Lujan-Fryns-Syndrom

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Klassifikation nach ICD-10
F70.1 Leichte Intelligenzminderung: Deutliche Verhaltensstörung, die Beobachtung oder Behandlung erfordert
ICD-10 online (WHO-Version 2013)

Das Lujan-Fryns-Syndrom (LFS), auch als X-chromosomale geistige Retardierung-marfanoider Habitus-Syndrom bezeichnet, ist eine sehr seltene X-chromosomal vererbte Krankheit.

Klinisches Bild[Bearbeiten]

Patient mit Lujan-Fryns-Syndrom

Das Lujan-Fryns-Syndrom ist durch eine X-chromosomal vererbte geistige Retardierung, einen hohen und marfanoiden Wuchs, deutlichen Gesichts-Dysmorphien und Verhaltensauffälligkeiten gekennzeichnet.[1]

Die Patienten sind hochwüchsig, erreichen jedoch eine normale Endgröße. Die hohe Stirn, ein langes schmales Gesicht, ein kleiner Unterkiefer und eine Unterentwicklung (Hypoplasie) des Oberkiefers, eine lange Nase mit hoher schmaler Nasenwurzel, darunter ein kurzes, aber tiefes Philtrum, sowie eine dünne Oberlippe und ein hoher Gaumen, sind typische Merkmale im Gesicht der LFS-Patienten. An den Extremitäten sind lange überstreckbare Finger und Zehen, kurze Großzehen und lange zweite Zehen typische Kennzeichen.[1]

Nach der Pubertät bildet sich der marfanoide Habitus deutlicher heraus. Die sekundäre Geschlechtsentwicklung verläuft normal. Typisch sind eine näselnde Sprache und eine allgemeine Muskelhypotonie.[1]

Die Verhaltensauffälligkeiten äußern sich in emotionaler Instabilität, Hyperaktivität und Schüchternheit. Möglich sind auch psychiatrische Auffälligkeiten wie psychotische Verwirrung, Halluzinationen bis hin zu einer Schizophrenie. Die Patienten sind geistig leicht bis mittelschwer behindert.[1]

Häufigkeit[Bearbeiten]

Von der Erkrankung ist, bedingt durch den Erbgang, vor allem das männliche Geschlecht betroffen. Die Prävalenz des Lujan-Fryns-Syndroms ist nicht bekannt. Bei geistig retardierten und psychiatrischen Patienten ist es naturgemäß weiter verbreitet.[1]

Genetik[Bearbeiten]

Die Ursache für das Lujan-Fryns-Syndrom sind Mutationen im MED12-Gen (mediator complex subunit 12). Bei den bisher untersuchten Fällen handelt es sich um eine Missense-Mutation, vom Typ p.N1007S.[2] Das betroffene Gen befindet sich auf dem X-Chromosom, Genlocus 13.1.. Es ist 25 kb groß und besteht aus 44 Exons. Das Genprodukt ist eine Untereinheit des Mediatorkomplexes (mediator, auch thyroid hormone receptor-associated protein (TRAP, Schilddrüsenhormonrezeptor-assoziiertes Protein) oder vitamin D receptor interacting protein (DRIP, Vitamin-D-Rezeptor-interagierendes Protein) genannt), der aus 28 Untereinheiten aufgebaut ist und 1,2 MDalton schwer ist.

Das Lujan-Fryns-Syndrom ist allelisch mit dem FG-Syndrom.[2]

Diagnose[Bearbeiten]

Bis 2007 konnte das Lujan-Fryns-Syndrom nur klinisch diagnostiziert werden, da die Ursache der Erkrankung unbekannt war. Nachdem das betroffene Gen identifiziert wurde, kann die Diagnose nun prinzipiell auch per DNA-Analyse durchgeführt werden. Wird die Diagnose anhand des klinischen Bilds gestellt, so sind differentialdiagnostisch das Fragiles-X-Syndrom, Schizophrenie,[3] das Marfan-Syndrom und die Homocystinurie abzugrenzen.[2]

Therapie[Bearbeiten]

Es gibt keine spezifische Behandlung des Lujan-Fryns-Syndroms. Die Erkrankung ist bisher unheilbar. Bei der psychologisch Betreuung sollte die Schwerpunkt auf der geistige Förderung liegen und auf Psychosen sollten möglichst früh geachtet werden.[2]

Erstbeschreibung[Bearbeiten]

Das Lujan-Fryns-Syndrom wurde erstmals 1984 von dem US-amerikanischen Pädiater J. Enrique Lujan und Kollegen an vier männlichen Patienten beschrieben.[4] Drei Jahre später beschrieb der belgische Humangenetiker Jean-Pierre Fryns zwei Fälle mit gleichen Symptomen.[5] Nach den beiden Wissenschaftlern wurde das Lujan-Fryns-Syndrom benannt.

Siehe auch[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d e G. Van Buggenhout, J. P. Fryns: Lujan-Fryns syndrome (mental retardation, X-linked, marfanoid habitus). In: Orphanet journal of rare diseases. Band 1, 2006, S. 26, ISSN 1750-1172. doi:10.1186/1750-1172-1-26. PMID 16831221. PMC 1538574 (freier Volltext). (Review-Artikel im Open Access).
  2. a b c d C. E. Schwartz, P. S. Tarpey u.a.: The original Lujan syndrome family has a novel missense mutation (p.N1007S) in the MED12 gene. In: Journal of medical genetics. Band 44, Nummer 7, Juli 2007, S. 472–477, ISSN 1468-6244. doi:10.1136/jmg.2006.048637. PMID 17369503. PMC 2597996 (freier Volltext).
  3. M. De Hert, D. Steemans u.a.: Lujan-Fryns syndrome in the differential diagnosis of schizophrenia. In: American journal of medical genetics. Band 67, Nummer 2, April 1996, S. 212–214, ISSN 0148-7299. doi:10.1002/(SICI)1096-8628(19960409)67:2<212::AID-AJMG13>3.0.CO;2-M. PMID 8723050.
  4. J. E. Lujan, M. E. Carlin, H. A. Lubs: A form of X-linked mental retardation with marfanoid habitus. In: American journal of medical genetics. Band 17, Nummer 1, Januar 1984, S. 311–322, ISSN 0148-7299. doi:10.1002/ajmg.1320170124. PMID 6711603.
  5. J. P. Fryns, M. Buttiens: X-linked mental retardation with marfanoid habitus. In: American journal of medical genetics. Band 28, Nummer 2, Oktober 1987, S. 267–274, ISSN 0148-7299. doi:10.1002/ajmg.1320280202. PMID 3322000. (Review).

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

  • M. S. Williams: Neuropsychological evaluation in Lujan-Fryns syndrome: commentary and clinical report. In: American journal of medical genetics. Part A. Band 140, Nummer 24, Dezember 2006, S. 2812–2815, ISSN 1552-4825. doi:10.1002/ajmg.a.31501. PMID 17103446.
  • K. N. Purandare, T. N. Markar: Psychiatric symptomatology of Lujan-Fryns syndrome: an X-linked syndrome displaying Marfanoid symptoms with autistic features, hyperactivity, shyness and schizophreniform symptoms. In: Psychiatric genetics. Band 15, Nummer 3, September 2005, S. 229–231, ISSN 0955-8829. PMID 16094260.
  • J. Donders, H. Toriello, S. van Doornik: Preserved neurobehavioral abilities in Lujan-Fryns syndrome. In: American journal of medical genetics. Band 107, Nummer 3, Januar 2002, S. 243–246, ISSN 0148-7299. PMID 11807907.

Weblinks[Bearbeiten]


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