Margaret Mead

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Margaret Mead 1948 zum Anlass ihres Vor­trages Some Anthro­pologi­cal Consi­dera­tions Con­cer­ning Guilt auf dem „Second Inter­natio­nal Sym­posium on Fee­lings and Emo­tions“ in den USA

Margaret Mead (* 16. Dezember 1901 in Philadelphia, Pennsylvania; † 15. November 1978 in New York) war eine US-amerikanische Ethnologin (cultural anthropologist). Sie gilt als eine der entschiedensten Vertreterinnen des Kulturrelativismus im 20. Jahrhundert und ist neben Ruth Fulton Benedict die Hauptvertreterin der Culture and Personality School. Sie vertrat die Auffassung, dass Sozialverhalten formbar und kulturbestimmt sei.

Besonders in den 1960er und in den 1970er Jahren waren ihre Arbeiten sehr populär. Mead galt mit ihren Studien über die Sexualität bei südpazifischen Kulturen als eine Wegbereiterin der sexuellen Revolution. Seit den 1980er Jahren wurde verstärkt Kritik an ihren Forschungsmethoden geübt. Trotz dieser Kritik sind ihre Thesen bis heute bestimmend, insbesondere ihre Thesen zur Stimulierung von Massenbewegungen, aktuell beispielsweise die kollektive Angst vor Naturveränderungen wie Klimawandel.

Leben[Bearbeiten]

Margaret Mead wuchs in einer liberalen Familie auf. Sie hatte vier Geschwister, die alle jünger waren als sie – Bruder Richard (1904–1975) und die Schwestern Elizabeth (1909–1983), Katharine (1906–1907, verstarb im Alter von neun Monaten) und Priscilla (1911–1959). Margaret Mead studierte an der Columbia University bei Franz Boas und Ruth Benedict.

1925 reiste sie als junge Ethnologin allein nach Samoa, wo sie junge Mädchen an der Stufe zum Erwachsenwerden studierte. Mit einigem Erstaunen hielt sie fest, dass die bis dahin als starr geltenden sozialen Rollen kulturell vorgegeben waren und nicht – wie bisher allgemein angenommen – für alle Menschen allgemein gültig waren. 1957 reiste Lowell D. Holmes auf den Spuren Meads und korrigierte in seiner Dissertation Fehler von Mead; im Großen und Ganzen bestätigte er darin aber Meads Ergebnisse.

Weltberühmt wurde Mead durch ihre Forschungsreisen 1931 nach Neuguinea, wo sie die Gesellschaftsstrukturen der Arapesh, Tchambuli und Mundugumor erforschte und aus ihrem Material folgerte, dass die bis dahin bekannten Geschlechterrollen kulturell bedingt seien und nicht genetisch vorgegeben. Sie war die erste Person, die diese (bis heute umstrittene) Ansicht empirisch zu belegen schien, und gab damit den gesamten Sozialwissenschaften neue Impulse.

Zwischen 1936 und 1939 betrieb sie zusammen mit Gregory Bateson und Jane Belo intensive Studien auf der Insel Bali. Sie war damit eine wichtige Figur des sogenannten Bali-Circle der dreißiger Jahre.

Während des Zweiten Weltkrieges musste sie ihre Forschungsreisen in die Südsee unterbrechen, wodurch sie sich jedoch nicht von weiteren Forschungstätigkeiten abhalten ließ. Gemeinsam mit Ruth Benedict wandte sie früh anthropologische und ethnologische Methoden zur Erforschung moderner Kulturen an. Dabei beschäftigten sie sich im Auftrag der amerikanischen Informations- und Propagandabehörde Office of War Information insbesondere mit der japanischen Kultur.[1] Um ihre Vergleiche zwischen den Kulturen zu vertiefen und weitere Forscher zu solchen Vergleichen zu animieren, gründeten die beiden Ethnologinnen das Institute for Intercultural Studies.

Insgesamt erforschte Mead sieben Kulturen im Südpazifik. Sie war Professorin des American Museum of Natural History in New York, Präsidentin der American Anthropological Association (AAA) und der American Association for the Advancement of Science. Sie erhielt 28 Ehrendoktorate von Universitäten weltweit und schrieb mehr als 40 Bücher sowie über 1000 wissenschaftliche Artikel. Sie war Lehrerin und Förderin von Ray Birdwhistell. Margaret Mead wurde 1970 mit dem Kalinga-Preis für die Popularisierung der Wissenschaft ausgezeichnet.

Mead war verheiratet mit Luther Cressman, Reo F. Fortune und Gregory Bateson. Mit letzterem hatte sie eine Tochter, Mary Catherine Bateson (* 8. Dezember 1939).

Mead-Freeman-Kontroverse[Bearbeiten]

Der Anthropologe Derek Freeman widersprach Meads Samoa-Ergebnissen in seinen Studien. Freeman ging dabei ausdrücklich nicht von einer bewusst falschen Darstellung durch Mead aus. Seiner Auffassung nach entsprang ihr Samoa-Bild eigenem Wunschdenken.

Mead hatte Anthropologie beim deutschstämmigen Franz Boas studiert, einem der Gründungsväter der cultural anthropology (amerikanische Entsprechung der Ethnologie). Boas wandte sich in seinen Forschungen gegen den von der Eugenetik vertretenen Erbdeterminismus, der den Menschen vor allem durch seine Erbanlagen bestimmt sieht. Im Sinne Boas' trat die damals 23-jährige Margaret Mead ihre Forschungen ausdrücklich mit dem Ziel der Widerlegung des Erbdeterminismus an: „Wir hatten zu zeigen, dass die Menschennatur außerordentlich anpassungsfähig ist, daß die Rhythmen der Kultur zwingender sind als die physiologischen Rhythmen … Wir hatten den Beweis zu erbringen, dass die biologische Grundlage des menschlichen Charakters sich unter verschiedenen gesellschaftlichen Bedingungen verändern kann.[2]

Meads Fahrt nach Samoa im August 1925 war ihre erste Auslandsreise. Fundierte Kenntnisse der samoanischen Geschichte und Kultur hatte sie nicht. Erst vor Ort nahm sie Anfangsunterricht in der samoanischen Sprache (1 Stunde pro Tag). Da sie die Vorstellung, in der primitiven Umgebung einer samoanischen Familie zu leben, abschreckte, zog sie in das Haus einer dort ansässigen nordamerikanischen Familie. Im nächsten halben Jahr befragte sie samoanische Mädchen, 25 davon näher. Diese Befragungen bildeten die Quelle ihres Buches. Zugang zum politischen Leben der Einheimischen, den Männerversammlungen, bekam sie als Frau nicht.[3]

Anders als Mead war Derek Freeman der samoanischen Sprache kundig. Er kam erstmals 1940 nach Samoa und verbrachte dort in den folgenden vier Jahrzehnten über sechs Jahre. Er schrieb seine Doktorarbeit über die Gesellschaftsstruktur Samoas, wurde von einer einheimischen Familie adoptiert und in seinem Dorf zum Häuptling ernannt. Anfangs wie Mead ein überzeugter Kulturdeterminist, veröffentlichte er sein Mead-kritisches Buch erst als emeritierter Professor. Freemans Beschreibung von Samoa, das er aufgrund seiner eigenen jahrzehntelangen Erfahrungen und Befragungen sowie intensiven Quellenstudien beschreibt, steht im ausdrücklichen Widerspruch zu Meads Ergebnissen.[4]

Mary Pritchard, die von Margaret Mead 1925 interviewt worden war, meinte 1983: „Was würden Sie denn sagen, wenn Ihnen ein Fremder ins Haus schneit und Sie über das Sexualleben Ihrer Kinder ausfragt?[5] Und der samoanische Schriftsteller Albert Wendt setzt seine literarische Arbeit bewusst zur Korrektur ein: „Das Samoa, das ich schuf, war genau das Gegenteil von Margaret Meads attraktivem, aber oberflächlichem Paradies-Klischee. Es ist dies ein Samoa mit all den Gefühlen, Problemen, Hoffnungen und dergleichen, die allen Menschen gemeinsam sind.[6]

Die Beschreibung der Arapesh auf Neuguinea in den 1930er Jahren als äußerst friedliches Volk hat Mead Kritik von einem ihrer Ex-Männer eingetragen. Der Anthropologe Reo F. Fortune wies 1939 Forschungsergebnisse der inzwischen mit dem Kollegen Gregory Bateson liierten Mead energisch zurück und beschrieb detailliert die Frauenraubkriege der Arapesh.[7]

Der Anthropologe Paul Shankman zeichnet inzwischen ein eher vermittelndes Bild von der Kontroverse zwischen Mead und Freeman und ist der Auffassung, dass auch Freemans Untersuchung nur unzureichend von der Beweislage gedeckt sei; beide Seiten der Kontroverse seien unter Ideologieverdacht.[8]

Werke[Bearbeiten]

Veröffentlichungen[Bearbeiten]

  • Coming of Age in Samoa. A Psychological Study of Primitive Youth for Western Civilisation. 1928; (Nachdruck: Harper Perennial, 2001 ISBN 978-0-688-05033-7)
  • Growing Up in New Guinea.1930; (Nachdruck: Harper Perennial, 2001 ISBN 978-0-688-17811-6)
  • Social organization of Manu'a. Honolulu 1930; (Nachdruck: Krauss Reprint, New York 1969, ISBN 0-910240-08-6)
  • The changing culture of an Indian tribe. New York 1932; (Nachdruck: AMS Press, New York 1969)
  • Kinship in the Admiralty Islands. New York 1934; (Nachdruck: Transaction Publications, New Brunswick, Canada 2002, ISBN 0-7658-0764-5)
  • Sex and Temperament in Three Primitive Societies. 1935; (dt. Übersetzung: Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften. Teil 1: Kindheit und Jugend in Samoa. Teil 2: Kindheit und Jugend in Neuguinea. Teil 3: Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften. Klotz, Eschborn 2002, ISBN 3-88074-451-3)
  • Cooperation and competition among primitive peoples. New York 1937; (Nachdruck: Transaction Publications, New Brunswick, Canada 2003, ISBN 0-7658-0935-4)
  • Male and female. 1949; (dt. Übersetzung: Mann und Weib. Das Verhältnis der Geschlechter in einer sich wandelnden Welt . Ullstein, Frankfurt/M. 1992, ISBN 3-548-34835-1)
  • New lives for old. Cultural transformation; manuscripts 1928–1953. New York 1956; (Nachdruck: Perennial Edition, New York 2001, ISBN 0-06-095806-5)
  • Anthropology. A human science; selected papers 1939–1960. Van Nostrand, Princeton, 1964, ISBN 0-442-09871-5
  • Continuities in cultural evolution. New Haven, Conn. 1964; (Nachdruck: Transaction Publishers, New Brunswick, N.J. 1999, ISBN 0-7658-0604-5)
  • Anthropologists and what they do. Watts, New York 1965
  • An anthropologist at work. Writings of Ruth Benedict. New York 1966; (Nachdruck: Greenwood Press, Westport, Conn. 1977)
  • The Mountain Arapesh. Natural History Press, Garden City (1. The record of unabelin with Rorschach analyses, 1968; 2. Arts and supernaturalism, 1970; 3. Stream of events in Alitola, 1971.)
  • Science and the concept of race. CUP, New York 1968
  • Culture and Commitment. 1970; (dt. Übersetzung: Der Konflikt der Generationen. Jugend ohne Vorbild. Klotz, Eschborn 2000, ISBN 3-88074-294-4)
  • People and places (Anthropology; Bd. 3). Bantam Books, Toronto 1970, ISBN 0-553-06312-X
  • The school in American culture. University Press, Cambridge, Mass. 1971
  • Blackberry winter. 1972; (dt. Übersetzung: Brombeerblüten im Winter. Ein befreites Leben. Rowohlt, Reinbek 1993, ISBN 3-499-14226-0) (Autobiographie)
  • Twentieth century faith, hope and survival. 1972; (dt. Übersetzung: Hoffnung und Überleben der Menschheit. Glaube im 20. Jahrhundert. Kreuz-Verlag, Stuttgart 1973, ISBN 3-7831-0411-4)
  • Letters from the field. 1925–1975. New York 1977; (Nachdruck: Perennial Edition, New York 2001, ISBN 0-06-095804-9) (autobiographische Briefsammlung)
  • Soviet attitudes toward authority. An interdisciplinary approach to problems of Soviet character. Greenwood Press, Westport, Mass. 1979, ISBN 0-313-21081-0
  • Ruth Benedict. A humanist in anthropology. CUP, New York 2005, ISBN 0-231-13490-8 (Biographie über Ruth Benedict)
  • The study of contemporary western cultures. Berghahn Books, Bd. 1-6, New York 2000 ff. (1. The study of culture at a distance, 2000, ISBN 1-57181-217-2; 2. And keep your powder dry. An anthropologist looks at the American character, 2000, ISBN 1-57181-217-2; 3. Russian culture, 2001, ISBN 1-57181-230-X; 4. Themes in French culture. A preface to a study of French community, 2001, ISBN 1-57181-813-8; 5. Studying contemporary western society. Method and theory, 2004, ISBN 1-57181-815-4; 6. The world ahead. An anthropologist anticipates the future. 2005, ISBN 1-57181-817-0)

in Co-Autorenschaft[Bearbeiten]

  • Growth and culture. A photographic study of balinese childhood. (mit Frances McGregor), Putnam Books, New York 1951
  • Primitive heritage. An anthropological anthology. (mit Nicholas Callas), Gollancz, London 1954
  • A way of seeing. (mit Rhoda Metraux), New York 1962; Nachdruck: Morrow Books, New York 1974, ISBN 0-688-05326-2
  • Balinese character. A photographic analysis. (mit Gregory Bateson), New York Academy of Sciences, New York 1962
  • Family. (mit Ken Heyman), Macmillan, New York 1965
  • The golden age of American anthropology. (mit Ruth Bunzel), Braziller Books, New York 1968
  • The small conference. An innovation in communication. (mit Paul Byers), Mouton Books, Den Haag 1968
  • The wagon and the star. A study of American community initiative. (mit Muriel Brown), Rand McNally, Chicago 1967
  • To love or to perish. The technological crisis and the churches.(mit u.a. Daniel D. McCracken), Friendship Press, 1972
  • A Rap on Race. (mit James Baldwin) 1971; dt. Übersetzung: Rassenkampf - Klassenkampf. Ein Streitgespräch. Rowohlt, Reinbek 1973, ISBN 3-499-11617-0
  • World enough. Rethinking the future. (mit Ken Heyman), Little Brown, Boston, Mass. 1976, ISBN 0-316-56470-2
  • An interview with Santa Claus. (mit Rhonda Metraux), Walker, New York 1978, ISBN 0-8027-0620-7
  • Childhood in contemporary cultures. (mit Martha Wolfenstein), University Press, Chicago, Ill. 1978, ISBN 0-226-51506-0

Literatur[Bearbeiten]

  • Mary C. Bateson: Mit den Augen einer Tochter. Meine Erinnerungen an Margaret Mead und Gregory Bateson. („ With a daughter's eye“). Rowohlt, Reinbek 1988, ISBN 3-499-15904-X (Biographie von der Tochter geschrieben)
  • Derek Freeman: The fateful hoaxing of Margaret Mead. A historical analysis of her Samoan research. Westview Press, Boulder, Col. 1999, ISBN 0-8133-3560-4
  • Derek Freeman: Liebe ohne Aggression. Margaret Meads Legende von der Friedfertigkeit der Naturvölker. („Margaret Mead and Samoa“). Kindler, München 1983, ISBN 3-463-00866-1
  • Joan Gordon: Margaret Mead. The complete bibliography 1925–1975. Mouton, Den Haag 1976, ISBN 90-279-3026-0
  • Aimee Hess: Margaret Mead. („Women who dare“). Pomgranate Books, San Francisco, Calif. 2007, ISBN 0-7649-3875-4
  • Jane Howard: Margaret Mead. A life. Fawcett Crest, New York 1990, ISBN 0-449-90497-0
  • Hilary Lapsley: Margaret Mead and Ruth Benedict. The kinship of women. University Press, Amherst, Mass. 1999, ISBN 1-55849-181-3
  • Nancy C. Lutkehaus: Margaret Mead: The Making of an American Icon. Princeton University Press, 2008. ISBN 0691009414
  • Maureen A. Molloy: On creating a usable culture. Margaret Mead and the emergence of American cosmopolitanism. University Press, Honolulu 2008, ISBN 978-0-8248-3116-5
  • Heinrich Zankl: Fälscher, Schwindler, Scharlatane. Betrug in Forschung und Wissenschaft. Wiley-VHC, Weinheim 2006, ISBN 3-527-31646-9

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Margaret Mead – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
 Wikibooks: Soziologische Klassiker: Margaret Mead – Lern- und Lehrmaterialien

Einzelnachweise, Fußnoten[Bearbeiten]

  1. Vergleiche David Engerman: Know your enemy. Oxford University Press, New York 2009.
  2. Margaret Mead: Cultural Determinants of Behavior. In: Anne Roe/George Gaylord Simpson (Hrg.): Behavior and Evolution. New Haven 1958, S.480 ff.
  3. vgl. Meads Schilderung, in: Mead 1978.
  4. S. Derek Freeman: Margaret Mead and Samoa. The Making and Unmaking of an Anthropological Myth. Cambridge MA 1983; Liebe ohne Aggression. Kindler, München 1983 (dt.). ISBN 3-463-00866-1
  5. zit. in: James P. Sterba: Debunking a Myth. In: Wall Street Journal. Princeton 15. April 1983, S.14 f.
  6. Albert Wendt: Margaret Meads Samoa. Eine Anklage. In: Frankfurter Hefte, Jg. 38, 1983,9, S.45-53, ISSN 0015-9999
  7. s. Mead 1935; Geschlecht und Temperament in drei primitiven Gesellschaften (dt.). In: Jugend und Sexualität in primitiven Gesellschaften Bd 3. München 1970; Reo F. Fortune: Arapesh Warfare. In: American Anthropologist. N.S. Arlington 41.1939, S.22-41. ISSN 0002-7294
  8. Paul Shankman: "The History Of Samoan Sexual Conduct and the Mead-Freeman Controversy", American Anthropologist 1996, 98(3): 555, 556.