Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen

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Das Märchen von einem, der auszog das Fürchten zu lernen ist ein Märchen (ATU 326). Es steht in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm an Stelle 4 (KHM 4). In der 1. Auflage hieß es Gut Kegel- und Kartenspiel, bis zur 3. Auflage Märchen von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. Ludwig Bechstein übernahm es in sein Deutsches Märchenbuch 1853 als Das Gruseln an Stelle 80.

Handlung[Bearbeiten]

Es handelt von einem furchtlosen jungen Mann, der auf Reisen geht, um das Gruseln zu lernen. Er nächtigt beispielsweise unter einem Galgen, und es verschlägt ihn schließlich in ein Spukschloss. Doch auch dort lernt er unter den bösen Geistern das Gruseln nicht und erlöst damit das Schloss von ihnen. So bekommt er vom König zur Belohnung dessen Tochter zur Frau.

Eine scherzhafte Coda schließt sich an: Dauernd beschwert er sich weiterhin, er habe das Gruseln immer noch nicht gelernt („Ach, wenn mir’s nur gruselte!“). Schließlich schüttet seine junge Frau des Nachts dem Schlafenden einen Bottich kaltes Wasser mit kleinen Fischen über den Leib. Da springt er heraus und ruft, nun grusele es ihm in der Tat.

Textgeschichte[Bearbeiten]

Im Gegensatz zu dem anspruchslosen Märchentext der Erstauflage kombiniert Wilhelm Grimms spätere Bearbeitung auch sagen- und schwankhafte Motive unter der neuen, eigens auf dem Märchenhaften bestehenden Überschrift (wohl in Anlehnung an Wickrams Rollwagenbüchlin). Wilhelm Grimm schmückte den Text wohl selbst wie viele andere Märchen nach und nach mit Redensarten aus dem Volk aus. Gruseln bedeutet ursprünglich das Prickeln der Haut, was dem naiv-körperlichen Empfinden eines Märchenhelden vielleicht besser entspricht als Fürchten. Es gelangte erst durch dieses Märchen, von Bechstein als Das Gruseln in sein Deutsches Märchenbuch übernommen, ins Hochdeutsche. Heinz Rölleke nennt weitere literarische Rezeptionen: Eine Verserzählung von Wilhelm Langewiesch 1842, Hans Christian Andersens Der kleine und der große Klaus (1835), Wilhelm Raabes Der Weg zum Lachen (1857) und Meister Autor (1874), Rainer Kirschs Auszog das Fürchten zu lernen (1978), Günter Wallraffs Von einem der auszog und das Fürchten lernte (1979) und Märchenbearbeitungen von Ernst Heinrich Meier, Ludwig Bechstein (Das Gruseln, vgl. ferner Der beherzte Flötenspieler) und Italo Calvino. Wilhelm Grimm scheint die innere Stringenz des Stoffes intuitiv richtig erfasst zu haben. Man deutet AaTh 326 heute als eigenständigen Erzähltyp, der nach vergeblichen Versuchen des Fürchtenlernens durch einen männlichen Helden zu Todesbewusstsein führt. In weniger schwankhaften Abschlüssen erschrickt er oft über seinen veränderten Blickwinkel bei abgeschlagenem Kopf. [1] Eine solche Fassung ist Flamminio bei Straparola (Nr. 10).

Grimms Anmerkung[Bearbeiten]

Das Märchen steht in den Kinder- und Hausmärchen so ab der 2. Auflage von 1819 und vorher 1818 in der Zeitschrift Wünschelruthe (Nr. 4). Es basiert auf einer Fassung in der Schwalmgegend (von Ferdinand Siebert), einer meklenburgischen Erzählung und einer aus Zwehrn (wohl von Dorothea Viehmann). Die Version der Erstauflage von 1812 Gut Kegel- und Kartenspiel enthielt nur die Episode im Schloss.

Die Brüder Grimm merken an, dass die Proben im Einzelnen je nach Quelle variieren und nennen vergleichend KHM 81 Bruder Lustig, KHM 82 De Spielhansl und Gawan im Parzival.

Aus der zwehrener Fassung stamme die Leiche, die der Junge im Bett wärmen will. Hier spielt er gegen Gespenster mit neun Knochen und einem Totenkopf und verliert alles Geld. In einer dritten hessischen übergießt die Meisterin den Schneiderjungen im Bett mit kaltem Wasser. In einer vierten beschließt ein junger Tiroler mit seinem Vater, das Fürchten zu lernen. Er schert einem Gespenst den Bart, das ganz mit Messern bedeckt ist, dann will es ihm den Hals abschneiden und verschwindet, als es zwölf schlägt. Er tötet einen Drachen und nimmt dessen Zungen als Beweis, wie in KHM 85 Die Goldkinder.

Eine fünfte Erzählung aus Zwehrn (wohl von Dorothea Viehmann) geben sie ausführlich wieder: Der Sohn des Schmieds geht in die Welt, um sich zu fürchten. Der Tote am Galgen, unter dem er schläft, bittet ihn, den Schulmeister als wahren Dieb anzuzeigen, um anständig begraben zu werden. Dafür gibt ihm sein Geist einen Stab, der alle Gespenster schlägt. Damit befreit der Schmied ein verwünschtes Schloss, sperrt die schwarzen Geister und den schwarzen Pudel ein, den Priester auch, weil er so aussieht. Die Goldkleider, die ihm der König zum Dank schenkt, sind ihm zu schwer, er behält seinen alten Kittel. Doch über das Schießen der Kanone freut er sich, nun habe er den Fürchtemich gesehen.

In einer sechsten aus dem Paderbörnischen (wohl von Familie von Haxthausen) schickt der Vater den Hans einen Totenknochen holen, und lässt die zwei Töchter dabei Gespenst spielen, aber Hans dreht ihnen den Hals um. Er muss auswandern und nennt sich Hans Fürchtemienig. Im Spukschloss erhält er jede Nacht einen Soldaten zum Geleit, der wegen der Kälte Feuer machen geht und den Kopf verliert. Hans spielt Karten mit einem Kopflosen, verliert, dann gewinnt er. Die dritte Nacht will ein Geist ihn vertreiben. Sie wetten, wer zuerst die Finger im Schlüsselloch hat. Der Geist gewinnt und Hans keilt ihn fest und haut, bis sich der Geist mit den seinen ins Blumengärtchen bannen lässt.

Sie nennen noch Literaturstellen: Wolfs Hausmärchen S. 328, 408 und niederländische Sagen S. 517–522; Zingerle S. 281–290; Pröhles Kinder- und Volksmärchen Nr. 33; Molbech schwedisch Nr. 14 Graasappen und dänisch Nr. 29 de modige Svend. Hreidmar in einer isländischen Erzählung erfährt was Zorn ist. Sie erwähnen noch Goethes Äußerung über das Märchen.

Interpretation[Bearbeiten]

Søren Kierkegaard zeigt an dem Märchen, wie Angst im Glauben zur Freiheit führen kann.[2]

Deutung bei Hedwig von Beit: Die Katzen sind Vorstufen des späteren Gespenstes: Sie schlagen ein Spiel vor, was in Varianten der Geist selbst tut, und werden wie er eingeklemmt (vgl. KHM 8, 20, 91, 99, 114, 161). Totengeister erscheinen in Tieren, Kegelspiele bestehen in Märchen oft aus Knochen und Schädel. Der Totenreichaspekt des Unbewussten tritt dann hervor, wenn das Bewusstsein sich ihm gegenüber ablehnend verhält - wie es der naive, eigentlich nicht mutige Sohn hier in Kompensation zum Verhalten der anderen tut. Naiv behandelt er Geister wie echte Gegner, verfällt aber nicht in Panik, so dass die unbewussten Konflikte Gestalt annehmen und fixiert werden können. Den ihm unbewussten Anteil des Lebens zeigt ihm die Frau. In vielen Varianten erschrickt er vor dem Blick nach hinten oder seiner eigenen Rückseite, als ihm der Kopf verkehrt herum aufgesetzt wird, was in der Deutung auf den Anblick des Todes oder des Jenseits hinausläuft. [3]

Franz Fühmann meint, der Held fühle offenbar, dass ihm eine menschliche Dimension fehle.[4] Peter O. Chotjewitz meint, man habe ihm einfach die Worte für Gefühle nicht gesagt, was er nun mit seiner angeblichen Dummheit in Verbindung bringe.[5] Bruno Bettelheim versteht das Märchen so, dass zur Erlangung menschlichen Glücks Verdrängungen aufgehoben werden müssen. Schon ein Kind kenne verdrängte, unbegründete Ängste, die nachts im Bett auftreten. Sexuelle Ängste werden meist als eine Abscheu empfunden. [6] Wilhelm Salber bemerkt den Aufwand, wie hier mit Gespenstern und Toten demonstrativ Ängste aufgebaut und vernichtet werden, um Nähe zum banalen Leben zu vermeiden, erst Anteilnahme bringt hier Bewegung.[7] Egon Fabian und Astrid Thome sehen in dem Märchen die Einsicht in die psychische Notwendigkeit des Wahrnehmens von Angst, die sonst äußerlich gesucht wird und innerlich als Urangst unerreichbar bleibt.[8]

Es gehört zu den nicht seltenen Geschichten, in denen ein Schweinehirt, ein abgedankter Soldat oder irrender Prinz, immer jemand 'von weit weg', eine Königstochter erringt und den Vater beerbt ("das halbe Reich" bekommt oder dgl.) (vgl. z.B. Der Teufel mit den drei goldenen Haaren). Es geht hier um die Geschichte einer matrilinearen Erbfolge, in der die Töchter und nicht die Söhne erben. Wandert die Geschichte in eine patrilineare Gesellschaft weiter, so brauchte man dort eine starke Erklärung, um diese 'Lösung' zu verstehen – hier die seltene Gabe, sich nie zu fürchten, und noch eine ungewöhnlich resolute Ehefrau.

Rezeptionen und Parodien[Bearbeiten]

In Hermann Hesses Erzählung Der Lateinschüler versucht der schüchterne Protagonist, das Märchen einem Kreis junger Mädchen vorzutragen, die es aber schon kennen.[9] Parodien spielen gern mit dem Titel und deuten Hans antikapitalistisch oder aber psychologisch als unsichere Persönlichkeit: Gerold Späths Hans macht weltweit Karriere und vergisst darüber, dass er das Gruseln suchte.[10] Rainer Kirsch skizziert eine Filmfassung, in der der Held zuletzt von Hofschranzen ermordet wird und so zu spät das Fürchten lernt.[11] Auch Karl Hoches Held findet den Kapitalismus noch lustig, nur die Emanze nicht.[12] Bei Janosch denkt der Bursche nur an Kegel- und Kartenspiel, spielt Nacht für Nacht mit dem kopflosen Geist, die Prinzessin stirbt irgendwann.[13]Günter Grass benutzt in seiner Autobiographie Beim Häuten der Zwiebel die Wendung Wie ich das Fürchten lernte mehrfach für Titel und Schilderungen des vierten Kapitels vom Kriegseinsatz, den er scheinbar wie ein naiver Märchenheld übersteht. Der Titel des Märchens wird oft variiert, z.B. durch die Band Wir sind Helden in ihrem Lied Zieh dir was an: Du hast dich ausgezogen, uns das Fürchten zu lehren.... Die Zeit betitelt z.B. einen Reisebericht „Von einem, der auszog, zur Ruhe zu finden“, ein Interview zu Risikoforschung „Das Fürchten lernen.“[14]

Film[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Brüder Grimm: Kinder- und Hausmärchen. Ausgabe letzter Hand mit den Originalanmerkungen der Brüder Grimm. Mit einem Anhang sämtlicher, nicht in allen Auflagen veröffentlichter Märchen und Herkunftsnachweisen herausgegeben von Heinz Rölleke. Band 3: Originalanmerkungen, Herkunftsnachweise, Nachwort. Reclam, Stuttgart 1994, ISBN 3-15-003193-1, S. 21–27, S. 443–444.
  • von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Zweite, verbesserte Auflage, Bern 1956. S. 519-532. (A. Francke AG, Verlag)
  • Breitkreuz, Hartmut: Einklemmen unholder Wesen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 3. S. 1261-1271. Berlin, New York, 1981.
  • Heinz Rölleke: Fürchten lernen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. Berlin, New York 1987, S. 584–593.
  • Verena Kast: Wege aus Angst und Symbiose. Märchen psychologisch gedeutet. Walter, München 1987, ISBN 3-530-42100-6, S. 14–36.

Weblinks[Bearbeiten]

  • LibriVox: Fürchten lernen als mp3-Hörbuch

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Heinz Rölleke: Fürchten lernen. In: Enzyklopädie des Märchens. Band 5. Berlin, New York 1987, S. 584–593.
  2. Ulrich H. Körtner: Weltangst und Weltende. Eine theologische Interpretation der Apokalyptik. S. 356.
  3. von Beit, Hedwig: Gegensatz und Erneuerung im Märchen. Zweiter Band von «Symbolik des Märchens». Zweite, verbesserte Auflage, Bern 1956. S. 519-532. (A. Francke AG, Verlag)
  4. Franz Fühmann: (Das Märchen von dem, der auszog, das Gruseln zu lernen). In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 60 (zuerst erschienen in: Franz Fühmann: Zweiundzwanzig Tage oder Die Hälfte des Lebens. Hinstorff, Rostock 1973, S. 99.).
  5. Peter O. Chotjewitz: Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen. In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 61-63 (zuerst erschienen in: Jochen Jung (Hrg.): Bilderbogengeschichten. Märchen, Sagen, Abenteuer. Neu erzählt von Autoren unserer Zeit. Deutscher Taschenbuch Verlag, München 1976, S. 53-55.).
  6. Bruno Bettelheim: Kinder brauchen Märchen. 31. Auflage 2012. dtv, München 1980, ISBN 978-3-423-35028-0, S. 328-330.
  7. Wilhelm Salber: Märchenanalyse (= Werkausgabe Wilhelm Salber. Band 12). 2. Auflage. Bouvier, Bonn 1999, ISBN 3-416-02899-6, S. 85-87, 140.
  8. Egon Fabian, Astrid Thome: Defizitäre Angst, Aggression und Dissoziale Persönlichkeitsstörung. In: Persönlichkeitsstörungen. Theorie und Therapie. Band 1, 2011, ISBN 978-3-7945-2722-9, S. 24-34.
  9. Hermann Hesse: Der Lateinschüler. In: Hermann Hesse. Die schönsten Erzählungen. Suhrkamp, Frankfurt am Main 2004, ISBN 3-518-45638-5, S. 70-100.
  10. Gerold Späth: Kein Märchen von einem, der auszog und das Fürchten nicht lernte. In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 70-71 (zuerst erschienen in: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 302, 24./25. Dezember 1977, S. 37.).
  11. Rainer Kirsch: Auszog das Fürchten zu lernen. In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 64-69 (1977; zuerst erschienen in: Rainer Kirsch: Auszog das Fürchten zu lernen. Prosa, Gedichte, Komödie. Rowohlt Verlag, Reinbek 1978, S. 187-193.).
  12. Karl Hoche: Märchen vom kleinen Gag, der sich auszog, um das Gruseln zu lernen. In: Wolfgang Mieder (Hrg.): Grimmige Märchen. Prosatexte von Ilse Aichinger bis Martin Walser. Fischer Verlag, Frankfurt (Main) 1986, ISBN 3-88323-608-X, S. 72-77 (zuerst erschienen in: Karl Hoche: Das Hoche Lied. Satiren und Parodien. Knaur, München 1978, S. 227-233.).
  13. Janosch: Kegel- und Kartenspiel. In: Janosch erzählt Grimm's Märchen. Fünfzig ausgewählte Märchen, neu erzählt für Kinder von heute. Mit Zeichnungen von Janosch. 8. Auflage. Beltz und Gelberg, Weinheim und Basel 1983, ISBN 3-407-80213-7, S. 176-182.
  14. Die Zeit. 10. April 2014, Nr. 16, S. 67, 77.