Magna Mater

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Mit Magna Mater (lateinisch) oder Große Mutter werden Darstellungen sogenannter Muttergottheiten der Jungsteinzeit (10.000 bis 2000 v. Chr.) bezeichnet, die es in vielen Kulturkreisen gab und die als Ur- oder Allmutter im Hinblick auf die weibliche Fruchtbarkeit interpretiert worden sind. Sie sind zumeist in kleinen Statuetten mit einer Überbetonung ihrer Brüste und Hüften dargestellt. Fachwissenschaftlich ist diese Interpretation umstritten. Die Vorstellung einer Großen Göttin der Jungsteinzeit als Ausdruck einer sehr viel älteren Verehrung einer Muttergöttin als Urmutter oder Mutter Erde wird fachwissenschaftlich zurückgewiesen.[1] Der Name Magna Mater geht auf die römische Bezeichnung der Mater Deum Magna Ideae im Kybele- und Attiskult zurück. Neue naturreligiöse Strömungen seit den 1970er Jahren fassen die Erde als Verkörperung der Magna Mater oder als Mutter Erde auf.

„Göttin“ auf dem Leopardenthron, Darstellung aus Çatalhöyük (Türkei), 8. Jahrtausend v. Chr.
Sleeping Lady von Malta, 4. Jahrtausend v. Chr.
Weibliche Statuette von Samarra, 7. Jahrtausend v. Chr.
Venus vom Hohlen Fels, ca. 38.000 v. Chr.

Verehrung in der Jungsteinzeit[Bearbeiten]

Der Sprach- und Kulturwissenschaftler Harald Haarmann bringt die Verehrung einer Magna Mater mit der sogenannten neolithischen Revolution[2] in Verbindung, als die Menschen sich erstmals der Landwirtschaft zuwandten und oft auch sesshaft wurden. Die Neolithisierung begann in Kleinasien etwa 10.000 v. Chr., erreichte ab etwa 6500 v. Chr. Südosteuropa und in den folgenden Jahrtausenden das übrige Europa. Dabei soll den Frauen die Anpflanzung und Ernte oblegen haben, während die Männer weiterhin der Jagd nachgegangen seien.[3] Infolgedessen soll sich die Idee einer weiblichen Gottheit ausgebreitet haben. Für die früheren Jäger- und Sammlergesellschaften habe für eine solche Differenzierung kein Spielraum bestanden.[4]

Schriftliche Zeugnisse aus dieser Zeit fehlen, wenn auch die auf dem Balkan gefundenen Vinča-Zeichen, die möglicherweise aus dem 6. Jahrtausend v. Chr. stammen, von Haarmann als Weiheinschriften interpretiert werden, die jedoch bislang nicht entziffert werden konnten.[5] In dem Bereich zwischen dem Balkan, der Donau und bis zur heutigen Ukraine, ein Gebiet, das von Marija Gimbutas als Alteuropa bezeichnet wurde, wurden Tausende von Statuetten aus dieser Zeit gefunden, die durch Brüste, Schamdreieck und teilweise überbreite Hüften gekennzeichnet sind. Darstellungen, die auf Geburtsszenen oder Mutter mit Kind hinweisen, fehlen jedoch. Männliche Darstellungen befanden sich nur vereinzelt darunter (in Vinča waren es 581 weibliche und 17 männliche Figuren, in einer jüngeren Schicht aus dem 4. vorchristlichen Jahrtausend waren über 90 % der 83 Figuren weiblich, in Sitagroi in Nordgriechenland waren alle 250 Figuren weiblich).[6] Insgesamt sei aus der Jungsteinzeit von über 20.000 weiblichen Statuetten berichtet worden. Solche Figuren wurden auch in Anatolien unter anderem in der jungsteinzeitlichen Großsiedlung Çatalhöyük gefunden, wo sie bis ins 8. vorchristliche Jahrtausend datiert werden.[7]

In der Archäologie wird die Interpretation anthropomorpher weiblicher Darstellungen als Göttinnen jedoch nicht gestützt. Ein Teil der Figurinen z. B. in Çatalhöyük stellen auch Männer dar, andere Stücke sind zoomorph oder zeigen keine geschlechtsspezifischen Charakteristika. Nur fünf Prozent der etwa 2000 gefundenen Figuren sind eindeutig weiblich.[8]

Erd- und Fruchtbarkeitsgöttin[Bearbeiten]

Haarmann nimmt an, dass die Große Göttin als Lebenspenderin, Herrin der Vegetation und Schutzpatronin des Ackerbaus und Hüterin der tierischen und menschlichen Fruchtbarkeit, auch im Hinblick auf die Sexualität, verehrt wurde. Sie galt als allmächtig und stand über dem irdischen Leben. Aus ihrer Bedeutung leitet Haarman ab, dass jungsteinzeitlichen Gesellschaften auch matrifokal organisiert waren, in denen die Kinder bei der Mutter leben und Erbfolge sowie Familienbindungen matrilinear ausgestaltet sind, sich also nach der Abstammung mütterlicherseits richten. Andere gehen weiter und folgern hieraus die Existenz matriarchalisch organisierter Gesellschaften.[9] Diese Deutungen werden fachwissenschaftlich jedoch zurückgewiesen.

Vorläuferin weiblicher Gottheiten[Bearbeiten]

Haarmann versucht, viele antike Göttinnen von der "Magna Mater" abzuleiten, wie zum Beispiel die Verehrung der Aphrodite auf Zypern vor ca. 5000 Jahren.[10] Auch die sumerischen, babylonischen und phönizischen Göttinnen wie Inanna, Ištar und Astarte sollen laut Haarmann auf eine ältere Magna Mater zurückgehen. So werden von einigen Archäologen die am Ostufer des Tigris im Irak gefundenen Frauenstatuetten von Samarra aus der Zeit 6500–6000 v. Chr. als Vorläuferinnen der sumerischen Göttinnen und Darstellungen der Großen Mutter angesehen. Gerda Weiler will auch im Alten Testament Anzeichen für eine frühe Verehrung einer Großen Göttin finden.[11] In Kleinasien findet sich die Verehrung der Großen Göttin als Kybele, die unter dem Namen Mater Deum Magna Ideae (Große Göttermutter vom Berge Idea) 205 v. Chr. nach Rom kam und sich von hier aus im ganzen römischen Reich ausbreitete. Von dieser römischen Namensgebung leitet sich auch der heute übliche Name der Urmutter als Magna Mater ab. Im 19. Jahrhundert wurde Kybele oft als Allegorie der Erde dargestellt.[12]

Haarmann nimmt an, dass infolge der von Gimbutas postulierten indogermanischer Siedlungsschübe zwischen 4500 und 3000 v. Chr. das indoeuropäische polytheistische Pantheon mit vorherrschenden männlichen Gottheiten die Vorstellung einer Muttergottheit überlagerte, in dem weibliche Gottheiten zwar an Seiten der männlichen Götter stehen, ohne aber die männliche Dominanz in Zweifel zu stellen.[13]Gimbutas Postulat wurde jedoch von zahlreichen Archäologen in Frage gestellt.[14]

Naturreligiöse Interpretationen[Bearbeiten]

Erste Spuren neuheidnischer/naturreligiöser Bewegungen finden sich im 18. und frühen 19. Jahrhundert als Gegenentwurf zur rationalistischen Weltsicht der Aufklärung. In den 1970er Jahren wurde die Vorstellung von einer Ur- oder Allmutter, die man der Erscheinung der Magna Mater oder Großen Göttin zurechnet, aufgenommen, um sogenannte ganzheitliche Ansätze zur Erfassung der Erde als ein eigenes Wesen zu beschreiben, wie in der Gaia-Hypothese [15], im Wicca, in ökospirituellen und ökofeministischen Bewegungen, im spirituellen Feminismus und in Matriarchatstheorien.

In der Interpretation von Manfred Kurt Ehmer förderte im Neolithikum der von der Landwirtschaft vorgegebene Lebensrhythmus die Vorstellung von der Erde als autarkes Wesen, die mit ihren Kräften, die sich im Werden von Fauna und Flora, aber auch des Menschen, zeigten, als Große Mutter (Magna Mater) oder Urmutter allen Seins verehrt wurde.[16][17] Hieraus soll sich laut Ehmer infolge einer Übertragung dieser fruchtbringenden Eigenschaften auf das Weibliche der Kult einer Magna Mater entwickelt haben, der sinnbildlich für den „fruchtbaren Mutterschoß stand, aus dem alles Leben erneut hervorgeht.“[18]

Diese Interpretation verbindet er in Europa auch mit der Megalithkultur auf Malta zwischen 4500 und 1500 v. Chr., deren steinerne Bauwerke angeblich als Tempel der Großen Göttin gedeutet wurden. In den megalithischen Tempelanlagen von Tarxien,Ħaġar Qim und im Hypogäum von Ħal-Saflieni wurden androgyne und weibliche Statuetten, darunter die Venus von Malta (nicht zu verwechseln mit der russischen Venus von Mal'ta in Oblast Irkutsk), die Sleeping Lady und die fat lady gefunden. Ehmer interpretiert sie als kleine Darstellungen der Muttergottheit.[19]

Auf Magna Mater (Méter megále „große Mutter“) sollen auch sämtliche Erdgöttinnen der Alten Ägäis wie zum Beispiel Rhea, Gaia, Demeter und Persephone zurückgehen.[20]

Anhänger neuer Naturreligionen und der Idee eines prähistorischen Matriarchats knüpfen außerdem an die etwa 100–200 Funde von sogenannten Venusstatuetten aus der Zeit des Jungpaläolithikums zwischen 40.000 und 20.000 vor heute nördlich der Pyrenäen, im südlichen Mitteleuropa, Italien und dem südlichen Osteuropa, wie die Venus von Willendorf, etwa 25.000 Jahre alt oder - als neuester Fund - die Venus vom Hohlen Fels am Fuß der Schwäbischen Alb im Jahr 2008, deren Alter auf bis zu 40.000 Jahren geschätzt wird.[21] Diese Zeugnisse werden einer allgemeinen Verehrung der Mutter Erde als Muttergöttin zugeordnet.[22]

Kulturhistorische Literatur[Bearbeiten]

  • Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7
  • Maria Xagorari-Gleißner: Meter Theon. Die Göttermutter bei den Griechen. Harrassowitz, Wiesbaden 2008, ISBN 978-3-447-05986-2

Naturreligiöse Literatur[Bearbeiten]

  • Manfred Kurt Ehmer: Göttin Erde, Kult und Mythos der Mutter Erde. Zerling, Berlin 1994, ISBN 3-88468-058-7
  • Manfred Kurt Ehmer: Die Weisheit des Westens. Patmos, Düsseldorf 1998, ISBN 3-491-72395-7

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Es erscheint fragwürdig und kaum wissenschaftlich, von einer ungebrochenen Kontinuität im religiösen Bereich über mehrere tausend Jahre auszugehen. Diese Kritik wurde erstmals 1962 von Peter Ucko geäußert in: The Interpretation of Anthropomorpic Figurines. In: Journal of the Anthropological Institute of Great Britain and Ireland. S. 38-58.
  2. Dieser Begriff wird heute in der Archäologie kritisiert, da die Veränderung der Wirtschaftsform ein über mehrere Jahrtausende ablaufender Prozess war.
  3. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 20 ff.
  4. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 21.
  5. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 17
    Harald Haarmann: Universalgeschichte der Schrift. Frankfurt/New York 1998, ISBN 3-88059-955-6, S. 73 ff.
  6. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 18.
  7. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 127 ff.
  8. Lynn Meskell: The Archaeologies of Çatalhöyük. In: Goodison/Morris (Hrsg.): Ancient Goddesses. British Museum Press, London 1998, S. 46–62
  9. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 22.
  10. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 88 ff.
  11. Gerda Weiler: Das Matriarchat im Alten Israel, Kohlhammer Verlag, Stuttgart 1989, ISBN 3-17-010773-9
  12. Philippe Borgeaud: La mère des dieux. De Cybèle à la Vierge Marie. Editions Seuil, Paris 1999
  13. Harald Haarmann: Die Madonna und ihre Töchter, Rekonstruktion einer kulturhistorischen Genealogie. Olms, Hildesheim/Zürich/New York 1996, ISBN 3-487-10163-7, S. 43 f.
  14. Vgl. z. B. Ruth Tringham, Review of: The Civilization of the Goddess: The World of Old Europe by Marija Gimbutas (1991). In: American Anthropologist, Band 95, 1993, S. 196-197 oder Lynn Meskell: Goddesses, Gimbutas and New Age archaeology. In: Antiquity, Band 69, Nr. 262, 1995, S. 74–86
  15. Manfred Kurt Ehmer: Göttin Erde, Kult und Mythos der Mutter Erde. Zerling, Berlin 1994, ISBN 3-88468-058-7, S. 40 ff.
  16. Der Autor bezeichnet als Schwerpunkt seiner Aktivität Ökoreligion/Ökospiritualität.
  17. Manfred Kurt Ehmer: Göttin Erde, Kult und Mythos der Mutter Erde. Zerling, Berlin 1994, ISBN 3-88468-058-7, S. 24
  18. So Manfred Kurt Ehmer: Die Weisheit des Westens, 1998 Düsseldorf, Patmos, ISBN 3-491-72395-7, S. 46
  19. Manfred Kurt Ehmer: Die Weisheit des Westens, 1998 Düsseldorf, Patmos, ISBN 3-491-72395-7, S. 46
  20. Manfred Kurt Ehmer: Die Weisheit des Westens. Patmos, Düsseldorf 1998, ISBN 3-491-72395-7, S. 46 (online beim Projekt Hypersoil der Universität Münster: Gaia und Demeter in der griechischen Antike).
  21. Franz Sirocko (Hrsg.): Wetter, Klima, Menschheitsentwicklung. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 2009, ISBN 978-3-534-22237-7, S. 79, Karte Verbreitung der Fundstellen von Venusstatuetten 34.000–24.000 BP.
    Siegmar von Schnurbein (Hrsg.): Atlas der Vorgeschichte, Stuttgart 2009, S. 28 f.
  22. B. Marquardt-Mau: Mutter Erde. In: M. Schächter (Hrsg.): Mittendrin – die Erde hat kein dickes Fell. Mann-Verlag, Berlin 1988, S. 85–95. Zusammenfassung einsehbar.