Manuel Vázquez Montalbán

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Manuel Vázquez Montalbán (* 27. Juli 1939 in Barcelona; † 18. Oktober 2003 auf dem Flughafen Bangkok) war ein spanischer Schriftsteller und Journalist.

Leben[Bearbeiten]

Vázquez Montalbán wuchs in Barcelona in einfachen Verhältnissen auf. Sein Vater wurde als Republikaner in Franco-Spanien nach dem Krieg inhaftiert, was für Montalbán eine ebenso prägende Erfahrung war wie Hunger und Entbehrung der einfachen Bevölkerung in den „Hungerjahren“ nach dem Spanischen Bürgerkrieg. Nach einem Journalismus-Studium schrieb er für zahlreiche links-oppositionelle Zeitschriften und machte sich als gleichermaßen witziger wie scharfer Kritiker des Regimes einen Namen. Nach Francos Tod veröffentlichte er auch in großen Tageszeitungen und wurde einer der bekanntesten Zeitungsjournalisten des Landes. Parallel zu seiner journalistischen Karriere veröffentlichte er zunächst vor allem Lyrik und Erzählungen, ab den 1970er Jahren vermehrt Romane, Sachbücher und Essays.

Als Lyriker gehörte er in den sechziger Jahren zu der Gruppe der sogenannten Novísimos, die in ihrer Lyrik jeden Zwang zu einem logisch kohärenten Diskurs ablehnten und alte und neue Gedichtformen zusammenfügten. Themen und Mythen, vorzugsweise aus Kino, Schlager, Fernsehen und Trivialliteratur flossen in diese Literatur ein und wurden collagenartig verwendet. Dem Vorwurf, die Novísimos würden die außerliterarische Wirklichkeit ausblenden und hätten kein politisches Bewusstsein, widersprach Vázquez Montalbán: Gerade die Weigerung, den franquistischen Literaturmodellen zu folgen und sie statt dessen verfremdet in neue Zusammenhänge zu montieren, sei politisches Dichten. Diese neuen Techniken sind z.B. in seinem Roman Manifiesto subnormal von 1970 zu erkennen, einer Collage aus Dialogen, Reportagen, Gedichten, Zitaten und Erklärungen des Autors, eine Mischung aus Manifest und Fiktion. Diese Praxis bezeichnete Montalbán als „escritura subnormal“. In dieser Phase versuchte er, mit Verfremdungstechniken, durch Montage verschiedener populärer Genres und Figuren und eine Mischung von populären Mythen eine literarische Gegenströmung zum Franquismus zu etablieren.

International bekannt wurde Vázquez Montalban durch die Kriminalromane um den von ihm erfundenen Privatdetektiv Pepe Carvalho. Die Carvalho-Serie plante er bewusst als „Chronik der transición“, Spaniens Wandel von der Diktatur zur Demokratie. Doch nicht nur in den Kriminalromanen, auch in seinen zahlreichen Sachbüchern, Essays und zeitgeschichtlichen Romanen setzte er sich kritisch mit der spanischen Gesellschaft nach der Franco-Diktatur auseinander. Mit der Serie reagierte der Autor auf die veränderte literarische Landschaft nach dem Tod des Diktators Francisco Franco 1975 und der Abschaffung der Zensur 1978. Das Informationsbedürfnis der Bevölkerung konnte wieder von Medien wie Rundfunk und Zeitungen gestillt werden, Kritik konnte öffentlich geäußert werden, so dass die erzählende Literatur von dieser Funktion entlastet wurde. Vázquez Montalbán schrieb seinen ersten Kriminalroman Tatuaje (1974); ausgehend von diesem begann er ab 1977 mit La soledad del manager seine Krimireihe um Pepe Carvalho. Daneben veröffentlichte er Erzählungen und Romane wie El pianista (1985), Los alegres muchachos de Atzavara (1987) und den mehrfach preisgekrönten Galíndez. In Deutschland wurde Vázquez Montalbán bis zuletzt in erster Linie als Schöpfer von Pepe Carvalho, also mehr als Krimiautor und weniger als politischer Chronist wahrgenommen. In den ersten Carvalho-Übersetzungen wurden die teilweise ausführlichen politischen Diskussionen der Figuren gestrichen; erst bei einer Überarbeitung der Übersetzungen in den 1990er Jahren, als der Autor international bekannt war, wurden die Bücher vollständig übertragen. 1981 erhielt er für seinen Roman Tahiti liegt bei Barcelona den renommierten Grand prix de littérature policière. 1992 wurde Vázquez Montalbán für Die Meere des Südens mit dem Schwedischen Krimipreis – International gekrönt.

Der äußerst produktive Schriftsteller, der über 100 Buchtitel publizierte, verfasste neben Prosa auch Lyrik, Essays, Theaterstücke, politische und zeitgeschichtliche Bücher sowie Kochbücher. Er schrieb für zahlreiche Zeitschriften sowie eine regelmäßige Kolumne und andere Beiträge für die bedeutendste spanische Tageszeitung El País. Insgesamt wurden nach seinem Tod über 8.000 Artikel gezählt, davon allein 2.124 seit 1980 in El País.

Der italienische Schriftsteller Andrea Camilleri, ein großer Verehrer von Vázquez Montalbán, benannte nach diesem seinen eigenen sizilianischen Haupthelden Commissario Salvo Montalbano.

Werke[Bearbeiten]

Romane[Bearbeiten]

auf Deutsch erschienen:

Sachbücher[Bearbeiten]

  • Informe sobre la información (~Bericht über das Informationswesen) „Bibel“ regierungskritischer Journalisten, 1963
  • Sentimentale Chronik über Spanien mehr als eine Abrechnung mit der Franco-Diktatur, 1971
  • Barcelonas (~Verschiedene Seiten Barcelonas), 1992 (original auf Spanisch, 1987)
  • La aznaridad. Por el imperio hacia Dios o por Dias hacia el imperio (~ Das Aznar-System) postum 2004
  • Y Dios entró en La Habana, Verlag El País Aguilar, 1998 (Sachbuch über das Kuba Fidel Castros, spanisch)
  • Marcos. Herr der Spiegel, Verlag Klaus Wagenbach, ISBN 3-8031-3606-7, Originaltitel: Marcos: el señor de los espejos, 1999 (hier beschreibt der Autor die mexikanische Zapatisten-Bewegung und geht der Frage nach, welche Zukunft eine linke kritische Politik im Zeitalter der Globalisierung hat)

Literatur[Bearbeiten]

  • Albrecht Buschmann: Die Macht und ihr Preis. Detektorisches Erzählen bei Leonardo Sciascia und Manuel Vázquez Montalbán. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005.
  • José Fernando Colmeiro: Crónica del desencanto. La narrativa de Manuel Vázquez Montalbán. North South Center, Miami 1996.
  • Sandra J. Puvogel: The detective fiction of Manuel Vázquez Montalbán. Michigan State University Press, Ann Arbor 1988.
  • Georges Tyras: Geometrías de la memoria. Conversaciones con Manuel Vázquez Montalbán. Editorial Zoela, Granada 2003.

Weblinks[Bearbeiten]