Mahmūd Schaltūt

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
(Weitergeleitet von Mahmud Schaltut)
Wechseln zu: Navigation, Suche
Mahmūd Schaltūt im Jahre 1957

Mahmūd Schaltūt (arabisch ‏محمود شلتوت‎, DMG Maḥmūd Šaltūt; * 1893 in Minyat Bani Mansur in Unterägypten; † 1963 in Kairo) war ein ägyptischer islamimischer Rechtsgelehrter, der von 1959 bis 1963 das Amt des Scheich al-Azhar bekleidete.

Ernennung zum Scheich al-Azhar[Bearbeiten]

Am 9. November 1957 wurde Schaltūt durch einen präsidentiellen Erlass zum stellvertretenden Rektor der Azhar (wakīl al-Azhar) ernannt, ein Jahr später, am 21. Oktober 1958 erfolgte die Ernennung zum Scheich al-Azhar.[1] Unter seinen Werken sind neben Arbeiten zum Koran, u.a. einem Korankommentar, eine aufgeschlossene wie traditionsgemäße Einführung in den Islam („Der Islam als Lehre und Gesetz“) und seine Fatwas bedeutsam.

Das Schia-Fatwa[Bearbeiten]

Schaltūt förderte zeitweise auch die Annäherung zwischen Sunniten und Schiiten. In einem Interview im Juli 1959 bejahte und billigte er ausdrücklich die Möglichkeit einer innerislamischen Konversion von der Sunna zur Schia und umgekehrt. Während des Interviews, das später öfter nachgedruckt wurde, sagte er: "Im Sinne des religiösen Gesetzes des Islams ist es erlaubt, den Gottesdienst gemäß dem Ritus der Dschaʿfarīya, die als imamitische Schia bekannt ist, zu verrichten, ebenso wie gemäß allen Schulen des Islams."[2] Wenig später empfing er den iranischen Botschafter in Kairo zu einer Unterredung, in deren Mittelpunkt das Streben der Azhar nach Einheit der Muslime stand.[3] Auf Drängen der "Gesellschaft für die Ännäherung (zw. den islamischen Konfessionen)" (ǧamāʿat at-taqrīb) gab Schaltūt im Herbst 1959 diesen sowie andere Sätze des im Juli geführten Interviews, das für großes Aufsehen gesorgt hatten, in Form eines Fatwas heraus.[4]

Schaltūts Position stieß bei sunnitischen Gegnern einer Annäherung an die Schia auf viel Kritik. Bereits im Juli 1959 wandte sich ʿAbd ar-Rahmān al-Wakīl, der Leiter "Gesellschaft der Helfer muhammadanischen Sunna" (Ǧamāʿat anṣār as-sunna al-muḥammadīya) mit einem offenen Brief an ihn, in dem er unter Verweis auf umstrittene Themen wie Gräberkult, Verfälschung des Korantextes sowie Sündlosigkeit der Imame gegen Schaltūts versöhnlichen Ton protestierte.[5] Im September 1960 wurde Schaltūt in der in Riad erscheinenden wahhabitischen Zeitschrift von dem Publizisten Ibrāhīm al-Dschabhān wütend attackiert.[6] Unter dem Eindruck dieser Kritik sowie der veränderten politischen Rahmenbedingungen verfolgte Schaltūt das Projekt einer sunnitisch-schiitischen Annäherung nicht weiter.

Reform der Azhar[Bearbeiten]

Schaltūt förderte die Modernisierung der Azhar entsprechend dem Gesetz über deren Entwicklung aus dem Jahre 1961 und trug dadurch auch zu ihrer erhöhten internationalen Wirkung bei. Bei seinen Reformbemühungen wurde er von Muhammad al-Bahī, dem Direktor der Azhar-Universität, und Scheich Ahmad Hasan az-Zayyāt, dem Redaktionschef des Azhar-Magazins, unterstützt.[7]

Literatur[Bearbeiten]

  • Rainer Brunner: Annäherung und Distanz. Schia, Azhar und die islamische Ökumene im 20. Jahrhundert. Berlin 1996.
  • Wolf-Dieter Lemke: Maḥmūd Šaltūt (1893 - 1963) und die Reform der Azhar: Untersuchungen zu Erneuerungsbestrebungen im ägyptisch-islamischen Erziehungssystem. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang, 1980.
  • Kate Zebiri: Maḥmūd Shaltūt and Islamic modernism. Oxford: Clarendon Press 1993.

Belege[Bearbeiten]

  1. Vgl. Brunner 215f.
  2. Zit. Brunner 219.
  3. Vgl. Brunner 237.
  4. Vgl. Brunner 222.
  5. Vgl. Brunner 244.
  6. Vgl. dazu Brunner 245-250.
  7. Vgl. Malika Zeghal: Gardiens de l'Islam. Les oulémas d'al Azhar dans l'Égypte contemporaine. Paris 1996. S. 95.