Luftangriffe auf Kiel

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Die Werft Deutsche Werke Kiel (DWK) wurde zu zwei Dritteln zerstört. Im Hintergrund das Wrack des Schweren Kreuzers Admiral Hipper, Mai 1945.

Die Luftangriffe auf Kiel während des Zweiten Weltkrieges fügten der Stadt Kiel und ihrer Umgebung schwere Schäden zu. Bei 90 Luftangriffen der Royal Air Force (RAF) und den United States Army Air Forces (USAAF) kamen fast 3.000 Menschen ums Leben und über 5.000 wurden verletzt.

Im Luftkrieg des Zweiten Weltkriegs fielen von Juli 1940 bis Mai 1945 insgesamt 44.000 Sprengbomben, 900 Luftminen und rund 500.000 Brandbomben auf das Stadtgebiet.[1] Von den Ende 1939 rund 272.000 in Kiel lebenden Menschen wurden 167.000 obdachlos. Speziell das Flächenbombardement ziviler Ziele (Innenstadt, Wohngebiete und andere) durch die RAF erfolgte aufgrund der vom britischen Luftfahrtministerium (Air Ministry) am 14. Februar 1942 erteilten „Area Bombing Directive“.[2]

Nach der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 lagen über 5 Millionen Kubikmeter Trümmerschutt in Kiel. 35 % aller Gebäude waren zerstört, weitere 40 % beschädigt. Von den Wohnungen waren 40 % zerstört, 40 % beschädigt und nur die restlichen 20 % unversehrt.

Geschichte[Bearbeiten]

Stapellauf des Schweren Kreuzers Prinz Eugen auf der Germaniawerft in Kiel am 22. August 1938.

Als Stützpunkt der Kriegsmarine, Endpunkt des Nord-Ostsee-Kanals und Standort der drei Großwerften Howaldtswerke, DWK und Germaniawerft am Ostufer der Förde geriet die Stadt schon früh in den Fokus der alliierten Bomber: ein erster Luftangriff der Briten war am 2. Juli 1940. Allein 1943 erfolgten sechs Großangriffe.[3] Die Luftangriffe am 14. Mai und 13. Dezember in jenem Jahr brachten etwa 500 Tote und große Zerstörungen in der Innenstadt.[1] Beim schwersten Angriff am 26. August 1944 warfen 800 Maschinen zwischen 22.55 und 23.20 Uhr rund 300 Luftminen, 1.000 Spreng- und 100.000 Brandbomben ab.[1][4]

Flaggenappell in einem Lager der Kinderlandverschickung.

Die Opferzahl wäre höher gewesen, wenn nicht während des Krieges zahlreiche Luftschutzbunker gebaut, über 150.000 Kieler evakuiert und Kinder im Rahmen der Kinderlandverschickung in weniger gefährdete Gebiete gebracht worden wären. Ende 1942 lebten in der Stadt über 306.000 Menschen, davon viele in der Industrie und den Werften eingesetzte Zwangs- und „Ostarbeiter“. Am 1. Januar 1945 waren es mit 143.000 weniger als die Hälfte. (siehe auch Einwohnerentwicklung von Kiel)

Im Gegensatz dazu brachte ab Ende 1944 das „Unternehmen Hannibal“, die Evakuierung von etwa 2,5 Millionen Menschen aus dem Baltikum (Memelland), Ost-/Westpreußen, Pommern und Mecklenburg, zusätzlich Flüchtlinge und Vertriebene nach Kiel. In den letzten Kriegswochen konnte nicht mehr Fliegeralarm gegeben werden, weil viele Sirenen zerstört oder ausgefallen waren.[1]

Altstadt, Brunswik und Ellerbek hatte es am schwersten getroffen. Nur 3–4 % der Gebäude blieben verschont. Stark zerstört war auch das Gebiet nördlich der Brunswik zwischen Holtenauer und Feldstraße. Zu den zerstörten öffentlichen Gebäuden am Alten Markt gehörten Nikolaikirche, Altes Rathaus und die Persianischen Häuser, einige Schulen, das Hauptgebäude der Christian-Albrechts-Universität im Schlossgarten, der Buchwaldtsche Hof und das Landeskirchenamt in der Vorstadt. Schwer beschädigt wurden der Kieler Hauptbahnhof, das Rathaus, die Werften in Gaarden und Dietrichsdorf sowie alle öffentlichen Versorgungseinrichtungen. Der Turm des Neuen Rathauses überstand auch den letzten Angriff auf das Zentrum in der Nacht vom 2. zum 3. Mai 1945.[1]

„Gegen Kriegsende konnte man weite Flächen überblicken, die vorher dicht bebaut gewesen waren. So sah man z. B. von der Holtenauer Straße beim Lehmberg bis zur Pauluskirche am Niemannsweg, und wer die Altstadt vom Bootshafen oder auch von anderen Seiten her betrachtete, konnte die natürliche flache Hügelform der Altstadt erkennen, so wie sie etwa in den Tagen der Gründung Kiels ausgesehen haben muss.“

Stadtarchivrätin Hedwig Sievert

Am 2. Mai 1945 um 21.30 Uhr teilte das Marineoberkommando Ost mit, dass Kiel nicht verteidigt werden sollte. Die Nacht vom 3. zum 4. Mai brachte den 633. und letzten Fliegeralarm. Einige Sprengbomben fielen in Kiel-Holtenau und am Nord-Ostsee-Kanal. Am Nachmittag des 4. Mai erschien eine Abordnung der Britischen Armee bei Oberbürgermeister Walter Behrens im Rathaus. Sie übergab ihm Befehle zum Verhalten der Bevölkerung. Die kampflose Übergabe der Stadt erfolgte in aller Stille.[1]

Kapitulation[Bearbeiten]

Der deutsche Admiral von Friedeburg unterzeichnet am 4. Mai 1945 auf dem „Victory Hill“ bei Wendisch Evern in Gegenwart des britischen Feldmarschalls Montgomery die Kapitulation­serklärung für die drei in Nordwestdeutschland stehenden Armeen der Wehrmacht.

Für „sämtliche Land-, See- und Luftstreitkräfte in Norddeutschland, Dänemark und Holland“ kapitulierte Hans-Georg von Friedeburg am 4. Mai 1945 bei Lüneburg; auf dem Timeloberg (Victory Hill) war die 21st Army Group durch Bernard Montgomery vertreten.[5] Am 5. Mai trat in Holland, Friesland, Schleswig-Holstein und Dänemark Waffenruhe ein.

Am Vormittag des 5. Mai erreichten erste britische Truppen Kiel; die Soldaten sollten zunächst die weitgehend unzerstörten Betriebe von Hellmuth Walter (Walter-Antrieb für U-Boote), Elac (Sonar­technik) und das Werk Friedrichsort der DWK (Torpedobau) in Besitz nehmen. Gail Patrick Henderson, der spätere stellvertretende Gouverneur der Provinz Schleswig-Holstein, kam am 6. Mai nach Kiel und übernahm zwei Tage später die 312. Provinzial-Militärregierung. Kiel wurde am 7. Mai vollständig besetzt.[1]

Siehe auch: Otto Hoevermann

Einzelnachweise und Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. a b c d e f g Kieler Erinnerungstag: 4. Mai 1945 Vor 60 Jahren – im Mai 1945 Kriegsende und Besetzung Kiels durch die Briten
  2. Jörg Friedrich: Der Brand. Deutschland im Bombenkrieg 1940–1945, S. 83
  3. M. Palomino
  4. In derselben Nacht erfolgte auch ein schwerer Angriff auf Königsberg
  5. Kapitulation auf dem Timeloberg

Literatur[Bearbeiten]

  • Detlef Boelck: Kiel im Luftkrieg 1939–1945. Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 13, Kiel 1980.
  • Jürgen Jensen: Kieler Zeitgeschichte im Pressefoto. Die 40er/50er Jahre auf Bildern von Friedrich Magnussen. Sonderveröffentlichung der Gesellschaft für Kieler Stadtgeschichte, Bd. 16, Neumünster 1984.
  • Jürgen Jensen: Kriegsschauplatz Kiel. Luftbilder der Stadtzerstörung 1944/45, 2. Auflage. Wachholtz Verlag 1997. ISBN 978-3529026973. – Buchvorstellung

Weblinks[Bearbeiten]