Marina Silva

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Marina Silva in 2007 bei der Gründung des Chico Mendes Institut für Biodiversitätserhalt (ICMBio) Chico Mendes Institute for Biodiversity Conservation.

Maria Osmarina Marina Silva Vaz de Lima (* 8. Februar 1958 in Rio Branco, Acre) ist eine brasilianische Umweltschützerin und Politikerin. Sie war Mitstreiterin des von Großgrundbesitzern ermordeten Regenwaldschützers Chico Mendes. Bis 2009 war sie Mitglied der Partei der Arbeiter und diente als Senatorin und Umweltministerin (2003–2008).[1][2]

Silva war die Präsidentschaftskandidatin für die Grüne Partei bei den Wahlen am 3. Oktober 2010 und hatte einen überraschenden dritten Platz mit 19 Prozent der Stimmen belegt.

Biografie[Bearbeiten]

Marina Silva führt einen „Empate“, ein Form des friedlichen Widerstandes, in der Fazenda Bordon in Xapuri an.
Marina Silva vor einem Foto von Chico Mendes.
Chico Mendes in 1988 in seinem Hinterhof bei seinem Haus in Xapuri, Acre
2007 wurde das Chico Mendes Institut für Biodiversitätserhalt (Instituto Chico Mendes de Conservação e Biodiversidade) (ICMBio) gegründet.

Marina Silva wurde tief im Amazonas-Gebiet geboren, in der Pfahlbausiedlung Breu Velho nahe der Kautschuksammlersiedlung (seringal) Bagaço, die ca. 70 km von der Provinzhauptstadt Rio Branco im Bundesstaat Acre entfernt liegt.[3] Weder führte damals zu dem Ort Breu Velho eine Straße, noch gab es eine Schule. Sie war das zweitälteste von insgesamt elf Kindern von Pedro Augusto da Silva und Maria Augusta da Silva, einer Seringueiro-Familie, die in den Wäldern Kautschukbäume anzapfte. Schon vor ihrem 6. Lebensjahr half sie in den abgelegenen Wäldern mit beim Kautschuksammeln. Drei ihrer Geschwister starben noch im Kindesalter, sie selber hatte mit Hepatitis, Malaria, Leishmaniose und Vergiftungen durch Schwermetalle zu kämpfen.

Kurze Zeit lebte die Familie in Manaus und Santa Maria do Pará, kehrte aber nach ein paar Monaten wieder in das Kautschukgebiet zurück. Da der Vater sich hatte verschulden müssen, um zurückkehren zu können, mussten die Kinder auch als Kautschukzapfer arbeiten: Mit zwölf wurde Marina Silva Vollzeit-Kautschukzapferin (Seringueira). Nach dem Tod der Mutter übernahm sie mit 15 Jahren deren Rolle. Sie war sich ihres prekären Lebens sehr bewusst[4] und träumte davon, Nonne zu werden.

Als 16-jährige kam sie auf der Suche nach medizinischer Behandlung nach Rio Branco. Dort arbeitete sie erst als Hausangestellte. Mit dem Alphabetisierungsprogramm MOBRAL (Movimento Brasileiro de Alfabetização) der Militärdiktatur begann sie ihre schulische Ausbildung. Später besuchte sie eine katholische Schule und wohnte im Schwesternorden der „Servas de Maria“. Über Clodovis Boff und Dom Moacyr Grechi, der damals Bischof in Rio Branco war, lernte sie die Befreiungstheologie kennen. Sie begann, sich in den Basisgemeinden und Theatergruppen, in der Gewerkschaft der Gummizapfer und schließlich in der Politik zu engagieren. Innerhalb weniger Jahre erreichte sie die Hochschulreife und beendete mit 26 Jahren ihre Ausbildung als Historikerin an der Staatlichen Universität von Acre. An der Universität trat sie der Partido Revolucionário Comunista (PRC, Revolutionäre Kommunistische Partei) bei, einer im Geheimen operierenden Gruppe, die gegen die Militärdiktatur kämpfte und später Teil der Partei der Arbeiter (PT) wurde. Sie lernte ihren ersten Ehemann Raimundo Souza 1980 kennen und gebar Tochter Shalom und Sohn Danilo. Die Ehe wurde 1985 geschieden.

1984, gegen Ende des Militärregimes, gründete sie zusammen mit Chico Mendes den regionalen Zweig des linken Gewerkschaftsdachverbandes Central Única dos Trabalhadores (CUT) im Amazonas-Bundesstaat Acre. Chico Mendes wurde die Stimme des CUT in Xapuri, wo er lebte, und Marina Silva die in der Hauptstadt Rio Branco. Sie entwickelten die Idee „desenvolvimento com a floresta em pé“, was heute mit „nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder“ (Extraktivismus) übersetzt werden kann. Sie kämpften um den Aufbau von so genannten „Sammlerreservaten“, in denen der Regenwald erhalten bleibt und die Kautschukzapfer oder auch Paranuss-Sammler ihren Lebensunterhalt bestreiten können. Bei diesen Kämpfen um die Erhaltung des Regenwaldes kooperieren Kautschuksammler und Indigene – aus den Feinden von einst wurden enge Verbündete.

1985 war die Militärdiktatur überwunden, in Brasilien herrschte Aufbruchstimmung, und Marina Silva trat der PT bei. Im Jahr darauf kandidierte sie für das Abgeordnetenhaus in Brasilien. Sie erreichte eine der höchsten Stimmenzahlen in Acre, was der PT aber nicht für einen Sitz in dem kleinen Bundesstaat reichte. 1986 lernte sie Fábio Vaz de Lima kennen und heiratete ein zweites Mal; sie bekamen zwei Töchter, Moara und Mayara. 1988 war sie die mit den meisten Stimmen gewählte Abgeordnete in der Stadtverordnetenversammlung ihrer Heimatstadt. Sie provozierte ihre Konkurrenten, indem sie die Zuwendungen, die sie als Abgeordnete erhielt, zurückgab und dies vor Gericht auch von den anderen verlangte.

Am 22. Dezember 1988 wurde Chico Mendes von einem Großgrundbesitzer und dessen Sohn vor den Augen seiner Familie im Alter von 44 Jahren erschossen. Seine Ermordung startete wie ein Katalysator eine breite Bewegung zum Schutz des Amazonaswaldes gegen fortschreitende Zerstörung. In den Folgejahren wurden etliche Millionen Hektar Regenwald als Schutzgebiete ausgewiesen und viele Menschen fühlten sich vom Vorbild Chicos inspiriert ebenfalls für die Erhaltung der Regenwälder zu kämpfen.

1990 wurde sie wiederum mit der höchsten Stimmenzahl als Bundesstaatsabgeordnete gewählt. Nach einem Jahr im Amt erkrankte sie lange an einer schweren Vergiftung durch Schwermetalle; bis heute ist sie dadurch gesundheitlich eingeschränkt. 1994 wurde sie mit 36 Jahren als bisher Jüngste in der brasilianischen Geschichte in den Bundessenat nach Brasília gewählt. Das ist bemerkenswert, weil in Brasilien oft ehemalige Gouverneure oder Großgrundbesitzer in den Senat gewählt werden.

2002 wurde sie mit nochmals gestiegener Stimmenzahl in den Senat wiedergewählt; ihre Amtszeit lief bis Anfang 2011. Sie leitete die Ausschüsse für Umwelt und für Verfassung und Justiz.

2004 konvertierte sie und trat der Assembleia de Deus bei, einer evangelikalen Pfingstkirche mit besonders großer Bedeutung in Brasilien.

Im Januar 2003 war sie die erste Ministerin, die Lula nach gewonnener Wahl ernannte; sie wurde als Umweltministerin in die Regierung berufen. Doch noch im selben Jahr entschied sich Lula – gegen ihr Votum – für Gentechnik in der Landwirtschaft. Nach jahrelangen politischen und juristischen Auseinandersetzungen und unter Bruch von Wahlversprechen gab Lula schließlich den Anbau frei und setzte die Legalisierung des bis dahin illegalen gentechnisch veränderten Sojas durch.

2007 setzte Lula zwei Staudämme der Superlative – ebenfalls gegen ihr Votum – durch: den Jirau-Staudamm am Rio Madeira und das Wasserkraftwerk Belo Monte am Amazonasnebenfluss Xingu, das weltweit drittgrößte Wasserkraftwerk. Projekte dieser Dimension gelten als eine Quelle der Korruption. Die Staatsbetriebe Eletronorte und Eletrobrás sind eine Domäne des mächtigen Senatspräsidenten und Lula-Verbündeten José Sarney. Immens sind auch die sozialen und ökologischen Kosten: Am Xingu müssten 20.000 Menschen umgesiedelt werden. Der Lebensraum mehrerer indigener Völker würde ebenso zerstört wie große Teile des Regenwaldes. Später äußerte Silva allerdings, sie sei gar nicht grundsätzlich gegen das Kraftwerk Belo Monte, sondern habe nur den Zeitpunkt der Ausschreibung für verfrüht gehalten.[5]

Rücktritt als Umweltministerin und Präsidentschaftskandidatur 2010[Bearbeiten]

Marina Silva im Juli 2010
Stephen Schneider, Marina Silva und Thomas Lovejoy (v.r.n.l.) 2010

Noch zu Jahresbeginn 2008 hatte der Guardian sie zu den 50 Menschen gezählt, „die dabei helfen können, den Planeten zu retten“.[6] Doch am 13. Mai 2008 trat sie als Umweltministerin zurück, da sie ihre strategischen Umweltziele innerhalb der Regierung nicht genügend durchsetzen konnte. Auslöser war der Plano Amazônia Sustentável (Plan für ein nachhaltiges Amazonas), in dessen Mittelpunkt die Erschließung der Regenwaldregion mit Land- und Wasserstraßen für das Agrobusiness sowie der Bau neuer Staudämme für Aluminiumschmelzen und den Konsum in weit entfernten Industriegebieten steht – was faktisch die Abholzung Amazoniens im großen Stil erlaubt. Zum Zeitpunkt ihres Rücktritts besuchte Bundeskanzlerin Angela Merkel Brasilien und wollte vor allem über den umweltgerechten Anbau von Energiepflanzen und den Schutz des Regenwaldes reden. Merkel bezeichnete den Rücktritt Silvas als ein „Warnzeichen“.

Wegen ähnlicher politische Differenzen verließ sie am 19. August 2009, nach 24 Jahren[7], Lulas Partei der Arbeiter (PT) und schloss sich den Grünen (Partido Verde) an und verkündete ihre Präsidentschaftskandidatur für die Wahlen am 3. Oktober 2010. Ihr wurden zu Beginn der Kampagne Außenseiterchancen eingeräumt, da sie kurzzeitig mit Dilma Rousseff in Umfragen gleichauf lag.[8] In der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen am 3. Oktober 2010 schnitt Marina Silva für viele überraschend gut ab. Sie wurde mit 19,4 % der Stimmen Dritte. Marina Silva siegte sogar mit 42 % vor Dilma Rousseff in der Hauptstadt Brasília, die von Korruptionsskandalen erschüttert worden war.[9] In Rio de Janeiro errang sie 32 %. Mit den 20 Millionen Wählerstimmen sicherte sich Marina Silva den größten Stimmenanteil für einen Kandidaten einer Grünen Partei weltweit.[10] Mit ihrem guten Abschneiden brachte Marina Silva das etablierte Parteiensystem durcheinander und zwang damit die spätere Siegerin Dilma Rousseff in einen zweiten Wahlgang gegen den Herausforderer José Serra.

Lula hatte seine bisherige Kabinettschefin Dilma Rousseff im Alleingang zu seiner Nachfolgekandidatin gekürt, sie wurde dann in der Stichwahl zur ersten Frau in das Präsidentenamt Brasiliens gewählt. Als wachstumsfixierte Technokratin war Rousseff zuvor Ministerin für Bergbau und Energie und hatte das „Programm zur Beschleunigung des Wachstums“[11] geleitet. Nicht zuletzt in ihrer koordinierenden Funktion als Kabinettschefin Lulas hatte Rousseff oftmals den Ausschlag zugunsten der Industrialisierung gegeben. In diesen Jahren galt sie als direkte Gegenspielerin der damaligen Umweltministerin Marina Silva.

Die brasilianische Filmemacherin Sandra Werneck verfilmte das Leben Marina Silvas fürs Kino.

Parteigründung[Bearbeiten]

Marina Silva trat 2011 aus der grünen Partei Partido Verde aus und gründete im Februar 2013 das Nachhaltigkeits-Netzwerk (Rede Sustentabilidade). Silva galt als mögliche Kandidatin für die Präsidentschaftswahl 2014.

Präsidentschaftskandidatur 2014[Bearbeiten]

Mit Eduardo Campos in 2013.

Nach dem Unfalltod des sozialistischen Präsidentschaftskandidaten Eduardo Campos trat Marina Silva an seiner Stelle zur Wahl an. Als Herausforderin des Staatsoberhaupts Dilma Rousseff werde Silva den Weg der sozialistischen Partei weiter gehen, teilte PSB-Chef Roberto Amaral mit. Silva kandidierte ursprünglich für die Vizepräsidentschaft bei der Präsidentschaftswahl 2014.[12]

Politische Schwerpunkte[Bearbeiten]

Marina Silva hat von Beginn an soziale Fragen mit dem Umweltschutz verbunden. Auf lokaler Ebene kämpfte sie für das Überleben z.B. der Kautschuksammler im zu erhaltenden Regenwald. Später als Senatorin und Ministerin tat sie dies auf nationaler und internationaler Ebene. In ihrem Bestreben, nachhaltige Umweltpolitik zu betreiben, versuchte sie die Zerstörung des Amazonas-Regenwaldes und der Biodiversität zu bremsen. So ist es ihrem Einfluss zuzuschreiben, dass etwa 240.000 km² unter Naturschutz gestellt und rund 100.000 km² als Indianerschutzgebiete ausgewiesen wurden. Sie erstellte Umweltpolitikpläne für alle Ökosysteme Brasiliens: Caatinga, Cerrado, Mata Atlântica, Pampa, Pantanal und die Küsten- und Meeresgebiete.

Regelmäßig geriet sie in Konflikt mit Gruppen, die andere Nutzungen des Amazonas oder anderer Naturräume durchsetzen wollten. Aber auch mit den Entwicklungszielen der Regierung Lula, die oft an den klassischen Wachstumspfaden orientiert waren, stimmten ihre Pläne nicht überein. Sie wollte Umweltpolitik in allen Ministerien verankern, Lula wollte Wachstum mit großem Agrobusiness, Staudämmen und Fernstraßen, auch im Amazonasbecken.

Auszeichnungen[Bearbeiten]

1996 gewann sie den Goldman Environmental Prize mit Cristina Narbona Ruiz.[13] 2007 erkannte ihr das Umweltprogramm der Vereinten Nationen einen Champions of Earth Award zu[14] und 2009 wurde ihr der Sophie-Preis verliehen.[15]

Literatur[Bearbeiten]

  • Ziporah Hildebrandt: Marina Silva – Defending rainforest communities in Brazil. 1. Auflage, (Women Changing the World), Feminist Press at The City University of New York, 2001, ISBN 1-55861-262-9.
  • Dimas Antônio Künsch: Fé e política: Marina Silva. (coleção Fé e Política), Editora Salesiana, São Paulo 2001, ISBN 85-7547-003-5.
  • Marina Silva, in: Internationales Biographisches Archiv 45/2009 vom 3. November 2009, im Munzinger-Archiv (Artikelanfang frei abrufbar)

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Marina Silva – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Spiegel Online 14. Mai 2008 Schutzpatronin des Regenwaldes tritt ab, Von Christian Schwägerl
  2. Niederlage für den Regenwald Von Marlies Uken. ZEIT online, 15. Mai 2008
  3. Biographie auf der Website des brasilianischen Senats
  4. Ziporah Hildebrandt: Marina Silva – Defending rainforest communities in Brazil, S. 24
  5. http://www.boell.de/weltweit/lateinamerika/lateinamerika-praesidentschaftswahlerfolg-gruenen-kandidatin-marina-silva-10303.html
  6. The Guardian: 50 people who could save the planet, 5. Januar 2008. Aufgerufen am 15. Juni 2010
  7. Brief an den Vorsitzenden der PT. Aufgerufen am 15. Juni 2010
  8. taz.de: Angriff der Abtrünnigen
  9. Stichwahl für Lulas Wunschnachfolgerin - Grüner Triumph in Brasilien, taz
  10. Brazil's green flagbearer Marina Silva ready to get back in the race, The Guardian 22. April 2013
  11. Thomas Fatheuer: Marina Silva - grüne Hoffnung für Brasilien, 20. August 2009, Böll-Stiftung, aufgerufen am 15. Juni 2010
  12. Dirigentes do PSB confirmam indicação de Marina Silva, ZH vom 16. August 2014 (portugiesisch)
  13. Time.com. Leaders & Visionaries: Marina Silva and Cristina Narbona Ruiz, by Bryan Walsh
  14. UNEP: Träger der Auszeichnung „Champion of the Earth“ 2007
  15. The Sophie prize 2009
Vorgänger Amt Nachfolger
José Carlos Carvalho Umweltminister
(Ministra do Meio Ambiente)

1. Januar 2003 – 15. Mai 2008
Carlos Minc