Lorenzo Valla

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Lorenzo Valla

Lorenzo Valla (* zwischen 1405 und 1407 in Rom; † 1. August 1457 ebenda; auch Lorenzo della Valle, lateinisch Laurentius Valla) war ein italienischer Humanist und Kanoniker. Er gilt als Begründer der modernen Textkritik.

Leben[Bearbeiten]

Lorenzo Valla wurde zwischen 1405 und 1407 in Rom geboren. Er war als Sohn des kurialen Konsistorialadvokaten Luca della Valla stadtadeliger Abkunft. Seine Ausbildung erhielt er bei Leonardo Bruni und den Kuriensekretären Rinuccio da Castiglione und Giovanni Aurispa, die zu den besten Philologen seiner Zeit zählten. Er studierte die Schriften von Aristoteles, Cicero, Quintilian, Boethius und der Kirchenväter, aber auch die scholastische Literatur, und wurde ein ausgezeichneter Kenner der Werke des Thomas von Aquin.

Eine Anstellung im Vatikan wurde Valla unter Hinweis auf sein jugendliches Alter verwehrt. Er verließ Rom und siedelte nach Piacenza über. Erste Entwürfe seiner Dialoge De voluptate und De libero arbitrio entstanden.

1431 bemühte sich Valla bei Papst Eugen IV. erneut erfolglos um eine Anstellung. Im Herbst folgt er Gasparino Barzizza auf dem Lehrstuhl für Rhetorik in Pavia, wo er engen Kontakt mit diversen Humanisten hatte, darunter Maffeo Vegio. Auseinandersetzungen mit den dortigen Juristen um seine ersten Publikationen (Quaestiones dialecticae; De libero arbitrio; De elegantiis Latini sermonis) zwangen Valla, Pavia 1433 zu verlassen. Anstoß erregte er insbesondere durch seine in De elegantiis Latini sermonis vorgetragene Kritik am damals üblichen Mittellatein. Er verlangte von den Gelehrten, ihre Prosa am Vorbild des klassischen Latein auszurichten, wie es etwa Cicero geschrieben hatte. Anschließend hielt sich Valla in verschiedenen oberitalienischen Städten auf, u. a. in Mailand.

Alfons V. von Aragón

1435 ging Valla an den Hof des humanistenfreundlichen Königs Alfons V. von Aragón, der Krieg um Neapel führte. Valla kollationierte neutestamentliche Handschriften, edierte altsprachliche Werke, überarbeitet De voluptate, stellte die Elegantiarum linguae Latinae libri sex und Dialectica fertig; fast zeitgleich und unabhängig von Nikolaus von Kues und Reginald Pecock wies er in Declamatio de falso credita et ementita donatione Constantini die Unechtheit der Konstantinischen Schenkung nach. Auf kirchenrechtlichem Gebiet ist das seine bekannteste Leistung.

Seine Veröffentlichungen setzten ihn 1444 dem Verdacht der Häresie aus; gegen ihn wurde ein Verfahren vor der Inquisition eingeleitet, die ihn aber aufgrund seiner geschickten Verteidigung und des königlichen Eingreifens nicht verurteilte. Rehabilitiert wurde Valla aber auch nicht.

Unter dem Pontifikat des „Humanistenpapstes“ Nikolaus V. übersiedelte Valla 1448 nach Rom und trat als scriptor litterarum apostolicarum in päpstliche Dienste. Dort setzte er seine philologische Tätigkeit mit der Übersetzung des Thukydides fort. 1455 wurde er Kuriensekretär. In seinen letzten Lebensjahren lehrte er erneut als Professor der Rhetorik und hielt u.a. Vorlesungen über Vergil und Cicero.

Valla starb am 1. August 1457 als apostolischer Sekretär und Kanonikus und wurde mit großen Ehren im Lateran beigesetzt.

Rezeption[Bearbeiten]

Vallas Werke erfuhren zum Teil ungeheure Verbreitung und wurden bereits im 15. und 16. Jahrhundert in mehrere Sprachen übersetzt.

In der modernen Forschung wird Valla als eine der prägenden Persönlichkeiten des italienischen Humanismus im 15. Jahrhundert gewürdigt und insbesondere die Radikalität seiner neuen Ansätze betont. Ernesto Grassi sieht Vallas philosophisches Werk als „prinzipielle Abrechnung mit der traditionellen Metaphysik und mit dem christlichen Denken, sofern es sich in Platonismus und Aristotelismus verankert“. Es sei Valla aber nicht gelungen, durch seine Kritik des Stoizismus und des Platonismus zu einem neuen christlichen Denken zu gelangen.[1] Paul Richard Blum stellt fest, Valla habe mit seinen respektlosen Auslegungen theologischen Lehrguts und mit seiner anthropozentrischen Perspektive dazu beigetragen, dass die Theologie in der Neuzeit ihren Rang als Leitwissenschaft verlor.[2] Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz sieht die Hauptleistung Vallas in seiner ungewöhnlich scharfen und prinzipiellen Kritik der aristotelisch-scholastischen Philosophie und in seinem Alternativentwurf einer neuen Philosophie auf der Grundlage eines neuen sprachphilosophischen Denkens, dessen Bahnbrecher er gewesen sei.[3]

Textausgaben und Übersetzungen[Bearbeiten]

Gesamtausgabe

  • Opera omnia. I–II; hg. von E. Garin; Turin 1962.

Einzelne Werke

  • De voluptate. / De vero falsoque bono. / De vero bono
    • De vero falsoque bono. hg. von Maristella de Panizza Lorch, Bari 1970.
    • Von der Lust oder Vom wahren Guten. / De voluptate sive De vero bono. lat.-dt., hg. und übers. von Peter Michael Schenkel, eingel. von Eckhard Keßler, München 2004.
    • Vom wahren und falschen Guten. eingel. von Michael Erler, hrsg. von Otto und Eva Schönberger, Würzburg 2004.
    • De voluptate. / On pleasure. Hrsg. von A. Kent Hieatt / Maristella Lorch, New York 1977 (lateinisch und englisch)
  • De libero arbitrio
    • Über den freien Willen. / De libero arbitrio. Hrsg., übers. und eingel. von Eckhard Keßler, München 1987 (Humanistische Bibliothek, R. 2: Texte 16)
    • Dialogue sur le libre-arbitre. hg. und übers. von Jacques Chomarat, Paris 1983.
    • De libero arbitrio. In: Giorgio Radetti (Hg.), Lorenzo Valla: Scritti filosofici e religiosi. Florenz 1953, S. 283–375.
  • Repastinatio Dialecticae. / Dialecticae Disputationes
    • Repastinatio Dialecticae et Philosophie. 2 Bände, hg. von Gianni Zippel, Padua 1982.
  • Elegantiarum linguae Latinae libri sex. / Elegantia
    • Elegantiarum linguae Latinae libri sex. (dt.-ital. Teilaus.), in: Eugenio Garin (Hg.), Prosatori latini del Quattrocento. Mailand / Neapel 1952, S. 594–631.
    • De linguae Latinae elegantia ad Ionnem Tortellium Aretinum. (…), hg. und übers. von Santiago López Moreda, Cáceres 1999 (= Abdruck der Ausgabe von 1471 mit span. Übers.)
    • De reciprocatione "sui" et "suus". hg. und übers. von Elisabet Sandström, Göteborg 1998 (= Edition und Übersetzung einzelner Kapitel)
  • Antidotum in Facium
    • Antidotum in Facium. hg. von Mariangela Regoliosi, Padua 1981.
  • Antidotum primum
    • Antidotum primum. La prima apologia contro Poggio Bracciolini, hg. von Ari Wesseling, Assen / Amsterdam 1978.
  • "Quintilian-Annotationen"
    • Le postille all’ „Institutio oratoria“ di Quintilliano. hg. von Lucia Cesarini Martinelli / Alessandro Perosa, Padua 1996.
  • Gesta regis Ferdinandi
    • Gesta Ferdinandi Regis Aragonum. hg. von Ottavio Besomi, Padua 1973.
  • De falso credita et ementita Constantini donatione
    • The profession of the religious and The falsely-believed and forged donation of Constantine. hg. und übers. von Olga Zorzi Pugliese, Ottawa 1985.
    • De falso credita et ementita Constantini donatione. hg. von Wolfram Setz, Weimar 1976, Nachdruck 1986 (Monumenta Germaniae Historica, Quellen zur Geistesgeschichte des Mittelalters, 10)
    • La falsa donazione di Costantino. hg. und übers. von Aldo Arminante, Salerno 1997.
    • Des Edlen Römers Laurentii Vallensis Clagrede wider die erdicht unnd erlogene begabung so von dem Keyser Constantino der Roemischen kirchen soll geschehen sein. Eine deutsche Übersetzung von Lorenzo Vallas Schrift «De falso credita et ementita Constantini donatione» aus der Reformationszeit, hg. von Wolfram Setz, Basel / Frankfurt a. M 1981.
  • Collatio Novi Testamenti
    • Collatio Novi Testamenti, hg. von Alessandro Perosa, Florenz 1970

Literatur[Bearbeiten]

  • Georg Voigt: Die Wiederbelebung des classischen Alterthums oder das erste Jahrhundert des Humanismus. 3. Auflage. Berlin 1893, OCLC 789510355.
  • Eugenio Garin: Der Italienische Humanismus. Bern 1947, OCLC 939458.
  • Hanna-Barbara Gerl: Rhetorik als Philosophie. Lorenzo Valla. (Humanistische Bibliothek, Reihe 1: Abhandlungen 13). München 1974, DNB 740365398.
  • Wolfram Setz: Lorenzo Vallas Schrift gegen die Konstantinische Schenkung „De falso credita et ementita Constantini donatione“. Zur Interpretation und Wirkungsgeschichte. Tübingen 1975, ISBN 3-484-80063-1.
  • Paul Oskar Kristeller; Eckhard Kessler (Hrsg.): Der Humanismus in der Renaissance:
    • Teil 1: Die antiken und mittelalterlichen Quellen. (UTB Nr. 914). Übers. Renate Schweyen-Ott. Stuttgart 1974, 1980, ISBN 3-7705-1815-2.
    • Teil 2: Philosophie, Bildung und Kunst. (UTB Nr. 915) Fink, München 1975/ 1980, ISBN 3-7705-1816-0.
  • Paul Oskar Kristeller: Acht Philosophen der Italienischen Renaissance. VCH, Weinheim 1986, ISBN 3-527-17505-9.
  • August Buck: Humanismus. Seine europäische Entwicklung in Dokumenten und Darstellungen. (Orbis academicus, 16). Alber, Freiburg im Breisgau, München 1987, ISBN 3-495-47627-X.
  • Hanna-Barbara Gerl: Einführung in die Philosophie der Renaissance. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1989, ISBN 3-534-09567-7.
  • Eugenio Garin (Hrsg.): Der Mensch der Renaissance. Campus-Verlag, Frankfurt 1990, ISBN 3-593-34270-7.
  • John Monfasani: Lorenzo Valla and Rudolph Agricola. In: Journal of the History of Ideas. 28 (1990), S. 247–276.
  • Peter Mack: Renaissance Argument. Valla and Agricola in the Traditions of Rhetoric and Dialectic. Leiden 1993, ISBN 90-04-09879-8.
  • Klaus-Gunther WesselingLorenzo Valla. In: Biographisch-Bibliographisches Kirchenlexikon (BBKL). Band 12, Bautz, Herzberg 1997, ISBN 3-88309-068-9, Sp. 1096–1113.
  • Marco Laffranchi: Dialettica e filosofia in Lorenzo Valla. Mailand 1999, ISBN 88-343-0193-5.
  • Kurt Flasch: Das philosophische Denken im Mittelalter. Von Augustinus bis Machiavelli. Reclam, Ditzingen 2000, ISBN 3-15-028345-0.
  • John Monfasani: The theology of Lorenzo Valla. In: Jill Kraye, Martin W. Stone: Humanism and Early Modern Philosophy. London 2000, ISBN 0-203-27259-5, S. 1–23.
  • Wolfram Ax: Lorenzo Valla, Elegantiarum linguae Latinae libri sex (1449). In: ders. (Hrsg.): Von Eleganz und Barbarei. Lateinische Grammatik und Stilistik in Renaissance und Barock. (Wolfenbütteler Forschungen, 95). Wiesbaden 2001, ISBN 3-447-04493-4, S. 29–57.
  • Carlo Ginzburg: Die Wahrheit der Geschichte. Rhetorik und Beweis. Berlin 2001, ISBN 3-8031-5165-1.
  • John Monfasani: Disputationes Vallianae. In: Fosca Mariani Zini (Hrsg.): Penser entre les lignes. Philologie et philosophie au Quattrocento. Villeneuve d’Asq 2001, S. 229–250.
  • Salvatore I. Camporeale: Lorenzo Valla: umanesimo, riforma e controriforma; studi e testi. (Studi e testi del Rinascimento Europeo, 12) Roma 2002, ISBN 88-8498-026-7.
  • Lodi Nauta: Lorenzo Valla’s Critique of Aristotelian Psychology. In: Vivarium. 41 (2003), S. 120–143.
  • Frank Bezner: Lorenzo Valla. In: Wolfram Ax (Hrsg.), Lateinische Lehrer Europas. 15 Porträts von Varro bis Erasmus von Rotterdam. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-14505-X, S. 353–388.
  • Hartmut Westermann: Wie disputiert man über das Gute? Lorenzo Vallas De vero bono als Debatte über die richtige Debatte. In: Jahrbuch Rhetorik. 25 (2006), ISSN 0720-5775, S. 30–54.
  • Thomas Sören Hoffmann: Philosophie in Italien. Eine Einführung in 20 Porträts. Marix, Wiesbaden 2007, ISBN 978-3-86539-127-8.
  • Hartmut Westermann: Lorenzo Valla (1407–1457), De libero arbitrio: Die Freiheit des Menschen im Angesicht Gottes. In: Rolf Groeschner, Stephan Kirste, Oliver Lembcke (Hrsg.): Des Menschen Würde – entdeckt und erfunden im Humanismus der italienischen Renaissance. (Politika, 1) Mohr Siebeck, Tübingen 2008, ISBN 978-3-16-149696-7, S. 113–139.

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Ernesto Grassi: Einführung in die humanistische Philosophie, 2. Auflage, Darmstadt 1991, S. 102, 117.
  2. Paul Richard Blum: Lorenzo Valla. In: Paul Richard Blum (Hrsg.): Philosophen der Renaissance, Darmstadt 1999, S. 33-40, hier: 39.
  3. Hanna-Barbara Gerl: Einführung in die Philosophie der Renaissance, 2. Auflage, Darmstadt 1995, S.98f.