Ludwig Senfl

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Ludwig Senfl

Ludwig Senfl; auch Senfli, Sennfel, sowie zahlreiche weitere Namensformen und -schreibweisen; (* um 1490 in Basel oder Zürich; † zwischen Januar und März 1543 in München), war ein Komponist, Sänger, Schreiber und Herausgeber. Er war zwei Mal verheiratet: Die erste Hochzeit erfolgte um 1527 mit der Tochter des Passauer Schiffsmeisters und Mautners Ambros Neuburger, die zweite Ehe schloss Senfl 1535 mit Maria Halbhyrn; dieser Ehe entstammte eine Tochter.

Die Diskussion zu Senfls Herkunft dauert infolge von fehlenden Dokumenten noch immer an, definitive Angaben werden jedoch nicht mehr zu machen sein. Der St. Galler Vadian nennt ihn in De poetica et carminis ratione „Turegiensem conterraneum nostrum“ („unseren Züricher Landsmann“)[1][2]. Die Bezeichnung „Helvetius“ oder „Schweytzer“ durch Zeitgenossen wie auch v. a. durch Senfl mögen auf eine Orientierung am Schweizer Humanismus (Vadian, Heinrich Glarean, Ulrich Zwingli) deuten. Der früheste überlieferte Hinweis auf den Komponisten könnte der Vermerk auf einen „Ludwig Sennfli von Zürich“ im Glückshafenrodel in Zürich von 1504 darstellen.

Leben[Bearbeiten]

Senfl wurde als Chorknabe für die Hofkapelle König Maximilians I. rekrutiert wo er nach eigenen Aussagen (beruhend auf seinem autobiographischen Lied Lust hab ich g'habt zur Musica) seine Ausbildung als Sänger, Schreiber und Komponist vom Hofkomponisten Heinrich Isaac erhielt. Der Kapelle, die den König und späteren Kaiser regelmäßig auf seinen Reisen (u.a. nach Augsburg, Wien und Konstanz) zu begleiten pflegte, gehörte er mit kurzen Unterbrechungen mehr als 20 Jahre an. So dürfte ihm, wie bei Chorknaben des kaiserlichen Hofes üblich, nach seinem Stimmwechsel das Studium an der Universität Wien finanziert worden sein, obwohl er in deren Matrikeln nicht aufscheint. Seit Isaacs endgültiger Beurlaubung und Rückzug nach Florenz (1515), spätestens aber nach dessen Tod (1517) dürfte Senfl auch als Komponist für die musikalische Ausgestaltung der liturgischen Zeremonien und anderer Feierlichkeiten beschäftigt gewesen sein. Obwohl er niemals zum offiziellen Nachfolger Isaacs ernannt worden war, bemühte er sich mehrmals (vergeblich) seine von Maximilian I. zugesicherten Geldansprüche geltend zu machen.

Nach dem Tod des Kaisers (1519) löste dessen Enkel, Karl V. im darauf folgenden Jahr (1520) die Hofkapelle auf. Nach dieser Auflösung begegnet Senfl an verschiedenen Orten des deutschen Reiches: So etwa in Augsburg, als Herausgeber des Liber Selectarum Cantionum (Grimm & Wirsung, 1520), des ersten Motettendruckes nördlich der Alpen in Chorbuchformat, der Kardinal Matthäus Lang von Wellenburg gewidmet ist und in den Senfl neben eigenen Werken u.a. auch Motetten von Pierre de La Rue, Heinrich Isaac, Josquin des Prés, Jacob Obrecht und Jean Mouton aufnahm, die das Repertoire der kaiserlichen Hofkapelle widerspiegeln. Darüber hinaus tritt er aber auch auf dem Reichstag 1521 in Erscheinung und verschiedene Lieder mit Akrostichen, die in Bezug zu mehreren Fürstenhochzeiten in diesen Jahren stehen könnten, deuten darauf hin, dass sich Senfl verschiedentlich um eine Stellung bewarb.

1523 trat Senfl in den Dienst Herzog Wilhelms IV. in München. Seine Aufgabe bestand vornehmlich darin, die Hofkapelle nach dem Vorbild der kaiserlichen Institution hinsichtlich Personal und Repertoire auf- und auszubauen. Dabei konnte er nicht nur zahlreiche Werke aus seiner Zeit am Kaiserhof, sondern auch mehrere Mitglieder der ehemaligen kaiserlichen Kapelle nach München mitbringen, darunter seinen Sängerkollegen Lukas Wagenrieder, der für Senfl in späteren Jahren auch immer wieder Kopistendienste übernahm. Senfl begründete den hervorragenden Ruf der Münchner Hofkapelle, der er bis zu seinem Tod (1543) nach eigenen Aussagen als "musicus intonator" vorstand.

Senfl korrespondierte vor allem seit den 1520er Jahren mit wichtigen Personen der frühen Reformation, allen voran Martin Luther, der auch die herausragende Qualität der Münchner Hofkapelle rühmte, wie auch Herzog Albrecht von Preußen. Für beide Persönlichkeiten hat Senfl sowohl auf Wunsch als auch aus eigenem Bedürfnis Werke komponiert, was immer wieder zu Spekulationen über Senfls Glaubensüberzeugung geführt hat. Da sich Senfl niemals eindeutig zu dieser Frage äußert (wohl auch aus Angst vor Verfolgung), wird auch hier keine endgültige Aussage mehr zu treffen sein.

Werk[Bearbeiten]

Senfls kompositorisches Schaffen umfasst sämtliche Gattungen der damaligen Zeit: Messen, Motetten, mehrstimmige Proprienvertonungen, ein 8 Werke umfassender Magnificatzyklus, Lieder, Oden sowie einzelne Instrumentalsätze; seine deutschen Lieder (mit über 250 Sätzen), seine Proprien für Messe und Stundengebet (ca. 80 erhaltene Zyklen mit etwa 240 Einzelsätzen, dazu mindestens 10 verlorene Zyklen) sowie seine Motetten (ca. 140 Werke einschließlich 12 verlorenen Sätzen) machen davon den Hauptbestandteil seines Œuvres aus, das in ca. 360 Quellen (Handschriften und Drucken) überliefert ist.

Senfls hauptsächlich in München entstandene liturgische Musik (Messen, Proprien) ist choralgebunden und folgt den Kompositionskonventionen seiner Zeit mit der Vertonung eines vorgegebenen Cantus firmus. Er bildet die tonale, motivische und strukturelle Basis des mehrstimmigen Satzes und wird zumeist in einer Hauptstimme durchgeführt, während die übrigen Stimmen sich auf diese Melodie beziehen. Das Kernrepertoire dieser liturgischen Musik bilden Senfls Proprien, von denen der Großteil in vier, 1531 fertig gestellten und dem Münchner Herzog gewidmeten, umfangreichen Chorbüchern niedergeschrieben und mit En opus musicum betitelt ist. Sie werden in der Bayerischen Staatsbibliothek München aufbewahrt. Die Chorbücher Mus.ms. 38 und 36 überliefern hierbei Proprien für die Hauptfeste des Winter- und Sommerhalbjahres, die Heiligenfeste sind in den Mus.ms. 37 und 35 festgehalten. Dieses Repertoire wird von Vertonungen für die Sonntage nach Trinitatis (Mus.ms. 25; nur 11 Zyklen erhalten), Sätze für das Officium (Mus.ms. 52) sowie einzelnen Sätzen ergänzt. Diese Neukompositionen dienten als Ergänzungen zu Proprienvertonungen von Senfls Lehrer Heinrich Isaac, die Senfl aus dem Bestand der aufgelösten kaiserlichen Hofkapelle mit nach München gebracht hatte und in das Repertoire der Münchner Hofkapelle integrierte. Zusammen mit fünf Vertonungen für das Ordinarium Missae wurden sie für die Liturgie des Münchner Hofes komponiert und stellen – wie die Motetten der Chorbücher Mus.ms. 10 und Mus.ms. 12 – exklusives Repertoire (musica reservata) für Herzog Wilhelm IV. dar.

Mit seiner Missa dominicalis L'homme armé, die möglicherweise für den Besuch Karls V. in München (1530) komponiert worden war, stellt sich Senfl in die seit Mitte des 15. Jahrhunderts andauernde Tradition der L'homme armé-Messe. Hierbei verarbeitet er gleichzeitig die L'homme armé-Melodie und den gregorianischen Cantus firmus der Messe. Die vor allem in protestantischen Quellen überlieferte "Missa super Nisi dominus" stellt eine Parodiemesse auf die eigene gleichnamige Motette dar.

Sein äußerst umfangreiches, jedoch kaum bekanntes Motettenschaffen zeigt ein abwechslungsreiches Bild: Er ist mit verschiedensten Techniken und Satzarten, allen voran dem Kanon, bestens vertraut und seine Motetten spiegeln seine Lehre bei Heinrich Isaac ebenso wider (etwa in den frühen Werken bis 1520) wie auch die Aneignung und Weiterentwicklung von Kompositionsverfahren seines selbst gewählten Vorbildes Josquin Desprez, an dessen nachhaltiger Rezeption im deutschsprachigen Raum Senfl maßgeblichen Anteil hatte.

Senfls über 250 erhaltene Liedvertonungen sind in der Regel vierstimmig, aber auch 5- oder 6-stimmig gesetzt. Eine präexistente oder für die Vertonung neu komponierte Melodie ist meist in der Tenorstimme, bei größeren Besetzungen häufig noch in einer weiteren Stimme zu finden. Bei den Liedtexten dominiert das Thema Liebe in zahlreichen Facetten neben Klagen über den Lauf der Welt, Glück und Unglück, einfachen Trink- und Spottliedern sowie geistlichen Liedern.

Auf Anregung des Humanisten Minervius vertonte Senfl auch mehrere klassische und humanistische Oden. Die homophonen vierstimmigen Sätze dienten der Aneignung und Übung der Texte und vor allem der antiken Versmetren.

Ausgaben[Bearbeiten]

Obwohl Senfls Bedeutung für die Musik der Renaissance früh erkannt wurde, kann bis heute nur auf zwei unvollständige Werkausgaben zurückgegriffen werden.

  • Ludwig Senfl: Sämtliche Werke, hrsg. von der Schweizerischen Musikforschenden Gesellschaft in Verbindung mit dem Staatlichen Institut für Deutsche Musikforschung und dem Schweizerischen Tonkünstlerverband, 11 Bände, Wolfenbüttel 1937–74 blieb ebenfalls Fragment und erschließt nur Senfls Messen und seine Lieder in annähernder Vollständigkeit:
    • Bd. 1: Sieben Messen zu vier bis sechs Stimmen, hrsg. von Edwin Löhrer und Otto Ursprung, Wolfenbüttel/Zürich 1962 (= unveränderter Nachdruck der 1937 zugleich als Bd. 5 der Reihe Das Erbe deutscher Musik erschienenen Erstausgabe)
    • Bd. 2: Deutsche Lieder I (Lieder aus handschriftlichen Quellen), hrsg. von Arnold Geering und Wilhelm Altwegg, Wolfenbüttel/Zürich 1962 (= unveränderter Nachdruck der 1937 zugleich als Bd. 10 der Reihe Das Erbe deutscher Musik erschienenen Erstausgabe)
    • Bd. 3: Motetten I (Gelegenheitsmotetten und Psalmvertonungen), hrsg. von Walter Gerstenberg, Wolfenbüttel/Zürich 1962 (= unveränderter Nachdruck der 1939 zugleich als Bd. 13 der Reihe Das Erbe deutscher Musik erschienenen Erstausgabe)
    • Bd. 4: Deutsche Lieder II (Lieder aus Johannes Otts Liederbuch von 1534), hrsg. von Arnold Geering und Wilhelm Altwegg, Wolfenbüttel/Zürich 1962 (= unveränderter Nachdruck der 1940 zugleich als Bd. 15 der Reihe Das Erbe deutscher Musik erschienenen Erstausgabe)
    • Bd. 5: Deutsche Lieder III (Lieder aus den gedruckten Liederbüchern von Egenolf 1535, Finck 1536, Schöffer und Apiarius 1536, Forster 1539-1540, Salblinger 1540 und Ott 1544), hrsg. von Arnold Geering und Wilhelm Altwegg, Wolfenbüttel 1949
    • Bd. 6: Deutsche Lieder IV (Lieder aus den gedruckten Liederbüchern von Rhaw 1544, Forster 1549 und 1556 – Einzelne Stimmen – Möglicherweise von Ludwig Senfl stammende Lieder); Italienische, französische und lateinische Lieder und Gesänge; Lateinische Oden aus den Drucken von Formschneider 1534, Petreius 1539 und Egenolf 1552, hrsg. von Arnold Geering und Wilhelm Altwegg, Wolfenbüttel/Zürich 1961
    • Bd. 7: Instrumental-Carmina aus handschriftlichen und gedruckten Quellen (Lieder in Bearbeitungen für Geigen, Orgel und Laute von Kleber, Sicher, Judenkünig, Gerle, Hans und Melchior Neusidler, Heckel, Ochsenkuhn, Ammerbach, Waissel und Paix), hrsg. von Arnold Geering und Wilhelm Altwegg, Wolfenbüttel/Zürich 1960
    • Bd. 8: Motetten II (Teil: Kompositionen des Proprium Missae 1: Heiligenfeste), hrsg. von Walter Gesternberg, Wolfenbüttel/Zürich 1964
    • Bd. 9: Motetten III (Kompositionen des Proprium Missae 2: Sonntage nach Trinitatis), hrsg. von Walter Gerstenberg, Wolfenbüttel/Zürich
    • Bd. 10: Motetten IV (Kompositionen des Proprium Missae 3: Heiligenfeste), hrsg. von Walter Gerstenberg, Wolfenbüttel/Zürich 1972
    • Bd. 11: Motetten V (Liturgische und allgemein-geistliche Motetten 1), hrsg. von Walter Gerstenberg, Wolfenbüttel/Zürich 1974

Weitere Ausgaben von Motetten finden sich in

  • Georg Rhau, Musikdrucke aus den Jahren 1538 bis 1545 in praktischer Neuausgabe, Bd. 3, 6, 8, 10, 11, 12
  • Die Handschrift des Jobst Schalreuter (Ratsbibliothek Zwickau Mus. 73), hrsg. von Martin Just und Bettina Schwemer, 4 Bde., Wiesbaden 2004–2006 (Das Erbe deutscher Musik 115/116)
  • Motetter af / Motetten von / Motets by Ludwig Senfl, hrsg. von Ole Kongsted, Copenhagen 2001 (Capella Hafniensis Editions A/1)

sowie in zahlreichen verstreuten Einzeleditionen. Eine systematische Erschließung der Werke Ludwig Senfls erfolgt derzeit in dem Wiener Forschungsprojekt Ludwig Senfl – Verzeichnis sämtlicher Werke und Quellen (siehe "Datenbank"); hier auch die aktuelle Zusammenstellung der Forschungsliteratur (PDF; 148 kB).

Bildzeugnisse[Bearbeiten]

Als gesicherte Bildzeugnisse Senfls können nur vier Schaumünzen gelten, die jeweils mit Senfls Devise "Psallam Deo meo quamdiu fuero" versehen sind. Sie stammen von Hans Schwarz (1519) und Friedrich Hagenauer (1526, 1529, o.J.) und wurden von Senfl vermutlich als "Visitenkarte" bzw. zu Repräsentationszwecken in Auftrag gegeben. Für eine Abbildung sämtlicher Medaillen siehe Ludwig Senfl, Sämtliche Werke, Bd. 1, S. VIII. Die Kohlezeichnung von Hans Schwarz, um 1519/20 (Berlin, Staatliche Museen Preussischer Kulturbesitz, Kupferkabinett, KdZ 6045), die gemeinhin als Bild Senfls gewertet wird (Abb. in Ludwig Senfl, Sämtliche Werke, Bd. 2, S. [V]), stellt nicht Senfl dar, sondern einen unbekannten Mann. Siehe hierzu Richard Kastenholz, Hans Schwarz: Ein Augsburger Bildhauer und Medailleur der Renaissance, München u.a. 2005 (Kunstwissenschaftliche Studien 126), S. 298f. (Kat.-Nr. 206).

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikisource: Ludwig Senfl – Quellen und Volltexte

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. 1518; Kritische Ausgabe mit deutscher Übersetzung und Kommentar von Peter Schäffer, München 1973, Bd. 2, deutsche Übersetzung, S. 38
  2. 1518; Kritische Ausgabe mit deutscher Übersetzung und Kommentar von Peter Schäffer, München 1973, Bd. 1, lateinischer Text, S. 31