Münchner Domglocken

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Salveglocke von 1490
Sonntagsgeläut

Die Münchner Domglocken sind das Geläut der Frauenkirche zu München, der Kathedrale des Erzbistums München und Freising.

Das Geläut besteht aus zehn Glocken des 14., 15., 17. und 21. Jahrhunderts und zählt zu den bedeutendsten Glockenensemblen Deutschlands. Charakteristisch sind sowohl die Zusammenstellung der sehr unterschiedlichen Klangbilder der einzelnen Glocken als auch das tragende Fundament des Geläuts, die rund acht Tonnen schwere Susanna oder Salveglocke. Sie gehört zu den größten Kirchenglocken Bayerns und wird als eine der klangschönsten Glocken des Mittelalters in Europa gerühmt. Die Glocke wurde 1490 vom Stuttgarter Glockengießer Hans Ernst im Auftrag von Albrecht IV. gegossen.[1]

Es finden regelmäßig Glockenkonzerte statt, zum Beispiel am Bennofest.

Geschichte[Bearbeiten]

Bestand bis zum Ersten Weltkrieg[Bearbeiten]

Bis zum Ersten Weltkrieg hingen insgesamt zehn Glocken auf den Domtürmen:

Nordturm:

1. Susanna, Salveglocke von 1490, Schlagton a0
2. Frauenglocke von 1617, Schlagton c1
3. Guldein Kron, Rosenkranzglocke von 1452, Schlagton c1

Südturm:

4. Bennoglocke von 1617, Schlagton d1
5. Winklerin von 1451, Schlagton es1
6. Praesenzglocke von 1492, Schlagton e1
7. Aveglocke, Mittagerin von 1847, Schlagton unbekannt
8. Frühmessglocke von 1442, Schlagton a1
9. Chorherrenglocke, Klingl aus dem 14. Jh., Schlagton es2
10. Aussetzglöcklein aus dem 14. Jh., Schlagton unbekannt

Die etwa 2.500 Kilogramm schwere Rosenkranzglocke wurde 1929 für 5.500 Reichsmark an das Münchner Stadtmuseum verkauft, wo sie noch heute unversehrt erhalten geblieben ist. Aus welchen Gründen sie damals dorthin gelangte ist nicht klar. Vielleicht weil ihre Funktion als Rosenkranzglocke die leichtere Aveglocke übernahm, weil es Stadttore längst nicht mehr gegeben hat oder weil sie den Schlagton der Frauenglocke verdoppelte; laut einer durchgeführten Klanganalyse hat sie den Schlagton c1. Auf der Glocke steht folgende Inschrift:

O REX GLORIE VENI CUM PACE. / ANNO DM M CCCC LII / UND IST VOL PRACHT PEI HER KASPERN AINDORFFERN. /
ICH LOB JESUS MARIA JOHANNES UND SAND KASPERN. / ICH HAIS DIE GULDEIN KRON /
GOT GEB MAISTER PAVLSSEN DER MICH GOS DEN EBIGEN LON.

Als Zier trägt sie Reliefs des Gekreuzigten mit Maria und Johannes. Die Kronbügel tragen Menschenköpfe. Ihrer Gestaltung nach ähnelt die 1452 gegossene Guldein Kron – wie sie in der Inschrift genannt wird – der ein Jahr zuvor, ebenfalls von Meister Paulus, gegossenen Winklerin.

Die Bezeichnung als Sperrglocken rührt daher, dass sie ursprünglich zur allabendlichen Schließung der Stadttore („Sperrstunde“) geläutet wurde. Währenddessen soll der Rosenkranz gebetet worden sein, wonach auch ihre Funktionsbezeichnung als Rosenkranzglocke zu erklären ist. Zudem muss sie auch im Vollgeläut aller Domglocken erklungen sein, wie ein zeitgenössischer Bericht von 1530 erwähnt, dass man „alle gloggen“ zum Besuch des Kaiser Karls V. in München läutete. Nach Matthias Seanner „[gab] diese […] Glocke früher auch das Zeichen zur Torsperre und Öffnung der alten Stadt, woher es kommen mag, daß sie für ungeweiht galt.“ An ihrer Stelle im Glockenstuhl des Nordturmes hängt heute ihre „Schwester“, die Winklerin von 1451, die wohl bis ins 20. Jahrhundert im Südturm hing. Mit ihr und der 1442 ebenfalls von Meister Paulus gegossenen Frühmessglocke, mit der Klingl und mit dem Aussetzglöcklein hing sie bereits im Südturm des Vorgängerbaus des heutigen Domes und war die damals tontiefste Glocke. Erst mit dem Neubau gelang sie zur Susanna in den Nordturm und wurde als Sperr- und Rosenkranzglocke genutzt.[2]

Auch über den Verbleib des angeblich im 14. Jahrhundert (gotische Majuskelinschrift) gegossenen, etwa 115 kg schwere Aussetzglöcklein ist nichts bekannt. Nach ihrer Inschrift war diese Glocke der heiligen Anna geweiht und läutete zur heiligen Wandlung (seit dem 17./18. Jahrhundert auch Wandlgloggen genannt) beziehungsweise zur Aussetzung des Allerheiligsten; daher ihre Bezeichnung. Anton Mayer schreibt, dass diese kleinste Domglocke „wenn die Gebete für Sterbende vor dem Allerheiligsten verrichtet wurden“ geläutet wurde.[2]

Aus einer mittelalterlichen Vorgängerin, der alten Aveglocke oder Mittagerin goss 1847 Wolfgang Hubinger eine neue, etwa 900 Kilogramm schwere Glocke. Was mit dieser Glocke nach 1913 geschah ist nicht bekannt. Sie trug ein Bildnis der Maria Immaculata sowie die Inschrift:

ME RESONANTE PIA LAUDETUR VIRGO MARIA[2]

Zwischenkriegszeit[Bearbeiten]

Winklerin von 1451

Als Ersatz für die verschollenen Glocken kamen 1929 zwei Glocken auf den Südturm. Sie sollten die Tonsprünge einerseits zwischen Praesenzglocke und Frühmessglocke sowie andererseits zwischen Frühmessglocke und Klingl schließen. Die Winklerin gelangte in das leere Stuhlfach der Rosenkranzglocke in den Nordturm.[2]

Nordturm:

1. Susanna, Salveglocke von 1490, Schlagton a0
2. Frauenglocke von 1617, Schlagton c1
3. Winklerin von 1451, Schlagton es1

Südturm:

4. Bennoglocke von 1617, Schlagton d1
5. Praesenzglocke von 1492, Schlagton e1
6. Sebastiansglocke von 1929, Schlagton g1
7. Frühmessglocke von 1442, Schlagton a1
8. Josephsglocke von 1929, Schlagton c2
9. Chorherrenglocke, Klingl aus dem 14. Jh., Schlagton es2

Nach dem Zweiten Weltkrieg[Bearbeiten]

Der Zweite Weltkrieg brachte nur geringe Opfer. Die beiden Glocken von 1929 mussten abgeliefert werden. Die übrigen Glocken blieben unversehrt.[2] Als Ausgleich für die entstandenen Lücken wurde im Jahre 1958 von Karl Czudnochowsky aus Erding eine neue 650 Kilogramm Glocke gegossen und im Südturm aufgehängt.[3] Das Domgeläut umfasste somit acht Glocken.

Nordturm:

1. Susanna, Salveglocke von 1490, Schlagton a0
2. Frauenglocke von 1617, Schlagton c1
3. Winklerin von 1451, Schlagton es1

Südturm:

4. Bennoglocke von 1617, Schlagton d1
5. Praesenzglocke von 1492, Schlagton e1
6. Piusglocke von 1958, Schlagton g1
7. Frühmessglocke von 1442, Schlagton a1
8. Chorherrenglocke, Klingl aus dem 14. Jh., Schlagton es2

Domgeläut seit der Erweiterung von 2003[Bearbeiten]

Michaelsglocke von 2003

Um das Domgeläut wieder auf seinen vormaligen Umfang von zehn Glocken zu erweitern, ließ der damalige Domkapellmeister Karl-Ludwig Nies unter seinen Chorsängern Spenden zusammentragen und beauftragte 2003 die Glockengießerei Rudolf Perner in Passau drei neue Glocken zu gießen. Die Piusglocke wurde im Frühjahr 2004 vom Südturm abgenommen, da sie für klanglich ungeeignet gehalten wurde.[3]

Nr.
 
Name
 
Gussjahr
 
Gießer, Gussort
 
Durchmesser
(mm)
Masse
(kg)
Schlagton
(HT-1/16)
Turm
 
1 Susanna (Salveglocke) 1490 Hanns Ernst, Regensburg 2.060 ≈8.000 a0 0+3 Nord
2 Frauenglocke 1617 Bartholomaeus Wengle, München 1.665 ≈3.000 c1 0+6 Nord
3 Bennoglocke 1.475 ≈2.100 d1 0+7 Süd
4 Winklerin 1451 Meister Paulus, München 1.420 ≈2.000 es1 +15 Nord
5 Praesenzglocke 1492 Ulrich von Rosen, München 1.320 ≈1.600 e1 0+9 Süd
6 Cantabona 2003 Rudolf Perner, Passau 1.080 870 g1 0+12 Süd
7 Frühmessglocke 1442 Meister Paulus, München 1.050 ≈800 a1 0+10 Süd
8 Speciosa 2003 Rudolf Perner, Passau 890 540 h1 0+10 Süd
9 Michaelsglocke 840 440 c2 0+12 Süd
10 Klingl (Chorherrenglocke) 14. Jh. anonym 740 ≈350 es2 +13 Süd

Läuteordnung[Bearbeiten]

Es liegt eine differenzierte Läuteordnung vor, die zum Teil auf historische Läutebräuche zurückgreift. Das tägliche Angelusläuten erfolgt morgens um 7, mittags um 12 und abends um 20 Uhr beziehungsweise um 21 Uhr im Sommerhalbjahr. Zu den einzelnen Betzeiten wird mit unterschiedlichen Glocken geläutet: Morgens läutet die Winklerin, mittags die Frauenglocke und abends die Bennoglocke. Jeden Abend schließt sich die Frühmessglocke zum Gedächtnis für die Verstorbenen des Tages an. Am Donnerstagabend läutet nach der Frühmessglocke die Praesenzglocke als sogenannte Angstglocke (Mt 26,36–46 EU). Die große Susanna beschließt an den Abenden der hohen Festtage das Abendläuten. Sie gibt auch das Vorläuten zu Pontifikalgottesdiensten und an Hochfesten. Gemäß ihrer Stiftungsbestimmung, zum Salve Regina des Chorgebetes zu läuten, daher rührt auch ihr Name, erklingt sie seit 1994 wieder jeden Sonntagabend zum Abschluss der Vesper (kurz vor 18 Uhr). Außerdem kündet die Susanna vom Verschied des Papstes oder Erzbischofs. Die Totenglocke der Dompfarrei ist die kleine Klingl. Als Taufglocke dient die Cantabona.

Teilgeläut aus Salveglocke, Frauenglocke, Winklerin, Michaelsglocke und Klingl

Sonn- und Feiertage werden am Vortag um 15 Uhr mit dem Geläut zum Hochamt eingeläutet. Die Läutedauer zu den Messen liegt zwischen 5 und 15 Minuten. Zu den Sonntagsmessen erfolgt 30 Minuten vor Beginn ein Vorläuten, zu hohen Festtagen zusätzlich 60 Minuten vor Beginn. Im Folgenden gibt es eine Übersicht über die Geläute in den liturgischen Zeiten, eine Aufzählung von besonderen Motiven sowie Anlässe, zu denen das Vollgeläut aller zehn Glocken bestimmt ist. Eine Besonderheit stellt das Einläuten des Palmsonntags am Vortag um 15 Uhr dar. Hierzu erklingt einmalig im Kirchenjahr das Teilgeläut aus den fünf mittelalterlichen Glocken Susanna, Winklerin, Praesenzglocke, Frühmessglocke und Klingl.

Anlass Anzahl
Glocken
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10
Christmette, 1. Weihnachtstag, Neujahrsnacht, Osternacht (Gloria/Auszug), Ostersonntag, Pfingstsonntag, Mariä Aufnahme in den Himmel, Allerheiligen 10 a0 c1 d1 es1 e1 g1 a1 h1 c2 es2
Ostermontag, Fronleichnam, Benno-Fest, Kirchweihfest, Stephanusfest, Pontifikalamt werktags, Primiz 8 a0 c1 d1 e1 g1 a1 h1 c2
Pontifikal-Requiem 5 a0 c1 e1 a1 h1 c2
Sonnabend vor Palmsonntag 15:00 Uhr 5 a0 es1 e1 a1 es2
Aschermittwoch 3 a0 c1 es1
Gründonnerstag 3 a0 e1 a1
Pontifikal-Jahresschlussandacht an Silvester 3 a0 c1 d1
Sonntage der Weihnachts- und Osterzeit 9 c1 d1 es1 e1 g1 a1 h1 c2 es2
Sonntage im Jahreskreis 7 c1 d1 e1 g1 a1 h1 c2
Sonntage der Fastenzeit 5 c1 d1 es1 g1 es2
Sonntage der Adventszeit 5 c1 es1 g1 c2 es2
Taufgottesdienst 3 c1 g1 c2
Werktage der Weihnachts- und Osterzeit 5 d1 e1 g1 a1 h1
Werktage im Jahreskreis 4 d1 e1 g1 a1
Werktage der Adventszeit 4 d1 g1 a1 h1
Werktage der Fastenzeit 3 d1 e1 g1

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Sigrid Thurm: Ernst, Hans. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 4, Duncker & Humblot, Berlin 1959, ISBN 3-428-00185-0, S. 628 (Digitalisat).
  2. a b c d e Karl-Ludwig Nies: Die Glocken des Münchner Frauendoms. Sankt Michaelsbund, München 2004, ISBN 3-920821-48-3, S. 21–29.
  3. a b Karl-Ludwig Nies: Die Glocken des Münchner Frauendoms. Sankt Michaelsbund, München 2004, ISBN 3-920821-48-3, S. 31.

Literatur[Bearbeiten]

  • Karl-Ludwig Nies: Die Glocken des Münchner Frauendoms. Sankt Michaelsbund, München 2004, ISBN 3-920821-48-3.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Bells of the Frauenkirche, Munich – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien