Marie-Madeleine de La Fayette

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Marie-Madeleine de La Fayette auf einem Stich des 17. Jahrhunderts

Marie-Madeleine Pioche de la Vergne, comtesse de La Fayette (* 18. Januar 1634 in Paris; † 26. Juni 1693 ebd.) war eine französische Adelige und Schriftstellerin.

Unter dem üblichen Namen Madame de Lafayette[1] figuriert sie in der Literaturgeschichte als Autorin eines der besten französischen Romane des 17. Jahrhunderts.

Leben[Bearbeiten]

Jugend[Bearbeiten]

Sie wurde geboren als älteste von drei Töchtern des hochgebildeten, aus amtsadeliger Familie stammenden Marc Pioche de La Vergne und der aus ähnlichen Verhältnissen kommenden, deutlich jüngeren Isabelle Péna. Pioche hatte eine militärische Karriere eingeschlagen und hierbei eine Ausbildung zum technischen Offizier (Festungsbau) absolviert. Er hatte 1619 geheiratet, war aber kinderlos geblieben. Um 1620 war er in Paris Erzieher eines Neffen des Père Joseph geworden, der rechten Hand von Kardinal Richelieu. 1622 war er nach dem Tod seines Zöglings wieder zur Armee gegangen, 1630 jedoch, inzwischen verwitwet, von Richelieu als Erzieher eines Neffen eingestellt worden. Im Stadtpalast seines neuen Dienstherrn hatte er seine zweite Frau kennengelernt und 1633 geheiratet.

Aufgrund seiner Interessen und Fähigkeiten, aber sicher auch dank seiner Nähe zu Richelieu, fand Pioche Zugang zu den geistig interessierten Kreisen der Hauptstadt; und nachdem er 1635 ein eigenes Haus für die Familie gebaut hatte, das seine Tochter später praktisch lebenslang bewohnte, vermittelte er dieser die Bekanntschaft zahlreicher Pariser Intellektuellen. Überdies verschaffte er ihr schon als jungem Mädchen Zutritt zu schöngeistigen Salons wie den der Marquise de Rambouillet oder, etwas später, der Romanautorin Madeleine de Scudéry, wo ihr wacher Intellekt nicht unbemerkt blieb und wo sie unter anderem den 20 Jahre älteren Literaten Gilles Ménage kennenlernte, der sie verehrte und ihre Latein-, Italienisch- und Literaturkenntnisse erweiterte.

1649 starb ihr Vater. Ihre noch junge Mutter heiratete rasch wieder, und zwar einen Chevalier de Sévigné, den Marie-Madeleine zunächst für ihren eigenen Zukünftigen gehalten hatte. Immerhin bescherte ihr diese Verbindung eine lebenslange, wenn auch von Rivalität nie freie Freundschaft mit der Marquise de Sévigné, einer angeheirateten Nichte des Chevaliers.

Während sie selber durch Empfehlung ihrer Taufpatin, einer Nichte Richelieus, zur Ehrenjungfer der Königin avancierte und so gelegentlich am Hof auftrat, machte der Stiefvater, ein Parteigänger des Kardinal de Retz, ihr elterliches Haus zu einem Treffpunkt der oppositionellen Frondeure, die seit 1648 einen zum Teil bewaffneten Widerstand gegen den Kardinal-Minister Mazarin betrieben.

Nach der Niederlage der Fronde 1652 wurde Sévigné ins Anjou verbannt: ein Schicksalsschlag für die 18-jährige Marie-Madeleine, für die als Stieftochter eines Verbannten nun kaum eine gute Partie zu finden war.

1655 ließ sie sich deshalb von einer hochadeligen Pariser Nonne, von der sie geschätzt wurde, an deren Bruder vermitteln, den 18 Jahre älteren, verwitweten und zudem hochverschuldeten Grafen de La Fayette. Ihre Heirat - immerhin in den Grafenstand – war nicht billig: die erforderliche Mitgift war nur dadurch aufzubringen, dass ihre energische Mutter die beiden jüngeren Schwestern für den kostengünstigeren Eintritt ins Kloster bestimmte.

Nach der Hochzeit folgte Mme de La Fayette ihrem Mann auf seine Güter in der Provinz. Da dort eine erste Schwangerschaft mit einer Fehlgeburt geendet hatte, reiste sie gegen Ende der nächsten nach Paris. Hier brachte sie 1658 ihr erstes Kind zur Welt, einen Sohn. Ihm folgte 1659 ein weiterer, ebenfalls in Paris, wo sie nun überwiegend wieder lebte, und zwar im elterlichen Haus, das sie nach dem frühen Tod ihrer Mutter geerbt hatte.

Während ihr Mann die Güter der Familie profitabel zu bewirtschaften versuchte, hatte Mme de La Fayette gleich nach der Heirat den juristischen Kampf gegen seine Gläubiger übernommen, den sie mit Energie und zunehmender Kompetenz führte. Hierbei hatte sie zunächst ihren alten Verehrer Ménage als ihren Beauftragten eingesetzt, den sie brieflich instruierte. Ab 1658/59 kämpfte sie selber vor Ort in Paris, wo sie die ihr von früher verbliebenen Beziehungen reaktivierte und neue knüpfte. Insbes. pflegte sie ihre gute Bekanntschaft mit Henriette d'Angleterre, der im Kloster ihrer Schwägerin aufgewachsenen Tochter des 1649 geköpften englischen Königs Charles I., die den Bruder Ludwigs XIV. heiratete. Über die befreundete Mme de Sévigné versuchte sie auch den mächtigen Finanzminister Nicolas Fouquet für ihre Sache zu interessieren.

Erwachsenenjahre und schriftstellerisches Schaffen[Bearbeiten]

Titelblatt der Zayde, Erstausgabe 1670
Titelblatt der Princesse de Clèves, Erstausgabe 1678

Mehr nebenbei debütierte sie 1659 als Autorin mit einem literarischen Porträt Mme de Sévignés für einen Sammelband, den zwei etwas ältere Literaten, Pierre Daniel Huet und Jean Regnault de Segrais vorbereiteten. Vielleicht angeregt von ihnen, sicher aber mit der Unterstützung von Ménage schrieb sie 1661 eine historische Novelle, La Princesse de Montpensier, die sie 1662 anonym erscheinen ließ, denn eigentlich hielt sie das Schriftstellern für unter der Würde der Gräfin, die sie nun war. Wohl aus derselben Zeit stammt eine zweite historische Novelle, La Comtesse de Tende, die erst postum 1724 erschien. Beide Texte behandeln das Thema der großen, aber problematischen und letztlich unglücklichen außerehelichen Liebe einer Frau, die in einer Konventionalehe verheiratet ist – ein Thema, das Mme de La Fayette auch weiter interessieren sollte.

Hiernach ließ sie die Feder ruhen, schloss mit Erfolg ihre juristischen Demarchen ab (wonach sie, auf den Geschmack gekommen, gelegentlich Freunde bei deren Prozessen beriet) und genoss das prickelnde gesellschaftliche und geistige Leben, das Paris in den 1660er Jahren bot. Denn es war eine Zeit des Aufbruchs unter dem jungen Ludwig XIV. und seinem neuen Minister Colbert, der Theatererfolge z.B. Molières und des jungen Jean Racine, aber auch der heftigen Querelen zwischen Molinisten (Parteigängern der Jesuiten) und Jansenisten.

Von Henriette 1661 zu ihrer Ehrendame (dame d'honneur) ernannt und wohlgelitten auch beim König selbst, hatte Mme de La Fayette ab 1661 Zutritt zum Hof.

Zugleich verkehrte sie in Kreisen der fundamental-oppositionellen, streng-religiösen Jansenisten. Hier lernte sie 1662 den 21 Jahre älteren Herzog und Literaten La Rochefoucauld kennen, der ihre spontane Sympathie nur zögernd erwiderte, dann jedoch ihr engster Freund wurde – zweifellos ohne ihr Liebhaber zu sein.

1668 griff sie wieder zur Feder und schrieb, zusammen mit Segrais, einen historischen Roman, Zayde, der im Spanien des 9. Jahrhunderts spielt und unter dem Namen von Segrais erschien (2 Bde 1670/71). Literarhistorisch bedeutsam wurde Zayde nicht zuletzt dank eines "Traktats über den Ursprung der Romane" (Traité de l'origine des romans), den Huet als Vorwort beisteuerte und der als eine der ersten Theorien des Romans gilt.

Ein Jahr später, 1669, begann sie im Auftrag Henriettes eine Histoire de Madame, die allerdings, da Henriette 1670 mit 26 starb, unvollendet blieb und erst postum 1720 als Histoire d'Henriette d'Angleterre gedruckt wurde.

1678 erschien Madame de Lafayettes wichtigstes, schon 1672 begonnenes Werk: der eher kurze historische Roman La Princesse de Clèves (eigentlich "die Fürstin von Kleve"). Die Handlung spielt gegen 1560, zur Zeit von Heinrich II., am französischen Hof und schildert die Geschichte der großen Liebe der in einer Konventionalehe verheirateten Princesse zu einem anderen Mann, der sie ebenfalls liebt, den sie aber aus Sittenstrenge und aus Treue zu ihrem Gatten nicht erhört und den sie auch dann nicht heiratet, als sie dies nach ihrer frühen Verwitwung eigentlich könnte, wobei sie ihm als Grund nennt, dass sie ihn liebe und nicht durch seine mutmaßliche spätere Untreue enttäuscht werden möchte, dass sie vor allem aber ihren inzwischen gefundenen Seelenfrieden nicht aufs Spiel setzen wolle.

Der psychologisch einfühlsame und (bis auf Anfang und Ende) sehr spannende Roman war sofort ein großer Erfolg und löste heftige Diskussionen aus, vor allem darüber, ob eine Frau gut tut, dem Ehemann eine Liebschaft zu beichten. Heute gilt er als einer der besten französischen Romane überhaupt, auch wenn moderne Leser den jansenistisch kompromisslosen Schluss kaum goutieren, gemäß dem der Mensch besser sein Seelenheil sichern als nach irdischem Glück streben soll.

Die späten Jahre[Bearbeiten]

Gegen 1680 aktivierte Mme de La Fayette als Vertraute des Ministers Louvois ihre schon länger bestehende Korrespondenz mit der Mutter des jugendlichen Herzogs von Savoyen und Piemont, einer Tante Ludwigs XIV., die seit 1675 in Turin als Regentin die Regierungsgeschäfte führte. Hierbei vertrat sie einerseits private Belange der Herzogin in Paris, zugleich aber die außenpolitischen Interessen Frankreichs, das den damals selbständigen Staat Savoyen-Piemont als Satellitenstaat zu vereinnahmen, wenn nicht gar zu annektieren hoffte.

Der Tod des schon länger stark gichtkranken La Rochefoucauld 1680 bedeutete einen tiefen Einschnitt für Mme de La Fayette, die ebenfalls seit langem häufig kränkelte. Sie führte jedoch, nachdem sie durch das Erbe ihrer Mutter, ihres Stiefvaters und 1683 auch ihres Mannes wohlhabend geworden war, ein für Standesgenossen und Intellektuelle offenes Haus und hielt sich viel am Hof auf, wo sie noch immer die Gunst des Königs besaß. Daneben kümmerte sie sich, in ihrer Eigenschaft als Oberhaupt einer adeligen Familie, um die Zukunft ihrer Söhne, indem sie dem älteren, der Mönch geworden war, mehrere Abt-Posten (die man kumulieren konnte) verschaffte und dem jüngeren, der Offizier geworden war, zu einem Regiment verhalf sowie (1689) zu einer vorzüglichen Partie.

Das letzte Werk Mme de La Fayettes wurden die nur fragmentarisch erhaltenen, 1720 postum gedruckten Mémoires de la cour de France pour les années 1688 et 1689, in denen sie nicht nur eine Chronik des Versailler Hoflebens der genannten Jahre versucht, sondern auch mit scharfem Blick politische und militärische Probleme analysiert. Hiernach zog sie sich vom Hof zurück, zumal sie 1690 auch ihre diplomatische Mission als gescheitert betrachten musste, denn der in Turin nun selber regierende junge Herzog hatte sich entschlossen, einem Bündnis gegen Frankreich beizutreten.

Zunehmend kränklich erlebte sie noch, dass sie Großmutter wurde, aber nicht mehr, dass ihr jüngerer Sohn mit 35 in der von den Franzosen gehaltenen Festung Landau/Pfalz einer Krankheit erlag.

Werke[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Jean Firges: Madame de La Fayette: "Die Prinzessin von Clèves." Exemplarische Reihe Literatur und Philosophie, 9. Sonnenberg, Annweiler 2001, ISBN 978-3-933264-16-9
  • Günter Berger: Madame de Lafayettes "Princesse de Clèves". Vom Skandalerfolg zum Klassiker des Romans. in Romanistische Zeitschrift für Literaturgeschichte - Cahiers d'histoire des littératures romanes, Hg. Henning Krauß. Carl Winter, Heidelberg 1989 [2]
  • Hans-Jörg Neuschäfer: Cervantes und die Tradition der Ehebruchsgeschichte. Zur Wandlung der Tugendauffassung bei Marguerite de Navarre, Cervantes und Mme de Lafayette. in: Beiträge zur romanischen Philologie, Sonderheft. 1967, S. 52 - 60 & S. 129 - 136
  • Lieselotte Steinbrügge: Marie-Madeleine de Lafayette, Edgar Allan Poe und der zirkulierende Brief. In Wechsel der Orte. Studien zum Wandel des literarischen Geschichtsbewusstseins. Festschrift für Anke Bennholdt-Thomsen, Hgg. Irmela von der Lühe & Anita Runge. Wallstein, Göttingen 1997, S. 231 - 241

Filme[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Notizen[Bearbeiten]

  1. bei der Schreibweise des Hausnamens kommen alle Varianten in der gesamten deutschsprachigen Literatur und bei allen Ausgaben ihrer Bücher vor, z. B. auch LaFayette und natürlich La Fayette
  2. Essay auch online erwerbbar bei de Gruyter, Berlin
  3. gehe zu Auteurs in der re. Spalte, Link nutzen, in der Tabelle der Autoren gehe zu Lafayette, Link nutzen, dieses erscheint als einziger Volltext von ihr. Eine direkte Verlinkung erlaubt die BnF leider nicht