Mädchen

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Dieser Artikel behandelt junge weibliche Menschen; weitere Bedeutungen siehe unter Mädchen (Begriffsklärung).
Albert Anker: Mädchen, die Haare flechtend, 1887

Ein Mädchen ist ein junger Mensch weiblichen Geschlechts, der noch nicht das Erwachsenenalter erreicht hat, also ein Kind oder eine Jugendliche, die noch keine Frau ist.

Mädchen sind Gegenstand biologischer, medizinischer, entwicklungspsychologischer, pädagogischer, kulturanthropologischer, sozialgeschichtlicher, sozialwissenschaftlicher, kulturgeschichtlicher und kulturwissenschaftlicher Betrachtung. Um eine interdisziplinäre Beschreibung von Mädchen bemüht sich die Mädchenforschung.

Wortgeschichte[Bearbeiten]

Mädchen für ‘Jugendliche, Kind weiblichen Geschlechts, Freundin eines jungen Mannes’ verwendet ein Diminutivsuffix und ist etymologisch eine Verkleinerungsform zu Magd. Es wurde zunächst im 15. Jahrhundert im Mittelniederdeutschen mēgedeken verwendet, sowie im Obermitteldeutschen Medichen Anfang des 16. Jahrhunderts, woraus Mägdchen im 17. Jahrhundert und schließlich Mädchen entstand. Martin Luther verwendete in seiner Bibelübersetzung noch die Ausdrücke Meidlin (Mägdlein), Jungfraw (Jungfrau), Dirne und Weibsbilde (Weibsbild), wobei er mit dem letztgenannten Wort neben Mädchen auch erwachsene Frauen bezeichnete.

Daneben wurde, vom Oberdeutschen ausgehend, Mädel mit dem Diminutivsuffix -el gebildet.[1] Die Bezeichnung Mädel wurde in der Vergangenheit zum Teil propagandistisch genutzt. So nannten die Nationalsozialisten die Nachwuchsorganisation für Frauen Bund Deutscher Mädel. Er wurde vorübergehend im Wörterbuch des Unmenschen 1957 als einer von 28 Ausdrücken geführt, die nach Ansicht der Autoren aus dem deutschen Sprachschatz gestrichen werden sollten, weil sie den „Wortschatz der Gewaltherrschaft“ verkörperten.[2] Seine Verwendung wird mitunter von der heutigen rechten Szene wieder aufgegriffen (vgl. Mädelring Thüringen), ist aber in der Umgangssprache, häufig auch in ironischer Form, verbreitet.[3]

Bis ins 20. Jahrhundert wurde die Bezeichnung häufig auch für Hausangestellte verwandt (Mädchen für alles, 1832). Solche abweichenden Bedeutungen des Wortes „Mädchen“, wie für weibliches Hauspersonal, erwachsene Frauen oder für eine Freundin eines jungen Mannes gelten als veraltend und werden zunehmend diskriminierend konnotiert.[4] Grundsätzlich sollte gemäß Duden im modernen Sprachgebrauch der Ausdruck Mädchen nur noch in Verbindung mit einem weiblichen Kind verwendet werden.[4]

Ikonografie und Kulturgeschichte[Bearbeiten]

Judentum und Christentum[Bearbeiten]

Jesus erweckt die Tochter des Jaïrus, ein Mädchen von 12 Jahren, von den Toten. Kolorierte Zeichnung von Friedrich Overbeck (1815)

Zu den Begriffen, mit denen Mädchen in der alttestamentlichen Ikonografie assoziiert werden, zählen Anmut und Schönheit[5], Schmuck[6], Musik und Gesang[7], Tanz[8], sexuelle Unerfahrenheit[9] und Brautwerbung[10], aber auch Brautraub[11], Vergewaltigung[12] und Schmerz.[13] Mädchen unterliegen in der Bibel keinen speziellen Geboten, die nur für sie gelten; zu den wenigen Verhaltensanweisungen, die Mädchen im Alten Testament erteilt werden, zählt die Aufforderung, bei einer Vergewaltigung um Hilfe zu rufen, weil sonst der Verdacht naheliege, dass der Sexualverkehr einvernehmlich stattgefunden habe.[14] Das Alte Testament ist reich an einprägsamen Mädchengestalten; darunter sind etwa Abrahams spätere Schwiegertochter Rebekka[15], Jakobs Tochter Dina[16], die oft Mirjam genannte Schwester des Mose[17], König Davids junge Pflegerin Abischag[18], die spätere Königin Ester und die gelegentlich als Sulamith bezeichnete Geliebte im Hohelied Salomos.[19]

Im traditionellen und orthodoxen Judentum gelten für Mädchen andere religiöse Regeln als für Jungen. Während Jungen bald nach der Geburt im Rahmen einer religiösen Zeremonie (Brit Mila) beschnitten werden, beschränken sich die Zeremonien bei der Geburt eines Mädchens meist darauf, dass der Vater bei der nächsten Tora-Lesung in der Synagoge den Namen der Tochter bekannt gibt. Da weder die Mischna noch der Talmud explizite Vorschriften zu dieser Frage enthalten, wird die Namensgebungszeremonie für neugeborene Mädchen (Zeved habat, Simchat bat) innerhalb der verschiedenen Strömungen des Judentums sowie historisch und regional uneinheitlich gehandhabt.[20] Ebenso wie Jungen studieren Mädchen auch im traditionellen Judentum das jüdische Schrifttum, und zwar insbesondere die Gesetze, die die von Frauen zu erfüllenden Mitzwot regeln, z. B. Sabbat, Kashrut und Familienreinheit betreffend.[21] Ein der Bar Mitzwa entsprechender Übergangsritus für Mädchen (Bat Mitzwa) ist nur außerhalb des orthodoxen Judentums verbreitet, dort heute jedoch weithin.[22]

Die Mädchen-Ikonografie des Neuen Testamentes ist deutlich sparsamer und weniger poetisch als die des Alten Testaments. Die prominenteste Mädchengestalt dieses christlichen Bibelteils ist die Jungfrau Maria.[23] Daneben erscheint die markante Persönlichkeit der ‒ oft als „Salome“ bezeichneten ‒ Tochter der Herodias, die als Lohn für ihren Tanz den Kopf des Johannes fordert.[24] Aber auch als Zeuginnen von Wundern treten Mädchen in Neuen Testament hervor, darunter die zwölfjährige Tochter des Jaïrus, die durch Jesus aus dem Tode auferweckt wird[25], und die kleine Tochter einer Griechin, der Jesus einen Dämon austreibt.[26]

Das Christentum kennt grundsätzlich keine verschiedenen Riten für Mädchen und Jungen. In der römisch-katholischen Kirche und den orthodoxen Kirchen können manche Sakramente und Sakramentalien allerdings nur von Männern oder Frauen empfangen werden.

Mädchen in Jugendkulturen[Bearbeiten]

Emo-Girl

Mädchen haben ihre eigene Rolle zu Jugendkulturen beigetragen. So gilt die Girlie-Kultur als eine von Mädchen allein getragene moderne Bewegung der Popkultur.[27] Laut dem Kulturwissenschaftler Jonas Engelmann ist Emo „die erste Jugendkultur, in der sich die Jungs an die Mädchen anpassen. Die Emos stellen das Rollenmodell auf den Kopf.“[28]

Forschung[Bearbeiten]

Der wissenschaftlichen Erfassung der wirtschaftlichen, politischen, sozialen und kulturellen Faktoren, welche die Lebensbedingungen von Mädchen bestimmen, widmet sich seit dem späten 20. Jahrhundert die Mädchenforschung, ein Zweig der Frauenforschung. Angeregt wurde der wissenschaftliche und gesellschaftliche Diskurs um Mädchen u. a. durch Elena Gianini Belottis 1973 in Italien publizierten Essay Was geschieht mit kleinen Mädchen?[29]

In Deutschland gab es in den 1980er Jahren erste Ansätze hinsichtlich einer geschlechtsdifferenzierenden Mädchenforschung. Die damalige Ausweitung und verstärkte Förderung von Frauenstudien und -projekten fand auch Niederschlag in Projekten und Lehrveranstaltungen speziell zu Mädchenarbeit an universitären Einrichtungen. Der 6. Jugendbericht 1984 lieferte durch 39 Expertisen zu Lebenswelten von Mädchen und deren Perspektiven eine fundierte Basis. Es leitete sich die Forderung nach einer zielgerichteten Förderung von Mädchen in sämtlichen Bereichen der Jugendhilfe ab.[30] 1991 hat die Erziehungs- und Sozialwissenschaftlerin Claudia Franziska Bruner eine erste Übersicht über Ergebnisse der noch jungen Mädchenforschung veröffentlicht.[31] 2008 folgte ein Übersichtsartikel von Helga Kelle.[32] Als einschlägige Expertinnen gelten die Medienwissenschaftlerin Maya Götz und die Erziehungswissenschaftlerin Petra Focks.[33]

In den Vereinigten Staaten, wo Studien- und Forschungszentren für Girls’ Studies u. a. an der University of Missouri–Kansas City[34], der State University of New York in Cortland[35] und an der University of Illinois at Urbana-Champaign[36] zu finden sind, veröffentlichte Elline Lipkin (damals UC Berkeley) im Jahre 2006 ihren Übersichtsband Girls’ Studies: Seal Studies.[37]

Literatur[Bearbeiten]

  • Meike Lauggas: Mädchenbildung bildet Mädchen. Eine Geschichte des Begriffs und der Konstruktionen. Milena-Verlag, Wien 2000, ISBN 3-85286-075-X (Feministische Theorie; 40).
  • Ingeborg Weber-Kellermann: Die Kindheit. Kleidung und Wohnen, Arbeit und Spiel. Eine Kulturgeschichte. Insel, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-458-05095-7
  • Lara Cardella: Ich wollte Hosen. Fischer, Frankfurt am Main 1992, ISBN 3-596-10185-9
  • Marlis Hellinger: Kontrastive feministische Linguistik. Mechanismen sprachlicher Diskriminierung im Englischen und Deutschen. Verlag MaxHuebner, Ismaning 1999, ISBN 3-19-006605-1

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Etymologisches Wörterbuch des Deutschen nach Pfeifer, online auf DWDS, abgerufen am 23. November 2011
  2. Nazi-Worte im Sprachgebrauch: Mädel verpflichtet, süddeutsche.de vom 25. Juli 2008
  3. Mädel in duden.de, abgerufen am 23. November 2011
  4. a b Mädchen auf duden.de, abgerufen am 23. November 2011
  5. Ester 2.3ff; Amos 8.13; Sacharja 9.17
  6. Jeremia 2.32
  7. Psalm 68.26; Psalm 78.63
  8. Richter 21.21ff; Jeremia 31.13
  9. 4. Mose 31.35; Richter 21.12; Hesekiel 44.22
  10. 1. Mose 24.55; 1. Mose 34.4; Ester 2.4; Jesaja 62.5
  11. Richter 21.21; Richter 5.30; 2. Könige 5.2
  12. 5. Mose 22.28; Klagelieder 5.11
  13. Klagelieder 2.10ff
  14. 5. Mose 22.23ff
  15. 1. Mose 24.15ff
  16. 1. Mose 34.1ff
  17. 2. Mose 2.4ff
  18. 1. Könige 1.3ff
  19. Hohelied 8.13
  20. Welcoming all of our children (PDF; 2,7 MB)
  21. Do women study Torah?
  22. What Is a Bat Mitzvah?
  23. Matthäus 1.18ff
  24. Markus 6.22ff; Matthäus 14.6ff
  25. Matthäus 9.18ff; Markus 5.35ff; Lukas 8.41ff
  26. Markus 7.25ff
  27.  Angela McRobbie: Muskelpakete und Schwänze. Die Bedeutung der Girlie Kultur. In: Anette Baldauf, Katharina Weingartner (Hrsg.): Lips Tits Hips Power? Popkultur und Feminismus. Folio, Wien, Bozen, ISBN 3-85256-077-2, S. 278.
  28. Carola Padtberg: Jugendkultur Emo - Entdeck das Mädchen in dir vom 11. März 2010, aufgerufen am 25. November 2011 bei Spiegel online
  29. Margitta Kunert-Zier: Erziehung der Geschlechter: Entwicklungen, Konzepte und Genderkompetenz in sozialpädagogischen Feldern, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, ISBN 3-531-14657-2, S. 28
  30. Margitta Kunert-Zier: Erziehung der Geschlechter - Entwicklungen, Konzepte und Genderkompetenz in sozialpädagogischen Feldern, : Die achtziger Jahre - Mädchenarbeit sichtbar machen, Wiesbaden: Verlag für Sozialwissenschaften, 2005, ISBN 3-531-14657-2 Seite 30ff
  31. Claudia Franziska Bruner: Mädchenforschung in der Bundesrepublik Deutschland: eine Literaturdokumentation, Weinheim, München: DJI Verlag, 1991, ISBN 3-87966-327-0
  32. Helga Kelle: Mädchen: Zur Entwicklung der Mädchenforschung, in: Ruth Becker, Beate Kortendiek (Hrsg.): Handbuch Frauen- und Geschlechterforschung: Theorie, Methoden, Empirie, Wiesbaden: Springer, 3. Auflage 2010, ISBN 978-3-531-17170-8, S. 418‒427
  33. Maya Götz; Petra Focks
  34. Women’s & Gender Studies: Certificate in Girls’s Studies
  35. Reimagining Girlhood: Communities, Identities, Self-Portrayals.
  36. Dr. Ruth Nicole Brown, Assistant Professor
  37. Elline Lipkin