Mülhofen

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50.4259017.556818Koordinaten: 50° 25′ 33″ N, 7° 33′ 25″ O

Mülhofen
Verbandsfreie Stadt Bendorf
Höhe: 65–100 m ü. NHN
Einwohner: 2425 (2010)
Eingemeindung: 1. Oktober 1928
Postleitzahl: 56170
Vorwahl: 02622
Mülhofen (Rheinland-Pfalz)
Mülhofen

Lage von Mülhofen in Rheinland-Pfalz

Concordiahütte: das noch bestehende Industrie-Denkmal

Concordiahütte: das noch bestehende Industrie-Denkmal

Mülhofen ist seit 1928 ein Stadtteil der verbandsfreien Stadt Bendorf im Landkreis Mayen-Koblenz in Rheinland-Pfalz. Eine Sehenswürdigkeit Mülhofens ist die Denkmalzone mit der ehemaligen Werkhalle der Concordiahütte von 1838.[1]

Geschichte und Wirtschaft[Bearbeiten]

Der Ort ist im Laufe der Jahre auf der heutigen Gemarkung Sayn aus einer Ansammlung von Mühlen am Saynbach entstanden.

Das Koblenz-Neuwieder Becken war schon sehr früh besiedelt, wie Ausgrabungen unter anderem auch in Mülhofen, beweisen. Durch die Lage an Rhein und Saynbach ergaben sich günstige Voraussetzungen für die Landwirtschaft. Im 19. Jahrhundert wurde der Bims als leicht zu verarbeitender Baustoff entdeckt und großflächig abgebaut. Da es zu dieser Zeit noch keinen Schutz der Bodendenkmale gab, wurden viele Gräber vernichtet und sogar Raubgrabungen vorgenommen und die Grabbeigaben entwendet. Erst nach Erlass des Gesetzes zum Schutz der Bodendenkmäler nach dem Ersten Weltkrieg, wurden die Funde aus der Kelten- und Römerzeit den Museen zugeführt.[2]

Neben dem Bimsabbau und Verarbeitung gab es in Mülhofen noch zwei Hüttenwerke. 1836 wurde der erste Hochofen der Concordiahütte in Betrieb genommen, 20 Jahre später wurde die Mülhofener Hütte gegründet. Da es in Mülhofen nur wenige Häuser gab, ließ der Hüttenbetreiber Krupp die acht Krupp’schen Häuser und eine Häuserzeile, genannt Die Zwölf Apostel, erbauen. Nach 1856 wuchs Mülhofen zu einem bedeutenden Hüttenstandort am Mittelrhein, die Mülhofener Hütte beschäftigte im Jahre 1905 insgesamt 436 Arbeiter und produzierte 64.270 t Roheisen.[3]

Die Einwohnerschaft des Wohnplatzes Mülhofen wuchs mit dem Grad der Industrialisierung. Die nötige Infrastruktur für ein Gemeinwesen musste neu geschaffen werden. Mülhofen, an der Grenze zu Engers gelegen, gehörte verwaltungsmäßig zur Gemeinde Sayn. Die Kinder von Mülhofen gingen nach Engers zur Schule, außer einige wenige „Concordiahüttenkinder“, die die Sayner Schule besuchten. Kirchlich – die meisten Einwohner Mülhofens waren katholisch – orientierte man sich zeitweise nach Engers, war aber in allen kirchlichen Angelegenheiten der Pfarrei Sayn zugehörig. Da die Schülerzahl von Mülhofen so stark angestiegen war, verfügte im Jahre 1873 die Gemeinde Engers die Ausweisung der Mülhofener Kinder aus der Engerser Schule. So blieben die Kinder 1874 ohne schulische Unterweisung. Erst 1875 erhielt Mülhofen für seine auf fast 1000 Einwohner angewachsene Gemeinde eine eigene Schule. Zu deren Bau, der 27.000 Taler kostete[4], hatten wesentlich die beiden Hütten mit namhaften Spenden beigetragen. Im Jahr 1895 wurde dann der erste Turnverein in Mülhofen (TV Mülhofen) gegründet.[2][5][6]

Das 1927 in Mülhofen, damals noch unter der Bezeichnung Schwemmsteinfabrik Frankfurt a. M. GmbH, gegründete Bausstoffunternehmen Kann GmbH Baustoffwerke hat direkt am Rhein, an der Stelle der ehemaligen Mülhofener Hütte, in Mülhofen seine Hauptverwaltung. Es produziert dort unter anderem Baustoffe aus Bims- und Betonstein.[7][8]

Da die Belegschaft 1928 in der Mülhofener Hütte drastisch gekürzt wurde, herrschte eine große Arbeitslosigkeit und so schloss sich die Großgemeinde Sayn-Mülhofen am 1. Oktober 1928, die den Weg der industriellen Monokultur gegangen war, der Stadt Bendorf an, die andere Prioritäten hatte. Am 6. Juni 1930 brach die Mülhofener Hütte endgültig weg, die das Schicksal der 1926 geschlossenen Sayner Hütte – aufgrund zu geringer Auftragsanzahl und einer veralteten Hütte – teilen musste. Damit war auch der größte Hüttenindustrie-Standort am Mittelrhein Geschichte. So gab es nur noch die Concordiahütte mit stark gesunkener Arbeiterschaft.[9][5][6]

Im Jahre 1945 überließ der Turnverein Mülhofen seine Turnhalle am Schulenberg der Vikarie, die aufgrund der etwa 1500 Katholiken ausgebaut werden musste und seit 1948 als Kapelle bzw. Kirche für Gottesdienste genutzt wird.

Nachdem die Concordiahütte 1995 ebenfalls geschlossen wurde, wurde das Hüttengelände zum Industrie- und Gewerbepark „Concordia“ umstrukturiert.[7][10]Ein Gebäude der Concordiahütte wurde allerdings vor dem Abriss bewahrt und dient nun als Industriedenkmal.

Demographie[Bearbeiten]

Die Entwicklung der Einwohnerzahl, die Werte von 1885 bis 1936 beruhen auf Volkszählungen:[4]

  • 1817 – 0 084
  • 1875 – 0 900
  • 1885 – 0 972
  • 1890 – 1.025
  • 1895 – 0 891
  • 1900 – 1.084
  • 1910 – 1.239
  • 1928 – 1.557
  • 1930 – 1.563
  • 1932 – 1.509
  • 1933 – 1.559
  • 1934 – 1.558
  • 1936 – 1.456
  • 2007 – 2.179

Vereine[Bearbeiten]

In Mülhofen ist speziell das Brauchtum Karneval gut entwickelt: Es gibt einen Möhnenverein (Möhnen Mülhofen; 1938 gegründet), der einen Sitzungsnachmittag an Weiberfastnacht veranstaltet und eine Karnevalsgesellschaft, die KG „Ganz Denewer“ Mülhofen von 1950, die eine Herrensitzung, eine Kindersitzung, eine „Kappensitzung“ und den Umzug am Karnevalssonntag ausrichtet. Überdies gibt es noch einen Angelverein (AV Mülhofen), einen Turnverein (TV 1895 Mülhofen), der neben dem Turnen auch Tischtennis und Fußball anbietet, sowie eine Kirmesgesellschaft, die neben der Kirmes auch den Sankt Martinszug plant und durchführt. [11] [12]

Sehenswürdigkeiten[Bearbeiten]

Die einzigen wirklichen Sehenswürdigkeiten des Stadtteils, die auch noch erhalten sind, sind das Industrie-Denkmal Concordiahütte und Die Zwölf Apostel. Diese ehemaligen Arbeiter-Baracken sind jedoch in Privatbesitz und werden als Wohnhäuser verwendet.[13][5]

Besonderes[Bearbeiten]

Mit dem Nachbardorf Sayn gibt es seit frühester Zeit eine Feindseligkeit, die speziell im Karneval zu Tage tritt, wenn Witze gegeneinander gemacht werden oder der jeweilige Nachbar verspottet wird.[14] Jene kann mittels der Geschichte beider Stadtteile verstanden werden: Mülhofen war immer das kleine Anhängsel bzw. der kleine Nachbar, der zwar die längste Zeit verwaltungsmäßig zu Sayn gehörte, diese Stellung aber allgemein nicht gut gefunden wurde, weil man im Schatten Sayns stand.[2] Heutzutage ist diese Ansicht immer noch der Fall, denn während Sayn in der Tourismusbranche von der Stadt Bendorf unterstützt wird (Bau eines Schmetterlingsgartens, Renovierung der Abtei, des Schlosses, der Burg und der Sayner Hütte),[15] wird Mülhofen wirtschaftlich gesehen größtenteils linksliegen gelassen.

Im Gegensatz dazu ist Mülhofen mit Engers gut befreundet. Dies ist speziell im Karneval sichtbar, da der Engerser Prinz bzw. die Engerser Karnevalsgesellschaft jedes Jahr auf der „Kappensitzung“ in Mülhofen und die Mülhofener „Hoheiten“ mit der „KG“ auf der Engerser Karnevalssitzung zu Gast sind.[16] Auch hier zu gibt es einen historischen Hintergrund; denn bevor Mülhofen eine eigene Schule im Jahr 1875 bekam, gingen die Kinder bis 1874 in Engers zur Schule und außerdem gingen die Mülhofener Karnevalisten bis einschließlich 1956 im Engerser Karnevalsumzug mit.[2][17]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Nachrichtliches Verzeichnis der Kulturdenkmäler, Kreis Mayen-Koblenz, Stand: 1. Oktober 2010, Seite 13 (PDF; 1,7 MB)
  2. a b c d Mülhofen Gestern und Heute
  3. Eugen Gertz: Die Industrie im Gebiete des Mittelrheinischen Bezirksvereins, Verein Deutscher Ingenieure, Coblenz, 1907, Seite 79
  4. a b Schulchronik
  5. a b c Die Concordiahütte in Mülhofen
  6. a b 125 Jahre Rheinstahl Concordiahütte GmbH
  7. a b Anne Lambertsen: Mülhofen: Ein Ortsporträt. In: SWR Landesschau Rheinland-Pfalz, 9. März 2007. Abgerufen am 6. Oktober 2010.
  8. Kann: Geschichte. Abgerufen am 6. Oktober 2010.
  9. Die Mülhofener Hütte
  10. bendorf.de: Stadtteil Mülhofen. Abgerufen am 6. Oktober 2010.
  11. KG Mülhofen
  12. Möhnenverein Mülhofen
  13. Mülhofen der erneuerte Stadtteil
  14. Rhein-Zeitung, 9. Februar 2004. Abgerufen am 30. Oktober 2010.
  15. Sayn. Abgerufen am 30. Oktober 2010.
  16. Rhein-Zeitungs-Bericht, 25. Januar 2008. Abgerufen am 30. Oktober 2010.
  17. Rhein-Zeitung, 13. September 2000. Abgerufen am 30. Oktober 2010.