Ludwig Gies

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Ludwig Gies (* 3. September 1887 in München; † 27. Januar 1966 in Köln) war ein deutscher Bildhauer, Medailleur und Kunstprofessor.

Von Gies entworfener Grabstein für Hans Böckler, Köln, Friedhof Melaten

Leben und Werk[Bearbeiten]

1887 bis 1918[Bearbeiten]

Ludwig Gies wuchs als älterer von zwei Söhnen der Eheleute Philipp Gies und seiner Frau Johanna, geborene Grieb, in München auf. Ein drittes Kind der Familie Gies starb im Kindesalter, [1] der Vater verstarb bereits 1915.

Ludwig Gies' Schulbildung ist nur lückenhaft belegt. Es ist unsicher, ob er die Realschule besuchte oder nur die achtjährige Volksschule. [2] Ein Gymnasium besuchte Gies nicht.

Auch seine weitere Ausbildung ist nicht lückenlos nachvollziehbar. Die Städtische Gewerbeschule in München besuchte er laut einem Briefwechsel mit Bruno Paul von 1902 bis 1904. [3] In diese Zeit, teils auch früher, lassen sich Studienblätter datieren, die auf einen Zeichen(vor)kurs schließen lassen. Neben der Schule war Ludwig Lehrling bei der Firma Winhart & Co., wo er bei Johann Vierthaler Ziselieren lernte. Parallel besuchte er Abend- und Sonntagskurse in Modellieren und Holzschnitzen. Im späten 19. Jahrhundert hatte der Historismus auch Auswirkungen auf die Metallverarbeitung, wurde jedoch zu Beginn des 20. Jahrhunderts von Einflüssen des Jugendstils bzw. „Süddeutschen Tendenzen“[4] abgelöst. Die Firma Winhart & Co. verfolgte fortschrittliche Ansätze aus beiden Richtungen, [5]was Gies früh mit Richard Riemerschmid und Bruno Paul in Kontakt brachte.

Nachdem Ludwig Gies die Städtische Gewerbeschule nach der Hälfte seiner Ausbildungszeit bei Winhart beendet hatte, besuchte er bis Juli 1907 parallel die Königliche Kunstgewerbeschule, wo er bei Fritz von Miller, Anton Pruska, Maximilian Dasio und Heinrich Waderé Ziselieren, Emaillieren, Schnitzen und ornamentales Modellieren und figürliches Modellieren lernte. Besonders prägend war dabei der Einfluss von Waderé, der ihn mit der Medaillenkunst in Berührung brachte.

Nachdem Gies im Sommer 1906 seine Ausbildung an der Kunstgewerbeschule und bei Winhart beendet und er noch einige Monate in Mindelheim verbracht hatte, um sich speziell im Treiben von Kupfer auszubilden, wurde er bei Winhart bis 1908 als Ziseleur weiterbeschäftigt. Im Mai 1908 schrieb er sich an der Akademie der Bildenden Künste München ein. Vermutlich studierte Gies bis 1910 dort vier Semester Bildhauerei.[3] Ungewiss sind die Gründe für den raschen Abbruch seines Studiums. Belegt ist, dass er schon 1909 wieder bei Winhart arbeitete und dorthin auch 1912 als freiberuflicher Zeichner zurückwechselte. In den Jahren bis 1914 begann er eine stilistische Selbstfindung und gewann einige Preise, die vorwiegend zur Förderung der neuen Medaillenentwicklung ausgeschrieben worden waren. Eine Zusammenarbeit mit der Porzellanmanufaktur Nymphenburg erweiterte seine Möglichkeiten um den Umgang mit Keramiken wie Majolika. Es entstand ein keramischer Ofen, der bei der Berner Landesausstellung 1914 Beachtung fand. Kurz darauf brach der Erste Weltkrieg aus, an welchem Gies aus Gesundheitsgründen nicht als Soldat teilnahm, aber zum Arbeitsdienst eingezogen wurde. In seinen Werken distanzierte er sich in dieser Zeit vom Patriotismus und stellte das Kriegsleid dar, was zu einer partiellen Zensur seiner Werke führte.

1918 bis 1945[Bearbeiten]

Am 28. August 1917 hatte Bruno Paul, der Leiter der Unterrichtsanstalt des Kunstgewerbemuseums Berlin, eine Dienstreise nach München unternommen, um verschiedene Bildhauerarbeiten zu besichtigen. An der Unterrichtsanstalt war eben mit dem Ausscheiden Joseph Wackerles eine Stelle unbesetzt, die sich speziell mit der Medaillenkunst beschäftigt hatte. Während dieser Reise traf Paul auf Gies. Warum genau dieses Zusammentreffen dazu führte, dass Paul Gies im Folgenden an die Unterrichtsanstalt rief, ist nicht endgültig geklärt: Möglich ist sowohl, dass Bruno Paul bereits im Vorfeld die Empfehlung bekommen hatte, sich Gies näher anzuschauen, zumal auch die Münchner Medaillenkunst einen besonders guten Ruf hatte, als auch, dass er durch Publikationen aus diesem Gebiet auf ihn stieß. Theoretisch denkbar wäre, dass Paul Gies noch aus der Zeit in Erinnerung hatte, in der er selbst bei Winhart & Co. tätig war (um 1902), was jedoch angesichts der Kürze der Zeit und den Jahren, die zwischen den beiden Ereignissen liegen, als eher unwahrscheinlich gilt. [6]

In Berlin leitete er die Klasse für Stempelschneiden und Modellieren für Goldschmiede und Ziselleure und ab 1924 an den Vereinigten Staatsschulen für Freie und Angewandte Kunst (heute Universität der Künste Berlin) die Klasse für Plastik. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten geriet er wegen seiner Loyalität zu regimekritischen und jüdischen Studierenden unter Druck; 1937 wurde er aus der Preußischen Akademie der Künste gedrängt, 1938 aus dem Lehramt entlassen.[7] Allerdings hatte Gies auch für den 1935–1939 errichteten Erweiterungsbau der Reichsbank unter anderem einen Reichsadler mit Eichenkranz und Hakenkreuz aus Leichtmetall geschaffen.[8] Elf seiner Werke wurden von den Nationalsozialisten beschlagnahmt.[7] Sein durch den Lübecker Museumsdirektor Carl Georg Heise ursprünglich für die Lübecker Marienkirche in Auftrag gegebenes Kruzifix im Lübecker Dom wurde bereits zum Zeitpunkt seiner Entstehung (1922 für die Deutsche Gewerbeschau München) als „überexpressionistisch“ wie auch „kultur-bolschewistisch“ verdammt und war später eines der Hassobjekte der Ausstellung Entartete Kunst 1937 in München und ostentativ im Treppenhaus zum 1. Obergeschoss zur Schau gestellt. Es wurde anschließend vermutlich zerstört.[9] Zuvor war das Kruzifix bereits im März 1922 Opfer eines Anschlags im Lübecker Dom, bei dem der Kopf des Christus und einer der Strahlen fachgerecht abgeschlagen wurden. Der Kopf wurde im nahegelegenen Mühlenteich aufgefunden und die Skulptur so rekonstruiert.[10]

1945 bis 1966[Bearbeiten]

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er in Berlin freiberuflich tätig. Von 1950 bis 1962 war er Professor für Bildhauerei an den Kölner Werkschulen und seit 1953 Ehrenmitglied der Akademie der Bildenden Künste München.

Zwischen 1959 und 1962 entwarf Gies die Fenster des Chors im Essener Münster und erhielt den „Großen Kunstpreis des Landes Nordrhein-Westfalen“.

1957 erhielt der bekennende Katholik aus der Hand des Bundespräsidenten Theodor Heuss das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

Ludwig Gies wurde auf dem Melaten-Friedhof in Köln beerdigt.

Wirken[Bearbeiten]

Bundesadler, alias Fette Henne, an der Stirnwand des Plenarsaals des Deutschen Bundestags im Bundeshaus Bonn, 1955

Ludwig Gies Arbeiten sind durch flache und versenkte, häufig bizarr geschnittene Reliefs und einen teils kubistisch, teils spätexpressionistisch anmutenden Stil gekennzeichnet. Außerdem ist Gies durch Kleinplastiken aus Ton und Medaillen in Bronze hervorgetreten. Bekannt wurde Gies vor allem durch zwei Skulpturen: Er schuf das Kruzifixus im Lübecker Dom (1921), eine Holzfigur, als Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Es wurde schon bald nach der Errichtung von rechtsgerichteten Kreisen als Werk der sogenannten Entarteten Kunst bezeichnet. Der Kopf der Figur wurde abgeschlagen und in den Fluß Trave geworfen.[11] Seine bekannteste Arbeit ist der Bundesadler (1953), der – im Volksmund Fette Henne genannt – in allen vom Bundestag genutzten Plenarsälen zu sehen war und ist, so auch in abgewandelter Form im heutigen Plenarsaal des Berliner Reichstags.

Gies gilt als der Begründer der Rheinischen Medailleurschule. Der letzte Meisterschüler von Gies war Wolfgang Reuter, Gies’ Nachfolger in der Lehre war Hans Karl Burgeff. Dessen Schüler, unter anderem Agatha Kill, Lucia Hardegen und Ulrich Görtz, sind in dritter Generation an dieser Schule tätig.

Ehrung[Bearbeiten]

Die Letter Stiftung vergibt ein Stipendium für Bildhauer und Plastiker, das den Namen „Ludwig Gies-Preis für Kleinplastik“ trägt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Bernd Ernsting: Ludwig Gies. Meister des Kleinreliefs. Letter Stiftung, Köln 1995, ISBN 3-930633-02-7.
  • Bernd Ernsting: Ludwig Gies. Werke im Museum Morsbroich. Museum Morsbroich, Leverkusen 1989, ISBN 3-925520-22-8.
  • Bernd Ernsting (Hrsg.): Ludwig Gies 1887–1966. Leverkusen 1990, ISBN 3-925520-23-6.
  • Toni Feldkirchen: Ludwig Gies. Bongers, Recklinghausen 1960.
  • August Hoff: Plaketten und Medaillen von Ludwig Gies. Scherpe, Krefeld 1962.
  • Christine Fischer-Defoy: Kunst Macht Politik. Die Nazifizierung der Kunst- und Musikhochschulen in Berlin. Elefanten Press, Berlin 1988, ISBN 3-88520-271-9, S. 287ff.
  • Jenns Eric Howoldt: Der Kruzifixus von Ludwig Gies. In: Der Wagen 1988, ISBN 3-87302-048-3, S. 164-174.
  • Wolfgang Steguweit: Hilde Broër. Bildhauerin und Medailleurin – Leben und Werk, Gebr. Mann, Berlin 2004, ISBN 3-7861-2490-6, S. 15ff.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vgl. Ernsting/Wedewer 1989, S. 7 und S. 19 Anm. Nr. 8.
  2. Vgl. Ernsting/Wedewer 1989, S. 8 u. S. 19 Anm. Nr. 14: Auf die Realschule weist ein 1932 ausgefüllter Personalbogen hin (Archiv der Akademie der Künste Berlin, Akte Gies), Bruno Paul hingegen spricht von einer achtjährigen Volksschulbildung (Briefentwürfe 1917, Archiv der Hochschule der Künste, Berlin, Akte U la Vol 7).
  3. a b Vgl. Archiv der Hochschule der Künste, Berlin, Akte U la Vol 7
  4. Ernsting/Wedewer 1989, S. 8
  5. Kunst und Handwerk Nr. 56, 1905–1906; S. 340ff.; Ernsting/Wedewer 1989, S. 19, Anm. Nr. 22
  6. Vgl. Ernsting/Wedewer 1989, S. 11
  7. a b Ernst Klee: Das Kulturlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, S. 183.
  8. Hans Wilderotter (Hrsg.): Das Haus am Werderschen Markt. Jovis, Berlin 2000/2002, S. 101f. ISBN 3-931321-20-7
  9. Stephanie Barron (Hrsg.): Entartete Kunst – Das Schicksal der Avantgarde im Nazi–Deutschland, Los Angeles County Museum, Hirmer, München, 1992, S. 49 ISBN 3-7774-5880-5
  10. Howoldt (1968), S. 170.
  11. Heinrich Lützeler, Christliche Bildkunst der Gegenwart, Herder-Verlag, Freiburg 1962, Seite 10, Abbildung 11

Weblinks[Bearbeiten]