Mário Viegas Carrascalão

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Mário Carrascalão auf einer Wahlkampfveranstaltung 2007

Mário Viegas Carrascalão (* 12. Mai 1937 in Uai-Tali-Bu'u, Venilale/Portugiesisch-Timor) ist ein osttimoresischer Politiker. In der Kolonialzeit setzte er sich für eine größere Autonomie von Portugal ein. Während der indonesischen Besatzungszeit war Carrascalão vom 18. September 1983 bis zum 18. September 1992 Gouverneur der Provinz und politischer Berater des indonesischen Präsidenten Bacharuddin Jusuf Habibie im Jahr 1999. Ab dem Übergang in die Unabhängigkeit Osttimors war Carrascalão von 2000 bis 2008 Vorsitzender der Sozialdemokratischen Partei (PSD). Vom 22. Januar 2009 bis zum 6. September 2010 war er zweiter Vize-Premierminister.

Leben[Bearbeiten]

Geboren wurde er als fünftes von 14 Kindern eines portugiesischen Exilanten und einer Einheimischen. Mário besuchte eine Schule in der Hauptstadt Dili und studierte, als einer von wenigen Timoresen, dann in Portugal. Bis zur Nelkenrevolution in Portugal war Mário Carrascalão der Vorsitzende der Acção Nacional Popular (ANP) in Portugiesisch-Timor, der portugiesischen Einheitspartei.[1]

Mit der Nelkenrevolution 1974 kündigte sich für Osttimor die Unabhängigkeit an. Mit seinen Brüdern Manuel und João kehrte Carrascalão nach Osttimor zurück und gründete mit ihnen beiden die União Democrática Timorense (UDT, Demokratische Union Timor), die erste politische Partei Osttimors. Mário war Gründungspräsident, musste aber auf Druck portugiesischer Offiziere sein Amt an Francisco Lopes da Cruz abgeben, da Mário zu enge Beziehungen zur alten Diktatur nachgesagt wurde.[1]

Die UDT befürwortete eine enge Bindung an die frühere Kolonialmacht Portugal oder wie sie in Tetum sagten: „mate bandera hum“ – im Schatten der portugiesischen Flagge. Schließlich unterstützte die UDT eine schrittweise Heranführung an die Unabhängigkeit. Am 11. August 1975 versuchte die UDT mit einem Putsch an die Macht zu kommen, doch die FRETILIN konnte sich in den Straßenkämpfen in Dili durchsetzen. Carrascalão floh nach Indonesien. Dort unterstützte er nun den Anschluss Osttimors an den Nachbarstaat. Nur wenige Tage nach der Unabhängigkeitserklärung durch die FRETILIN besetzte Ende des Jahres Indonesien das Land. Carrascalão war einiger der osttimoresischen Politiker, die unter Anleitung der Indonesier die Annexion nachträglich beantragten.[2]

Zwischen 1977 und 1981 arbeitete Carrascalão für das indonesische Außenministerium bei den Vereinten Nationen in New York. Mário Viegas Carrascalão wurde für die Regierungspartei Golkar Abgeordneter in der Provinzversammlung und schließlich indonesischer Gouverneur Osttimors. Als Gouverneur arbeitete er aber nicht unbedingt loyal zu Indonesien. Er leitete Informationen über Menschenrechtsverletzungen ins Ausland und unterstützte die Arbeit der Exil-Osttimoresen. In seine Amtszeit fällt auch das Santa-Cruz-Massaker am 12. November 1991. Carrascalão berichtete unter anderem von geheimen Exekutionen durch indonesische Soldaten infolge des Massakers. Zeitweise war Carrascalão indonesischer Botschafter in Rumänien.

1999 wurde Carrascalão politischer Berater vom indonesischen Präsidenten Jusuf Habibie. Im August des Jahres konnten die Osttimoresen schließlich über ihre Unabhängigkeit abstimmen und entschieden sich mit großer Mehrheit dafür. Carrascalão wurde Vizepräsident des Conselho Nacional de Resistência Timorense (CNRT), dem damaligen Dachverband der osttimoresischen Parteien und Organisationen.

2001 wurde Carrascalão in die Verfassunggebende Versammlung gewählt, aus dem mit der Unabhängigkeit Osttimors das Nationalparlament Osttimors wurde. Carrascalão gab aber noch während der Legislaturperiode seinen Sitz auf. Mit den Parlamentswahlen in Osttimor 2007 zog er wieder als Abgeordneter in das Parlament ein. Hier war er Mitglied der Kommission für Landwirtschaft, Fischerei, Forstwirtschaft, Natürliche Ressourcen und Umwelt (Kommission D).[3] Bis zum 7. Dezember 2008 war Carrascalão Vorsitzender der Mitte rechts orientierten Sozialdemokratischen Partei PSD, trat aber zur Neuwahl nicht mehr an. Sein Nachfolger wurde der Außenminister Zacarias da Costa. Am 22. Januar 2009 wurde Carrascalão von Premierminister Xanana Gusmão zum zweiten Vizepremierminister neben José Luís Guterres ernannt. Er sollte sich um Teile der Verwaltung kümmern, gegen die in den vorangegangenen Monaten Korruptionsvorwürfe laut wurden. Gleichzeitig gab Carrascalão erneut seinen Sitz im Nationalparlament ab.[4] In der Folge kam es immer wieder zum Streit zwischen Carrascalão und Gusmão. Schließlich reichte Carrascalão am 6. September 2010 seinen Rücktritt ein, nachdem Gusmão ihn öffentlich als dumm und inkompetent bezeichnet hatte.[5] Carrascalão kehrte bis zur Neuwahl 2012 wieder in das Parlament zurück, bei der er nicht mehr antrat.[6]

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Mário Carrascalão – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b José Ramos-Horta: Funu. Osttimors Freiheitskampf ist nicht vorbei! Ahriman-Verlag, Freiburg 1997, ISBN 3-89484-556-2
  2. Kapitel 4 Regime of Occupation (PDF; 563 kB) der CAVR-Untersuchungskommission von 2006
  3. Profil auf der Webseite des Parlaments, 29. Oktober 2008 (Portugiesisch)
  4. East Timor Law and Justice Bulletin, 22. Januar 2009, Social Democratic Party President Mario Carrascalao named Second Vice Prime Minister of East Timor
  5. Tempr Semanal, 8. September 2010, Breaking News - Political Drama in Timor-Leste: Mario Resigns.
  6. List of High State Officials& Senior Civil Servants of Timor-Leste, August 2011