Manhattan Transfer (Roman, 1925)

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Manhattan Transfer ist ein Roman von John Dos Passos, der im Jahr 1925 erschien. Der Titel bezieht sich auf den Namen einer Fährverbindung.

Inhalt[Bearbeiten]

In Manhattan Transfer wird das urbane Leben New Yorks insbesondere in Manhattan erzählt. Der etwa 320 Seiten umfassende Roman entwickelt keine stringente Handlungsstruktur. Dos Passos orientiert sich stattdessen an einzelnen Lebensläufen, um so den 'Großstadtdschungel' zu beschreiben.

Aufbau[Bearbeiten]

Dem Roman Manhattan Transfer wird eine Dreigliedrigkeit bzw. Dreidimensionalität zugesprochen. Es gibt drei Abteilungen oder 'Sections'. Die erste Abteilung und die letzte umfassen jeweils fünf Kapitel. Der zweiten Abteilung sind acht Kapitel gewidmet. Dieses Schema ist auch auf die Zeitstruktur zu übertragen: Die Handlung spielt vor, während und nach dem Ersten Weltkrieg. Bezeichnenderweise umfasst der mittlere Teil mit seinen acht Kapiteln in der erzählten Zeit gerade mal fünf Jahre, während der gesamte Roman ungefähr 25-30 Jahre erzählt. Es ist zu vermuten, dass der mittlere Teil deshalb länger ist, weil Dos Passos in jener Zeit die meisten Veränderungen in der Großstadt New York feststellte.

Die Kapitelüberschrift kann symbolisch wie konkret verstanden werden. Jedem Kapitel ist eine Art Einleitung vorangestellt, die sich vom übrigen Text auch auf typographische Weise unterscheidet. Durch die Überschrift wird das Thema mit einem Wort bekannt gegeben, sodann wird die Einleitung dazu genutzt, um das Thema vorzustellen. Auf der dritten Ebene, dem eigentlichen Kapitel, wird die Thematik variantenreich durchgespielt. Auch hier ist die Dreigliedrigkeit oder Dreidimensionalität das Schlagwort.

Volker Klotz verweist auf eine weitere Dreigliedrigkeit oder Dreidimensionalität, die das Sujet der Großstadt betrifft:

  • Manhattan Transfer spiegelt das Panorama der Stadt New York wider, weil die Figuren Armut, Reichtum, Vergnügen, Missgunst, Rechtsprechung, Architektur usf. verkörpern. Durch die losen Lebensläufe erlangt der Leser mehrere und divergente Einblicke in die Stadt.
  • Dem Leser werden aber nicht nur einzelne Lebensläufe dargeboten, sondern er teilt auch die Erfahrung der entsprechenden Figur. Die Nähe zwischen Figur und Leser wird dadurch erzeugt, dass beide Voyeure sind: Sie beobachten 'gemeinsam' Brände, Massenaufläufe, Alkoholschmugglerkämpfe, Straßen, Zimmer, Plakate, Hotelhallen usf. Es erfolgen keine detailgenauen Erläuterungen über das Interieur oder dergleichen, sondern der Leser sieht das, was die Romanfigur wahrnimmt. Das Erleben der Stadt schließt auch das Verhältnis zwischen Romanfigur und Großstadt ein. Ständig führen die einzelnen Personen die Stadt im Munde, indem sie die Stadt verfluchen oder sie machen die Stadt für alle Geschehnisse verantwortlich, die ihnen widerfahren sind.
  • Dos Passos sah in der Stadt eine immense Macht. Diese Ansicht spiegelt sich auch in seinem Roman wider. Manhattan bestimmt das Leben jedes Einzelnen und sucht sich aus, wem es zu Glück oder Leid verhilft, wer auserwählt ist und wer nicht benötigt wird und wer sozusagen aus dem großen Schlund der Großstadt ausgespien wird.

Figuren[Bearbeiten]

Innerhalb eines jeden Kapitels werden Figuren eingeführt, die oftmals nur ein einziges Mal auftauchen und dann wieder verschwinden. Andere Figuren werden häufiger erwähnt, aber immer bleibt es eine lose Ansammlung von Augenblickssplittern aus dem Leben der verschiedensten Personen. Es wird keine zusammenhängende Geschichte erzählt, die auf einen Helden ausgerichtet ist. Die Figuren bieten sich dar, als seien sie aus einer unbestimmbar großen Masse für einen Moment herausgerissen, um dann wieder im Großstadtgewühl unterzugehen. Im Roman werden etwa hundert Figuren eingeführt. Allen Personen kommt eine gleiche Gewichtung zu. In der Quantität unterscheiden sich die folgenden Figuren allerdings von den anderen.

Gus McNiel ist ein Milchmann, der durch einen Unfall zu einer hohen Summe Geld gelangt und so auf der sozialen Leiter einige Stufen empor klettern kann. Dieser plötzliche Aufstieg weckt seinen Ehrgeiz und er wird ein durchtriebener Gewerkschaftsführer, der es versteht politische Gegner gegeneinander auszuspielen.

George Baldwin startet seine Karriere mit der Übernahme des Falles Gus McNiel. Er verkörpert den amerikanischen Erfolgsmythos vom Tellerwäscher zum Millionär. George Baldwin mag beruflichen Erfolg für sich verzeichnen können, gleichzeitig aber findet ein Verfallsprozess seiner selbst statt. Im Vergleich zu Ellen Thatcher, die sich für ihre Karriere gewissermaßen 'verkauft', fehlt George Baldwin die nötige Distanz, um sein Handeln zu reflektieren, während Ellen sich ihres Handelns vollkommen bewusst ist und sich dafür verachtet. George Baldwin hingegen bemitleidet sich und versucht, durch Affären seine innere Substanz wiederherzustellen. Am Ende des Romans heiraten Ellen Thatcher und George Baldwin, wobei dem Leser schnell klar wird, dass diese Beziehung keine glückliche sein wird.

Jimmy Herf kam als kleiner Junge mit seiner Mutter nach Amerika. Einige Zeit später stirbt diese, und Jimmy wächst bei Verwandten auf. Er irrt durch New York und versucht sich einige Zeit als Journalist. Durch sein 'Nicht-Funktionieren' scheidet Jimmy Herf aus der Großstadt aus. Genau wie seine berufliche Laufbahn ist auch seine Ehe mit Ellen Thatcher zum Scheitern verurteilt. Diese Figur versucht sich selbst nichts vorzumachen, weshalb Jimmy Herf der Einzige ist, der New York lebend verlassen kann.

Ellen Thatcher kommt zu Beginn des Romans zur Welt. Sie sucht ihre Erfüllung in zwischenmenschlichen Beziehungen. Doch um ihrer Karriere willen stellt sie ihre Persönlichkeit und ihre Ansprüche ans Leben zurück. Insgesamt heiratet sie dreimal. Ein einziges Mal ist sie emotional berührt. Stan Emery weckt diese Gefühle in ihr, doch da er während eines Besäufnisses eine andere Frau heiratet und sich schließlich umbringt, kann sie ihre Gefühle nicht ausleben.

Stan Emery stammt aus einer wohlhabenden Familie. Jedoch wird er mit seiner Rolle nicht fertig und verliert sich im Alkohol. Seine Hilflosigkeit resultiert aus dem Großstadtleben. Er scheint diesem Leben nicht gewachsen, weil er zu sensibel ist. Letztendlich lebt er seinen verzweifelten Protest aus, indem er sich und seine Wohnung in Flammen aufgehen lässt.

Bud Korpenning ist vom Land in die Stadt geflohen, weil er seinen Vater erschlagen hat. Er ist auf Arbeitssuche und versucht sich in die Stadt hinein zu finden, indem er auf der ständigen Suche nach dem "center of things" ist. Bud Korpenning wird von der Stadt überrollt, weil er nicht weiß, wie sie funktioniert, so dass er letztlich Selbstmord begeht.

Textpassagen als Exempel[Bearbeiten]

"Well perhaps you can tell me why in this country nobody ever does anything. Nobody ever writes any music, or starts any revolutions or falls in love. All anybody ever does is to get drunk and tell smutty stories. I think it's disgusting..." (Gespräch zwischen Jimmy und Stan. Äußerung Jimmy. John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 193)

"Look here Cecily a divorce would be very harmful to my situation downtown at the moment, but if you really don't want to go on living with me I'll see what I can arrange..." (Gespräch zwischen George Baldwin und seiner ersten Ehefrau Cecily. Äußerung Baldwin. John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 185)

"All I do is sit in the office and let the young fellows do the work. My future's all cut out for me. I suppose I could get solemn and pompous and practice little private vices... but there's more in me than that." (Gespräch zwischen George Baldwin und Ellen Thatcher. Äußerung Baldwin. John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 220)

"Through dinner she felt a gradual icy coldness stealing through her like novocaine. She had made up her mind. It seemed as if she had set the photograph of herself in her own place, forever frozen into a single gesture. An invisible silk band of bitterness was tightening round her throat, strangling." (Darstellung Ellen Thatcher, John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 375)

"Suppose I'd gone with that young man with the ugly necktie who tried to pick me up... There are lives to be lived if only you didn't care. Care for what, for what; the opinion of mankind, money success, hotel lobbies, health, umbrellas, Uneeda biscuits...?" (Gedanken von Ellen Thatcher, John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 400)

"Why the hell does everybody want to succeed? I'd like to meet somebody who wanted to fail. That's the only sublime thing." (Äußerung Stan Emery, John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974, S. 175)

Poetik[Bearbeiten]

Dos Passos’ Schreibweise erinnert stark an den Film. Die Innenperspektive der Figuren wird nicht mit Worten wie 'Verzweiflung', 'Angst' oder dergleichen beschrieben, sondern diese Attribute müssen vom Leser selbst herausgefiltert werden. Dos Passos liefert dem Leser das Material, indem er 'Angst' gestaltet. Die Konklusion muss vom Leser selbst gezogen werden. Ein weiteres 'cineastisches Erzählelement' ist die Verwendung des 'Camera Eye'. Die Perspektive des Lesers wird vom Erzähler so gesteuert, dass sie einem 'Kamerablick' gleichkommt. Der Leser nimmt Nebensächlichkeiten wahr, die von ihm selbst zu einer neuen Geschichte summiert werden können, weil sie vom Autor lediglich angedeutet werden. Somit nimmt der Erzähler keine Führungsposition ein.

Pressetexte spielen bei Dos Passos ebenfalls eine wichtige Rolle. Der Autor verwendet ausschließlich authentisches Nachrichtenmaterial und schafft so eine Verschmelzung von 'tatsächlicher' Realität und Romanrealität. Ähnlich 'unbedeutsam' wie Pressetexte erscheint das Leben der einzelnen Figuren. Sie tauchen auf, sind für kurze Dauer von Wichtigkeit und tauchen dann wieder ab in die Vergessenheit. Damit wird die Anonymität der Metropole deutlich. Zudem wird durch den Einsatz von Schlagzeilen etc. die eigentliche Erzählung durchbrochen. Die ohnehin schon lose Struktur wird durch das Einfügen von Zeitungsfetzen noch weiter aufgelöst. Indem er seinen eigenen Text immer weiter in seine Bestandteile auflöst, erreicht er ein hohes Tempo. Der Rhythmus und die Schnelllebigkeit New Yorks dienen Dos Passos dazu, darauf aufmerksam zu machen, dass eine großstädtische Reizüberflutung vorliegt. Letztendlich führt diese inhärente Kritik zu einer Dämonisierung der Großstadt.

Rezeption[Bearbeiten]

Manhattan Transfer wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen.

Verfilmung[Bearbeiten]

Der Roman wurde als Kinofilm für den US-amerikanischen Markt umgesetzt. Nach einer ersten Aufführung im deutschen Fernsehen folgte eine Wiederholung im Frühjahr 2001. Der Film ist in schwarz-weiß gedreht. Vor- und Abspann werden mit einem lasziven instrumentalen Soul unterlegt, dessen melodisches Thema abschnittsweise auch einzelne Handlungsstränge begleitet.

Primärquellen[Bearbeiten]

John Dos Passos: Manhattan Transfer, London 1974.

John Dos Passos: Manhattan Transfer, aus dem amerikanischen Englisch übertragen von Paul Baudisch, Hamburg 1966.

Sekundärliteratur[Bearbeiten]

  • Frank Fingerhuth: John Steinbeck und John Dos Passos: „American tradition“ und gesellschaftliche Wirklichkeit. Untersuchung zum literarischen und gesellschaftspolitischen Entwicklungsdiagramm zweier amerikanischer Schriftsteller des 20. Jahrhunderts. Hamburger Buchagentur, Hamburg 1981.
  • Werner Gotzmann: Literarische Erfahrung von Großstadt (1922–1988) (= Europäische Hochschulschriften. Reihe 18: Vergleichende Literaturwissenschaften. Band 53). P. Lang, Frankfurt am Main 1990.
  • Hartwig Isernhagen: Ästhetische Innovation und Kulturkritik. Das Frühwerk von John Dos Passos 1916–1938 (= American Studies. Band 56). Fink, München 1983.
  • Volker Klotz: Die erzählte Stadt. Ein Sujet als Herausforderung an den Roman von Lesage bis Döblin. Hanser, München 1969, S. 317–371.
  • Lisa Nanney: John Dos Passos (= Twayne’s United States Authors Series. No. 700). Twayne, New York 1998.
  • E. D. Lowry: Dos Passos’ Manhattan Transfer und die Technik des Films. In: Edgar Lohner (Hrsg.): Der amerikanische Roman im 19. und 20. Jahrhundert. E. Schmidt, Berlin 1974, S. 238–257.
  • Renate Schmidt von Bardeleben: Das Bild New Yorks im Erzählwerk von Dreiser und Dos Passos (= Mainzer Amerikanistische Beiträge. Band 9). Hueber, München 1967.