Maria Theresia von Paradis

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Maria Theresia Paradis, 1784.

Maria Theresia Paradis, trotz ihrer bürgerlichen Herkunft oft von Paradis genannt[1] (* 15. Mai 1759 in Wien; † 1. Februar 1824 in Wien), war eine österreichische Pianistin, Sängerin, Komponistin und Musikpädagogin. Sie war seit ihrer frühen Kindheit blind. Im Wiener Musikleben war sie sehr prominent und mit vielen bedeutenden Vertretern der Wiener Klassik wie Joseph Haydn und Wolfgang Amadeus Mozart bekannt. Auf einer Europatournee von 1783 bis 1786 spielte sie vor zahlreichen hochgestellten Persönlichkeiten, darunter dem französischen Königspaar Ludwig XVI. und Marie Antoinette sowie dem englischen König Georg III. und seiner Gemahlin Charlotte.

Leben[Bearbeiten]

Maria Theresia Paradis war eine der Töchter des Wiener Hofbeamten Joseph Anton Paradis und seiner Gattin Maria Rosalia. Sie hatte noch eine Schwester, Maria Theresia Clotildis (3. Juni 1758 – 17. März 1759), Zwillingsschwestern (Josepha und Elisabeth) und noch einige weitere Schwestern und Brüder. Ihr Großvater Claudius war Kammerdiener und dann "Gräflich Esterházy'scher Regent", ihr Onkel Leopold war Tänzer, der 1753 nach Paris zog, wo er eine Tanzschule eröffnete[2]. Als Maria Theresia Paradis ungefähr drei Jahre alt war, erblindete sie. Sie erhielt Musikunterricht durch Leopold Koželuh (Klavier), Vincenzo Righini, Abbé Georg Joseph Vogler (Gesang) und Antonio Salieri (Harmonielehre), der auch für längere Zeit zum Freundeskreis der Familie zählte.

Entgegen verbreiteten, auf Franz Gräffer zurückgehenden Behauptungen war „die Paradis“ kein Patenkind der Kaiserin Maria Theresia, erhielt jedoch finanzielle Unterstützung, eine sogenannte Gnadenpension, aus der persönlichen Börse der Kaiserin, die von Joseph II. später gestrichen wurde. Sie war seit 1775 als Pianistin in Wien sehr prominent und gab zahlreiche Konzerte.

Orgel mit originalem Gehäuse von 1730 in der Augustinerkirche in Wien

In Wien wie auch auf ihrer großen Europatournee brachte sie neben vielen Werken ihres hauptsächlichen Lehrers Koželuh auch Klavierkonzerte von Joseph Haydn (nachweislich Konzert G-Dur Hob XVIII:4) und seltener von Wolfgang Amadeus Mozart zu Gehör. In einem Brief vom 16. Februar 1785 schreibt Leopold Mozart seiner Tochter Maria Anna von einem neuen Klavierkonzert, das sein Sohn „für die Paradis nach Paris gemacht“ habe. Dabei handelt es sich nach neueren Forschungen wohl um KV 456[3]. Salieri widmete ihr sein 1773 entstandenes Orgelkonzert, das sie höchstwahrscheinlich ebenfalls öffentlich aufführte. Sie spielte nachweislich auf der Orgel der Augustinerkirche in Wien.

Nach einem wahren Martyrium durch eine Vielzahl damals moderner Behandlungen, die ihre Blindheit kurieren sollten, galt sie den am Wiener Hof anerkannten Medizinern als unheilbar. Danach war sie einige Monate lang Patientin des zwar in Wien berühmten, aber von Kollegen angefeindeten Arztes Franz Anton Mesmer, wonach sich ihr Zustand zeitweise merklich besserte[4]. Nachdem die Eltern der Musikerin sie im Juni 1777 Mesmers Behandlung entzogen hatten, fiel sie jedoch wieder in vollkommene Blindheit zurück. Inwiefern diese Blindheit entstand oder was diese auslöste, wird bislang nur vermutet[5].

Europatournee[Bearbeiten]

Eine große Tournee führte die Pianistin von 1783 bis 1786 unter anderem nach Hamburg, wo sie mit Carl Philipp Emanuel Bach zusammentraf, Berlin, in die Schweiz, nach Frankreich, England, in die Österreichischen Niederlande und nach Böhmen. Begleitet wurde sie von ihrer Mutter Rosalia Maria und von Sigmund Falgara (1752–1790, Musiker, mindestens bis Februar 1784) und ihrem Librettisten, Violinisten und späteren Lebensgefährten Johann Riedinger (vermutlich ab Herbst 1785), der ihretwegen eine Blindennotenschrift erfand. Nahezu alle Konzertbeschreibungen dieser Zeit lauten ähnlich:

„Das Concert Spirituel vom 1. Ostern gewährte unsern Parisern eine seltene Erscheinung. Mlle Paradis von Wien, seit dem zweiten Jahre ihres Alters des Augenlichtes gänzlich beraubet, spielte auf dem Klavecin, und sezte uns alle in Erstaunen. Diese blinde Virtuosin war die erste, welche uns aus dem irrigen Wahne riß, dass das Klavecin in einem großen und weitläufigen Sale keine sonderliche Wirkung machen könne: sie bewies das Gegenteil mit der Stärke ihres Spieles, zu allgemeinem Beifalle. Die junge durch sich selbst so sehr als durch ihre Talente interessante Person ist eine Lehrschülerin des berühmten Kozeluch.“[6]
Europatournee von Maria Theresia Paradis 1783–1786

Durch diese Konzertreise wurde Maria Theresia Paradis über die Grenzen Österreichs hinaus bekannt und beeindruckte und beeinflusste insbesondere Valentin Haüy und Johann Wilhelm Klein, die Begründer der ersten Blindeninstitute in Paris und Wien. Für ihre Korrespondenz verwendete sie eine von Wolfgang von Kempelen, ihrem früheren Hauslehrer, entwickelte Blindenschreibmaschine. Damit war mit der Grundstein gelegt zur heutigen Blindenschrift von Louis Braille. Ihre Reisestationen lassen sich auch anhand ihres Stammbuchs, das sie auf der Reise mit sich führte, belegen – und dadurch auch etliche Persönlichkeiten, die sich darin eingetragen haben[7]. Zwar reisten viele Musikerinnen und Musiker, Komponistinnen und Komponisten in dieser Zeit durch Europa, meist aber nur, um von ihrem Arbeitgeber z.B. zur Fortbildung nach Italien und zurück zu gelangen. Maria Theresia Paradis' Reise ist – ähnlich wie die Wunderkinder-Reise der Mozarts von 1763 – etwas Außergewöhnliches[8]. Eine weitere blinde Zeitgenossin von Maria Theresia Paradis, Marianne Kirchgeßner, war nahezu Zeit ihres ganzen Lebens auf Tournee. Eine besondere Herausforderung stellte die Logistik, das teils noch schlecht ausgebaute Straßensystem und vor allem die teils üblen Unterkünfte in jener Zeit dar[9][10][11][12][13].

Wichtige Reisestationen[Bearbeiten]

Ort Datum Übernachtung Treffen mit Konzertort Konzert Mitspieler
Wien – Abreise 18. Aug. 1783
Linz 21./22. Aug. 1783 unbek. unbek. Altes Rathaus oder Stadttheater unbek. unbek.
Salzburg 25. Aug. 1783 „Zum Stern“ Familie Mozart, Privatkonzert Mozarts Wohnhaus unbek. Franz Grubner, Traversist
Würzburg unbek. unbek. unbek., Kontakte zu Würzburger Familien unbek. unbek. unbek.
Frankfurt am Main unbek. unbek. Johann Franz Roethlein, kaiserl. Gesandter Neues Rotes Haus am Markt (Frankfurt am Main) Klav.-konz. von Leopold Koželuh u.a. Franz Grubner, Traversist
Mannheim Okt. 1783 unbek. Gottlieb Konrad Pfeffel; Besuche bei ihrem Brieffreund R. Weissenburg, blinder Musiker und Erfinder für math. Geräte unbek. unbek. unbek.
Speyer Okt. 1783 unbek. Sophie von La Roche, mehrmals unbek. unbek. unbek.
Kirchheimbolanden Okt. 1783 unbek. Karoline von Oranien-Nassau-Diez Schloss Kirchheimbolanden unbek., 33 Taler verdient unbek.
Koblenz 30. Okt. 1783 unbek. Clemens Wenzeslaus von Sachsen Kurfürstliches Schloss (Koblenz) Klav.-konz. von Leopold Koželuh u.a. Christian Danner (1745-1816, Violinist), Franziska Sales (Hofsängerin), Clara Capuzzi (Hofsängerin), Jakob Lindpaintner (Hofsänger)
Bonn Anf. Nov. 1783 unbek. Maximilian Franz von Österreich, Gaudenz Heller (Cellist), Franz Ries (1755-1846, Violinist, Konzertmeister, Lehrer von Ludwig van Beethoven; Maximilian schickte Beethoven später zu Joseph Haydn nach Wien) Kurfürstliches Schloss unbek. unbek.
Mannheim unbek., Abreise am 8. Nov. von Bonn unbek. Freiherr von Wunschwitz, Johann Baptist Wendling, Dorothea Spurni, Auguste Wendling, Antonio Rosetti, Johann Georg Danner, erstes Treffen mit Johann Riedinger unbek. unbek. unbek.
Speyer 15. Nov. 1783 Haus von Christoph Philipp Willibald von Hohenfeld, Domherr von Speyer (heute Maximilianstraße 99) Sophie von La Roche, Gottlieb Konrad Pfeffel unbek. unbek. unbek.
Karlsruhe 18. Nov. 1783 unbek. Karl Friedrich (Baden) Schloss Karlsruhe unbek. unbek.
Stuttgart um 22. Nov. 1783 unbek., wohl nur Durchgangsstation unbek. unbek. unbek. unbek.
Oettingen-Wallerstein um 27./28. Nov. 1783 Schloss Oettingen Kraft Ernst von Oettingen-Wallerstein, Wilhelmine Friederike (1764-1817) von Oettingen-Wallerstein, Anton Janitsch (Hofviolinist), Paul Winneberger (Hofkomponist, Cellist), Johann Georg Feldmayr (Hofflötist, Tenor) Schloss Oettingen unbek., aber gut möglich unbek.
Regensburg wohl 29. Nov. 1783 „Weißes Lamm“ (Weiße-Lamm-Gasse/Weiße-Hahnen-Gasse 2) unbek. Hof Thurn und Taxis (4. Dez.)[14]; „Goldenes Kreuz“ (6. Dez., Haidplatz 7) unbek. unbek.
München 11. Dez. 1783 bis ca. 22. Dez. „Goldener Hirsch“ unbek. altes Residenztheater München unbek. unbek.
Augsburg[tour 1] 26. Dez. 1783 „Weißes Lamm“ (heute Ludwigstr. 2) Johann Andreas Stein, Nannette Streicher, Ignaz von Bütther unbek. unbek. unbek.
Straßburg um 18. Jan. 1784 unbek. Clementine und Giuseppe Caldarini (Sänger), Johann Philipp Schönfeld (Kapellmeister, Freund von Carl Philipp Emanuel Bach), Simon Friedrich Koberwein (1733-nach 1803, Direktor Dt. Theater) unbek. unbek. unbek.
Colmar um 24. Jan. 1784 unbek. Gottlieb Konrad Pfeffel, Jakob Sarasin-Battier, Johann Christian Lerse (1749-1800, Jugendfreund Goethes) unbek. div. Klav.-konz. unbek.
Mülhausen 31. Jan. 1784 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Basel 4. Febr. 1784 mögl. „Weißes Haus“ oder „Blaues Haus“ von Jakob Sarasin-Battier Jakob Sarasin-Battier „Löbliche Zunft zum Bären“ (6. Febr.) unbek. unbek.
Zürich 8. Febr. 1784 unbek. Johann Caspar Lavater, Salomon Gessner (eng befreundet mit den Mozarts) unbek. unbek. unbek.
Bern[tour 2] 19.-25. Febr. 1784 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Lyon um 14. März 1784 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Paris um 20. März bis Okt. 1784 unbek. Joseph Legros, Carl Friedrich Cramer, Ludwig XVI., Marie Antoinette, Valentin Haüy, Franz Anton Mesmer, Abbé Georg Joseph Vogler, Antonio Salieri, Carl Friedrich Abel, Johann Peter Salomon etc. Palais des Tuileries, Versailles, Salle du Musée (rue Dauphine) Hob XVIII:4 (Joseph Haydn), div. Klav.-konz. von Leopold Koželuh u.a. Marie Antoinette
London[tour 3] 3. Nov. 1784 „I Panton Square, off the Haymarket“ Charles Burney, Georg III. (Vereinigtes Königreich), Sophie Charlotte von Mecklenburg-Strelitz, Georg IV. (Vereinigtes Königreich) Hannover Square Grand Professional Concert, Pantheon, Almack's Rooms (King Street), Windsor Castle, St. James's Palace div. Klav.-konz. von Leopold Koželuh, KV 456 (Wolfgang Amadeus Mozart, wohl für sie komponiert und extra nach London geschickt) und Georg Friedrich Händel Wilhelm Cramer, Benjamin Blake (1751-1827, Violinist), James Cervetto (1747/49-1837, Cellist und Komponist), Giusto Ferdinando Tenducci (1735-1790, Sänger), Johann Christian Fischer, Elisabeth Mara etc.
Brüssel 31. März 1785 unbek. Maria Christina von Österreich unbek. unbek. unbek.
Darmstadt 1. Aug. 1785 „Zur Traube“ (Luisenplatz 6) unbek. unbek. unbek. unbek.
Mannheim Aug./Sept. 1785 unbek. Gottlieb Konrad Pfeffel, R. Weissenburg Komödiensaal 9. Sept., unbek. unbek.
Frankfurt am Main Sept. 1785 Hotel zum Schwan (Goetheplatz) Neues Rotes Haus am Markt unbek. unbek. unbek.
Aschaffenburg Sept./Okt. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Würzburg Sept./Okt. 1785 Heinrich von Heß unbek. unbek. unbek. unbek.
Bamberg Sept./Okt. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Coburg Sept./Okt. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Eisfeld Sept./Okt. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Hildburghausen Sept./Okt. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Meiningen Okt. 1785 unbek. Luise Eleonore von Sachsen-Meiningen Großes Palais (Meiningen) (23. Okt.); Landschaftshaus (24. Okt.) Zwölf Lieder (MTP) u.a. unbek.
Gotha Okt./Nov. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Kassel 7. Nov. 1785 „Zur Stadt Stralsund“ (später „Zum hessischen Hof“, hier stieg auch Elisabeth Mara ab), Eckhaus Hohentorstraße unbek. unbek. unbek. unbek.
Göttingen Nov. 1785 unbek. Hedwig Achenwall, Luise Böhmer, Charlotte Michaelis, Johann David Michaelis, Caroline Schelling, Gottfried Less, Gottfried Achenwall, Gottfried August Bürger 16. Nov. unbek. unbek.
Wolfenbüttel Nov. 1785 unbek. unbek. unbek. unbek. unbek.
Braunschweig 24. Nov. 1785 unbek. ggf. Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem Opernhaus am Hagenmarkt, Redoutensaal (26. Nov.) unbek. unbek.
Hannover Dez. 1785 unbek. Friedrich Ludwig Dulon, Charlotte Kestner, Franz Anton Zuccarini (Schauspieler) Ballhof unbek. unbek.
Hamburg Dez. 1785 unbek. Charlotte Wilhelmine Franziska Brandes (gt. Minna, Sängerin und Schauspielerin, Patenkind von Gotthold Ephraim Lessing), Johann Christian Brandes, Carl Philipp Emanuel Bach, Friedrich Gottlieb Klopstock Konzertsaal auf dem Kamp (5. Jan.); Haus von CPE Bach unbek. unbek.
Berlin Mitte Jan. 1786 unbek. Heinrich XIV. Reuß zu Greiz, Anna Elisabeth Luise von Brandenburg-Schwedt, Fanny von Arnstein, Daniel Itzig, Johann Joachim Spalding Berliner Stadtschloss (2x, u.a. 12. Febr.), „Corsikasches Haus“ (6. Febr.), Gasthaus „Stadt Paris“ (13. Febr.) div. Konzerte, Gesänge, Rondeaux Friedrich Eck, kurfürstl.-pfalzbaierischer Kammermusiker
Leipzig 15. Febr. 1786 unbek. Johann Gottlob Immanuel Breitkopf, Christian Felix Weiße, Georg Joachim Zollikofer Gewandhaus (26. Febr.) Ich war ein armes Würmchen (Text von Pfeffel) u.a. unbek.
Dresden 2. März 1786 Hôtel de Pologne? Johann Friedrich von Kageneck, Johann Leopold Neumann, Nathalie Neumann (eine der besten Pianistinnen ihrer Zeit), Maria Coudray „bei Heßens“ (24. März) unbek. unbek.
Prag 31. März 1786 unbek. Johann Ferdinand von Schönfeld, August Gottlieb Meißner Thunsches Theater (8. April), ? (23. April) unbek. Ignaz Fränzl
Wien – Endstation wohl April (Ostern) 1786

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. Maria Theresia Paradis' Reisestationen zwischen Augsburg und Straßburg sind nicht geklärt: entweder nahm sie die Route über Stuttgart, Pforzheim und Rastatt oder die südliche Route über Günzburg, Ulm, Ehingen, Donaueschingen, Villingen und Offenburg.
  2. Ihr Reiseweg von Bern nach Paris ist ebenfalls noch unsicher: möglicherweise fuhr sie über Fribourg, Lausanne, Genf und Lyon.
  3. Der Rückweg von Calais nach Brüssel ist ebenso noch unklar. Etliche Haltestellen und Reisestationen unterwegs sind bislang noch unbekannt oder noch nicht weiter erforscht.

Arbeit als Musikpädagogin[Bearbeiten]

Während ihrer Reise und bereits davor in Wien hatte Maria Theresia Paradis damit angefangen, Klaviermusik und Lieder zu schreiben. Bedeutende Förderinnen für ihr Vorankommen waren ihre Brieffreundin Sophie von La Roche und Luise Eleonore von Sachsen-Meiningen, die ihr die Druckkosten für ihre Zwölf Lieder aus Begeisterung heraus erstattete. Nach ihrer Rückkehr widmete sich Maria Theresia Paradis in Wien zusehends der Komposition. Später vorgesehene Konzertreisen nach Italien und Russland kamen nicht zustande. 1808 gründete sie in ihrer Wohnung zum „Schab den Rüssel“ in der Rothenturmstraße CN. 482 in Wien ein Institut für musikalische Erziehung, an dem sie blinde und sehende Mädchen und junge Frauen in Klavier, Gesang und Musiktheorie unterrichtete. Dies war möglich durch einen eigens für sie angefertigten Notensetzkasten, mit dem Musik begreifbar gemacht werden konnte:

„Sie hat kleine Karten, auf welche ausgeschnittene Noten in ihrer wahren Gestalt aufgeklebt sind. (...) Nun gibt sie den Kindern diese Noten zu erkennen (da sie erhaben auf den Karten liegen, so sind sie ihr so geläufig wie die geschriebenen) und um ihnen den Wert derselben recht begreiflich zu machen, handelt sie spielend mit derselben; sie gibt z. B. eine ganze Note hin, und lässt sich den Werth derselben nach und nach in Halben, Vierteln u.s.w. dafür geben, auf andern Blättern hat sie die ganze Scala der Violin und des Basses; (...) Um Geläufigkeit im Spiele, und den Fingersatz bald zu lernen, gibt sie ihnen Läufe und gewisse Passagen durch alle Tonarten, (...) um überhaupt sicher zu seyn, das sie überall die rechten Finger nehmen, auch die Hände schön halten, schwebt immer ganz leicht ihre Hand darüber her. Da nun ihr Eifer, ihr Fleiss und Unverdrossenheit unermüdet sind, so erreicht sie den schönen Zweck eine Schule zu bilden, die einstens von der Zeit ihren Ruf bekommen und gewürdigt werden wird.“[15] „Wirklich sind sie [die Schülerinnen] sich auch alle mit schwesterlicher Liebe zugethan, und alle hängen mit ganzer Seele an ihrer Meisterinn, von der sie nie ein böses Wort, sondern nur Liebe empfangen.“[16]

Mit „Schule“ ist hier nicht der Ort, sondern ihr eigenes System gemeint, ähnlich Leopold Mozarts Versuch einer gründlichen Violinschule (1756), das noch heute als Standardwerk im Violinunterricht genutzt wird. Ihre Schule bzw. ihr Musikinstitut war auch Vorbild für weitere Institute dieser Art, so z.B. für den blinden Pianisten und Komponisten Josef Proksch.

Salonnière[Bearbeiten]

Mehrmals jährlich konnte Maria Theresia Paradis in ihrem Haus erfolgreiche und beliebte Konzerte, Bälle und Festlichkeiten durchführen, die einheimischen als auch durchreisenden bekannten Musikern eine Plattform boten und so viel Wertschätzung in der Öffentlichkeit hatten, dass die örtlichen Zeitungen regelmäßig davon berichteten. Mit diesen Konzerten war sie auf der Höhe der Zeit, die Konzertprogramme haben sich erhalten[17]. Ihre Singspiele und Opern, die sie in den 1790er-Jahren schrieb und die im Theater am Kärntnertor uraufgeführt wurden, fanden Anklang.

Politisch sah sich Maria Theresia Paradis auf der Seite der Monarchie. In Paris hatte sie auch die königliche Familie kennengelernt und musizierte mit Marie Antoinette persönlich in Versailles, die selbst ausgezeichnete Pianistin war und komponierte. Maria Theresia Paradis' Patriotismus drückt sich in ihrer Komposition Auf die Damen, welche statt Gold nun Leinwand für die verwundeten Krieger zupfen (1794) aus. Sie vertrat aufgeklärte Ansichten und hatte freundschaftliche Beziehungen zu anderen Salonnièren Wiens wie Karoline Pichler und zur Schriftstellerin Gabriele von Baumberg[18]. 1797 reiste Maria Theresia Paradis ein letztes Mal nach Prag, um dort die Uraufführung ihrer Zauberoper Rinaldo und Alcina im Ständetheater zu verfolgen, der der Erfolg aber versagt blieb. Körperlich und seelisch erschöpft versuchte Maria Theresia Paradis, sich im nahen Karlsbad zu erholen und tätigte Erholungsspaziergänge in der näheren Umgebung.

Lebensabend[Bearbeiten]

Wohl im Oktober 1797 kehrte sie nach Wien zurück, brachte ihren Musiksalon wieder in Schwung und konnte dort auch u.a. Joseph Haydn als Gast begrüßen, der mit Ignaz Franz von Mosel und mit ihr am Klavier sein großes Werk Die Schöpfung einstudierte:

„Die blinde Meisterin lernte das 1. Pianoforte in unglaublich kurzer Zeit auswendig, das 2. spielte der berühmte Abt Vogler, Solo- und Chor-Stimmen wurden von Dilettanten ausgeführt. So ward es vor einem zahlreichen Auditorium und in Gegenwart Haydn's gegeben, der mich am Schluße mit der Versicherung umarmte, sein Werk noch nie so vollkommen, als in dieser Gestalt genossen zu haben.“[19]

Eine „Lungensucht und hinzugetretenes Nervenfieber“ soll Maria Theresia Paradis' Todesursache gewesen sein. Mehr Schulden als Vermögen vermachte sie Johann Riedinger - dem Armeninstitut Wien und einigen Angehörigen und Freunden blieb etwas Geld. Riedinger, der selbst weniger und weniger erfolgreich war, war dadurch gezwungen, Maria Theresias Nachlass zu veräußern. Ihr Flügel von Joseph Brodmann gilt als verschollen. Die große Musikerin wurde auf dem Sankt Marxer Friedhof beigesetzt, das Grab ist verschollen.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

Viele der zahlreichen Werke von Maria Theresia Paradis sind verlorengegangen. In ihren Bühnenwerken zeigt sich besonders in den dramatischen Szenen der Einfluss ihres Lehrers Salieri, ansonsten herrscht der typische „Wiener Singspielton“ vor. Ihre Klavierwerke sind stark vom Stil ihres Lehrers Koželuh beeinflusst.

  • Bühnenwerke
    • Ariadne und Bacchus (1791)
    • Der Schulkandidat (1792)
    • Rinaldo und Alcina (1797)
  • Liedwerke
    • Trauerkantate auf den Tod Leopolds II. (1792)
    • Deutsches Monument Ludwigs des Unglücklichen (1793)
    • Kantate auf die Wiedergenesung meines Vaters
    • Zwölf Lieder
  • Instrumentalwerke
    • 2 Klavierkonzerte in g-Moll und C-Dur
    • 12 Klaviersonaten (1792)
    • Klaviertrio (1800)
    • 2 Fantasien für Klavier in G-Dur (1807) und C-Dur (1811)
    • Sicilienne für Violine und Klavier (gilt als ihr populärstes Werk; die Autorenschaft ist aber umstritten)

Rezeption[Bearbeiten]

Aus dem Inventar des Wien Museums, Magazin. Restaurierbedürftig, ohne originale Glasabdeckung. Echthaar. Aus einer Wiener Blindenschule stammend.

Die Paradisgasse im 19. Wiener Gemeindebezirk Döbling wurde nach ihr benannt.

In Anerkennung ihres Wirkens wurde 1999 in Wien das „Von Parádis Trio“ durch die Musikerinnen Ursula Bosch, Ildikó Tarmann und Karin Hopferwieser gegründet[20]. Das Von und der Akzent im Namen dieses Trios sind allerdings irrige Kuriositäten, da Paradis nicht adelig war, ihr Großvater Claude Paradis aus Savoyen stammte und ihr Name somit auf der letzten Silbe betont wird.

Alissa Walsers 2010 erschienener Roman Am Anfang war die Nacht Musik[21][22] dreht sich um die Heilungsbemühungen Franz Anton Mesmers an Maria Theresia Paradis.

Im Magazin des Wien Museum (Biografische Sammlungen) in Wien befindet sich eine Wachsbüste mit Echthaar, Glasaugen und einem berüschten Gewand, die laut Originalplakette im Sockel Maria Theresia Paradis darstellt. Diese Büste ist nicht im Präsenzbestand zu sehen, da sie restaurationsbedürftig ist und auch die originale Glasabdeckung fehlt. Diese Büste befand sich ursprünglich in einer Wiener Blindenschule, möglicherweise als Memorandum und aus Verehrung ihrer Persönlichkeit als (blinde) Musiklehrerin und Vorbild. Diese Büste ist die einzige lebensgroße, erhalten gebliebene und bislang bekannte Wachsbüste einer Künstlerin aus dieser Zeit[23].

Literatur[Bearbeiten]

  • Rudolph Angermüller: Antonio Salieri. Dokumente seines Lebens. 3 Bde. Bock, Bad Honnef 2002.
  • BBI (Hrsg.): 200 Jahre Blindenbildung im deutschen Sprachraum. Wien 2004, S. 56.
  • Robert EitnerParadies, Marie Therese. In: Allgemeine Deutsche Biographie (ADB). Band 25, Duncker & Humblot, Leipzig 1887, S. 166 f.
  • Ludwig August Frankl: Maria Theresia von Paradis’ Biographie. Linz 1876 (Digitalisat).
  • Marion Fürst: Maria Theresia Paradis – Mozarts berühmte Zeitgenossin. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-19505-7.[24]
  • Ruth Halliwell: The Mozart Family: Four Lives in a Social Context. Claredon Press, Oxford 1998.
  • Alexander Mell: Encyklopädisches Handbuch des Blindenwesens. Verlag von A. Pichlers Witwe und Sohn, Wien/Leipzig, 1900, S. 576–578.
  • Brian O'Doherty: The Strange Case of Mademoiselle P.. Vintage, London 1992, ISBN 0-09-922371-6.
  • Stanley Sadie (Hrsg.): The New Grove Dictionary of Music and Musicians. (2. Auflage) Grove Dictionaries, New York 2000.
  • Hermann Ullrich: Maria Theresia Paradis und Dr. Franz Anton Mesmer. In: Jahrbuch des Vereines für Geschichte der Stadt Wien. XVII–XVIII. 1961–1962. S. 149-188.
  • Hermann Josef UllrichParadis Maria Theresia. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 7. Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1978, ISBN 3-7001-0187-2, S. 323 f. (Direktlinks auf S. 323, S. 324).

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Maria Theresia von Paradis – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Anmerkungen und Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Hermann Josef Ullrich wies in einem Aufsatz im Jahrbuch des Vereins für Geschichte der Stadt Wien (Bd. 17/18, 1961/1962) nach, dass sie nicht von Adel war. Gleiches geht hervor aus Karl Friedrich von Frank: Standeserhebungen und Gnadenakte für das Deutsche Reich und die Österreichischen Erblande bis 1806, sowie kaiserlich österreichische bis 1823 mit einigen Nachträgen zum „Alt-Österreichischen Adels-Lexikon 1823–1918“ Senftenegg, Selbstverlag. (Dazu auch: Michael Lorenz: Rezension von Marion Fürsts Monographie)
  2. Vgl. Michael Lorenz: Rezension von Marion Fürsts Monographie, auf der Website des Autors, abgerufen am 11. Dezember 2013.
  3. Vgl. Marion Fürst: Maria Theresia Paradis – Mozarts berühmte Zeitgenossin. Böhlau, Köln 2005, ISBN 3-412-19505-7, S. 114.
  4. Allerdings kam sie mit ihrem eigenen Spiegelbild und ihrem Klavierspiel nicht zurecht und verfehlte sehenden Auges die Tasten. Menschennasen fand sie lächerlich. Die Sterne betrachtete sie aber stets mit großer Bewunderung. Vgl. Marion Fürst, S. 45.
  5. Laut den Aussagen ihrer Eltern soll sie „plötzlich“ über Nacht, „durch eine zurückgeschlagene Feuchtigkeit oder Verkältung“ entstanden sein. Eine andere Geschichte erzählt von einem „entsetzlichen Geschrei“ im Hause Paradis, worauf das Kind aus Schreck sofort erblindet sei. Keine der beiden Versionen ist glaubwürdig, Letztere gar überhaupt nicht nachweisbar (Vgl. Marion Fürst, S. 23).
  6. Mercure de France, 24. April 1784, S.176f. (online in der Google-Buchsuche), zit. n. Marion Fürst, S. 101.
  7. Dieses Buch befindet sich in einer Schatulle in der Stadtbibliothek Wien.
  8. Vgl. Susanne Wosnitzka: Die 'Goldene Traube' - Zentrum der bürgerlichen Musikausübung in Augsburg zwischen 1746 bis zum Ende der Reichsstadtzeit. Eine kommentierte Quellenpublikation und Rekonstruktion anhand des Augspurgischen Intelligenz=Zettels, der Augspurgischen Ordinari Postzeitung und Augspurgischen Ordinären Zeitung (in Arbeit).
  9. Barbara Hodgson: Die Krinoline bleibt in Kairo. Reisende Frauen 1650 bis 1900. Hildesheim 2007, ISBN 3-8067-2955-7, ISBN 978-3-8067-2955-9.
  10. Barbara Hodgson: Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930. Hildesheim 2007, ISBN 3-8067-2956-5, ISBN 978-3-8067-2956-6.
  11. Joseph Imorde und Erik Wegerhoff (Hg.): Dreckige Laken. Die Kehrseite der 'Grand Tour'. Berlin 2012, ISBN 978-3-8031-2680-1.
  12. Attilio Brilli: Als Reisen eine Kunst war. Vom Beginn des modernen Tourismus: Die 'Grand Tour'. Berlin 1997/2012, ISBN 978-3-8031-2274-2.
  13. Christoph-Hellmut Mahling (Hg.): Musiker auf Reisen. Beiträge zum Kulturtransfer im 18. und 19. Jahrhundert. Augsburg 2011.
  14. Erstmals nachgewiesen in: Susanne Wosnitzka: Die 'Goldene Traube' - Zentrum der bürgerlichen Musikausübung in Augsburg zwischen 1746 bis zum Ende der Reichsstadtzeit. Eine kommentierte Quellenpublikation und Rekonstruktion anhand des Augspurgischen Intelligenz=Zettels, der Augspurgischen Ordinari Postzeitung und Augspurgischen Ordinären Zeitung (in Arbeit).
  15. Die vorzüglichsten gesichtslosen Musik-Virtuosen neuerer Zeit. Ein Ehrendenkmahl.: Allgemeine musikalische Zeitung, Jahrgang 1817, Sp. 249–251, Sp. 265–267, Sp. 288–290, Sp. 314–317, Sp. 321–324 (Online bei ANNO); Marion Fürst, S. 178f.
  16. Die vorzüglichsten gesichtslosen Musik-Virtuosen neuerer Zeit. Ein Ehrendenkmahl.: Allgemeine musikalische Zeitung, Jahrgang 1817, Sp. 322 (Online bei ANNO).
  17. Vgl. Marion Fürst, S. 183-195.
  18. Helga Peham: Die Salonièren und die Salons in Wien. 200 Jahre Geschichte einer besonderen Institution. styria premium 2013. ISBN 978-3-222-13402-9.
  19. Ignaz von Mosel: Notizen über mich selbst (hgg. von Theophil Antonieck), in: Elisabeth Theresia Hilscher (Hg.): 200 Jahre Musikleben in Erinnerungen: Ignaz von Mosel (1772–1844), Johann Nepomuk Freiherr von Haßlinger (1822–1898), Joseph Mantuani (1860–1933), Ján Albrecht (1919–1996) (= Wiener Veröffentlichungen zur Musikwissenschaft, Bd. 35). Tutzing 1998, S. 11–66.
  20. Webpräsenz des Ensembles
  21. Alissa Walser: Am Anfang war die Nacht Musik. Roman. Piper, München/Zürich 2010, ISBN 978-3-492-05361-7.
  22. Rezensionen bei Perlentaucher.
  23. Persönliches Gespräch zwischen Musikwissenschaftlerin Susanne Wosnitzka M.A. (Augsburg) und Mag. Michaela Lindinger (Wien Museum), 2011.
  24. Michael Lorenz, siehe Fußnote 2.