Margarete von Angoulême

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Marguerite d’Angoulême, ein Gemälde von Jean Clouet, um 1530, Walker Art Gallery, Liverpool

Margarete von Angoulême (französisch Marguerite de Navarre oder Marguerite d’Angoulême), auch Margarete von Navarra, Margarete von Valois oder Margarete von Frankreich (* 11. April 1492 in Angoulême; † 21. Dezember 1549 in Odos im Département Hautes-Pyrénées), war die ältere Schwester von König Franz I. und, als Gattin von Henri d’Albret, Königin von Navarra. Sie war eine Fördererin von Dichtern, Künstlern und protestantischen Gelehrten und war auch selbst Schriftstellerin. Ihr bekanntestes literarisches Werk ist das Heptaméron.

Leben[Bearbeiten]

Margarete von Angoulême mit ihrem Bruder

Margarete stammte aus einer Nebenlinie der französischen Königsfamilie der Valois, die durch den Tod von Ludwig XII. ohne männliche Erben zur Hauptlinie wurde. Sie war Tochter des hochgebildeten Charles de Valois, comte d’Angoulême, und zwei Jahre ältere Schwester von François d’Angoulême, der 1515 als Franz I. auf den Thron nachrückte. Selbst hochgebildet wie ihr Vater, wurde sie aus dynastischen Gründen 1509 mit dem hohen Militär Karl IV. Herzog von Alençon verheiratet. Durch die Thronbesteigung ihres Bruders wurde sie neben ihrer Mutter Luise von Savoyen für eine Weile zur mächtigsten Frau Frankreichs. So reiste sie z. B. als Unterhändlerin nach Madrid, um Franz zu befreien, als er dort nach der verlorenen Schlacht bei Pavia (1525) als Gefangener von Karl V. festgehalten wurde.

1525 wurde sie Witwe und von vielen Fürsten für eine erneute Heirat umworben, unter anderem, wie es heißt, von Karl V. und Heinrich VIII.. 1527 ließ sich Margarete, wiederum aus dynastischen Gründen, mit Henri d'Albret verheiraten, König des diesseits der Pyrenäen gelegenen Restes des alten Königreichs Navarra, dessen größerer Teil 1512 von Spanien annektiert worden war. Henri war 11 Jahre jünger als sie und entstammte der berühmten gräfliche Dynastie von Foix, die Verteidiger der prä-protestantischen Katharer. Das Paar lebte anfangs überwiegend am französischen Hof, verbrachte aber auch viel Zeit in den südwestfranzösischen Residenzstädtchen Nérac und Pau, wo sie einen eigenen kleinen Hof unterhielten.

Margarete, die sieben Sprachen lesen konnte, betätigte sich nicht nur als Mäzenin, sondern war auch sehr an Glaubensfragen interessiert und sympathisierte mit Luther. Sie förderte und protegierte (und beherbergte auch häufig) Intellektuelle, die ebenfalls der Reformation zugeneigt waren, z. B. Clément Marot, Bonaventure des Périers, Jacques Lefèvre d’Étaples, Jean Calvin, N. Denisot, Jacques Peletier, V. Brodeau, François Rabelais und Étienne Dolet.

Eine Zeitlang hatte sie mäßigenden Einfluss auf ihren Bruder, der die Anliegen der Reformatoren zwar missbilligte, zunächst aber duldete. 1534, nach der Affaire des Placards, musste sie erleben, dass er sich, mehr aus politischen als aus religiösen Erwägungen, entschieden auf die katholische Seite schlug. Margarete selbst wurde aber von ihm geschont; persönlich neigte sie eher zu einem mystischen, undogmatischen Sensualismus als zu streng protestantischen Ansichten.

Ihre letzte Lebensphase verbrachte sie überwiegend in ihrem kleinen Königreich, fern vom Pariser Hof, wo sie u. a. in ihrer Rolle als Beschützerin der oben genannten Protestanten angefeindet wurde.

Sie starb offenbar an einer winterlichen Lungenentzündung.

Margarete hatte von ihrem ersten Gatten keine Kinder, von ihrem zweiten einen Sohn, der noch als Kind starb, und eine Tochter, Jeanne d’Albret, die spätere Mutter von Heinrich IV., dem ersten protestantischen König Frankreichs.

Literarisches Schaffen[Bearbeiten]

Heute ist Marguerite de Navarre (wie sie in der Literaturgeschichte heißt) vor allem als Autorin ein Begriff. So publizierte sie 1524 die Versmeditation Dialogue en forme de vision nocturne. 1531 ließ sie drei religiöse Langgedichte drucken unter dem Titel des längsten von ihnen, Le Miroir de l’âme pécheresse (= der Spiegel der sündigen Seele). Das Büchlein spiegelt das enorme Interesse, das die von Reformatoren und Anti-Reformatoren polarisierten gebildeten Schichten, nicht zuletzt auch der Adel, theologischen Problemen entgegenbrachten, insbesondere der neuen Frage nach dem Verhältnis des einzelnen Gläubigen zu „seinem“ Gott. Es wurde von der Sorbonne verurteilt.

Ihren literarischen Ruhm erlangte Marguerite durch das 1542 begonnene L’Heptaméron, eine Novellensammlung mit Rahmenhandlung, die wie praktisch alle Novellensammlungen der Zeit in der Tradition des Decamerone von Giovanni Boccaccio (um 1350) steht.

Margarete von Angoulême

Das wohl per Diktat, zum Teil auf Reisen, entstandene Werk sollte ursprünglich ebenfalls hundert Novellen umfassen, die in der Fiktion an zehn Tagen von zehn Personen (fünf Damen und fünf Herren) erzählt werden sollten; es blieb jedoch unvollendet durch den Tod Marguerites bei Novelle 72. Hauptthema ist, wie in allen Sammlungen dieser Art, die Anziehungskraft der Geschlechter aufeinander und die vielgestaltigen Verwicklungen, die sie zu verursachen pflegt. Neu ist Marguerites Behauptung absoluter Wahrheitstreue des Erzählten und neu auch ihre Idee, ihr Zehnergremium nach jeder Novelle mehr oder weniger ausführlich über deren jeweilige Moral diskutieren zu lassen. Da diese Diskussionen häufig wenig zielstrebig wirken und der Leser den sehr idealistischen Standpunkt der Autorin selbst nicht immer recht erkennt oder nicht nachvollziehen kann, erschienen sie schon jüngeren Zeitgenossen, z. B. Montaigne, als etwas aufgesetzt und blutlos.

Das Werk wurde postum 1559 im Auftrag von Marguerites Tochter Jeanne d’Albret im Originaltext und mit dem etwa passenden Titel L’Heptaméron (= Sieben-Tage-Werk) veröffentlicht, nachdem schon 1558 unter dem Titel Histoires des amants fortunés ein Raubdruck erschienen war, dessen Text im Sinne des gegenreformatorischen Konzils von Trient (1545–1563) theologisch und moralisch „gereinigt“, das heißt mitunter ziemlich verstümmelt worden war.

Noch zu ihren Lebzeiten dagegen erschien eine Sammlung von Gedichten unter dem mit ihrem Namen spielenden Titel Marguerites de la marguerite des princesses (= Margariten von der Margarite der Fürstinnen, 1547). Erhalten sind darüber hinaus einige ungedruckt gebliebene Theaterstücke sowie zahlreiche Briefe. Eine Sammlung ebenfalls ungedruckt gebliebener Gedichte erschien 1896 als Les dernières poésies (= letzte Dichtungen).

Werke[Bearbeiten]

  • L’Heptaméron (1559)
  • Les dernières poésies. Paris 1896
  • Das Heptameron 2. Auflage. dtv, München 1999, ISBN 3-423-12710-4 (deutsche Übersetzung)
  • Marguerites de la marguerite des princesses. Johnson, New York 1970, ISBN 0-85409-204-8 (Rep. d. Ausg. Lyon 1547)
  • Margarethe Königin von Navarre. Neuigkeiten. (Ins Deutsche übersetzt von J. R. v. Sinner u. a. 2 Bde. Bern, Walthard, 1791-96. Mit 2 gestochenen Titeln, 2 gest. Frontispizen, 72 Kupfertafeln und 143 gestochenen Vignetten.)

Literatur[Bearbeiten]

Diskografie[Bearbeiten]

  • Elfe Gerhart liest aus dem Heptameron der Königin Margarete von Navarra (1982?)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Margarete von Angoulême – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
Vorgänger Amt Nachfolger
französische Krondomäne
(Franz I.)
Herzogin von Berry
1517–1549
französische Krondomäne
(Heinrich II.)
Karl IV. Herzogin von Alençon
Gräfin von Le Perche

1525–1549
französische Krondomäne
(Heinrich II.)
Karl IV. Gräfin von Armagnac
Gräfin von Rodez
Gräfin von Fézensac

1525–1549
Heinrich von Albret