Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt

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Lage der Muna Lübberstedt
Lageplan der Muna Lübberstedt
Das KZ-Außenlager zwischen Bilohe und Wohlthöfen

Die Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt (umgangssprachlich Muna Lübberstedt) war eine zwischen 1936 und 1945 bestehende Munitionsanstalt der deutschen Luftwaffe im Bremer Wald zwischen Lübberstedt und Bilohe im heutigen Landkreis Osterholz.

Die genaue Bezeichnung lautete Lufthauptmunitionsanstalt 2/XI Lübberstedt, was „2. Muna im Luftgau-Kommando XI (Hamburg)“ bedeutete. Von August 1944 bis April 1945 gehörte ein Außenlager des KZ Neuengamme zu der Muna. Nach dem Zweiten Weltkrieg war das Gelände in den Händen britischer und amerikanischer Truppen und wurde später von der Bundeswehr übernommen.

Geschichte[Bearbeiten]

Der Planungsbeginn der Anlage war 1936. Vom Herbst 1939 bis Mitte 1940 entstanden sieben Barackenlager des Reichsarbeitsdienstes (RAD) und der Wehrmacht in Axstedt und Lübberstedt. Der Betrieb der Muna lief im August 1941 mit der Fertigstellung von Luftwaffenmunition, insbesondere Flakmunition und Seeminen, an. Zur Lagerung der fertigen Munition wurden ca. 100 oberirdische erdummantelte Bunker gebaut.[1]

Die Aufsicht lag in den Händen von deutschen dienstverpflichteten Frauen und Gefolgschaftsleuten. Die Arbeit musste im Wesentlichen von ca. 1600 Zwangsarbeitern und -arbeiterinnen erledigt werden. Es waren Ostarbeiter und -innen, Kriegsgefangene und 500 jüdische Frauen aus Ungarn. Sie kamen am 21. August 1944 von Auschwitz und wurden im KZ-Außenlager von Neuengamme in Lübberstedt-Bilohe untergebracht.

Am 20. April 1945 wurde dieses Lager evakuiert. Die Arbeiterinnen wurden mit einem Zug abtransportiert, in dem auch mehrere Waggons mit Munition mitgeführt wurden. In der Nähe von Eutin und Plön wurde der Zug von britischen Fliegern am 3. Mai 1945 bombardiert. Die Frauen nutzten teilweise die Gelegenheit zur Flucht. Von den 500 Frauen überlebten rund 380 den Krieg. Der Fertigungsbereich und einige Bunker der Muna wurden am 4. Mai 1945 von der Wehrmacht gesprengt.

Nachnutzung[Bearbeiten]

Britische Truppen besetzten die Muna Lübberstedt und übergaben das Gebiet nach kurzer Zeit an die amerikanischen Streitkräfte. Es entstand ein Munitionsdepot. 1948 wurde von hier aus eine Schulspeisung organisiert. Im Sommer 1951 wurde vom Deutschen Roten Kreuz ein Kinderheim eingerichtet. Die schulpflichtigen Kinder wurden in einer Heimschule unterrichtet. Nach der Schließung wurde 1954 erneut ein Kinderheim durch das Rote Kreuz geführt.

Von 1945 bis 1954 und von 1978 bis 1992 waren in Lübberstedt amerikanische Soldaten stationiert. Während der Operation Desert Storm (Unternehmen Wüstensturm) diente das Munitionsdepot in Lübberstedt 1991 als Umschlagplatz für Verschiffung von Kriegsgerät in den Irak. In den 14 Jahren nach 1978 seien immer etwa 15 bis 20 US-Soldaten der 2nd Armored Division "Hell on wheels" in Lübberstedt stationiert gewesen, betonten US-Oberst Marlo D. Russ und Oberstleutnant Gerd-Jürgen Gruß beim Abschied der Amerikaner aus Lübberstedt 1992.[2]

Von 1956 bis 31. Dezember 2009 nutzte die Bundeswehr den Komplex als Munitionsdepot und als Kaserne, später als Materiallager. Danach wird der Wald wieder forstwirtschaftlich genutzt, und die Kasernengebäude wurden verkauft.

Arbeitskreis MUNA Lübberstedt[Bearbeiten]

Gedenkstein auf dem Lübberstedter Friedhof[3]

Am 27. Januar 1996 wurde in Hambergen der Arbeitskreis MUNA Lübberstedt e. V. gegründet. Der Verein pflegt und gestaltet die Gemeinschaftsgrabanlage mit 12 Verstorbenen auf dem Friedhof in Lübberstedt - sie wurden 1989 zu einer Anlage zusammengelegt. Auf dem Gedenkstein steht:

ERINNERT EUCH
HIER RUHEN
ZWANGSARBEITER
MÄNNER FRAUEN
KINDER

Die Bundeswehr nutzt das Gelände seit Herbst 2009 nicht mehr. Der Verein hat eine Öffnung des Geländes erreicht. Es soll eine Erlebnislandschaft mit einer kleinen Dokumentationsstätte entstehen.[4] Führungen durch das Muna-Gelände (auch für Rollstuhl- und Fahrradfahrer) werden vom Arbeitskreis angeboten.[5]

Fotos vom Zustand der Muna 2010[Bearbeiten]

(aufgenommen bei der Vorführung des Theaterstückes von „Das letzte Kleinod“, September 2010)

Theaterstück „MUNA Lübberstedt“[Bearbeiten]

Die Theatergruppe „Das letzte Kleinod“ inszenierte im September 2010 das Stück Muna Lübberstedt – Dokumentarische Inszenierung einer Militärbrache.[6] Der Regisseur und Autor des Stückes, Jens-Erwin Siemssen, hat mit vielen Zeitzeugen aus der Umgebung und Überlebenden des Lagers gesprochen, die als Kinder oder Jugendliche die Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt erlebt hatten, um das über die Region hinaus beachtete Theaterstück zu schreiben.[7] Erstmals seit 70 Jahren wurde der Stacheldraht für Besucher geöffnet. Die Besucher wurden vom Bahnhof Lübberstedt mit einem historischen Triebwagen in die Muna gefahren. Um die Genehmigung für die Nutzung des Areal zu bekommen, musste die Künstlergruppe die überwachsenen 7,8 km langen Gleise erst freiräumen und ausbessern lassen.

Szenen des Theaterstückes

Das Waldhaus ist heute ein Pflegeheim
  • Waldhaus - Das „Waldhaus“ war ehedem ein Ausflugslokal in der Nähe des Bahnhofes Lübberstedt, das von Wochenendtouristen aus Bremen und Bremerhaven besucht wurde.[8]
  • Schneiderstube - In der Schneiderei arbeiteten Frauen an Ausbesserungen.
  • LKW - Wenn ein Transport mit Frauen kam, musste eine Frau aus der Schneiderstube übersetzten.
  • Rote Marie - Die Aufseherin war eine große blonde Frau, deren Haare sich rot gefärbt hatten - wegen des Materials, mit dem die Bomben gefüllt wurden.
  • Kleine Marie - Eine grausame Aufseherin, deren ganzer Stolz es war, ihrer Kolonne deutsche Lieder beizubringen.
  • Galoschen - Die Frauen klapperten mit Holzgaloschen über die Pflastersteine.
  • Munition - In den Bunkern von achtzehn Meter Breite und vierzehn Metern Tiefe wurde Munition gelagert.
  • Baracken - In den Baracken gab es doppelstöckige Betten. Zu essen gab es Gemüsesuppe. „Heinrich, aus den Sudeten“, steckte des Gefangenen auch mal Schokolade oder Wurst durch den Zaun zu.
  • Kriegsende - Am Kriegsende wurden Gebäude und Brücken gesprengt.

Fotos vom Zustand der Muna 2012[Bearbeiten]

(aufgenommen bei der Begehung des Geländes durch den Arbeitskreis MUNA Lübberstedt am 21. April 2012)

Literatur[Bearbeiten]

  • Barbara Hillman, Volrad Kluge, Erdwig Kramer: Lw. 2/XI – Muna Lübberstedt – Zwangsarbeit für den Krieg. Unter Mitarbeit von Thorsten Gajewi und Rüdiger Kahrs. Edition Temmen, Bremen 1995, ISBN 3-86108-254-3.
  • MUNA Lübberstedt, Prospekt des Arbeitskreises MUNA Lübberstedt e.V., o.J.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Lw. 2/XI – Muna Lübberstedt (s. Literatur), S. 21
  2. Amerikaner verabschieden sich aus Lübberstedt, Artikel im Osterholzer Kreisblatt, 15. Juni 1992
  3. Auf den beiden Tafeln vor dem Gedenkstein sind die Namen der Opfer des KZ-Außenlagers Bilohe verzeichnet: Michael Zjaschtschenko (1919 - 1943), Fani Pavel (1915 - 1944), Rexfin Weiss (1910 - 1945), Sari Katz (1920 - 1945), Etel Jezkovits (1926 - 1945), Leonit Prostschenko (1944 - 1944), Natalie Kuleschenko (1943 - 1944), Vitalei Tazuk (1943 - 1944), Antonia Sorokina (!937 - 1944), Katja Oksenjuk (1943 - 1944), Wigtor Noska (1943 - 1944) und Walentin Tschernenko (1944 - 1944)
  4. Der Verein MUNA Lübberstedt möchte an der ehemaligen Lufthauptmunitionsanstalt Lübberstedt eine Gedächtnisstätte errichten. (Weser-Kurier.de)
  5. Aktivitäten des Arbeitskreises MUNA Lübberstedt e.V.
  6. Muna Lübberstedt der Theatergruppe Das letzte Kleinod
  7. Geschichte atmen in alter Munitionsfabrik. In: Die Welt. 3. September 2010.
  8. Historisches Foto des Lokals "Waldhaus Lübberstedt", das heute als Seniorenheim geführt wird.

53.3380055555568.7757138888889Koordinaten: 53° 20′ 17″ N, 8° 46′ 33″ O