Ludwig Marum

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Ludwig Marum

Ludwig Marum (* 5. November 1882 in Frankenthal (Pfalz); † 29. März 1934 im KZ Kislau bei Bruchsal) war Rechtsanwalt und Politiker der SPD. Wegen seiner jüdischen Herkunft und seines politischen Engagements wurde er in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet.

Leben[Bearbeiten]

Familie[Bearbeiten]

Marum entstammte einer ursprünglich sephardischen, also spanisch-jüdischen Familie, die nach ihrer Vertreibung aus Spanien über die Niederlande in den südwestdeutschen Raum eingewandert war.

Seine Eltern waren der Kaufmann Carl Marum (* 17. Juli 1850 in Frankenthal; † 18. Mai 1889 in Frankenthal) und Helena geb. Mayer (* 12. Januar 1858 in Leutershausen). Sein Vater hatte als Korporal des 8. Infanterieregiments am Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 teilgenommen und war schwer verwundet worden. Ludwig Marum hatte noch eine jüngere Schwester Anna (* 19. November 1885 in Frankenthal). Verheiratet mit Salomon Pfeffer, wohnte sie in Düsseldorf und flüchtete bei der Machtergreifung der Nationalsozialisten nach Amsterdam. In den Niederlanden wurde sie verhaftet und kam über die KZ Westerbork, Bergen-Belsen und Theresienstadt nach Auschwitz, wo sie am 9. Oktober 1944 ermordet wurde. Die Witwe von Carl Marum war nach dem frühen Tod ihres Mannes mit den beiden Kindern von Frankenthal nach Bruchsal gezogen.[1]

Ludwig Marum heiratete am 8. März 1910 in Albersweiler Johanna Benedick (* 3. Mai 1886 in Albersweiler; † um 1964 in Berlin). Aus dieser Ehe gingen drei Kinder hervor:

Elisabeth, geboren am 1. September 1910 in Karlsruhe, verstorben am 5. Juni 1998 in New York
Hans Karl, geboren am 28. April 1913 in Karlsruhe, verstorben am 13. April 1979 in Berlin
Eva Brigitte, geboren am 17. Juli 1919 in Karlsruhe, ermordet am 30. März 1943 im KZ Sobibor[1]

Beruf und Politik[Bearbeiten]

Nach dem Besuch des Schönborn-Gymnasiums in Bruchsal studierte Marum Rechtswissenschaften in Heidelberg, wo er der schlagenden jüdischen Studentenverbindung Badenia (später als K.C. Bavaria Heidelberg neugegründet) im KC beitrat.[2] Nach dem Studium erwarb er den juristischen Doktortitel.

Bereits in jungen Jahren wurde er Mitglied der SPD und engagierte sich nach seiner Niederlassung als Rechtsanwalt (1908) in Karlsruhe auch für sozial Unterprivilegierte. 1910 wurde er Vorsitzender des Badischen Arbeitersängerbundes und war von 1911 bis 1921 als Stadtverordneter im Gemeinderat der Stadt Karlsruhe tätig. 1914 rückte er für den kurz nach Kriegsbeginn gefallenen Ludwig Frank als Abgeordneter der SPD in den Badischen Landtag nach, wo er alsbald als Vorsitzender der Justizkommission hervortrat. Von 1915 bis 1918 diente er als Landsturmmann, wofür ihm 1917 das Kriegsverdienstkreuz verliehen wurde.

Nach der Novemberrevolution 1918 wurde Marum als Justizminister in die provisorische Landesregierung berufen. Nach der Wahl zur Badischen Verfassunggebenden Nationalversammlung am 5. Januar 1919 war er als Mitglied der Verfassungskommission an der Ausarbeitung der Landesverfassung beteiligt. Diese wurde als damals einzige deutsche Verfassung bei einer am 13. April 1920 durchgeführten Volksabstimmung angenommen.

Von 1919 bis 1928 war Marum Vorsitzender der SPD-Fraktion im Landtag der Republik Baden. Er engagierte sich dabei insbesondere im Bereich der Rechtspolitik, plädierte beispielsweise für die Abschaffung der Todesstrafe, für die Rechte der nichtehelichen Kinder sowie gegen die Diskriminierung der unverheirateten Mütter und sprach sich für gleichen Lohn für Mann und Frau aus. Bereits 1910 war Marum aus der jüdischen Gemeinde ausgetreten und hatte sich 1912 der Freireligiösen Gemeinde Karlsruhe angeschlossen, in deren Vorstand er gewählt wurde.

In der Endphase der Weimarer Republik bezog er gegen die aufsteigende nationalsozialistische Bewegung eindeutig Stellung. Als Rechtsanwalt war er vielfach mit Nationalsozialisten in gerichtliche Auseinandersetzungen verstrickt und ihnen deswegen besonders verhasst. Sie bezeichneten ihn als den „badischen Rathenau“ und versuchten, ihm das Klischee des geldgierigen Juden anzuhängen, indem sie ihn zu Unrecht der Bereicherung beim Verkauf einer Fabrik an die Firma Reemtsma und der Beihilfe zur Steuerhinterziehung verdächtigten.

Verhaftung[Bearbeiten]

In der Reichstagswahl 1928 wurde Marum als Abgeordneter für Karlsruhe gewählt. Sein Status hinderte das NS-Regime nicht, ihn unter Bruch seiner parlamentarischen Immunität kurz nach der Reichstagswahl 1933, am 10. März, auf unbestimmte Zeit in sogenannte Schutzhaft zu nehmen.

Am 16. Mai 1933 wurden Marum,[3] der frühere badische Staatspräsident Adam Remmele und fünf weitere führende badische Sozialdemokraten in das neu errichtete KZ Kislau bei Bruchsal verbracht. Dabei wurden sie unter entwürdigenden Umständen in einer vorbereiteten Aktion auf offenem Lastwagen durch die Stadt Karlsruhe gefahren, vorbei an pöbelnden SA-Horden und tausenden Karlsruher Bürgern. Nur Vereinzelte protestierten mit dem Ruf „Rotfront“ und riskierten, dafür sofort verhaftet zu werden.

Am selben Tag trat der Badische Landtag zu seiner Eröffnungssitzung zusammen. Vorher war er um die Abgeordneten der bereits verbotenen KPD „bereinigt“ und entsprechend dem Reichstag neu zusammengesetzt worden, um eine Gleichschaltung zu bewirken. Der wirkliche Machthaber in Baden war mittlerweile der neu ernannte Reichsstatthalter Robert Wagner, dem Marum sich in den Jahren zuvor während der Weimarer Zeit geistig und rhetorisch überlegen gezeigt hatte.

Ermordung[Bearbeiten]

Das KZ Kislau wurde von den Nazis zur Irreführung über die wahren Verhältnisse in den vielen anderen Lagern als Vorzeigelager organisiert. Journalisten wurden herumgeführt, Marum musste ein zensiertes Interview geben.

Obwohl er rechtswidrig verhaftet worden war, hatte Marum wie viele Juden seiner Zeit eine Auswanderung abgelehnt. Die ihm gebotene Fluchtmöglichkeit – er hatte zu Anfang seiner Haft wegen einer familiären Angelegenheit für zwei Tage Freigang erhalten – nahm er nicht wahr. Er habe sein Ehrenwort gegeben, wieder in die Haft zurückzukehren. Marum glaubte, sich gegenüber den neuen Machthabern auf den Rechtsstandpunkt stellen zu können. In dem erwähnten Interview formulierte er, er wisse, dass man ihm nicht die Nase und die Ohren abschneiden werde; vielmehr sei den Machthabern daran gelegen, seine wirtschaftliche Existenz zu ruinieren.

Marum schrieb ein anderes Mal über die jüdischen Mitbürger, es sei die Tragik ihres Schicksals, dass sie nicht zum Judentum wollten, dass die Deutschen aber sie nicht wollten, so dass sie heimatlos zwischen den Rassen stünden.[4] Deutschland sei ihm Heimat, und er klammere sich daran.[5] Deutlich wird hieran, dass Marum, der sich früh von der religiösen Bindung an das Judentum gelöst hatte, sich stets zu seiner jüdischen Herkunft bekannt hat. Hierbei hatte er – wohl als Kind seiner Zeit – den nationalsozialistischen Rassebegriff des „Juden“ übernommen.

Während die zusammen mit ihm festgenommenen SPD-Politiker bereits wieder freigekommen waren, war Marum auf Veranlassung von Reichsstatthalter Robert Wagner weiterhin festgehalten worden. Am 29. März 1934 wurde Marum in Wagners Auftrag erdrosselt. Die drei Täter waren der stellvertretende Lagerkommandant Karl Sauer, ein ehemaliger kaufmännischer Angestellter, der nunmehr der Gestapo angehörte, der SS-Oberscharführer Eugen Müller, Duzfreund Wagners, sowie der Kraftfahrer Paul Heupel, der als langjährig Arbeitsloser Ende 1932 in die SA eingetreten war.

Die von den Behörden verbreitete Version, Marum habe Suizid begangen, fand in der Bevölkerung keinen Glauben. Die Beisetzung der Urne mit der Asche Marums am 3. April 1934 auf dem Karlsruher Friedhof gestaltete sich trotz der Allgegenwart der Gestapo zu einer Demonstration, an der über 3000 Personen teilnahmen.

Aufarbeitung[Bearbeiten]

Strafjustiz[Bearbeiten]

In einem der eher seltenen Akte der Aufarbeitung des NS-Unrechts[6] wurde Sauer am 4. Juni 1948 durch die II. Strafkammer des Landgerichts Karlsruhe wegen Mordes zu lebenslänglicher, Heupel wegen Totschlags zu zwölfjähriger Haft verurteilt. Müller konnte nicht mehr zur Rechenschaft gezogen werden; er war im Zweiten Weltkrieg gefallen.

Andenken[Bearbeiten]

Gedenktafeln am Reichstag
  • Vor Marums Frankenthaler Geburtshaus[7] in der früheren Färbergasse, heute Willy-Brandt-Anlage, sowie vor seiner ehemaligen Wohnung in der Karlsruher Wendtstraße 3 wurden Stolpersteine gesetzt.
  • Seit 1992 erinnert in der Nähe des Berliner Reichstags eine der 96 Gedenktafeln für von den Nationalsozialisten ermordete Reichstagsabgeordnete an Marum.
  • In Karlsruhe-Mühlburg und im benachbarten Bruchsal wurde jeweils eine Marumstraße gewidmet.
  • Die SPD Karlsruhe vergibt seit 1988 jährlich einen Ludwig-Marum-Preis. Er soll „Zeichen setzen für ein verantwortliches Verhältnis zur deutschen Geschichte, für Wachsamkeit gegen jede Form der Intoleranz sowie Menschlichkeit im Umgang mit Fremden“.[8]
  • Am 16. Oktober 1985 wurde das Gymnasium im nahegelegenen Pfinztal nach Marum benannt, eine dem Gymnasium nahestehende Stiftung schreibt seit 1998 einen Ludwig-Marum-Preis aus. Er kann z. B. „vergeben werden für Arbeiten, die sich mit der Geschichte des Faschismus beschäftigen oder mit dem Schicksal der Juden oder anderer verfolgter Minderheiten. Er könnte aber auch ein bestimmtes vorbildliches Sozialverhalten auszeichnen oder Aktionen, die sich gegen den neuen Rechtsradikalismus wenden“.[9]

Literatur[Bearbeiten]

  • Konrad Exner-Seemann: Ludwig Marum - Landespolitiker und NS-Opfer in Kislau/Bad Mingolsheim.In:Franz Hamburger u.a.(Hg):Pädagogische Praxis und erziehungswissenschaftliche Theorie zwischen Lokalität und Globalität. Frankfurt am Main 2000, ISBN 3-631-35323-5. (Festschrift für Volker Lenhart zum 60. Geburtstag).
  •  Detlev Fischer: Ludwig Marum (1882–1934). In: Karlsruher Rechtshistorische Blätter, Schriftenreihe des Rechtshistorischen Museums. Heft 10, Rechtshistorische Rundgänge durch Karlsruhe – Residenz des Rechts, Karlsruhe 2005.
  • Ilse Fischer: Marum, Ludwig. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 16, Duncker & Humblot, Berlin 1990, ISBN 3-428-00197-4, S. 317 f. (Digitalisat).
  •  Frithjof Kessel: Zur Entwicklung des Gedenkens an Ludwig Marum. In: Harald Denecken (Hrsg.): …ihr dürft ihn nie vergessen! Der Ludwig-Marum-Preis 1988–1999. Karlsruhe, ISBN 3-88190-250-3, S. 36–51.
  •  Manfred Koch: Meine Freiheit können sie mir nehmen, aber nicht meine Würde und meinen Stolz. In: Haus der Geschichte Baden-Württemberg (Hrsg.): Politische Gefangene in Südwestdeutschland. 2001, ISBN 3-87407-382-3.
  •  Monika Pohl: Ludwig Marum. Ein Sozialdemokrat jüdischer Herkunft und sein Aufstieg in der badischen Arbeiterbewegung 1882–1919. Info Verlag, Karlsruhe 2003, ISBN 3-88190-341-0 (Dissertation; Forschungen und Quellen zur Stadtgeschichte Band 8, Schriftenreihe des Stadtarchivs Karlsruhe).
    • dies.: Ludwig Marum. Biographische Skizzen. Stadtarchiv Karlsruhe, 1994; 2. verb. Aufl. 1996[10]
  •  Clemens Rehm (Hrsg.): Warum Marum – Mensch. Politiker. Opfer. Ausstellungskatalog. Karlsruhe 2006, ISBN 3-88190-463-8.
  •  Martin Schumacher, Katharina Lübbe, Wilhelm Heinz Schröder: M.d.R. Die Reichstagsabgeordneten der Weimarer Republik in der Zeit des Nationalsozialismus. Politische Verfolgung, Emigration und Ausbürgerung, 1933–1945. Eine biographische Dokumentation. 3. Auflage. Droste, Düsseldorf 1994, ISBN 3-7700-5183-1.
  •  Stadtarchive Karlsruhe und Mannheim (Hrsg.): Ludwig Marum, Briefe aus dem Konzentrationslager Kislau. 1984, ISBN 3-7880-9700-0 (darin auch verschiedene Zeitdokumente und eine längere Fassung der Marum-Biographie von Joachim W. Storck).
  •  Joachim W. Storck: Marum, Ludwig. In: Badische Biographien. Neue Folge. Band 4, 1996.
  •  Ulrich Wiedmann: Der Kislau-Prozess – Ludwig Marum und seine Henker. Edition Tintenfass, Neckarsteinach 2007, ISBN 978-3-937467-40-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b  Paul Theobald: Jüdische Mitbürger in Frankenthal mit Eppstein und Flomersheim von 1800 bis 1940. Frankenthal, Januar 2014.
  2. Monika Pohl, S. 75
  3. Marum war den Nationalsozialisten als Jude und Sozialdemokrat verhasst.
  4. Marum, Brief vom 29. Juli 1933
  5. Marum, Brief vom 26. September 1933
  6. Akten im Generallandesarchiv Karlsruhe
  7. Förderverein für jüdisches Gedenken Frankenthal: Aktion „Stolpersteine in Frankenthal“. 7. November 2006, abgerufen am 19. Juli 2011.
  8. SPD-Stadtverband Karlsruhe: Ludwig-Marum-Preis. Abgerufen am 19. Juli 2011.
  9. Ludwig-Marum-Stiftung Pfinztal: Was will die Ludwig-Marum-Stiftung? Abgerufen am 19. Juli 2011.
  10. 99 Seiten