Ludmilla von Böhmen

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Dieser Artikel beschreibt die Heilige und böhmische Fürstin. Für die böhmische Prinzessin und Herzogin von Bayern siehe Ludmilla von Böhmen (um 1170).

Heilige Ludmilla von Böhmen (auch Lidmilla, tschechisch Svatá Ludmila beziehungsweise Lidmila, * zwischen 855 und 860; † 15. September 921 in Tetín) war eine böhmische Fürstin. Sie war die erste christliche Herrscherin und ist die erste Heilige des Landes. Während ihrer Lebenszeit wurde der Grundstein für die Christianisierung gelegt und die Machtbasis der Přemysliden-Dynastie geschaffen. Das Leben der Großmutter und Erzieherin des heiligen Wenzel wurde in vielen Legenden beschrieben, die grundlegende Quellen zur Geschichte Böhmens im 9. und 10. Jahrhundert sind.

Der Tod der heiligen Ludmilla in Tetín in einer Illustration der lateinischen Übersetzung der Dalimil-Chronik vom Anfang des 14. Jahrhunderts

Quellenlage[Bearbeiten]

Die Legende Christians in der Draschitzer Handschrift G5, der ältesten kompletten Textfassung, entstanden um 1340

Die Hauptquelle für das Leben der heiligen Ludmilla ist die sogenannte Christianslegende, die in den Jahren 992 bis 994, möglicherweise im Kloster Břevnov, entstand.[1] Der Legende wird eine hohe Glaubwürdigkeit zugesprochen. Ihr Verfasser ist wahrscheinlich identisch mit dem Prager Benediktinermönch Strachkvas, einem Angehörigen der regierenden Přemysliden-Dynastie, der als solcher mit der Familiengeschichte vertraut war. Zudem will sie offensichtlich keine Heiligenvita im eigentlichen Sinne sein, sondern ist eher als eine Art Chronik angelegt. Sie verzeichnet als erste den Stoff von Přemysl und Libuše, die Gründungssage des Přemysliden-Hauses, und schildert die Geschichte des Landes von den mythischen Anfängen bis ins 10. Jahrhundert. Außer dem Werk Christians gibt es eine Reihe weiterer Wenzels- und Ludmilla-Legenden, die zum Teil älter sind und Christian als Grundlage gedient haben, zum anderen Teil auf ihm und anderen, verlorenen schriftlichen Überlieferungen aufbauen. Neben lateinischen sind altkirchenslawische Legenden aus der Kiewer Rus und Böhmen erhalten. Die Auswertung von Legenden für historische Zusammenhänge ist schwierig; andere zeitgenössische Quellen sind jedoch nicht vorhanden. In westlichen Quellen wie den Annales Fuldenses wird zwar die Situation in Böhmen geschildert, die Person Ludmillas aber nicht erwähnt.

Leben[Bearbeiten]

Herkunft[Bearbeiten]

Ludmilla wurde zwischen 855 und 860 als Tochter des slawischen Fürsten Slavibor geboren. Wo dessen Herrschaftsgebiet lag, ist umstritten. Zwei Möglichkeiten werden in Betracht gezogen: zum einen die Gegend der heutigen tschechischen Stadt Mělník und zum anderen das Gebiet des sorbischen Stammes der Milzener in der Oberlausitz. Für Mělník spricht die Angabe Christians, Ludmilla stamme:

ex provincia Sclavorum, que Psou antiquitus nuncupabatur, nunc a modernis ex civitate noviter constructa Mielnik vocitatur. (aus einer slawischen Provinz, die früher Pšov hieß, heute aber nach der neu erbauten Burg Mělník genannt wird).[2]

In der Gegend ist mit Hradsko bei Mšeno eine große befestigte Anlage bekannt, die vermutlich in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts entstand. Einen Beweis für Ludmillas Herkunft gibt es hier indes nicht. Auch für die Abstammung aus dem Gebiet der Sorben, die in der sogenannten Prolog-Legende überliefert ist, gibt es starke Anhaltspunkte. Zwischen Böhmen und den sorbischen Stämmen bestanden im 9. und 10. Jahrhundert intensive Kontakte. Vom Frankenreich und insbesondere von den östlichen Herzogtümern ging für beide Gebiete eine ernsthafte Bedrohung aus, es gab gemeinsame kriegerische Aktivitäten. Eine Heirat zur Bekräftigung eines antifränkischen Bündnisses liegt zumindest im Bereich des Möglichen. Auch Ludmillas Schwiegertochter Drahomíra kam nur wenig später aus dem westslawischen Stamm der Heveller als fürstliche Braut nach Böhmen.

Heirat[Bearbeiten]

Wahrscheinlich im Jahr 874 heiratete Ludmilla im Alter von etwa 14 Jahren den böhmischen Fürsten Bořivoj. Ob sie dessen einzige Ehefrau war, ist unbekannt. Beide waren zum Zeitpunkt der Eheschließung noch nicht christianisiert, und die Kirche in Böhmen kämpfte noch im 10. Jahrhundert relativ erfolglos gegen Polygamie in den höheren Schichten. Um 875 wurde der erste Sohn Spytihněv geboren, um 888 Vratislav. Dazwischen bekam das Paar einen weiteren Sohn und drei Töchter, deren Namen nicht überliefert sind.

Bořivojs damalige Stellung lässt sich nicht genau bestimmen. Er wird zwar einerseits als Landesherr (dux, princeps) bezeichnet, im 9. Jahrhundert ist aber mehrfach das Auftreten mehrerer böhmischer Herzöge belegt.[3] Ob dieser Titel Herrschern über eigenständige Stämme zustand oder ob es sich um einen Stamm handelte, der sich über mehrere Siedlungskammern verteilte, bleibt unklar. Festzustehen scheint lediglich, dass Böhmen am Ende des 9. Jahrhunderts keinen Alleinherrscher kannte, die Herzöge aber nach außen hin geschlossen als Vertreter eines Landes auftraten und einen oder mehrere Hauptvertreter duldeten. Der Alleinvertretungsanspruch der Přemysliden-Dynastie wurde erst zu Beginn des 10. Jahrhunderts von Bořivoj, Ludmilla und ihren direkten Nachkommen durchgesetzt.

Taufe[Bearbeiten]

Die Taufe Bořivojs in Mähren. Velislav-Bibel, 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts

Zwischen 882 und 885 wurde das Fürstenpaar getauft, am wahrscheinlichsten scheint das Datum 883 zu sein. Christian schildert den Übertritt Bořivojs zum christlichen Glauben so: Der Fürst sei „in irgendeiner Angelegenheit, die ihn und sein Volk betraf“, bei dem großmährischen Fürsten Sventopluk vorstellig geworden. Dort durfte er nicht am Tisch Platz nehmen, sondern musste nach heidnischer Sitte auf dem Fußboden sitzen. Der mährische Bischof Methodius konnte ihn daraufhin von den Vorteilen einer Taufe überzeugen:

„Du wirst der Herr deiner Herren werden und alle deine Feinde werden deiner Macht unterworfen und deine Nachkommenschaft wird täglich wachsen wie ein großer Fluss, darin viele Bäche einströmen.“ [4]

Auch wenn der Legende mit Sicherheit nicht wörtlich Glauben geschenkt werden kann, enthält sie Anhaltspunkte für die mögliche Motivation des böhmischen Fürsten zur Konversion. Böhmen war, vermutlich um 883, unter die Vorherrschaft des großmährischen Reiches geraten. Die Taufe könnte also erzwungen gewesen sein, auf jeden Fall musste Bořivoj Christ sein, um am mährischen Hof als gleichberechtigter Gesprächspartner anerkannt zu werden. Über die Taufe Ludmillas schweigt Christian merkwürdigerweise. Nach den Legenden Diffundente Sole und Tempore Michaelis Imperatoris hat sie erst in Böhmen stattgefunden. Bořivoj habe nach der Rückkehr in seinem Wohnort, der Burg Levý Hradec, eine Kirche gebaut, sie dem heiligen Kliment geweiht und einen Priester namens Kaich eingesetzt, den Sventopluk ihm mitgegeben hatte. Kurze Zeit später habe ihm Methodius dort einen Besuch abgestattet und bei der Gelegenheit Ludmilla zusammen mit vielen anderen getauft.

Sicher ist, dass die Taufe eine Verbindung des entstehenden böhmischen Christentums mit der östlichen slawischen Kirche begründete. Methodius hatte mit seinem Bruder Kyrill ab 863 in Mähren missioniert und die bereits vorhandene, auf Regensburg ausgerichtete Kirchenorganisation reformiert. Kyrill übersetzte das Evangelium und entwickelte die altkirchenslawische Schriftsprache, Methodius wurde ab etwa 869 Bischof in Mähren. Die Liturgie konnte sich nach seinem Tod 885 nicht halten, die slawischen Priester wurden aus Mähren vertrieben. In Böhmen fertigten Mönche dagegen noch im 10. Jahrhundert slawische Schriften an, und Ludmillas Enkel Václav wurde sowohl aus slawischen als auch aus lateinischen Büchern unterrichtet.

In Böhmen selbst hatte der Glaubenswechsel zunächst negative Folgen. Es kam zu einem landesweiten Aufstand, Bořivoj und Ludmilla wurden vertrieben und mussten nach Mähren fliehen. Das Volk wählte einen neuen Herrscher namens Strojmír. Die Empörung war wohl nicht allein der Taufe geschuldet, denn immerhin hatten sich bereits 845 in Regensburg 14 böhmische Herzöge taufen lassen, wenn auch ohne bleibenden Erfolg.[5] Wichtiger könnte Bořivojs „Alleingang“ und die damit verbundene Stärkung seiner Machtposition gewesen sein. Strojmír konnte sich jedoch nicht lange an der Macht halten, da er die Landessprache nicht beherrschte, und das Fürstenpaar kehrte aus dem Exil zurück. Bořivoj baute nach der Rückkehr eine zweite, der heiligen Maria geweihte Kirche in der Prager Burg. Vermutlich fand bei der Gelegenheit auch ein Wohnortwechsel und damit die Verlagerung des politischen Zentrum des Landes von Levý Hradec nach Prag statt.

Witwenstand[Bearbeiten]

Kopfreliquiar der Ludmilla von Böhmen

Um 889/890 starb Bořivoj und Ludmilla wurde mit etwa 28 Jahren Witwe. Die Primogenitur, also der Anspruch des ältesten Sohnes Spytihněv auf die Nachfolge, kann für diese Zeit nicht zweifelsfrei angenommen werden. Vielmehr konnte die Herrschaft vermutlich noch nach der älteren Tradition auf das älteste Mitglied der Familie oder durch Wahl auf jedes andere erwachsene Familienmitglied übertragen werden. Wie die Erbfolge innerhalb des Landes geregelt wurde, ist unbekannt, Böhmen wurde jedenfalls im März 890 in einer Zusammenkunft des ostfränkischen Königs Arnulf und Sventopluks dem mährischen König zur direkten Herrschaft übergeben.[6] Ludmilla konnte höchstwahrscheinlich weiterhin über das Gefolge und den fürstlichen Besitz verfügen, und die Landesteilung in mehrere Gebiete dauerte fort: Als nach Sventopluks Tod die böhmischen Herzöge im Jahre 895 nach Regensburg kamen, um sich Arnulf von Kärnten zu unterwerfen, werden als ihre Anführer ein nicht weiter bekannter Witizla und Spytihněv, Ludmillas Sohn, genannt.[7]

In der Folgezeit haben sich die Přemysliden-Herrscher endgültig durchgesetzt. Spytihněvs Herrschaft dauerte etwa 20 Jahre, anschließend regierte weitere fünf bis sechs Jahre sein Bruder Vratislav. Formal gehörte das Land weiterhin in den Einflussbereich Ostfrankenreichs, das aber durch die Ungarneinfälle geschwächt war. Böhmen wurde von den Angriffen offenbar weniger betroffen als seine Nachbarn, und die Brüder nutzten die Zeit zum Aufbau eines geschlossenen Herrschaftsbezirks, der sogenannten Přemysliden-Domäne. Deren Hauptorte Prag, Levý Hradec und Budeč wurden von einem Kreis weiterer Befestigungen umgeben: Die Burgen in Tetín, Libušín, Mělník, Stará Boleslav und Lštění sind alle etwa 30 Kilometer Luftlinie von Prag entfernt und liegen an wichtigen Verkehrswegen. Sie wurden mit einer Kirche und einem Palas ausgestattet und dienten wohl oft als Wohnsitz nichtregierender Familienmitglieder.

Von Ludmilla ist aus dieser Zeit bekannt, dass sie bereits zu Lebzeiten ihres Sohnes Vratislav die Erziehung ihrer Enkel Václav und Boleslav übernahm und diese nach christlichen Grundsätzen ausrichtete. Sie bewohnte ein eigenes Haus in der Prager Burg und verfügte über ein eigenes Gefolge. Die Mutter der Kinder, Vratislavs Ehefrau Drahomíra, war dagegen möglicherweise noch nicht getauft.

Tod[Bearbeiten]

Die heilige Ludmilla flieht nach Tetín. Velislav-Bibel, 1. Hälfte des 14. Jahrhunderts

921 starb Vratislav, vielleicht am 13. Februar. Sein Sohn Václav war zu diesem Zeitpunkt etwa 13 Jahre, Boleslav etwa 7 bis 8 Jahre alt. Die Großen des Landes ernannten Václav trotz dessen Minderjährigkeit zum Nachfolger seines Vaters, betrauten aber Ludmilla mit der Erziehung der Kinder. Drahomíra musste in diesem Schritt eine entscheidende Schwächung ihrer Machtstellung als faktische Regentin befürchtet haben. Spätestens im Sommer 921 kam es zum offenen Konflikt beider Frauen, in dem Ludmilla unterlag. Sie ließ ihrer Schwiegertochter ausrichten:

„ich will nicht über dich herrschen. Nimm deine Söhne, wie es dir beliebt, regiere mit ihnen, gewähre mir aber die Freiheit, dem allmächtigen Christus zu dienen, an einem dir genehmen Ort.“[8]

Ludmilla übergab die Enkel an deren Mutter und begab sich mit ihrem Gefolge nach Tetín, einer der Přemysliden-Burgen, die auf dem Weg nach Regensburg lag. Sie verließ also die Domäne nicht und stellte damit offenbar weiterhin eine Gefahr für Drahomíra dar. Im September beschloss die Regentin jedenfalls, die Schwiegermutter töten zu lassen, und sandte einen Teil ihres Gefolges unter dem Befehl zweier Männer namens Tunna und Gommon mit einem eindeutigen Auftrag aus.

Am 15. September trafen die Krieger in Tetín ein. Nach den Worten Christians ahnte Ludmilla, was passieren würde, ließ ihren Priester Pavel eine Messe lesen und legte die Beichte ab. Nach Anbruch der Dunkelheit, nach damaliger Zeitrechnung also bereits am 16. September, brachen die Eindringlinge das Tor auf und einige, darunter Tunna und Gommon, drangen in das Haus ein. Bewaffneten Widerstand gab es nicht, nur die Fürstin versuchte noch, mit ihren Mördern zu reden. Vergeblich: Die Männer rissen sie aus dem Bett, ließen sie ein letztes Gebet sprechen und erwürgten sie mit einem Strick, nach einer anderen Lesart mit einem Schleier. Ludmillas Bitte, mit dem Schwert enthauptet zu werden, wurde verwehrt. Die Todesart galt den Hagiographen als besonders grausam, da sie ohne Blutvergießen stattfand. Dies war aber für einen Märtyrer eine der Voraussetzungen für die Heiligsprechung. Gleichzeitig wird daraus auf die Herkunft Tunna und Gommons geschlossen. Die Erdrosselung und anschließende Verbrennung von Witwen in der Kiewer Rus beschrieb für den genannten Zeitraum Ahmad Ibn Fadlān, und so wird vermutet, die beiden Männer seien Waräger in böhmischen Diensten gewesen[9]. Gegen diese These gibt es ein gravierendes Gegenargument: Zur Vollziehung einer derartigen Opferhandlung hätte Ludmilla ihrem Tod zustimmen müssen, was sie eindeutig nicht getan hatte. Ebenso möglich ist daher, dass Drahomira die Erdrosselung befohlen hatte, um einen Märtyrerkult um ihre Schwiegermutter zu verhindern.

Für Tunna und Gommon hatte sich die Tat nicht ausgezahlt. Sie wurden zwar reich belohnt und stiegen in der Folgezeit zu einer fürstengleichen Stellung auf, doch bald ließ Drahomíra die Täter „bestrafen“: Tunna konnte zwar fliehen, aber Gommon und alle Angehörigen beider Krieger wurden auf Geheiß der Fürstin getötet.

Kult[Bearbeiten]

Die vier Landespatrone Böhmens in einer Abschrift des Werkes „De civitate dei“ des heiligen Augustinus. Prager Kapitularhandschrift, 1197–1214

Nach ihrem Tod erhielt Ludmilla ein rasches Begräbnis an der Mauer ihres Hauses in Tetín. Noch in den Jahren 921 bis 924 ließ Drahomíra über dem Grab eine Kirche errichten und dem Erzengel Michael weihen. Dass ausgerechnet die heidnische Fürstin einen Sakralbau befahl, erschien den Legendisten unglaubwürdig. Nach Aussage Christians sollte dadurch die sich bereits abzeichnende Verehrung gestoppt und umgelenkt werden. Kultbauten über den Gräbern Verstorbener sind allerdings keine christliche Erfindung: Auch andere frühe west- und mitteleuropäische Memorialkirchen weisen Verbindungen zum vorchristlichen Totenkult auf. Die Berichte können somit auf einen alten Brauch hinweisen, der in Drahomíras Zeit noch lebendig und akzeptiert war.[10] Ludmillas Tod fiel jedenfalls nicht dem Vergessen anheim: einer der ersten selbständigen Amtshandlungen ihres Enkels Václav nach dem Regierungsantritt war 925 die Übertragung der Gebeine seiner Großmutter nach Prag und ihre Umbettung in die Basilika des heiligen Georg. Mit der feierlichen Translatio war Ludmillas Status als Heilige begründet; eine offizielle Heiligsprechung war im 10. Jahrhundert noch nicht üblich und nötig. Die kirchliche Bestätigung erteilte erst 1143–1144 der päpstliche Legat Guido di Castello während eines Besuches in Prag.

Der Kult war von Beginn an der einer dynastischen Heiligen und sollte die Macht des Přemysliden-Hauses unterstreichen. Im Gegensatz zum Kult ihres Enkels setzte er sich nur zögerlich durch. Die Verehrung war zunächst auf das Benediktinerinnenkloster beschränkt, dem um 970 die Georgskirche zufiel, und noch zu Beginn des 12. Jahrhunderts lehnten die Prager Bischöfe eine Anerkennung ab. Nach Cosmas von Prag wollte die Äbtissin von St. Georg im Jahr 1100 ein Stück von Ludmillas Schleier bei einer Kirchenweihe als Reliquie verwenden, Bischof Herman war jedoch dagegen. Der Stoff wurde daraufhin einer Feuerprobe unterzogen und bestand, womit die Heiligkeit zweifelsfrei bewiesen war. Den Bericht der Chronik unterstützt ein archäologischer Fund: Als 1981 Ludmillas Grab geöffnet wurde, fand man eine weiße Textilie mit eingewebtem geometrischen Muster, die offenbar von Beginn an dort gelegen hatte.[11]

Erst am Ende des 12. Jahrhunderts stieg Ludmilla in den Kreis der Schutzpatrone Böhmens auf. In der Prager Kapitular-Handschrift des Augustinus-Werkes De civitate dei, die zwischen 1197 und 1214 entstand, steht sie in einer Reihe neben Václav, Vojtěch und Prokop und ist damit eine der vier Hauptpatrone des Landes.

Besonderen Aufschwung nahm die Ludmilla-Verehrung, als mit Kunigunde eine Tochter des Königs Ottokar II. Přemysl Äbtissin des Georgs-Klosters wurde (1302–1321). Im Laufe des 14. Jahrhunderts entstanden die wertvollsten Darstellungen der Heiligen. Theoderich von Prag, Hofmaler Kaiser Karls IV., bildete sie in einigen seiner Fresken in der Kapelle der Burg Karlštejn ab. Bekannt sind die Bilderzyklen zur Wenzels- und Ludmilla-Legende in zwei illustrierten Prachthandschriften, der um 1350 entstandenen Velislav-Bibel und der lateinischen Übersetzung der Dalimil-Chronik vom Anfang des 14. Jahrhunderts.

Neben ihrer Funktion als Schutzheilige des Landes und der Přemysliden diente Ludmilla als Patronin der Winzer, der Großmütter, Mütter und der christlichen Erzieher. Die bildlichen Darstellungen zeigen sie im langen Kleid mit einem Schleier oder einer fürstlichen Kopfbedeckung, ihr Attribut ist meist ein Schal oder ein Strick. Oft wird sie mit dem heiligen Wenzel als dessen Lehrerin abgebildet. Als Gedenktage werden der Todestag am 16. September und die Übertragung am 10. November gefeiert.

Das Leben der heiligen Ludmilla wurde 1886 von Antonín Dvořák in dem gleichnamigen Oratorium vertont.

Auswahl der Legenden[Bearbeiten]

In den früh- und hochmittelalterlichen Legenden über ihren Enkel Wenzel wird Ludmilla meist nur am Rande erwähnt. Die wichtigsten ihr selbst gewidmeten hagiographischen Zeugnisse sind:

  • Fuit in provincia Boemorum – die älteste erhaltene Ludmilla-Legende, entstanden in Prag kurz nach 975. Herausgegeben von V. Chaloupecký: Prameny 10. století Legendy Kristiánovy o sv. Václavu a sv. Ludmile. Prag 1939. Unter dem Titel Passio S. Ludmillae ediert von Oswald Holder-Egger in MGH SS 15,1, Hannover 1887, S. 572-574 (Digitalisat)
  • Legenda Christiani. Vita et passio sancti Wenceslai et sancte Ludmile ave eius. – Christianslegende, entstanden um 992–994. Herausgegeben von Jaroslav Ludvíkovský, Prag 1978. E-Text
  • Prolog-Legende – kurzer altkirchenslawischer Text, entstanden in Russland, vermutlich Ende des 11. bis Anfang des 13. Jahrhunderts. Herausgegeben von Josef Vajs in: Sborník staroslovanských literárních památek o Sv. Václavu a Sv. Lidmile, Prag 1929. (Lateinische Übersetzung des 19. Jahrhunderts durch A. Brückner)
  • Diffundente sole – entstanden wohl frühestens im 13. Jahrhundert. Herausgegeben von Jaroslav Ludvíkovský in Magnae Moraviae Fontes Historici II, Prag 1967, S. 276–283.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Ludmilla von Böhmen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Die frühesten Fragmente der Legende Christians stammen aus dem 12. Jahrhundert. Die älteste Fassung des kompletten Textes ist in der sogenannten Draschitzer Handschrift G5 enthalten, die um 1340 entstand und heute in Prag aufbewahrt wird.
  2. Legende Christians, Cap. 3, S. 24.
  3. Zum Beispiel in den Fuldaer Annalen zu 872.
  4. Nach der Legende Christians, Cap. 2, S. 18.
  5. Fuldaer Annalen zum Jahr 845.
  6. So erwähnt etwa in den Fuldaer Annalen zum Jahr 895 und in der Chronik des Regino von Prüm.
  7. Fuldaer Annalen zum Jahr 895.
  8. Nach der Legende Christians, Cap. 3, S. 30.
  9. Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců. Nakladatelství lidové noviny, 1998, ISBN 80-7106-138-7, S. 373
  10. Petr Sommer: Smrt kněžny Ludmily a začátky české sakrální architektury. Český Časopis Historický 2/2000, S. 229–260
  11. Dušan Třeštík: Počátky Přemyslovců, S. 370.
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Dieser Artikel wurde am 1. Juli 2007 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.