Lysis (Pythagoreer)

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Lysis war ein antiker griechischer Pythagoreer und Lehrer des thebanischen Staatsmanns Epameinondas. Er lebte im 5. und frühen 4. Jahrhundert v. Chr.

Leben[Bearbeiten]

Lysis stammte aus der griechischen Kolonie Tarent in Apulien (Süditalien). Die in den griechischen Städten Süditaliens verbreitete Gemeinschaft der Pythagoreer, der er angehörte, war damals wegen ihres Eingreifens in die Politik sehr umstritten und in mehreren Städten heftigen Angriffen ausgesetzt. Der Philosoph Aristoxenos berichtet, dass Gegner der Pythagoreer deren Versammlungshaus in Kroton (heute Crotone in Kalabrien) in Brand steckten; dabei sollen alle dort versammelten Pythagoreer außer zweien – dem damals noch jugendlichen Lysis und Archippos von Tarent – ums Leben gekommen sein. Jedenfalls wurden die Pythagoreer stark geschwächt und konnten sich für einige Zeit nicht mehr als politische Kraft behaupten. Diese Unruhen werden gewöhnlich um die Mitte des 5. Jahrhunderts datiert, doch wird auch Spätdatierung (zwischen 440 und 415) erwogen.[1] Unter den Pythagoreern, die daraufhin nach Griechenland auswanderten, war Lysis.

Dass Lysis sich in Theben niederließ und dort den jungen Epameinondas, der später zu einem der führenden Staatsmänner Griechenlands aufstieg, unterrichtete, geht aus glaubwürdigen Berichten hervor.[2] Inwieweit Epameinondas dabei pythagoreisches Gedankengut aufnahm und sich später davon beeinflussen ließ, ist allerdings schwer festzustellen.[3] Einer von Plutarch mitgeteilten Überlieferung zufolge verbrachte Lysis seinen Lebensabend im Hause von Epameinondas’ Vater Polymnis und wurde dort bis zu seinem Tod gepflegt und von den Kindern des Polymnis als Vater angeredet.[4]

Der Neuplatoniker und Neupythagoreer Iamblichos von Chalkis erzählt eine Anekdote, wonach Lysis Verabredungen so gewissenhaft einhielt, dass er einmal einen Tag und eine Nacht lang beim Tempel der Hera auf einen Pythagoreer wartete, der die Abmachung vergessen hatte.[5]

Lysisbrief[Bearbeiten]

Sicher unecht ist der in der Antike populäre „Lysisbrief“, den Lysis angeblich an den Pythagoreer Hipparchos richtete. Es handelt sich um einen der pseudepigraphen angeblichen Pythagoreerbriefe, die in der römischen Kaiserzeit verbreitet waren. Der Lysisbrief fordert den fiktiven Empfänger zur Geheimhaltung philosophischer Lehren auf.[6] Im Jahr 1499 erschien die erste Edition bei Aldus Manutius in Venedig. Schon im 15. Jahrhundert hatte Kardinal Bessarion den Brief ins Lateinische übersetzt; im 16. Jahrhundert folgten weitere lateinische Übersetzungen von Philipp Melanchthon und Nikolaus Kopernikus. Kopernikus ließ sich von dem antiken Text in seiner Zurückhaltung hinsichtlich der Veröffentlichung seiner eigenen Erkenntnisse bestärken.[7] Eine deutsche Übersetzung fertigte Matthias Claudius an.

Quellen[Bearbeiten]

  • Holger Thesleff (Hrsg.): The Pythagorean Texts of the Hellenistic Period. Åbo Akademi, Åbo 1965, S. 110–115 (Zusammenstellung der einschlägigen Quellen)
  • Maria Timpanaro Cardini: Pitagorici. Testimonianze e frammenti. Band 2, La Nuova Italia, Firenze 1962, S. 258–261 (griechische Quellentexte mit italienischer Übersetzung)

Literatur[Bearbeiten]

  • Bruno Centrone, Constantinos Macris: Lysis de Tarente. In: Richard Goulet (Hrsg.): Dictionnaire des philosophes antiques. Band 4, CNRS Éditions, Paris 2005, ISBN 2-271-06386-8, S. 218−220

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Zur Datierung siehe Kurt von Fritz: Pythagoreer, Pythagoreismus. In: Pauly-Wissowa RE 24, Stuttgart 1963, Sp. 209–268, hier: 212, 214–216; für Spätdatierung plädiert Domenico Musti: Le rivolte antipitagoriche e la concezione pitagorica del tempo. In: Quaderni Urbinati di Cultura Classica N.S. Bd. 36, 1990, S. 35–65.
  2. Kurt von Fritz: Pythagorean Politics in Southern Italy, New York 1940, S. 4, 13, 28f., 78–80; Walter Burkert: Weisheit und Wissenschaft. Studien zu Pythagoras, Philolaos und Platon, Nürnberg 1962, S. 181 und Anm. 47.
  3. Eine Hypothese dazu erörtern Pierre Lévêque und Pierre Vidal-Naquet: Der Pythagoreer Epaminondas oder das taktische Problem des rechten und linken Flügels. In: Pierre Vidal-Naquet: Der Schwarze Jäger, Frankfurt/Main 1989, S. 69–84.
  4. Plutarch: De genio Socratis 583a−d.
  5. Iamblichos, De vita Pythagorica 185; siehe dazu Cornelia J. de Vogel: Pythagoras and Early Pythagoreanism, Assen 1966, S. 157 f.
  6. Herausgegeben und übersetzt von Alfons Städele: Die Briefe des Pythagoras und der Pythagoreer, Meisenheim am Glan 1980, S. 154–159.
  7. Charles H. Kahn: Pythagoras and the Pythagoreans. A Brief History, Indianapolis 2001, S. 159 f.; Alfons Städele: Die Briefe des Pythagoras und der Pythagoreer, Meisenheim am Glan 1980, S. 145 f.