Luisenstädtischer Kanal

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Verlauf des ehemaligen Luisenstädtischen Kanals (hellblau) im heutigen Straßenbild; rot eingezeichnet ist die ehemalige Sektorengrenze zwischen Ost- und West-Berlin

Der Luisenstädtische Kanal ist ein historischer innerstädtischer Kanal in der Berliner Luisenstadt, der die Spree mit dem Landwehrkanal verband. Er wurde 1852 eröffnet und verlief durch die heutigen Ortsteile Kreuzberg und Mitte. Im Jahr 1926 wurde der Kanal teilweise zugeschüttet und in eine Gartenanlage umgestaltet. Mit dem Bau der Berliner Mauer im Jahr 1961 verlief bis 1990 entlang des nördlichen Teils des Kanals die Grenze zwischen Ost- und West-Berlin. Seit 1991 wird die seit dem Zweiten Weltkrieg zerstörte Gartenanlage abschnittsweise rekonstruiert.

Planung[Bearbeiten]

Im Jahr 1825 erstellte Oberbaurat Johann Carl Ludwig Schmid einen Bebauungsplan für das Köpenicker Feld, den Südteil der Luisenstadt. Schon in diesen ersten Planungen, die nie realisiert wurden, war ein Nord-Süd-Kanal zur Entwässerung und als Wasserweg vorgesehen. Nachdem 1840 Friedrich Wilhelm IV. preußischer König geworden war, wurde die städtebauliche Planung Berlins dem Landschaftsarchitekten und Stadtplaner Peter Joseph Lenné übertragen.

Aufbauend auf Schmids Plänen konzipierte Lenné den Entwurf eines Bebauungsplans, der die Flächenbedarfe von Industrie- und Eisenbahnflächen besser berücksichtigte und sozial ausgewogener sein sollte. Er wollte den Landwehrkanal schiffbar machen und den schon bei Schmid vorgesehenen Verbindungskanal vom Landwehrkanal zur Spree übernehmen. Für Lenné hatten die sozialen Aufgaben der Stadtplanung einen hohen Stellenwert – Grünflächen zur Naherholung und Straßen und Plätze mit hohem Aufenthaltswert betrachtete er als notwendig für ein funktionierendes Stadtquartier.

Ganz in diesem Sinne sollte der Luisenstädtische Kanal mehr als nur ein Wasserweg sein, er sollte vielmehr ein als Schmuckzug gestalteter Straßenzug die gestalterische Mitte des neuen Stadtviertels bilden. So legte Lenné entsprechend Verlauf und Gestaltung des Luisenstädtischen Kanals in seinem 1839/1840 veröffentlichten Werk Projektirte Schmuck und Grenzzüge von Berlin mit nächster Umgebung fest.

Verlauf[Bearbeiten]

Luisenstädtischer Kanal mit Engelbecken, um 1900. Blick von der St.-Michael-Kirche in Richtung Südwest
Luisenstädtischer Kanal, um 1905, Blick vom Oranienplatz auf das Luisenufer und die St.-Michael-Kirche in Richtung Nordost
Elisabethufer, Ernst Ludwig Kirchner, 1913

Der Kanal begann am damaligen Urbanhafen und verlief in nordöstlicher Richtung parallel zum Straßenraster. Gegliedert wurde er durch den Wassertorplatz, an dem sich ein kleineres Becken befand, den Oranienplatz, die gusseiserne Waldemarbrücke im Zuge der Waldemarstraße und ein größeres Wasserbassin, das Engelbecken. Am Engelbecken zweigte der Kanal rechtwinklig nach Osten ab und verlief dann in einem Bogen nach Nordosten zur Spree.

Das Engelbecken ist nach dem Erzengel St. Michael benannt, dessen Statue sich heute wieder als Kopie auf dem First an der Stirnseite der Sankt-Michael-Kirche befindet. Die von August Kiß geschaffene Originalstatue des Erzengels, in Flucht zum Kanal stehend, war nach dem politischen „Westen“ ausgerichtet und wurde zu DDR-Zeiten wohl aus ideologischen Gründen abgebaut. Die Sankt-Michael-Kirche ist heute infolge des Zweiten Weltkriegs eine Ruine.

Die relativ markante Linienführung mit den rechtwinkligen Biegungen am Urbanhafen und am Engelbecken war der Anlage der Stadt geschuldet. Aus Sicht der Schifffahrt war sie wenig sinnvoll. Der Kanal entstand zusammen mit den an seinen Uferstraßen errichteten spätklassizistischen Gebäuden und bildete mit ihnen auch ein städtebauliches Ensemble. Er ist insofern von stadtplanerischer Bedeutung, als es sich hier um einen Versuch handelte, Wasser als städtebauliches Gestaltungselement zu nutzen.

Die nordwestlich gelegene Straße zwischen Oranienplatz und heutigem Heinrich-Heine-Platz hieß ursprünglich Luisenufer und trägt seit dem 31. Juli 1947 den Namen Legiendamm nach dem Gewerkschaftsführer Carl Legien. Die gegenüberliegende, südöstlich am Kanal und Engelbecken gelegene Straße hieß seit 1849 Elisabethufer. Ebenfalls am 31. Juli 1947 wurde sie zu Ehren von Wilhelm Leuschner in Leuschnerdamm umbenannt. Die Häuser am Legiendamm und Leuschnerdamm tragen fortlaufende, sich ergänzende Hausnummern. Häuser am Legiendamm haben nur gerade, die am Leuschnerdamm nur ungerade Hausnummern.

Bereits 1937 wurden Luisenufer und Elisabethufer in jeweils zwei Abschnitte aufgeteilt. Am Oranienplatz wechseln die Straßennamen. Seit 1947 heißt die Fortführung des Legiendamms bis zum Landwehrkanal Segitzdamm (nach dem SPD-Politiker Martin Segitz), die des Leuschnerdamms Erkelenzdamm (nach Anton Erkelenz, einem Reichstagsabgeordneten der Deutschen Demokratischen Partei).

Bau[Bearbeiten]

Der Bau des Luisenstädtischen Kanals begann 1848, zwei Jahre nach Fertigstellung des Landwehrkanals. Der Kanal sollte als Transportweg für Baumaterial dienen, als Stadtentwässerung und die Überschwemmungen der Spree kanalisieren. Vor allem aber diente der Bau als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme, rund 5000 Arbeiter waren damit ohne größere technische Hilfsmittel beschäftigt. Im Oktober 1848 kam es zu blutigen Ausschreitungen der Arbeiter aus Furcht, ihre Arbeitsplätze an Baumaschinen zu verlieren.

Der Kanal hatte eine Länge von 2,3 Kilometern, eine Breite von 22,5 Metern und bei mittlerem Wasser war er 1,5 Meter tief. Die für Berlin untypischen Klinker-Ufermauern überragten den Wasserspiegel um rund drei Meter. Er wies nur eine minimale Steigung auf und war für Schiffe bis zu einer Tragfähigkeit von 175 Tonnen schiffbar. Die Uferpromenade wurde mit „Kaiserlinden“ bepflanzt. An der Stelle, an der der Kanal die damalige Berliner Zollmauer durchfloss, wurde ebenfalls 1848 ein neues Tor, das Wassertor, erbaut.

Brücken[Bearbeiten]

Die beiden Seiten des Kanals wurden im Laufe der Zeit durch insgesamt zwölf Brücken miteinander verbunden, darunter einige reine Fußgängerbrücken. Das waren von der Spree zum Landwehrkanal hin betrachtet:[1]

  1. Die Zwillingsbrücke,
  2. die Köpenicker Brücke,
  3. die Melchiorbrücke,
  4. die Adalbertbrücke,
  5. die Elisabethbrücke,
  6. die Königinbrücke,
  7. die Waldemarbrücke,
  8. die Oranienbrücke,
  9. die Luisenbrücke,
  10. die neue Wassertorbrücke,
  11. die alte Wassertorbrücke,
  12. der sogenannte „Luisensteg“,[2] eine ummantelte Überführung von Gasrohren kurz vor der Einmündung des Kanals in den Landwehrkanal am Urbanhafen, der als Fußsteg genutzt wurde.

Von diesen Brücken ist in ihrer alten Form nur die Waldemarbrücke erhalten, die 1995 rekonstruiert wurde.[3]

Grünanlage[Bearbeiten]

Barths Kunstgriff[Bearbeiten]

Der Kanal wurde am 15. Mai 1852 eröffnet. Eine große Bedeutung für den Wasserverkehr hat er nie erlangt. Aufgrund des kaum vorhandenen Verkehrs und des geringen Gefälles stand das Wasser im Kanal, was zu starken Geruchsbelästigungen für die Bevölkerung geführt hat. Aus diesen Gründen beschloss der Berliner Magistrat am 16. Januar 1926, den Kanal wieder verfüllen zu lassen – auch bei dieser Maßnahme handelte es sich um ein Programm zur Arbeitsbeschaffung. Zur Verfüllung des Kanals wurde Aushubmaterial vom Bau der Gesundbrunnen-Neukölln-U-Bahn (GN-Bahn, heute U-Bahnlinie 8) verwendet, deren Bauarbeiten in der nahen Reichenberger Straße, am Moritzplatz und in der Neanderstraße (heute: Heinrich-Heine-Straße) im Gang waren.

Im Sinne von Lennés Vorstellung wohnortnahen Grüns für den dicht besiedelten Stadtteil wurde der Kanal unter der Leitung von Erwin Barth, dem frisch ernannten Stadtgartendirektor von Groß-Berlin, und Leo Kloss zu einer Grünfläche umgestaltet. Die Schwierigkeit einer lang gezogenen und nur 22 Meter breiten Grünfläche löste er mit einem Kunstgriff: er ließ den Kanal nicht bis zum Straßenniveau verfüllen, sondern nur bis knapp über die ursprüngliche Wasserlinie. Die Ufermauern aus Backsteinen blieben erhalten und Barth ließ ihnen Brüstungen aufmauern. Um die Grünanlage abwechslungsreich zu gestalten, teilte er sie in zehn Abschnitte mit eigenständigem Charakter auf. Er schuf Sitzecken, Veranden, Kinderspielplätze und Brunnen, sogar schmale Wasserrinnen – das Thema Wasser war bestimmend für Barths Planungen. Dazwischen gab es befestigte Wege, Rasenflächen, Blumenbeete, Blütensträucher, Gehölze und verschiedene Ziergärten mit Dahlien-, Rosen-, Wald- und Alpenpflanzungen.

Das Engelbecken blieb als Wasserfläche erhalten, rundherum entstanden Laubengänge. Im Becken selbst gab es sechzehn Fontänen, die abends illuminiert wurden. Die Grünanlage wurde 1932 fertiggestellt – aus Kostengründen aber nicht im ursprünglich geplanten Umfang. Insbesondere der südliche Abschnitt entsprach nicht vollständig den einstigen Planungen.

Engelbecken mit 16 Wasserfontänen und der umgebenden Mischung aus neuer und alter Architektur

Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Der zugeschüttete Kanal, 1986

Nach dem Zweiten Weltkrieg musste viel Schutt aus der Stadt entfernt werden und man versuchte neben der Aufschüttung mehrerer Trümmerberge, soviel wie möglich in der Stadt abzulagern. Deshalb wurden die tiefer gelegenen Teile des Kanals mit Trümmerschutt verfüllt.

In der Nachkriegszeit verlief zwischen der Spree und der Waldemarstraße südlich des Kanals (auf West-Berliner Seite) die Grenze zu Ost-Berlin, der südlich der Waldemarstraße gelegene Teil gehörte zu West-Berlin. Im Zuge des Mauerbaus 1961 wurden der Kanal und das Becken komplett verfüllt und planiert. Auf der Fläche entstand ein Abschnitt des Todesstreifens der Berliner Mauer.

Für die Internationale Bauausstellung 1984 (IBA) in Kreuzberg wurde der südliche Teil der Gartenanlage wiederhergestellt und in die Form gebracht, die er auch heute noch weitgehend hat.

Nach der Wende[Bearbeiten]

Luisenstädtischer Kanal mit Engelbecken und der St.-Michaels-Kirche im Hintergrund

Kurz nach der Wende und der Wiedervereinigung Berlins im Jahr 1990 gab es Bestrebungen, die beiden Hälften des Luisenstädtischen Kanals wieder zu vereinheitlichen und die alte Gestaltung der Vorkriegszeit wiederherzustellen. Im Rahmen von gartenarchäologischen Untersuchungen wurden Probebohrungen vorgenommen, und unerwartet wurde festgestellt, dass die Kaimauern und die Gartenanlagen nur wenig beschädigt waren; sogar Reste der Vegetation waren zu finden. Seit 1991 wird die Grünanlage unter Leitung des Büros Schumacher wieder hergestellt und seitdem abschnittsweise der Öffentlichkeit übergeben. Im April 1993 wurde der „Immergrüne Garten“ zwischen Engelbecken und Adalbertstraße wieder eröffnet und im Juni 1995 der „Rosengarten“ zwischen Engelbecken und Waldemarbrücke.

Bereits Anfang der 1990er Jahre begann man mit der teilweisen Aushebung des Engelbeckens als Suchgrabung. Wegen Finanzierungsproblemen kam die Rekonstruktion des Engelbeckens ins Stocken. Man beließ das Becken für einige Jahre im nur an den Rändern entlang ausgebaggerten Zustand, wo bereits das Grundwasser hervortrat. Erst 1999 wurde auch der Mittelbereich vollständig ausgehoben. Im Frühjahr 2006 wurde der Beckenbereich tiefer ausgehoben und die marode, teilweise abgerutschte Beckenumfassung als Betonumfasssung zur Stabilisierung neu errichtet.

Im Zuge der Rekonstruktionsmaßnahmen wurde im Frühjahr 2006 auch der weiter östlich verlaufende 500 Meter lange Kanalteil zwischen Adalbertstraße und Melchiorstraße und 2008 der restliche 200 Meter lange Abschnitt zwischen Melchiorstraße und Köpenicker Straße als Grünanlage wiederhergestellt. Heute kann man unter einer vierreihigen Lindenallee auf rund 2,5 Hektar Parkfläche im ehemaligen Bett des Kanals in Richtung Spree spazieren gehen. Südöstlich ergänzt wird die neue Grünanlage durch das zu sanierende vernachlässigte Gelände am Künstlerhaus Bethanien und den umgestalteten Mariannenplatz.

Der Luisenstädtische Kanal ist als schützenswertes Gartendenkmal in die Landesdenkmalliste Berlins aufgenommen.

Literatur[Bearbeiten]

  • Klaus Duntze: Der Luisenstädtische Kanal. Berlin Story Verlag, Berlin 2011, ISBN 978-3-86368-014-5.
  • Klaus von Krosigk: Aktuelle Aufgabenstellungen der Gartendenkmalpflege in Berlin. In: Berlin-Brandenburgische Bauwirtschaft. BBW, Bd. 44 (Nr. 14), 1993, (ISSN 0940-3825), S. 311–314.
  • Klaus Lingenauber: Der ehemalige Luisenstädtische Kanal, Stadtbezirk Mitte. In: Bund Heimat und Umwelt in Deutschland (Hrsg.): Weißbuch der historischen Gärten und Parks in den neuen Bundesländern. 2., überarbeitete Auflage. Bonn 2005, ISBN 3-925374-69-8, S. 32f.
  • Werner Natzschka: Berlin und seine Wasserstraßen. Duncker & Humblot, Berlin 1971, ISBN 3-428-02374-9.
  • Horst Schumacher: Grünzug aus dem Wasser – Anmerkungen zur Wiederherstellung des Berliner Grünzugs Luisenstädtischer Kanal, dessen Geschichte wechselhaft war und bleibt. In: Garten & Landschaft. Bd. 103 (Nr. 10), 1993, (ISSN 0016-4720), S. 23–29.
  • Herbert Schwenk: Lexikon der Berliner Stadtentwicklung. Haude & Spener, Berlin 2002, ISBN 3-7759-0472-7.
  • Jürgen Wenzel: Peter Joseph Lenné – Stadtplaner in weltbürgerlicher Absicht. In: Florian von Buttlar: Peter Joseph Lenné. Volkspark und Arkadien. ed. Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz. Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1989, ISBN 3-87584-277-4, S. 73–77.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Luisenstädtischer Kanal – Album mit Bildern, Videos und Audiodateien

52.50583333333313.418611111111Koordinaten: 52° 30′ 21″ N, 13° 25′ 7″ O

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nach Berlin und seine Bauten, bearbeitet und herausgegeben vom Architekten-Verein zu Berlin und der Vereinigung Berliner Architekten, Berlin 1896, Band 1, S. 167–170
  2. Name nach Grosser Verkehrs-Plan von Berlin mit seinen Vororten 1902, Verlag der Liebelschen Buchhandlung
  3. Waldemarbrücke. In: Bezirkslexikon des Luisenstädtischen Bildungsvereins.
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Dieser Artikel wurde am 17. Juni 2005 in dieser Version in die Liste der lesenswerten Artikel aufgenommen.