Muckefuck

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Eine Packung Koff von J.J. Darboven aus der Mitte des 20. Jahrhunderts

Muckefuck, oft auch Malzkaffee genannt, bezeichnet ein kaffeeähnliches Getränk, das meist aus einer Mischung verschiedener Getreidesorten hergestellt wird und oft auch Zichorie enthält. Im Gegensatz zu Bohnenkaffee enthält dieses auch als Kaffeeersatz oder Ersatzkaffee bezeichnete Getränk kein Koffein. Weitere alternative Bezeichnungen sind Getreidekaffee, Gerstenkaffee, Dinkelkaffee, Landkaffee, Deutscher Kaffee und Fruchtkaffee. Auch der Begriff Lorke wird genutzt, der im eigentlichen Sinn ein mieses Getränk bezeichnet. In Wien und Umgebung ist das Getränk unter dem Namen Zichorienwasser bekannt.[1]

Etymologie[Bearbeiten]

Für Getreidekaffee ist die Bezeichnung Muckefuck weit verbreitet. Für deren Herkunft existiert die Erklärung, dass die Bezeichnung Mocca faux (französisch für falscher Kaffee) 1870 während des deutsch-französischen Krieges oder während der französischen Besetzung des Rheinlandes unter Napoleon volksetymologisch eingedeutscht wurde.[2][3] Der Duden 7 – Das Herkunftswörterbuch[4] benennt als Herkunft die seit dem 19. Jahrhundert im Rheinisch-Westfälischen belegte umgangssprachliche Verwendung Muckefuck als dünnen Kaffee, der sich aus dem rheinischen Mucken für braunen Holzmulm und dem rheinischen fuck für faul gebildet hat.

Zutaten[Bearbeiten]

Meist wird Kaffeeersatz aus Gerste, Malz, Roggen, Dinkel, Eicheln, Bucheckern, Feigen oder den Wurzeln der Zichorie gewonnen. Seltener werden Pflanzen wie Kaffeewicke, Lupinen, geröstete und gemahlene Möhren, Dattelkerne, Traubenkerne, Erdmandeln, Spargel, Hagebutten, Vogel-Kirschen, Kartoffeln, Mandeln, Mais, Wurzeln des Löwenzahns, Zuckerrüben und Kastanien verwendet.

Aus den Wurzeln des Löwenzahns, der mit der Zichorie botanisch nahe verwandt ist, kann ein kaffeeähnliches Getränk hergestellt werden. Dieser Ersatzkaffee wurde früher in einigen Gegenden Bayerns für den Hausgebrauch hergestellt. Einer verbreiteten Verwendung stand allerdings entgegen, dass die Wurzeln der Pflanze verhältnismäßig klein sind und ziemlich tief im Boden sitzen, so dass sie sich schwer ausgraben lassen. Die Wurzeln wurden getrocknet, geröstet und anschließend wie Kaffeebohnen gemahlen.

Geschichte[Bearbeiten]

Kathreiners Malzkaffee-Fabrik gewinnt den Titel Hoflieferant Seiner Heiligkeit (1906)
Werbung der Zichorienfabrik Ludwig Otto Bleibtreu im Jahr 1906
verschiedene Sorten Caro-Kaffee

Schon in Babylon und im alten Ägypten verstand man sich auf die Herstellung von Getränken aus gerösteten Körnern. Als Friedrich der Große den Konsum von Bohnenkaffee für das einfache Volk verbot oder als es während der napoleonischen Kontinentalsperre von 1806 bis 1812 rar war, mussten Alternativen für den beliebten Übersee-Kaffee gefunden werden. Die ersten Zichorienfabriken entstanden in Deutschland Ende des 18. Jahrhunderts.

Als Erfinder des Zichorienkaffees gelten der Major Christian von Heine aus Holzminden und der Braunschweiger Gastwirt Christian Gottlieb Förster († um 1801). Beide erhielten im Jahr 1769/70 eine Konzession für die Produktion von Zichorienkaffee in Braunschweig und Berlin.[5][6] Die Stadt Braunschweig entwickelte sich schnell zu einem frühen Zentrum der Zichorienkaffeeherstellung. Bereits um 1795 bestanden dort 22 bis 24 Betriebe dieser Art.[7] In der Zichorienfabrik Ludwig Otto Bleibtreu wandelte sich ab 1781 die zunächst noch stark handwerklich geprägte Herstellung in eine arbeitsteilige Großproduktion.[6] Zum Teil wurde der teure Bohnenkaffee auch mit Zichorienkaffee vermischt.

Der geröstete Feigenkaffee dürfte seinen Ursprung Mitte des 18. Jahrhunderts in Oberitalien haben. In Deutschland wurde er erstmals im Jahr 1858 erwähnt und im Jahr 1873 von den Unternehmen Kaffeesurrogatfabrik Otto E. Weber in Berlin und Heinrich Franck Söhne in Ludwigsburg hergestellt. Heinrich Franck Söhne erwarben nach 1900 das Heilbronner Unternehmen Emil Seelig, das damals die größte Kornkaffeefabrik in Deutschland war und ebenfalls über eine Feigenkaffee-Fabrik im österreichischen St. Peter verfügte.[8] In Österreich hatte die Firma Imperial in Wien 1880 mit der Produktion von Feigenkaffee begonnen.[9]

Der populäre Köthener Wunderheiler Arthur Lutze erfand Mitte des 19. Jahrhunderts den ersten „Gesundheits-Kaffee“ im Wesentlichen aus Gerste. Sein Produkt wurde dort noch bis ins 20. Jahrhundert unter dem Namen „Wittigs Gesundheits-Kaffee“ hergestellt. Während des „Dritten Reichs“ (1933–1945) entstand der Begriff Kaffee-Surrogat-Extrakt, dieses Produkt wurde staatlich verwaltet. Diese staatliche Verwaltung bestand auch noch in den Anfängen der Bundesrepublik fort. In der deutschen Nachkriegszeit war Bohnenkaffee Mangelware. In Gaststätten fand man daher auf der Getränkekarte auch „Deutscher Kaffee“, eine elegante Umschreibung für Ersatzkaffee. Marktführer war damals „Linde’s Kaffee-Ersatz-Mischung“ (Gebr. Linde G.m.b.H., ab 1973 Nestlé Food Service) gefolgt von „Kathreiner Malzkaffee“. 1954 kam Caro-Kaffee, hergestellt aus Gerste, Malz, Zichorie und Roggen, als erstes Instant-Ersatzkaffeegetränk in Deutschland auf den Markt und verdrängte teilweise die nicht-löslichen Produkte.

Kathreiners Kaffeewerk in Magdeburg war nach Kriegsende enteignet worden und produzierte im Verband der Konsumgenossenschaften weiter Malzkaffee, erweiterte seine Produktion aber 1954 auf Bohnenkaffee und wurde zum Röstfein-Werk. Während der Kaffeekrise in der DDR[10] war 1976 Bohnenkaffee als Importprodukt kaum noch zu erhalten. Mit dem Kaffeemix wurde eine neue Mischkaffeesorte mit hohem Getreidekaffee-Anteil auf den Markt gebracht. Der Instant-Malzkaffee der DDR-Marke im nu wurde inzwischen wieder auf den Markt gebracht.

Neuerdings ist Getreidekaffee oder Fruchtkaffee vor allem in der Naturkostbewegung wieder im Trend, da er als gesünder und bekömmlicher gilt, vor allem weil er kein Koffein enthält.

Gesundheitliche Risiken[Bearbeiten]

Im Zusammenhang mit der Diskussion um das möglicherweise krebserregende Acrylamid hat der Ruf des Getreidekaffees in den Augen mancher Verbraucher gelitten. So war Getreidekaffeepulver nach Angaben des Bundesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) bei Messungen Ende 2002 mit 420 bis 2350 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm belastet. Diese Werte konnten jedoch durch Änderungen in der Produktion gesenkt werden und betrugen 2008 nur noch 540 µg/kg (Median).[11] Normaler Röstkaffee war bei dieser Untersuchung mit 195 µg/kg Acrylamid belastet. Deutlich höhere Werte zeigten sich in löslichem Kaffeepulver (836 µg/kg).

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Muckefuck – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen
 Commons: Kaffeeersatz – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Peter Wehle: Sprechen Sie Wienerisch? Wien 2003, ISBN 978-3-8000-3961-6, S. 307.
  2. Günter Bergmann: Kleines sächsisches Würterbuch. Bibliographisches Institut, Leipzig 1989, ISBN 3-323-00008-0.
  3. Ewald Harndt: Französisch im Berliner Jargon. Stapp Verlag, Berlin 1977, 9. Auflage 1987, ISBN 3-87776-403-7, S. 44-45.
  4. Duden 7 – Das Herkunftswörterbuch. Dudenverlag, Mannheim 2007, S. 571.
  5. Christian Gottlieb Förster: Geschichte von der Erfindung des Cichorien-Caffee. Georg Ludewig Förster, Bremen 1773
  6. a b Thomas Hengartner, Christoph Maria Merki (Hrsg.): Genußmittel: ein kulturgeschichtliches Handbuch. Campus Verlag, Frankfurt a.M./New York 1999, ISBN 3-593-36337-2, S. 109–112.
  7. Carl Philipp Ribbentropp: Vollständige Geschichte und Beschreibung der Stadt Braunschweig. Band 2, Braunschweig 1796, S. 146–148.
  8. Christhard Schrenk und Hubert Weckbach: „… für Ihre Rechnung und Gefahr“ – Rechnungen und Briefköpfe Heilbronner Firmen, Stadtarchiv Heilbronn 1994, S. 108.
  9. Imperial Bohnen- und Feigenkaffee abgerufen am 5. Dezember 2011
  10. Kosta, Rondo, Kaffeemix – Honeckers Kaffeekrise auf mdr.de
  11. Übersicht Acrylamidgehalte des BVL, PDF 29 kB, abgerufen am 5. März 2011.
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