schule geprägt worden. In seinem dreibändigen Werk Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. aus dem Jahr 1949 charakterisiert er den Raum im Bezug auf die Zeit neu.

Fernand Braudel unterscheidet drei Zeitebenen in der Geschichte und hat deshalb je einen Band einer Zeitebene zugeordnet:

  • Die lange Dauer (longue durée) bezeichnet die langsame Entwicklung von gesellschaftlichen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen und geographischen Gegebenheiten. Mit der Prägung des Begriffes ist gleichzeitig ein Appell verbunden, die Geschichte nicht mehr als einzelne Daten, sondern als großes Ganzes zu betrachten. Als Beispiele sind die Herrschaft der Pharaonen in Ägypten genannt, die etwa 3300 Jahre lang währte, außerdem der Feudalismus, da er sich durch das gesamte Mittelalter die bestimmende Wirtschaftsform war, oder die Tatsache, dass Barcelona am Meer liegt. Die Ebene longue durée wird als die wichtigste der drei Ebenen betrachtet, da sie die Voraussetzungen und die Erklärungen für die anderen liefere.
  • Die mittlere Dauer, moyenne durée, bezieht sich auf Konjunkturen, das heißt vornehmlich auf wirtschaftliche Schwankungen. Entwicklungen in der zeitlichen Abfolge vollziehen sich in einem schnelleren Wechsel als die räumlichen Voraussetzungen. Das Goldene Zeitalter der Niederlande oder die Weltwirtschaftskrise sind Beispiele für Konjunkturzyklen, die in einem Zeitrahmen von mehreren Jahren oder Jahrzehnten stattfanden. Einen längeren Rhythmus haben die Kondratjew-Zyklen zur Geschichte industrialisierter Gesellschaften.
  • Das événement (dt. Ereignis) beschreibt meist politische Ereignisse, die von kurzer Dauer und lokal begrenzt sind. Diese Ebene wird auch courte durée, kurze Dauer genannt. Hierbei sind außergewöhnliche Begebenheiten und wechselnde Tagesgeschehnisse wie der Erlass von Gesetzen und Regierungswechsel, die sich im Zeitrahmen von Wochen, Tagen oder sogar nur Stunden ereignen, zu nennen. Diese histoire événementielle war bisher als die klassische Ereignisgeschichte bekannt. Jedoch wird diese Ebene von den Annales-Historikern zumeist als kontingent geringgeschätzt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Fernand Braudel: Geschichte und Sozialwissenschaften. Die longue durée. In: Marc Bloch, Fernand Braudel, Lucien Febvre: Schrift und Materie der Geschichte. Vorschläge zu einer systematischen Aneignung historischer Prozesse. Hrsg. von Claudia Honegger, Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977, ISBN 3-518-00814-5 (edition suhrkamp 814), S. 47–85.
  • Fernand Braudel: Das Mittelmeer und die mediterrane Welt in der Epoche Philipps II. 3 Bände, Suhrkamp, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-518-58056-6.
  • Georg G. Iggers: Geschichtswissenschaft im 20. Jahrhundert. Ein kritischer Überblick im internationalen Zusammenhang. 2. Auflage, Göttingen 1996 (Kleine Vandenhoeck-Reihe 1565).