Marie-Louise Berneri

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Marie-Louise Berneri, eigentlicher Name: Maria Luisa Berneri [1] (* 1. März 1918 in Arezzo (Italien); † 13. April 1949 in London), war eine italienische Autorin, Redakteurin der War Commentarie und Anarchistin. Gegen Ende des Spanischen Bürgerkrieges war sie aktiv bei der Organisation Relief, wo sie Waisen und Flüchtlingen Hilfe leistete.[2] Sie starb bereits im Alter von 31 Jahren im Wochenbett an einer Virusinfektion.[3]

Leben[Bearbeiten]

Marie-Louise Berneri war die älteste Tochter von Camillo und Giovanna Berneri. Ihr Vater, ursprünglich ein Sozialist, war in den 1920er Jahren ein bekannter Aktivist in der italienischen anarchistischen Bewegung. Von Beruf Lehrer, weigerte sich Camillo Berneri den Forderungen der faschistischen Ideologie nachzugeben und ging 1926 mit seiner Familie nach Frankreich. In Paris wurde ihr Haus zu einem Treffpunkt antifaschistischer Aktivitäten. Marie-Louise Berneri studierte dort Mitte der 1930er Jahre in der Sorbonne Psychologie, änderte ihren Vornamen in Marie-Louise[4] und engagierte sich in der anarchistischen Bewegung.

Ihr Vater wurde 1937 von den Kommunisten in Barcelona erschossen.[5] Ihre Mutter, aktiv in der antifaschistischen und anarchistischen Bewegung, wurde in Frankreich verhaftet und an die italienischen Behörden übergeben. Bis zum Ende des Krieges musste sie im Gefängnis verbleiben und wurde nach ihrer Freilassung eine der „prominentesten und aktivsten Anarchistinnen in Italien“.[6]

1936 emigrierte Marie-Louise Berneri nach Großbritannien, heiratete Vernon Richards[7] und bekam die britische Staatsangehörigkeit. Ihre Schwester, Giliane Berneri, blieb in Frankreich und studierte Psychologie. Nach dem Krieg wurde auch sie in der anarchistischen Bewegung aktiv. Marie-Louise Berneri beteiligte sich bei der Zeitschrift Freedom[8] und wurde durch ihre internationalen Kontakte sowie ihren Sprachkenntnissen (italienisch, französisch, spanisch) eine bedeutende Aktivistin der englischen anarchistischen Bewegung. Sie war unter anderem mit Tom Keell („Freedom Press“) und George Orwell befreundet.[9]

Wirken[Bearbeiten]

1939 schrieb Berneri für die Zeitschrift War Commentary und wurde 1945 eine der vier Redakteure. Sie war ein führendes Mitglied der „Freedom-Gruppe“,[10] die das Freedom Bulletin und die Zeitschrift Freedom herausgab, im spanischen Bürgerkrieg und im Zweiten Weltkrieg, bis zu ihrem Tod. 1945 wurde sie wegen ihrer Beteiligung bei War Commentary mit den drei anderen Redakteuren verhaftet. Berneri wurde freigesprochen, da Eheleute, juristisch gesehen, keine gemeinsame Verschwörung begehen konnten.[11]

In Großbritannien war sie eine der ersten Autoren, die beginnend mit ihrem Aufsatz Sexualität und Freiheit die Werke von Wilhelm Reich zur Diskussion brachten.[12] Berneri veröffentlichte neben ihren zahlreichen Artikel in der Zeitschrift Freedom eine neue Version von Errico Malatestas Anti-Wahl-Flugschrift aus dem Jahr 1890[13] und mit Workers in Stalin’s Russia eine detaillierte Broschüre über die Situation der Arbeiter im stalinistischen Russland. 1948 besuchte Berneri als Mitglied der britischen Delegation die Internationale anarchistische Konferenz in Paris. Ihre Mutter und ihre Schwester kamen als Mitglieder der italienischen und französischen Delegationen ebenfalls zu dieser Konferenz.

In ihrem Buch Reise durch Utopia schrieb sie: Das Ziel dieses Buches war ein allgemeiner Überblick über das utopische Denken vom antiken Griechenland bis zum heutigen Tag. Sie setzte sie sich kritisch mit verschiedenen Utopien unter anderem von Platon, Morus und Bacon auseinander und kam zu der Schlussfolgerung: „Utopien, die diese Probe bestehen, sind gegen die Konzeption eines zentralisierten Staates, sind für die Vereinigung freier Gemeinschaften, wo das Individuum seine Persönlichkeit entfalten kann, ohne der Zensur oder einem künstlichen Kodex unterworfen zu sein, wo die Freiheit nicht nur ein abstrakter Begriff ist, sondern in konkreter Arbeit deutlich wird, sei es die des Malers oder des Maurers. […] Nur wenn die Utopie auf ein ideales Leben weist, ohne zum Plan, das heißt zur leblosen Maschine zu werden, die dem Lebendigen übergestülpt wird, so wird sie tatsächlich zur Verwirklichung des Fortschritts“.[14]

Ivan Avacumovic und George Woodcock widmeten ihre Biografie über Pjotr Kropotkin, The Anarchist Prince (1950), Marie-Louise Berneri mit den Worten: „Ein wahrer Jünger Kropotkins“.

Werke (Auswahl)[Bearbeiten]

  • Journey through Utopia by Marie Louise Berneri. Freeport, N.Y., Books for Libraries Press, 1969. ISBN 978-08-3691-392-7
  • Reise durch Utopia: mit Plato, Plutarch, Aristophanes, Morus, Campanella, Andrea, Bacon, Rabelais, de Foigny, Cabet, Bellamy. Karin Kramer Verlag, Berlin 1982. ISBN 3-87956-104-4
  • Workers in Stalin's Russia, by M. L Berneri. Freedom Press, London 1944
  • Neither East nor West; selected writings. Published for the Marie Louise Berneri Memorial Committee by Freedom Press. London 1952.
  • Workers in Stalin's Russia. Freedom Press 1949
  • Marie Louise Berneri, Charlatan Stew: Our kingdom is a prison. Verlag Charlatan Stew, 1981

Weiterführende Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Autor: David Goodway. Anarchism and the welfare state: the Peckham Health Centre. Zitat: „Berneri's daughter, Marie Louise (originally Maria Luisa), also outstandingly gifted, left France to live with Richards in London (until her tragically premature death in 1949 at the age of 31)“. Abgerufen am 5. Dezember 2011
  2. Biografie. Vom 20. September 2004. Englisch, abgerufen am 4. Dezember 2011
  3. Autor: Huub Sanders. April 2010, im IISG. Niederländisch, abgerufen am 5. Dezember 2011
  4. Kurzangaben über M.-L. Berneri. Zitat: „Maria Luisa Berneri took on the french version of her name and went to study psychology at the Sorbonne in the mid-1930s“. Abgerufen am 5. Dezember 2011
  5. Autor: Huub Sanders, April 2010. Im IISG Amsterdam. Niederländisch, abgerufen am 5. Dezember 2011
  6. Biografie. Vom 20. Sept. 2004. Englisch, abgerufen am 5. Dezember 2011
  7. Kurzangaben über Vernon Richards. Zitat: „Vernon Richards (1915–2001), whose real name was Vero Recchioni, was born in London as the son of Italian political refugees. He worked as a publicist in England for over sixty years and helped his father with his propaganda campaign against the Mussolini regime. In 1936 he and Camillo Berneri published the bilingual anarchist paper Italia Libera/Free Italy. In that year he also started publishing Spain and the World, which was renamed Revolt in 1939 and War Commentary at the outbreak of World War II“. Im IISG, Amsterdam. Englisch, abgerufen 5. Dezember 2011
  8. Vgl. hierzu auch zur (Freedom Press Guppe): John Rodden: Gorge Orwell: The Politics of Literary Reputation. Seite 167 . Google Books. Kurzangaben Online verfügbar
  9. Autor: Lou Marin. In: trend online zeitung. „George Orwell und der Anarchismus. Persönliche Freundschaften und theoretische Feindschaften“. Zitat: „Direkt nach seiner [George Orwell] Rückkehr aus Spanien sprach ihn Emma Goldman an und er wurde von ihr überzeugt, der anarchistischen "Internationalen Antifaschistischen Solidarität", einer englischen Solidaritätsorganisation für Spanien, beizutreten. Dort lernte er Rebecca West, Herbert Read, Vernon Richards und Marie-Louise Berneri kennen und mit letzteren blieb eine persönliche Freundschaft bis zu seinem Tod bestehen“. Abgerufen am 5 Dezember 2011
  10. Vgl. hierzu: Donald Rooum: Freedom; Freedom Press and Freedom Bookshop; S. 3: „When the Spanish civil War broke out in 1936, Vernon Richards, known as Vero, […] started a newspaper called Spain and the World in support of the Spanish anarchists. […] with Tom Keell as publisher and Lilian Wolfe, now aged 60, as administrator. Lilian often stayed in London with Vero and his companion Marie-Louise Berneri. She stayed on as administrator and manager of Freedom Bookshop until the age of 95. Online verfügbar. PDF
  11. Huub Sanders: War Commentary; im IISG, Amsterdam, April 2010.
  12. George Woodcock: Anarchismus: A History of Liberterian Ideas and movements; S. 383
  13. Biografie. Vom 20. Sept. 2004. Abgerufen am 5. Dezember 2011
  14. Zitat aus: Marie-Louise Berneri: Reise durch Utopia; Karin Kramer Verlag, 1982. Deutsch, abgerufen am 4. Dezember 2011