Lothringisch (Fränkisch)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Lothringisch (Fränkisch)

Gesprochen in

Frankreich (Departement Moselle)
Linguistische
Klassifikation

Lothringisch – nicht zu verwechseln mit der galloromanischen Sprache Lothringisch – ist eine Sammelbezeichnung für die in Lothringen gesprochenen rheinfränkischen und moselfränkischen Dialekte, inklusive Luxemburgisch, welche zum Westmitteldeutschen gehören. Sie werden in den nordöstlichen Teilen des französischen Départements Moselle gesprochen und heißen dort „Platt“, „Lothringer Platt“ oder „Lothringer Déitsch“. Auf Französisch verwendet man die Bezeichnungen „patois“ (Platt, unspezifisch) und seit etwa 1980 „francique“ (Fränkisch). Die deutsch-lothringischen Dialekte werden seit 1945 stark durch das Französische zurückgedrängt und sind als Muttersprache der vor etwa 1945 Geborenen vom Aussterben bedroht. Die nach etwa 1945 geborenen Lothringer sprechen die Mundart häufig noch als Zweitsprache.

Sprache und Dialekt im Departement Moselle (magenta: Französisch, grün: Deutsche Dialekte)
Dialekte im Departement Moselle
Alten sprachgrenze (1630)

Geschichte[Bearbeiten]

In das Gebiet der Gallia Belgica drang seit dem 1. Jahrhundert vor Christus mit der Römischen Eroberung das Lateinische als Amts-, Schrift- und Verkehrssprache ein, seit dem 5. Jahrhundert nach Christus mit dem Vordringen germanischer Volksgruppen von Osten das Alemannische und von Norden das Fränkische. Die soziale, räumliche und zeitliche Staffelung der Sprachverhältnisse ist unbekannt. Innerhalb des Fränkischen Reiches bildete sich gegen Ende des ersten Jahrtausends nach Christus durch einen friedlichen Ausgleichsprozess eine Sprachgrenze zwischen den althochdeutschen und altfranzösischen Dialekten aus, die über 1000 Jahre lang bis in das 20. Jahrhundert als deutsch-französische Sprachgrenze bestand und sich in diesem langen Zeitraum nur wenig nach Nordosten verschob. Auf die Sprachgrenze verweisen die Namen von Ortschaften wie Audun-le-Tiche (Deutsch-Oth) und Audun-le-Roman (Welsch-Oth) oder die Namen der beiden Quellflüsse der Nied, Nied Allemande (Deutsche Nied) und Nied Française (Französische Nied).

Seit der Französischen Revolution interessierte sich die Regierung in Paris erstmals für die Sprache ihrer Untertanen. Die Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sollten den Staatsbürgern nun mit der französischen Sprache vermittelt werden; alle Mundarten galten als überholt und bildungsfeindlich. Diese Vorstellung bestimmt seitdem die französische Politik gegenüber den Regionalsprachen. In der Praxis wurde im 19. Jahrhundert in der Schule französisch unterrichtet und die Kinder vergaßen anschließend das Gelernte häufig wieder oder begriffen es erst gar nicht, da im Ort und in der Familie Mundart gesprochen wurde. Nach 1871 wurde in den deutschsprachigen Gebieten der Schulunterricht auf Deutsch erteilt, seit 1919 dann wieder in Französisch. Nach 1945 wurde die deutsche Sprache aus den Medien verdrängt. Insbesondere nach 1945 war der Dialekt wegen seiner Nähe zum Deutschen verpönt und immer mehr Eltern gingen dazu über, ihn nicht mehr an ihre Kinder weiterzugeben. Seit 1980 ist das fast ausschließlich der Fall, so dass die nach 1980 Geborenen den Dialekt nur noch als Zweitsprache oder überhaupt nicht mehr erlernen.

Die Mundartsprecher leben in einer Umgebung mit französischer Schriftsprache. Alle Medien (Internet, Fernsehen, Rundfunk, Zeitungen, Bücher) erscheinen in Französisch. Dies prägt das Mundartsprechen in besonderer Weise. Beispiele (in Forbacher Mundart):

Mir kenne alle Platt redde. Awwer, wammer des schreiwe solle, iss dess schwer! (die Mundartsprecher wissen das Platt nicht zu schreiben).
Sinner gewannert? (seid Ihr umgezogen?; die Mundart hat den Wechsel von Ihr zu Sie im Deutschen nach 1920 nicht mitgemacht).
Die wohne in de Biseestroos (die wohnen in der rue Bizet; der Straßenname wird aus dem Französischen rückübersetzt).
Dess iss awwer e scheennie plaasch (das ist aber ein schöner Strand; der Mundart fehlt das Wort für Strand; es wird aus dem Französischen entlehnt).

Für die meisten Kinder in Lothringen ist heute das Lothringische nicht mehr Muttersprache, sondern nur noch „Großmuttersprache“. So ist zu erwarten, dass dieser Dialekt in einigen Jahrzehnten nur noch als „Folkloresprache“ vorhanden sein wird.

Seit Beginn der 1990er Jahre steigt allerdings kontinuierlich die Anzahl der Schüler, die bilinguale Schulen bzw. Kindergärten besuchen, in denen neben Hochdeutsch auch die lokalen Dialekte zumindest mit einigen Unterrichtseinheiten berücksichtigt werden.

Deutsch-Französische Sprachgrenze[Bearbeiten]

Inmitten des Departements Moselle verlief bis in die jüngere Vergangenheit entlang einer Linie von Thionville nach Sarrebourg die deutsch-französische Sprachgrenze. Im deutsch-lothringischen Sprachgebiet lagen die Städte Diedenhofen, Sierck, St. Avold, Forbach, Saargemünd und Saarburg in Lothringen. Während der deutschen Annexion zwischen 1871 und 1918 bildete die Stadt Metz eine mehrheitlich deutsche Sprachinsel innerhalb ihres französischsprachigen Umlandes, dem Landkreis Metz.

Nach Constant This (Die deutsch-französische Sprachgrenze in Lothringen, Straßburg 1887, S. 23 ff.), dessen Angaben auf Beobachtungen und Erkundigungen beruhen, die an Ort und Stelle gesammelt wurden, verlief die Sprachgrenze 1887 zwischen folgenden zwei Linien:

Deutsche Linie[Bearbeiten]

Im Nordwesten beginnend: Rédange, Russange, etwa von Esch bis Tétange der luxemburgischen Grenze entlang, Volmerange-les-Mines, Nonkeil, Rochonvillers, Angevillers, Algrange, Volkrange mit Veymerange, durch Suzange und Serémange-Erzange nach Florange, Ébange, durch Uckange nach Bertrange, Basse-Guénange, Haute-Guénange, Guélange, Schell, Kirsch-lès-Luttange, Luttange, Hombourg-Budange, durch den Bann Ébersviller nach Piblange, Drogny, Bockange, Rurange-lès-Mégange, Mégange, Guinkirchen, Brecklange, Volmerange-lès-Boulay, Loutremange, Helstroff, Brouck, Bannay, Morlange, Zondrange, Fouligny, Guinglange, Elvange, Créhange, Mainvillers, über Faulquemonter Bann nach Adelange, Eincheville, Viller, Béning-lès-Saint-Avold, Harprich, Morhange, Racrange, Rodalbe, Bermering, Virming, Neufvillage, Léning, durch Albestroff nach Givrycourt, Munster, Lhor, Loudrefing mit Mittersheim, Berthelming, Saint-Jean-de-Bassel, Gosselming, Langatte mit La tour du Stock, Sarrebourg mit Gehöften, Buhl-Lorraine, Schneckenbusch, Brouderdorff, Plaine-de-Walsch, Hartzviller, Biberkirch mit Troisfontaines, Walscheid, Eigenthal, Nonnenbourg, Thomasthal, Soldatenthal, von da eine Linie durch das Saint-Quirin-Tal nach dem Donon.

Französische Linie[Bearbeiten]

Audun-le-Tiche, Ottange, Bure, Tressange, Havange, Fontoy, Nilvange, Marspich, über Suzange und Serémange nach Rémelange-la-Haute, Rémelange-la-Basse, Fameck, durch Uckange nach Richemont, Bousse, Rurange-lès-Thionville, Montrequienne, Mancy, Altroff, Auboncourt, Saint-Bernard, Villers-Bettnach, Burtoncourt, Nidange, Épange, Hinckange, Northen, Condé, Varize, Vaudoncourt, Bionville-sur-Nied, Raville, Servigny-lès-Raville, Hémilly, Arriance, Many, Chémery-les-Deux, Thonville, Basse- und Haute-Suisse, Landroff, Baronville, Rhodes, Pévange, Metzing, Zarbeling mit Lidrezing, Bénestroff, Vahl-lès-Bénestroff, Montdidier, durch Albestroff nach Torcheville, Guinzeling, Lostroff, Cutting, Rorbach-lès-Dieuze, Angviller-lès-Bisping, Bisping, Desseling, Fribourg, Rhodes, Kerprich-aux-Bois, über Bébinger Bann nach Imling, Hesse, Nitting, Voyer, Abreschviller, Lettenbach, Saint-Quirin, Turquestein.

Sprache[Bearbeiten]

Die lothringischen Dialekte wurden beschrieben im Wörterbuch der deutsch-lothringischen Mundarten. Lothringisch gehört innerhalb des Dialektkontinuums teils zum rheinfränkischen und teils zum moselfränkischen beziehungsweise luxemburgischen Dialektraum, vergleichbar den Dialekten im Saarland. Innerhalb des Dialektkontinuums sind die Mundarten im Nahbereich verständlich, jedoch treten über größere Entfernungen und insbesondere über die Dat/das-Linie hinweg zunehmend Verständnisschwierigkeiten auf. So kann ein Forbacher einer Unterhaltung in Diedenhofer Platt nicht folgen, obgleich die Städte nur 50 km auseinander liegen. Allerdings wird die Mundart ohnehin nicht für überregionale Konversation benutzt, sondern vorwiegend im familiären und regionalen Umfeld.

Varianten[Bearbeiten]

Der Rheinische Fächer:
1. Niederfränkisch,
2. Limburgisch,
3. Ripuarisch,
4. nördliches Moselfränkisch (Westmosellothringisch),
5. südliches Moselfränkisch (Niedlothringisch),
6. Rheinfränkisch (Saarlothringisch)

Die Isoglosse op/of trennt die luxemburgische Variante des Moselfränkischen vom Moselfränkischen. Emil Guelen (1939) nennt die westlich der Mosel gesprochene Mundart das Westmosellothringische, die östliche Variante das Niedlothringische.

Beispiel für das Westmosellothringische:

All Mënsch kënnt fräi a mat deer selwechter Dignitéit an deene selwechte Rechter op d'Welt. Jiddereen huet säi Verstand a säi Gewësse krut a soll an engem Geescht vu Bridderlechkeet deenen anere géintiwwer handelen.

Auf westmosellothringischer Seite bleiben Zeurange, Grindorf, Flastroff, Waldweistroff, Lacroix, Rodlach, Bibiche, Menskirch, Chémery, Edling, Hestroff. Auf niedlothringischer Seite bleiben Schwerdorf, Colmen, Filstroff, Beckerholtz, Diding, Freistroff, Anzeling, Gomelange, Piblange.

Beispiel für das Niedlothringische (Leï, la, lõrt = hier, da, dort):

Leï, la, lõrt — dat isch der Bolcher Wuat;
un wer dat Bolcher Wuat nit kann,
der het kän Däl am Bolcher Bann.[1]

Die Isoglosse dat/das trennt das Niedlothringische vom Saarlothringischen. Emil Guelen (1939) nennt die östlich der Nied gesprochene Mundart das Saarlothringische.

Auf niedlothringischer Seite bleiben Ham-Sous-Varsberg, Varsberg, Bisten, Boucheporn, Longeville, Laudrefang, Tritteling, Tetting, Mettring, Vahl-lès-Faulquemont, Adelange, auf saarlothringischer Seite bleiben Creutzwald, Diesen, Carling, Porcelette, Saint-Avold, Valmont, Folschviller, Lelling, Guessling-Hémering, Boustroff.

Beispiel für das Saarlothringische:

Alle Mensche sìnn frei ùnn mìt derselwe Dignité ùnn deselwe Reschde gebòr. Se sìnn begabt àn Venùnft ùnn mìnn zùenänner ìm Gäscht vùnn Brìderlichkät hannele.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Michael Ferdinand Follmann: Wörterbuch der deutsch-lothringischen Mundarten, Straßburg 1909, S. VII. Variante ebenda S. 333: Leï, la, loert — Dat ben dreï Bolicher Wôrt; On wer deï net schwätzen kann, Der soll kän Deil an Bolchen han.

Weblinks[Bearbeiten]