Marieluise Fleißer

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Marieluise Fleißer (deutsche Briefmarke 2001)

Marieluise Fleißer (* 23. November 1901 in Ingolstadt; † 2. Februar 1974 ebenda) war eine deutsche Schriftstellerin, welche die Neue Sachlichkeit vertrat. Fleißers Sprache wird als „gestisches Sprechen“ bezeichnet. Mit einer unverrückbaren Genauigkeit geht sie direkt auf die Aussage zu, so Herta Müller in ihrem Beitrag zum 20. Todestag Fleißers.[1]

Leben[Bearbeiten]

Geboren 1901 in Ingolstadt als Tochter eines Schmieds, Werkzeugmachers und Eisenhändlers studierte Marieluise Fleißer ab 1920 in München Theaterwissenschaft bei Arthur Kutscher und Germanistik. Sie lernte in dieser Zeit Lion Feuchtwanger und über ihn Bertolt Brecht kennen. Schon als junge Studentin schrieb sie ihr erstes Drama Die Fußwaschung (späterer Titel Fegefeuer in Ingolstadt). Ab 1925 lebte sie wieder in Ingolstadt.

Fegefeuer in Ingolstadt wurde 1926 in Berlin uraufgeführt. Im Sommer des gleichen Jahres besuchte Fleißer wiederholt Brecht in Augsburg, der bei dieser Gelegenheit anregte, das Stück Pioniere in Ingolstadt zu schreiben. Fleißer hatte ihm von der Invasion der Soldaten in der Stadt erzählt, die zu Übungszwecken an die Donau gekommen waren. Im Jahr 1928 verlobt sie sich mit dem Sportschwimmer Josef Haindl.

Das Stück Pioniere in Ingolstadt wurde 1929 in Berlin aufgeführt und verursachte einen der legendären Theaterskandale der Weimarer Republik. Brecht, der in die Regie eingriff, hatte das Stück szenisch verschärft: unter anderem fand die Entjungferung des Dienstmädchens in einem rhythmisch wackelnden Pulverhäuschen auf offener Bühne statt. Marieluise Fleißer wurde zur unerwünschten Person am Ort ihrer Herkunft. Es kam zudem zum Bruch mit Brecht.

Fleißer lebte nun als freie Schriftstellerin in Berlin. Sie löste die Verlobung mit Josef Haindl und ging eine Bindung mit dem Journalisten Hellmut Draws-Tychsen ein, die sich als äußerst aufreibende Beziehung erweisen sollte. Mit ihm reiste sie nach Schweden (1929) und nach Andorra (1930).

Nachdem ein auf ein Jahr befristeter Rentenvertrag mit dem Verlag Kiepenheuer abgelaufen war, hatte Marieluise Fleißer 1932 große finanzielle Probleme. Sie kehrte von Berlin nach Ingolstadt zurück, wo sie drei Jahre später Josef Haindl heiratete. Sie musste in seinem Tabakwarenladen mitarbeiten. Während der Zeit des Nationalsozialismus erhielt sie 1935 ein partielles Schreibverbot durch die Nationalsozialisten: Ihr Stück Pioniere in Ingolstadt und ihr Roman Mehlreisende Frieda Geier wurden auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt. Infolge der ins Stocken geratenen literarischen Tätigkeit, der Repressalien durch die Nazis und der beengenden Ehe mit Josef Haindl erlitt Fleißer 1938 einen Nervenzusammenbruch.

Während der Kriegsjahre arbeitete sie an dem Drama Karl Stuart. In den letzten Kriegsjahren entstand Der starke Stamm, ein Volksstück, das 1950 an den Münchner Kammerspielen seine Uraufführung erlebte. Eine für 1956 geplante Übersiedlung Fleißers zu Brecht nach Ost-Berlin zerschlug sich. Nach dem Tod ihres Ehemannes 1958 löste Fleißer das Tabakwarengeschäft auf und widmete sich wieder mehr ihrer schriftstellerischen Tätigkeit. Ihre Neuentdeckung begann Ende der 1960er Jahre durch die jungen Autoren Rainer Werner Fassbinder, Martin Sperr und Franz Xaver Kroetz. Im Jahr 1971 drehte Walter Rüdel den Film Das bemerkenswerte Leben der Marieluise Fleißer aus Ingolstadt, in dem Fleißer Auskunft über ihr Leben gibt. Im Jahr 1972 erlebte sie die Herausgabe ihrer Gesammelten Werke im Suhrkamp Verlag.

Fleißer starb am 2. Februar 1974 in Ingolstadt und wurde auf dem dortigen Westfriedhof beigesetzt. Ihr literarischer Nachlass befindet sich seit 1978 im Stadtarchiv Ingolstadt.[2]

Schaffen[Bearbeiten]

Ihre Heimatstadt spielt im Werk Fleißers eine zentrale Rolle. In Ingolstadt verbrachte Marieluise Fleißer fast 60 ihrer 72 Lebensjahre, hier spielen ihre bekanntesten Stücke, ihr Roman und mehrere Erzählungen. Die Provinz mit ihren Menschen, die kleinbürgerliche Welt der Handwerker, Soldaten, Schüler und Dienstmädchen ist Thema und Nährboden für viele ihrer Stücke.

Werke[Bearbeiten]

  • Meine Zwillingsschwester (1923) (später unter dem Titel „Die Dreizehnjährigen“, ihr erster erhaltener und ihr erster veröffentlichter Text[1])
  • Die Stunde der Magd (1925)
  • Der Apfel (1925)
  • Ein Pfund Orangen (1926)
  • Fegefeuer in Ingolstadt (1926), ursprünglich „Die Fußwaschung“
  • Die Nachgiebige (1927)
  • Das enttäuschte Mädchen (1927)
  • Die arme Lovise (1928)
  • Pioniere in Ingolstadt Schauspiel. Arcadia-Verlag, Berlin 1929. 39 S. (drei Fassungen: 1928 [ungedruckt], 1929 und 1968)
  • Ein Pfund Orangen und neun andere Geschichten. Gustav Kiepenheuer, Berlin 1929. 207 S. (Inhalt u. a.: Die Ziege, Das Märchen vom Asphalt, Abenteuer aus dem Englischen Garten, Das kleine Leben, Des Staates gute Bürgerin, Die Wittfrau)
  • Die möblierte Dame mit dem mitleidigen Herzen (1929)
  • Sportgeist und Zeitkunst. Essays über den modernen Menschentyp. (1929)
  • Der Tiefseefisch (1930, Uraufführung 1980), Schauspiel in vier Akten, Fragment
  • Andorranische Abenteuer (1930)
  • Ein Porträt Buster Keatons (1930)
  • Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen. Kiepenheuer, Berlin 1931, 342 S. (Überarbeitung unter dem Titel Eine Zierde für den Verein, 1972)
  • Andorranische Abenteuer. Kiepenheuer, Berlin 1932. 189 S. (Sammlung)
  • Die Frau mit der Lampe. Eine Legende (1933)
  • Die Schwedische Aura (1933)
  • Karl Stuart, Trauerspiel (1946, Uraufführung 2009, Schauspielhaus Dortmund, Regie:Philipp Preuss)
  • Das Pferd und die Jungfer (1952) (In: Neue literarische Welt 3,11)
  • Avantgarde. Erzählungen. Hanser, München 1963. 156 S. (Inhalt u. a.: Er hätte besser alles verschlafen, Avantgarde)
  • Eine ganz gewöhnliche Vorhölle (1963/72)
  • Die im Dunkeln (1965)
  • Der Venusberg (1966)
  • Frühe Begegnung. Erinnerungen an Brecht. (1966)
  • Abenteuer aus dem Englischen Garten. Geschichten. 1. bis 5. Tsd. Suhrkamp, Frankfurt a. M. 1969. 159 S. (Bibliothek Suhrkamp, Bd. 223)
  • Findelkind und Rebell. Über Jean Genet. (1971)
  • Der starke Stamm (Erste Fassung 1950) In: Gesammelte Werke, 1. Band (1972)
  • Ich ahnte den Sprengstoff nicht (1973)
als Hörbuch
  • Eine Zierde für den Verein. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen. Gelesen von Eva Sixt. Musik: Norbert Vollath. LOhrBär Verlag, Regensburg 2011, ISBN 978-3-939529-10-1, 2 CDs.

Literaturpreise und Ehrungen[Bearbeiten]

Ab Anfang der 50er Jahre erhielt Fleißer zahlreiche Literaturpreise und Ehrungen:

  • 1951: Preis des Kuratoriums der Stiftung zur Förderung des Schrifttums
  • 1952: Erster Preis im Erzählwettbewerb des Süddeutschen Rundfunks für Das Pferd und die Jungfer
  • 1953: Literaturpreis der Bayerische Akademie der Schönen Künste
  • 1956: Ordentliches Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
  • 1961: Erste Verleihung des neu eingerichteten Kunstförderpreises der Stadt Ingolstadt an Marieluise Fleißer
  • 1965: Förderungspreis des Kulturkreises im Bundesverband der deutschen Industrie
  • 1967: Bayerischer Poetentaler
  • 1973: Ordentliches Mitglied der Akademie der Künste in Berlin
  • 1973: Bayerischer Verdienstorden

Seit 1981 wird der Marieluise-Fleißer-Preis durch die Stadt Ingolstadt vergeben.

Seit 2005 heißt die Staatliche Realschule München III nun Marieluise-Fleißer-Realschule. Im Münchner Ortsteil Neuperlach ist eine Straße nach Marieluise Fleißer benannt.

Im Jahre 1982 inszenierte Margit Saad die Erzählung Abenteuer aus dem Englischen Garten als Fernsehfilm.

Literatur[Bearbeiten]

  • Günther Rühle (Hrsg.): Materialien zum Leben und Schreiben der Marieluise Fleißer. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1973, ISBN 3-518-00594-4.
  • Moray McGowan: Marieluise Fleisser. Beck, München 1987, ISBN 3-406-30780-9.
  • Jung-Jun Lee: Tradition und Konfrontation. Die Zusammenarbeit von Marieluise Fleisser und Bertolt Brecht, Lang, Frankfurt a.M. 1992, ISBN 3-631-44739-6.
  • Ulrike Prokop: Wie viele Geschichten in einer? Zu der Erzählung "Stunde der Magd" von Marieluise Fleißer. In: Freiburger literaturpsychologische Gespräche. Band 17. Königshausen & Neumann, Würzburg 1998.
  • Gérard Thiériot: Marieluise Fleisser (1901–1974) et le théâtre populaire critique en Allemagne. Editions Peter Lang, Collection Contacts, Theatrica 19, Berne u. a. 1999, ISBN 3-906762-02-5.
  • Maria E. Müller, Ulrike Vedder (Hrsg.): Reflexive Naivität. Zum Werk Marieluise Fleißers. E. Schmidt, Berlin 2000, ISBN 3-503-04961-4.
  • Carl-Ludwig Reichert: Marieluise Fleißer. Deutscher Taschenbuch-Verlag, München 2001, ISBN 3-423-31054-5.
  • Elfi Hartenstein, Annette Hülsenbeck: Marieluise Fleißer – Leben im Spagat. edition ebersbach, Berlin 2001, ISBN 3-934703-25-9.
  • Walter Fähnders, Helga Karrenbrock (Hrsg.): Autorinnen der Weimarer Republik. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2003, ISBN 3-89528-383-5. (Aisthesis Studienbuch 5)
  • Liane Schüller: Vom Ernst der Zerstreuung. Schreibende Frauen der Weimarer Republik: Marieluise Fleißer, Irmgard Keun und Gabriele Tergit. Aisthesis Verlag, Bielefeld 2005, ISBN 3-89528-506-4.
  • Hiltrud Häntzschel: Marieluise Fleißer: Eine Biographie. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2007, ISBN 978-3-458-17324-3.
  • Christiane Solte-Gresser: Liebesdiskurse der Sprachlosigkeit. Zur Poetik der Dienstmädchenliebe. In: Cahiers d'études germaniques. 55 (2008), S. 49–61.
  • Klaus Gültig: Irrtümer und eine ehrenrührige Unterstellung – Korrekturen zu Hiltrud Häntzschels Publikationen über Marieluise Fleißer. In: Schriftenreihe der Marieluise-Fleißer-Gesellschaft. Heft 7. Ingolstadt 2009.
  • Ursula März: Marieluise Fleißer – Nachrichten aus der Provinz. In: Verena Auffermann, Gunhild Kübler, Ursula März, Elke Schmitter (Hrsg.): Leidenschaften. 99 Autorinnen der Weltliteratur. C. Bertelsmann, München 2009, ISBN 978-3-570-01048-8, S. 175–179.
  • Christiane Solte-Gresser: Alltag als Grenzerfahrung: Das Alltägliche zwischen Gefängnis und Fluchtraum bei Marieluise Fleißer. In: Dies.: Spielräume des Alltags. Literarische Gestaltung von Alltäglichkeit in deutscher, französischer und italienischer Erzählprosa (1919–1949). Königshausen&Neumann, Würzburg 2010. ISBN 978-3-8260-4417-5, S. 169–231.

Film[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Herta Müller, Portrait. Am Ende war es keiner gewesen. Vor zwanzig Jahren starb die Schriftstellerin Marieluise Fleißser, taz, 2. Februar 1994, S. 13
  2. Marieluise-Fleißer-Archiv