Möbelstil
Ein Möbelstil ist das für eine bestimmte Epoche, ein Gebiet, einen Tischler oder Ebenisten beziehungsweise eine Werkstatt charakteristische, durch einheitliche, ähnliche oder vergleichbare Merkmale in der Beschaffenheit oder der Formgebung gekennzeichnete Gepräge von Möbeln.
Möbelstile stehen in enger Beziehung zur allgemeinen Kulturentwicklung, zu dem jeweiligen Zeitgeist und zu den Architektur- und Kunststilen ihrer Epoche, sind mit Letzteren aber nicht identisch. So wie diese sind sie den Strömungen der Mode unterworfen.
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[Bearbeiten] Bestimmung
Die zur Bestimmung eines Stils herangezogenen Kriterien sind die verwendeten Werkstoffe und die Art ihrer Verarbeitung oder Behandlung, die Form des Möbelkorpus und der Beine sowie die Beschaffenheit und Ornamentik der Schnitzereien, Furniere, Intarsien und Inkrustationen, Fassungen, der Polsterung, der Möbelbezüge und der Beschläge.
Während sich die konstruktiven Elemente (Holz- und Metallarbeit) der Architektur der Bauwerke, und den dort herrscheneden Stilen anlehnen, und im Allgemeinen dieser zeitlich nachlaufen, folgen die dekorativen Elemente, insbesondere Bemalungen und Bezüge, der Innenarchitektur (Interieurmalerei, Wandbehang oder -schalung), und sind wie diese den schnellen Änderungen der Bekleidungsmode unterworfen – typischerweise werden etwa Sitzmöbel in dieser Hinsicht öfter umgestaltet, so dass sich hier verschiedene Stilformen mischen können. Funktionale Möbel wie Tafelmöbel, Truhen oder Schränke (Kastenmöbel)) sind ihrer Erscheinung konservativer, als etwa Leuchten, Paravents und ähnliches.
So umfasst die Möbelstilkunde zum einen hochinnovative Elemente, die innerhalb weniger Jahre wechseln, aber auch streng konservative Elemente, die teilweise weit über die der anderen bildenden Künste hinausreichend tradiert werden.
[Bearbeiten] Zeitliche Einordnung der Möbelstile im europäischen Raum
Die nachstehende Tabelle gibt einen Überblick über die zeitliche Einordnung verschiedener Kunst- und Möbelstile. Die Jahreszahlen sind lediglich als Anhaltspunkte zu betrachten, da Stile einer fliessenden Entwicklung unterworfen sind. Des Weiteren ist zu beachten, dass Möbelstile teilweise nach den Herrschern benannt werden, die in der Zeit regierten, als sie aufkamen, deren Regierungszeit aber nicht oder nur selten zeitgleich zu der Einführung und dem Ausklang eines Möbelstils verläuft. Die nachstehenden Jahreszahlen beziehen sich auf die Datierung der Stile.
| Allgemeine kunst- geschichtliche Epochen |
Deutschland/Österreich | Frankreich | England | ||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
| 1000 – 1250 | Romanik | 1020/1030 – 1250 | Romanik | 1000 – 1200 | Romanik | 1066 – 1170 | Romanik | ||||
| 1150 – 1550 | Gotik | 1220 – 1520 | Gotik | 1140 – 1500 | Gotik | 1170 – 1550 | Gotik | ||||
| 1500 – 1650 | Renaissance | 1520 – 1650 | Renaissance | 1500 – 1610 | Renaissance | 1550 – 1650 | Renaissance | ||||
| 1520 – 1610 | Manierismus | ||||||||||
| 1600 – 1750 | Barock | 1620 – 1770 | Barock | 1650 – 1715 | Louis-quatorze | 1702 – 1714 | Queen Anne Style | ||||
| 1714 – 1727 | Early Georgian (Georg I.) |
||||||||||
| 1720 – 1770 | Spätbarock/Rokoko | 1730/40 – 1770 | Rokoko / Österr.: Theresianisch | 1715 – 1723 | Régence | 1720 – 1770 | Mid Georgian / English rococo (Georg II.) |
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| 1735 – 1765 | Louis-quinze | 1750 – 1805 | Chippendale | ||||||||
| 1750 – 1830 | Klassizismus | 1760 – 1790 | bürgerl. Zopfstil | 1765 – 1790 | Louis-seize (inkl. Transition) | 1760 – 1790 | Adam-Style | ||||
| 1770 – 1790 | Österr.: Josephinisch | 1770 – 1811 1785 – 1790 |
Late Georgian (Georg III.) Hepplewhite-Style |
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| 1789 – 1799 | Directoire (inkl. Consulat) | 1790 – 1830 1790 – 1806 |
Regency-Style (künftiger Georg IV.) Sheraton |
||||||||
| 1805 – 1815 | Empire | 1799 – 1815 | Empire | ||||||||
| 1815 – 1830/48 | Restauration | 1815 – 1848 | Biedermeier | 1815 – 1830 | Restauration | ||||||
| 1830 – 1848 | Louis-Philippe (Louis-Philippe I.) | 1830 – 1850 | Early Victorian | ||||||||
| 1850 – 1910 | Historismus / Eklektizismus | 1850 – 1910 | Altdeutscher Stil | 1850 – 1870 | Second Empire | 1850 – 1875 | High Victorian | ||||
| 1880 – | Moderne | 1896/1897/1903 – 1920 | Jugendstil / Österr.: Secession/Wiener Werkstätte (nach 1914 vom Expressionismus beeinflusst) |
1895/1900 | Art Nouveau / Style Métro / Ecole de Nancy | 1870 – 1920 1890 – 1910 |
Arts and Crafts Glasgow School |
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| 1920 – 1940 | Art Déco | ||||||||||
Ab Mitte des 19. Jahrhunderts beginnt die Internationalisierung der Kunststile, und im gesamten europäisch-nordamerikanischen Raum, wie auch den durch die Kolonisierung kulturell verbunden Weltregionen finden sich stilähnliche Möbel. Zum andern fließen aber auch vermehrt Stilelemente außereuropäischer Hochkulturen und ethnischer Stile ein: Hier datiert man meist seit dem 1. Weltkrieg mit 1920er, 1930er, 1940er, 1950er, 1960er. Seit Mitte des 20. Jh. wird auch das Möbel in seiner stilistischen Gestaltung zunehmend von globalerer Formensprache bestimmt. Die sich – zumindest im urbanen Raum – weltweit annähernden Wohngewohnheiten lassen ähnliche formale Lösungen entstehen: Dieser eklektizististische Stilmix ist kennzeichnend für die Postmoderne.
[Bearbeiten] Bauernmöbel
Bauernmöbel ist eine Sammelbezeichnung für die Stilsprache ländlicher Regionen, die teils über viele Generationen hinweg sehr einheitlich bleibt. Diese zeichnet sich weniger durch ihre Formgebung, die sich grob an gotische, barocke oder klassizistische Formen anlehnt, sondern primär durch die Farbgebung, die als eine der Ausdrucksformen der Bauernmalerei zu sehen ist. Da viele dieser originalen Bemalungen dem Antiquitätenboom der 90er-Jahre zum Opfer gefallen sind, werden holzrohe Nachbauten heute als „bäuerlich“ empfunden und als Landhausstil angeboten.
Typischerweise klassifiziert man Bauernmöbel nach Zentren der Nebenerwerbstischlerei, etwa Bünder Stil der Ostschweiz, Antholzer Möbel in Südtirol, die sehr wertvollen grünen Tirolermöbel (Alpbacher und Zillertaler Bauernkasten) oder die blauen bayrischen Möbel. In diesem Kontext ist auch der Shakerstil Amerikas zu sehen, der als autochthone Stilentwicklung auf die Wurzeln europäischer Einwanderer zurückgeht.
[Bearbeiten] Siehe auch
[Bearbeiten] Weblinks
Europa:
- Möbel in ihren Stilepochen, Kunstgewerbemuseum in Flensburg (Gotik bis Rokoko)
- Stilkunde Möbel, tischlereivalta.com – mit Beispielen, Lexikon und Zeitleiste
- Stilkunde, Vogel&Schäpper – ein Überblick der Kennzeichen
- kleine Stilkunde, Karl Bucher – mit Abbildungen typischer Beschläge
- Literatur, antikmoebel-boerse.de – Literaturliste zum Thema
- Sogenannter Thron Dagoberts I., BnF, Paris, Frankreich