M110 (Haubitze)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
M110
Panzerhaubitze M110 A1

203-mm-Feldhaubitze M110 (US) mit Wetterschutz

Allgemeine Eigenschaften
Besatzung 5 (an Bord) + 8 (auf Unterstützungsfahrzeug)
Länge 6,46 m (ohne Geschützrohr)
Breite 3,1 m
Höhe 3,1 m
Masse 28,4 t
Panzerung und Bewaffnung
Panzerung 13 mm (nur Wanne)
Hauptbewaffnung 1 × 8 inch (203,2 mm) M201A1-Haubitze
Sekundärbewaffnung keine
Beweglichkeit
Antrieb Detroit Diesel 8V71T, 8 Zylinder, Dieselkompressor
405 PS
Federung Torsionsstab mit Federsperrzylindern
Höchstgeschwindigkeit 55 km/h
Leistung/Gewicht 14,3 PS/t
Reichweite ca. 523 km

Die M110 ist ein Artilleriegeschütz mit dem Rohr der Haubitze M115 auf Selbstfahrlafette. Sie wurde von den USA in den 1950er Jahren entworfen und wurde entwickelt um 8 Zoll (203,2 mm) Granaten zu verschiessen. Da es für die Waffe auch zwei taktische Nukleargeschosse gab, nahm sie im Rahmen der NATO-Strategie eine Sonderstellung ein.

Entwicklung[Bearbeiten]

US-amerikanische M110A1 mit Transportfahrzeug M548 im Hintergrund 1978.

Die M110 wurde in den 1960er Jahren von der US Army als Nachfolger für die geschleppte M115 203-mm-Haubitze und die M55 Selbstfahrlafette entwickelt.[1] Das 203-mm Geschütz mit seiner schweren Granate galt als besonders zielgenau, eignete sich zur Bekämpfung von Bunkern und befestigten Stellungen und wurde nun durch Montage auf einer leichten Selbstfahrlafette im Gelände beweglicher und lufttransportfähig.[2]

Die Firma Pacific Car and Foundry produzierte die M110, deren Zulauf bei der US Army 1962 begann.

Aufbau[Bearbeiten]

Wanne, Laufwerk und Motor[Bearbeiten]

Die Wanne, die auch für die M107 und den Bergepanzer M 578 verwendet wurde, bestand aus verschweißten Stahlplatten mit bis zu 1,3 cm Dicke. Bis auf den Fahrer, vorne links in der Wanne, war kein Besatzungsmitglied auf der offenen Plattform der Haubitze gegen Beschuss geschützt. Bedingt durch die offene Bauweise gab es auch keinen ABC-Schutz, der die Mannschaft durch einen künstlich erzeugten Überdruck vor einströmenden Kampfstoffen hätte schützen können.

Der Antrieb des Fahrzeugs erfolgte über einen 8-Zylinder-Dieselmotor Detroit Diesel 8V71T mit 302 kW (405 PS), der vorne rechts in der Wanne eingelassen war. Das Kettenlaufwerk mit 46 cm breiten Gleisketten war drehstabgefedert. Das Laufwerk besaß einen Federsperrzylinder, mit dem die Federung der Wanne blockiert wurde, um die Haubitze beim Schießen zu stabilisieren. Ein Einfedern und Springen des Geschützes bei der Schußabgabe wurde so verhindert.

Besatzung[Bearbeiten]

Von den 13 Soldaten der Geschützbedienung hatten nur Geschützführer, Fahrer und drei Kanoniere auf der Lafette Platz. Daher wurden bei mobilen US-Operationen die M110 von einem M548-Schlepper begleitet, der acht weitere Munitionskanoniere sowie Geschosse, Treibladungen, Zünder, Tarnnetze und sonstige Ausrüstung aufnahm.[3] Andere Armeen verwendeten eigene Fahrzeuge als Transporter, so wurde in der Bundeswehr dazu der Mannschaftstransportwagen (MTW) Lkw 7t gl bzw. Lkw 7t mil gl verwendet.

Waffe[Bearbeiten]

M110 bei der Bundeswehrparade zum NATO-Jubiläum auf dem Nürburgring mit Gerätekisten auf den Erdspornen.
Während einer Übung im Winter 1970/1971 wird eine Granate mit dem Ladearm zum Verschluss einer M110 Haubitze der Bundeswehr gehoben.

Die zunächst verwendete 203-mm M2A2 Haubitze wurde auf einer M158 Lafette montiert und auf eine drehbare Plattform im hinteren Teil der Wanne gesetzt. Der Schwenkbereich der Waffe lag, bedingt durch die Plattform, bei 30° zu jeder Seite, der Höhenrichtbereich, bedingt durch die Lafette, reichte von –2° bis +60°.

Der Rückstoß wurde durch eine hydraulische Rohrbremse gedämpft und begrenzt, die übrige Rückstoßenergie wurde durch einen hydraulisch absenkbaren Schild, einem Erdsporn in Fahrzeugbreite in den Boden abgeleitet. Nach Ende des Rücklaufs wurde das Rohr durch den Rohrvorholer in die Ausgangsposition vorgebracht.

Die Kopflastigkeit des Rohres wurde durch ein Paar Ausgleicher rechts und links des Rohres egalisiert, so dass Heben und Senken des Rohres mit je gleichem Kraftaufwand erfolgen konnte.

Zum Laden des Geschützes nutzten die Munitionskanoniere einen hydraulischen Ansetzer, der die schweren Granaten mit ihrem Führungsring aus Bodenhöhe von den Munitionsträgern übernehmen, anheben und in den Übergangskegel des Rohres presste. Der Verschluss der Waffe war ein dreh- und schwenkbarer Schraubverschluss mit Bajonettgewinde.[4]

Auf der M110 Selbstfahrlafette konnten 2 Schuss mitgeführt werden; weitere 30 Schuss auf dem MTW (s.o.).[5] Nicht an der Wanne verzurrtes Gerät wurde in Gerätekisten am Erdsporn hängend mitgeführt

Die verschiedenen Munitionstypen für die M110 waren:

Bezeichnung Typ Ladung Gewicht Funktion
M14 Übungsgeschoss keine 94,5 kg Kopie der M106 ohne Sprengstoff, aber sonst mit identischen Eigenschaften[6]
M106 Sprenggranate TNT oder Composit B 94,5 kg Verschiedene Zündertypen, darunter Zeitzünder um als Luftkrepierer Infantrieansammlungen zu bekämpfen.[7][8]
M650 Sprenggranate (RAP) TNT 91 kg Raketentreibsatz zur Reichweitensteigerung[9][10]
M404 Submunitionsträger 104 x M43A1 Bomblets 91 kg Bomblets werden bei Aufschlag der M404 etwa 1,8 Meter in die Luft geschleudert, wo sie explodieren.[11]
M509A1 Submunitionsträger 180 x M42 Bomblets ubk. Bomblets werden im Flug freigesetzt und explodieren beim Aufschlag.[12]
M426 Gasgranate VX- oder GB (Sarin) Gas 90 kg [13][14]
M422A1 taktische Kernwaffe 1 bis 2 Kilotonnen 110 kg Ab 1955. Verschuss war erst möglich, nachdem das Zielgebiet durch M424 markiert wurde.[15]
M424 Zielmarkierung für M422 ubk. ubk. 1955 [15]
M753 taktische Kernwaffe 2 Kilotonnen 97 kg Ab 1981. Sprengkraft und Präzision gesteigert, ab 1985 neuer Zündertyp W-79-1 politisch auf 2 km Wirkradius beschränkt.[15]

M110 Varianten und Unterschiede[Bearbeiten]

US-amerikanische M110A2 während des Manövers REFORGER '85 nahe Weitershain
  • M107 Variante mit 175 mm Haubitze und 32.700 Metern Reichweite. Zulauf ab 1962 bei der US Army.[16]
  • M110: Wie M-107, aber mit kurzer 203-mm (8 inch) M2A2 Haubitze und Reichweite von 17.300 Metern. Zulauf bei der US Army etwa zeitgleich mit M107.[17] Diese erste Version der M110 benötigte rund zwei Minuten um in Feuerstellung zu gehen, die abgefeuerten Granaten erreichten eine Mündungsgeschwindigkeit von 594 Metern pro Sekunde (m/s).[18] Dabei wurde eine Feuergeschwindigkeit von höchstens 1,5 Schuss pro Minute erreicht.[19][A 1]
  • M110A1: zunächst als M110E2 bezeichnet, war eine M110 mit verlängerter M201 203-mm Haubitze und Reichweite von 21.000 Metern, Zulauf ab 1977 bei der US Army.[20]
  • M110A2: eine M110A1 aber mit nachgerüsteter Mündungsbremse und verstärktem Lauf um stärkere Treibladungen und den Verschuss von RAP Munition (Rocket-assisted projectile) zu ermöglichen.[20][21] Die Lauflänge betrug hier 40,5 Kaliberlängen (8 inch). Die Waffe konnte neun, anstatt der üblichen acht Treibladungsbeutel verwenden.[18] Die Mündungsgeschwindigkeit betrug hier 778 m/s bei stärkster Treibladung für eine M106 Sprenggranate, die maximale Reichweite lag hier bei 22.900 Metern. Die maximale Reichweite mit einem raketengetriebenen M650 Geschoss waren 30.000 Meter. Die Schussgeschwindigkeit lag unverändert bei rund 1,5 Schuss pro Minute für die ersten drei Minuten des Einsatzes, fiel dann aber auf einen Schuss alle zwei Minuten, wenn Einsätze länger andauerten. Die Lebensdauer des Geschützsrohrs lag unter optimalen Bedingungen bei etwa 10.000 Schuss.[22]

Verwendung[Bearbeiten]

In der US Army wurden M110 Haubitzen im Allgemeinen der Divisionsartillerie zugeteilt, oder bildeten eigenständige Bataillone der Korpsartillerie.[23] Erstmals wurde die Waffe in dieser Rolle in der Endphase des Vietnamkriegs im Gefecht eingesetzt.[24]

Die Divisionsartillerie von mechanisierten- und die von Panzerdivisionen der US Army bildete eine Kombination aus 54 M109 Haubitzen im 155-mm Kaliber und 12 M110 Haubitzen.[25] Die letzte, im Dienst befindliche Variante der Waffe, die M110A2, wurde 1994 ausgemustert.

Die Britische Armee verwendete die M110 ebenfalls als Divisons- und Korpsartillerie kombinierte sie dort aber neben der M109 und Raketenartillerie auch mit der 105-mm Selbstfahrlafette Abbot. So verfügte etwa eine der Divisionen der Britischen Rheinarmee (BAOR) auf deutschem Boden im Kalten Krieg in der 1970er Jahren über zwei Artillerieregimenter: Eins mit 24 Abbots und ein weiteres mit 12 M109 und vier M110 Haubitzen.[26] Im Golfkrieg 1990 stellte die britische Armee ihrer Division eine Artillerieeinheit mit 16 M109, 12 M110 Haubitzen und 12 MLRS Mehrfachraketenwerfern zur Unterstützung ihrer Panzerbrigaden zur Verfügung.[27]

1964 beschaffte die Bundeswehr 80 Haubitzen vom Typ M110 für die 4. Batterie der Feldartilleriebataillone der Heeresdivisionen, u.a. als Element für die Nukleare Teilhabe. 150 Fahrzeuge des Modells M107 wurden für die 2. und 3. Batterie dieser Bataillone beschafft. 1985 wurden beide Modelle zum Typ M110A2 aufgerüstet. 1993 wurden die Waffen ausgemustert.

Nutzerstaaten[Bearbeiten]

ehemalige und aktuelle Nutzer:[28]

Flag of Bahrain.svg Bahrain
Flag of Belgium.svg Belgien
Flag of Germany.svg Bundesrepublik Deutschland

1993 ausgemustert.[29]

Flag of Greece.svg Griechenland
Flag of Iran.svg Iran
Flag of Israel.svg Israel
Flag of Italy.svg Italien
Flag of Japan.svg Japan (Lizenzproduktion)
Flag of Jordan.svg Jordanien
Flag of the Netherlands.svg Niederlande
Flag of Pakistan.svg Pakistan
Flag of South Korea.svg Südkorea
Flag of Spain.svg Spanien
Flag of the Republic of China.svg Taiwan
Flag of Turkey.svg Türkei
Flag of the United States.svg Vereinigte Staaten von Amerika

US Army und USMC. 1994 ausgemustert. Ersetzt durch MLRS.

Flag of the United Kingdom.svg Vereinigtes Königreich

Ersetzt durch MLRS.

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. 4,5 Schuss pro Minute werden in Spencer Tucker: "The Encyclopedia of the Vietnam War: A Political, Social, and Military History" ABC-CLIO, 2011, ISBN 978-1851099603 auf S. 71 erwähnt.

Belege und Verweise[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. "U.S Army Field Artillery, Weapons and Equipment", Fort Still Oklahoma 1972, S. 9
  2. Jerold E. Brown: "Historical Dictionary of the U.S. Army", Greenwood Pub Group Inc. 2000, ISBN 0313293228, S. 236
  3. John Jordan und Tim Ripley: "Modern U.S. Army", Smithmark Publications, 1992, ISBN 0831750510, S. 55
  4. Rheinmetall Waffentechnisches Taschenbuch 5. Auflage 1980, S. 291 u. 306
  5. Gesellschaft für Artilleriekunde e.V. Artillerie der Bundeswehr 1956 - 2009 Gr0ßgerät und Ausrüstung, 2013, S.24
  6. TM 43-0001-28 S. 3-173
  7. TM 43-0001-28 S. 3-173
  8. Warmachine, Vol 2, Issue 15 “A fully illustrated guide to Modern Self-Propelled Guns and Howitzers”, S. 288
  9. Geschoss auf armymunitions.tpub.com, gesichtet am 2. Februar 2014
  10. TM 43-0001-28 S. 3-183
  11. TM 43-0001-28 S. 3-177
  12. TM 43-0001-28 S. 3-181
  13. Geschoss auf landscaper.net, gesichtet am 2. Februar 2014
  14. TM 43-0001-28 S. 3-179
  15. a b c James N. Gibson: "Nuclear Weapons of the United States", Schiffer Publishing 1996,ISBN 978-0764300639, S. 230
  16. David Doyle:"Standard Catalog of U.S. Military Vehicles - 2nd Edition", Krause Publications, 2010, S. 379 und 380
  17. Jeff Kinard: "Artillery: An Illustrated History of Its Impact", ABC-Clio INC, 2007, ISBN 978-1851095568, S. 315
  18. a b US Army Engineer Center and School of Fort Belvoir: "Fire support handbook", 1985, S. 5
  19. M110 auf army-guide.com, gesichtet am 2. Februar 2014
  20. a b "Jane's Weapon Systems 1979-1980" Jane's Information Group, 1979, S. 399
  21. "Annual Historical Review" Historical Office, U.S. Army Armament Materiel Readiness Command, 1984, S. 9
  22. US Army Field Artillery School: "Field Artillery Cannon Weapons Systems and Ammunition Handbook", Fort Stills - Oklahoma, Dezember 1981, Seiten 8-19 und 8-20
  23. Committee on Armed Services: "Hearings, Reports and Prints of the House Committee on Armed Services" Ausgabe 33,Teile 2-3, United States Government Printing Office, 1976, S. 443
  24. Shelby L. Stanton:"Vietnam Order of Battle" Stackpole 2003, ISBN 978-0811700719, S. 104 und 107
  25. David Miller: "The Cold War: A Military History" Vintage Digital, 2012, Kapitel 27 "Artillery"
  26. Graham Watson und Richard A. Rinaldi: "The British Army in Germany: An Organizational History 1947-2004" Tiger Lily Publications Llc., 2005, ISBN 978-0972029698, S. 75
  27. David Miller: "Desert victory: the war for Kuwait", Naval Institute Press, 1991, ISBN 1557502544, S. 282
  28. Christopher F. Foss: "Jane´s Tanks and Combat Vehicles Recognition Guide" HarperCollinsPublishers 2002, ISBN 0007127596, S. 485
  29. Arnd Baumgardt, Thomas Lendorf, R. Haag, Rolf Gronen, Werner Schröder und Wolfgang Igert: "Schwere Feldkanone 175mm M107 (Bw)/Schwere Haubitze 203mm M110A1/A2 (Bw)" auf panzerbaer.de, gesichtet am 1. Februar 2014

Literatur[Bearbeiten]

  • Jeff Kinard: Artillery: An Illustrated History Of Its Impact, 2007, ABC-Clio, ISBN 978-1851095568 (Englisch)
  • Warmachine, Vol 2, Issue 15 A fully illustrated guide to Modern Self-Propelled Guns and Howitzers Aerospace Publishing Ltd., London 1983 (Englisch)
  • TM 43-0001-28 HEADQUARTERS, DEPARTMENT OF THE ARMY: TECHNICAL MANUAL - ARMY AMMUNITION DATA SHEETS, April 1994 (Englisch)

Weblinks[Bearbeiten]