Marc Rich

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Marc Rich (* 18. Dezember 1934 in Antwerpen als Marcell David Reich[1]; † 26. Juni 2013 in Luzern) war ein spanisch-israelischer international tätiger Immobilien- und Finanzinvestor und einer der erfolgreichsten und umstrittensten Rohstoffhändler weltweit.

Leben[Bearbeiten]

Jugend und Flucht in die USA[Bearbeiten]

Marc Richs Eltern waren deutschsprachige Juden. Die Mutter Paula stammte aus Saarbrücken, der Vater David ursprünglich aus dem Schtetl von Przemyśl in Polen und ging später nach Frankfurt am Main. Dort handelte Vater David mit allem Beweglichen von Altmetall bis Schuhen. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten flohen seine Eltern aus Frankfurt nach Belgien, wo Rich als Marcell David Reich im Dezember 1934 in Antwerpen zur Welt kam. Die Familie Reich floh vor der deutschen Wehrmacht noch vor der vollständigen Besetzung Belgiens mit einem Pkw ins unbesetzte Vichy-Frankreich. Ein Jahr später gelang es der Familie, in letzter Minute ohne Geld auf einem Frachtschiff von Marseille nach Marokko zu entkommen. Schließlich kamen sie mit dem Frachter Monviso in die USA. In New York wohnte die Familie, von der zu dieser Zeit niemand Englisch sprechen konnte, die erste Zeit bei Verwandten. Danach zog sie zuerst nach Philadelphia, dann weiter nach Kansas City und schließlich zurück nach New York in den Stadtteil Queens, wo viele jüdische Immigranten lebten. 1945 erhielten die Reichs die amerikanische Staatsbürgerschaft und änderten ihren Namen zu Rich.

Bevor sich die Familie niederließ, ging der junge Marc auf der Primar- und Sekundarstufe fast jedes Jahr in eine andere Schule. In Queens hielt sich Marc oft im Geschäft seines Vaters auf und arbeitete dort mit. Der Vater handelte mit Schmuck, Autoersatzteilen und Tabak. Mit Jutesäcken, welche die Armee während des Koreakriegs (1950–1953) dringend für Sandsäcke brauchte, brachte er es zu einem gewissen Wohlstand.

Marc Rich ging in Manhattan zur privaten Rhodes School (High School) und studierte von 1952 an zwei Semester Marketing an der New York University.

Beruflicher Werdegang[Bearbeiten]

Er begann 1954 beim Rohstoffunternehmen Philip Brothers, dem damals weltgrößten Rohstoffhändler, der von einer Gruppe deutsch-jüdischer Emigranten um Ludwig Jesselson geführt wurde, als Lehrling. 1964 bis 1974 arbeitete er als Manager der Philipp Brothers Büros in Spanien. Zu Beginn der 1970er Jahre schuf er den heutigen Handel für Rohöl (Spotmarkt).[2]

Rich gründete 1974 mit einigen seiner Weggefährten, darunter auch Pincus Green, ein eigenes Rohstoffunternehmen, die „Marc Rich + Co AG“ mit Hauptsitz im schweizerischen Zug. Diese Firma wurde über die nächsten Jahrzehnte zu einem der bekanntesten und erfolgreichsten Unternehmen der Branche. Sie wurde 1979 in „Marc Rich + Co Holding AG“ umbenannt. 1993 verkaufte Marc Rich den Trading Bereich der Marc Rich + Co Holding AG an die Manager. Daraus entstand das Unternehmen Glencore. 1996 gründete Marc Rich die „Marc Rich + Co Investment AG“, eine kleine Rohwarenhandelsgruppe. 1997 wurde die „Marc Rich + Co Holding AG“ in die „Marc Rich + Co Holding GmbH“ umgewandelt, über deren Anteile an der „Marc Rich + Co Investment“ im Jahr 2001 Verhandlungen mit der zur russischen Alfa-Gruppe gehörende „Crown Resources“ liefen,[3] es aber laut Unternehmens-Website nicht zum Verkauf kam. 2003 wurde das Aktienkapital der „Marc Rich + Co Investment AG“ wegen einer Unterbilanz herabgesetzt.[4] Seit 1. Juli 2011 firmiert sie unter „MRI Trading AG“, daneben besteht noch die „Marc Rich Real Estate GmbH“.

Indem er trotz internationalem Embargo den Handel des Apartheid-Regimes in Südafrika mitfinanzierte und förderte (unter anderem lieferten seine Firmen 15 % aller Ölfrachten zwischen 1979 und 1993[5] und 50 Tankerladungen zwischen Februar 1982 und November 1986[6]), hielt er es an der Macht.[7] Die Öllieferungen werden auf mindestens 400 Millionen Barrel geschätzt, der Profit für Richs Firmen auf zwei Milliarden Dollar.[8] Rich bezeichnete dies selbst als seine „wichtigste und profitabelste“ Geschäftsbeziehung.[9] Nachdem sich die Konkurrenzfirma Phibro-Salomon 1985 nach Ausrufung des Ausnahmezustands und der Rubikon-Rede Bothas aus dem Südafrika-Geschäft zurückgezogen hatte,[10] übernahm Rich den Export für die südafrikanische Black Mountain, eine der größten Bleiminen der Welt.[11]

Richs Firmen waren auch jahrelang der bedeutendste Rohöllieferant für Israel mit einem Anteil von bis zu 60–90 % des Bedarfs[12] (im langjährigen Schnitt über 20 %). Beschafft wurde das Öl im Iran – auch während die USA wegen der Geiselnahme in der Teheraner Botschaft (1979-1981) ein Importverbot und die EU-Außenminister Sanktionen verhängt hatten.[13]

Im Mai 2007 erhielt Marc Rich einen Ehrendoktortitel der Bar-Ilan-Universität in Ramat Gan. Die zweitgrößte israelische Universität begründete die Verleihung mit Marc Richs jahrzehntelangem finanziellen Engagement für die medizinische Forschung zur Bekämpfung der Leukämie und den Projekten seiner Stiftungen zur Völkerverständigung. Einen Preis für soziales Engagement erhielt Rich als Gründer der Rich-Stiftungen (Sheba Humanitarian Award 2008).

Er war von 1966 bis 1996 mit der Liedtexterin Denise Eisenberg Rich verheiratet und hat mit ihr drei Töchter (* 1967, 1969-1996, * 1975).[14][15] Sein Vermögen wurde 2012 vom Schweizer Wirtschaftsmagazin Bilanz auf 850 Millionen Schweizer Franken (ca. 700 Millionen Euro) geschätzt.[16]

Rich wohnte zuletzt im luzernischen Meggen.[3] Er verstarb am 26. Juni 2013 nach einem Schlaganfall im Alter von 78 Jahren in einem Luzerner Spital.[17] Einen Tag später wurde er in der Nähe von Tel Aviv in Israel beerdigt.[18]

Anklage und Begnadigung[Bearbeiten]

Marc Rich und andere Händler wurden 1983 der Steuerhinterziehung, Falschaussage, Handel mit Iran und dem umstrittenen RICO (Racketeer Influenced and Corrupt Organisations, Trading with the Enemy Act) durch Staatsanwalt Rudolph Giuliani, den späteren Bürgermeister von New York, angeklagt. Giuliani bezeichnete Rich als „den größten Steuerbetrüger in der Geschichte der USA“. Ein Prozess kam allerdings nie zustande, da sich Marc Rich bereits einige Monate vor der Anklageerhebung nach Zug abgesetzt hatte, wo seine Firma seit 1974 ansässig war, bereits im September 1982 auf die amerikanische Nationalität verzichtet hatte und sich in Spanien einbürgern ließ, wo er zehn Jahre lang gelebt hatte. Des Weiteren war er Staatsbürger von Israel[19]. Rich machte einen ehemaligen Mossad-Agenten zu seinem Sicherheitsberater[20]; dieser ist heute zeichnungsberechtigtes Mitglied im Stiftungsrat der Marc Rich Foundation.[21] Eine gegen seine Schweizer Unternehmung gerichtete Aktenherausgabeverfügung der amerikanischen Behörden bezeichnete der Schweizer Bundesrat 1985 als völkerrechtswidrig.[22]

Rich stand jahrelang auf der Liste der „Most Wanted“ des FBI. Eine 1985 geplante Entführung in die USA scheiterte an einem Hinweis an Schweizer Behörden.[23] 2001 erhielt Marc Rich die wohl bekannteste der 140 Begnadigungen, die Präsident Clinton an seinem letzten Amtstag aussprach. Marc Rich hatte vorher Bedenken geäußert, ob das Gnadengesuch seines Geschäftspartners Green nicht sein eigenes negativ beeinflussen könnte.[24] Unter anderem Schimon Peres und Ehud Barak[25] hatten sich persönlich für Rich eingesetzt. Ehud Olmert, ein weiterer Fürsprecher, hatte acht Jahre zuvor von Rich eine für israelische Verhältnisse großzügige Spende für seinen Bürgermeisterwahlkampf erhalten.[26] Mit Clintons Gnadenerlass wurde die Anklage gegen Rich aufgehoben. Weil Richs frühere Frau und Mutter seiner drei Kinder während der Amtszeit Clintons umfangreiche Spenden an die Demokratische Partei geleistet hatte (450.000 Dollar für die Clinton Library)[27], wurde vielfach behauptet, die Amnestie sei erkauft worden. Präsident Clinton erklärte jedoch, dass die Entscheidung aufgrund der Faktenlage erfolgt sei und weil ähnliche Anklagen auf zivilem Weg prozessiert worden seien.[28]

Die Marc Rich Collection im Kunsthaus Zürich[Bearbeiten]

Aus Anlass des 150. Geburtstags der Fotografie schenkte Marc Rich 1989 dem Kunsthaus Zürich eine eigene Fotosammlung. Es handelt sich vorwiegend um schwarz-weiße historische Abzüge, welche die Entwicklung der klassischen künstlerischen Fotografie von Ende des 19. Jahrhunderts an repräsentieren. Die Collection bildet den Grundstock für den Sammlungsbereich der klassischen, künstlerischen Fotografie des bedeutenden Zürcher Kunsthauses.

Ihr Bogen spannt sich von den Pionieren der Frühzeit (William Henry Fox Talbot, Charles Marville) über den Piktorialismus der „Photo-Secession“ (Alfred Stieglitz, Edward Steichen), die „Straight Photography“ (Paul Strand, Edward Weston, Ansel Adams) bis zu Surrealismus, Konstruktivismus und Bauhaus (Man Ray, László Moholy-Nagy) und dem poetisch-dokumentarischen Realismus der Mitte des 20. Jahrhunderts (Henri Cartier-Bresson, Robert Frank).[29]

Die Schweizerische Stiftung für den Doron Preis[Bearbeiten]

Die Schweizerische Stiftung für den Doron Preis wurde 1986 von der Marc Rich Gruppe gegründet und zeichnet jährlich überdurchschnittliche persönliche, uneigennützige und erfolgreiche Leistungen auf den Gebieten der Kultur, des Gemeinwohls und der Wissenschaften aus. Jährlich werden zwei Preisträger gewürdigt. Im Jahr 2007 erhielten das Schweizerische Jugendschriftenwerk (SJW) und die Spitalclowns der Stiftung Theodora den Doron Preis, der mit je 50.000 Schweizer Franken dotiert ist.[30]

Die Rich-Stiftungen unterstützten bis heute weltweit rund 4000 Non-Profit-Projekte mit über 135 Millionen USD.[31]

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wikiquote: Marc Rich – Zitate

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Vom Flüchtlingskind zum «King of Oil», Das Magazin, 14. August 2010.
  2. Daniel Ammann: The King of Oil: The Secret Lives of Marc Rich. St. Martin’s Press, New York 2009, ISBN 0-312-57074-0.
  3. a b Marc Rich: Sein letzter Deal, Bilanz, 28. Februar 2002.
  4. SHAB: 125/2003 vom 3. Juli 2003 (S. 19, Tagebuch Nr. 5913 vom 27. Juni 2003)
  5. Die Dunkelkammer, Brand eins 04/2001.
  6. David Pallister, Kevin Maguire: Shadow minister accused of supplying apartheid regime, The Guardian online, 4. Mai 2001. (englisch)
  7. Walter Niederberger: Die USA hätten Marc Rich haben können, Basler Zeitung Online, 23. Oktober 2009.
  8. Daniel Ammann: Iran Sanctions: The Sobering Lessons of Marc Rich, abc news, 22. März 2010. (englisch)
  9. Daniel Ammann: How I Met the Biggest Devil, The Huffington Post, 23. November 2009. (englisch)
  10. Banks Cut South Africa’s Credit, in: ACOA Action News No. 20, 1985, S.3 (PDF, englisch; 526 kB)
  11. Shawn Tully: Why Marc Rich is richer than ever, Fortune Magazine, 1. August 1988. (englisch)
  12. Michael Martin: Sanctions on Iran will fail, Christian Science Monitor, 1. April 2010. (englisch)
  13. Daniel Ammann: Iran Sanctions: The Sobering Lessons of Marc Rich, abc news, 22. März 2010. (englisch)
  14. Handelsblatt:Diese Prominenten lagern ihr Geld in Steueroasen
  15. Daniel Ammann: The King of Oil: The Secret Lives of Marc Rich, S. 215
  16. Die 300 Reichsten 2012: Marc Rich. In: Bilanz, abgerufen am 9. Mai 2013
  17. Rohstoffhändler Marc Rich gestorben. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26. Juni 2013
  18. Marc Rich in der Nähe von Tel Aviv beerdigt. In: cash.ch vom 27. Juni 2013
  19. Marc Rich. In: Infocube.ch, abgerufen am 26. Juni 2013
  20. Glencore as Israel’s Wild Card, Intelligence Online, 26. November 2009. (englisch)
  21. SHAB: 127/2009 vom 6. Juli 2009 (S. 22).
  22. VPB 51.5
  23. Walter Niederberger: Die USA hätten Marc Rich haben können, Basler Zeitung Online, 23. Oktober 2009
  24. Alison Leigh Cowan: Financier’s Partner Remained Loyal Lieutenant Throughout, The New York Times, 20. Februar 2001. (englisch)
  25. Neil A. Lewis: Clinton and Barak Discuss Rich Pardon in a Transcript, The New York Times, 21. August 2001. (englisch)
  26. William A.Orme Jr.: Marc Rich Aided Israeli Official, The New York Times, 22. Februar 2001. (englisch)
  27. Alison Leigh Cowan: Ex-Wife of Pardoned Financier Pledged Money to Clinton Library, The New York Times, 9. Februar 2001. (englisch)
  28. William Jefferson Clinton: My Reasons for the Pardons, The New York Times, 18. Februar 2001. (englisch)
  29. [1]
  30. „Website der Doron-Stiftung“
  31. Website der Doron-Stiftung
  32. Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung 3. Oktober 2010, S. 53