Marind-anim

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Männer der Marind-amin in zeremonialer Tracht (um 1920)
Gebiet der Marind (gelb eingefärbt)
Grundlage der Lebensbedingungen: Der Sagopalmwald
Historische Aufnahme des Ethnologen Paul Wirz

Die Marind-anim (in der Kolonialzeit häufig Tugeri genannt) sind ein melanesisches Volk, das im Süden West-Neuguineas, Indonesien lebt. Ihr Siedlungsgebiet erstreckt sich zwischen dem nördlich der Yos-Sudarso-Insel liegenden Digul-Fluss bis zum Maro-Fluss (nördlich des Wasur-Nationalparks) unweit der Staatsgrenze zu Papua-Neuguinea. Vornehmlich siedelten die Marind-anim nahe der Küste der Arafurasee, da diese ihnen eine stabile Nahrungsversorgung bot.

In der Zeit vor 1900 soll das Volk über 15.000 Menschen umfasst haben. Eingeschleppte Seuchen und Geschlechtskrankheiten reduzierten die Volksgröße auf die Hälfte. Ursächlich für den Schwund der Bevölkerungsgröße soll eine weit verbreitete Unfruchtbarkeit der Marind-anim-Frauen sein. Diese wird auf ungewöhnliche Sexualpraktiken zurückgeführt.[1] Im Hinterland leben weitere mit den Marind-amin verwandte Stämme, mit denen erheblicher kultureller und künstlerischer Austausch bestand.[2]

Geschichte[Bearbeiten]

Im 17. Jahrhundert versuchte die Niederländische Ostindien-Kompanie erstmals, das rohstoffreiche Neuguinea zu besetzen, was nicht gelang. Erst 1828 konnten die Niederlande die Region schließlich erobern. Die Briten erkannten die Niederländer als Protektoren Niederländisch-Indiens und Niederländisch-Neuguineas 1885 an, da sie in eigener Sache zusammen mit den Deutschen Ost-Neuguinea besetzt hatten. Alsbald verschärfte sich das Konfliktpotential zwischen den beiden Kolonialmächten. Die Briten sahen sich gegenüber den Niederländern zu diplomatischen Demarchen veranlasst. Anlass dafür war das Verhalten der Marind-anim (Tugeri), im Hoheitsgebiet der Niederländer. Ihr Verhalten manifestierte sich in außergewöhnlich aggressiv durchgeführten Kopfjagden, wobei sie mehrfach bis tief ins Hinterland vorstießen ins britisch besetzte Territorium des heutigen Papua-Neuguineas.

Die Kopfjagd war tief im Glauben der Marind-anim verwurzelt und hatte etwa die Bedeutung der Stärkung spiritueller und weltlicher Macht (Mana).[3] Anlässlich von Geburten war sie ein kultischer Brauch. Die Verwertung der Körper der getöteten Opfer durch Verzehr war weniger dem Kannibalismus geschuldet als vielmehr der kultischen Ordnung. Ein Menschenopfer wurde verzehrt, weil es getötet worden war.[4]

Um im Rahmen dieser kulturellen Vorgaben weiteren Interessenkonflikten mit den Briten entgegenzutreten, lenkten die Niederlande ein, und errichteten im Jahr 1902 mitten im Stammesgebiet der Marind-anim einen administrativen Stützpunkt in Merauke. Ab 1905 begann die Katholische Mission mit ihrer Arbeit in der Region. Insbesondere konzentrierte sich die Kolonialverwaltung darauf, die Kopfjagd (koppensnellen) der Einheimischen zu unterbinden und dem weit verbreiteten und außergewöhnlichen Phänomen orgiastischer Homosexualität bei den Marind-anim zu begegnen.[5] Der niederländische Ethnologe Jan van Baal (zwischen 1953 und 1958 war er auch Gouverneur von Niederländisch-Neuguinea) schreibt in seinem Standardwerk „Dema“, dass die Auswüchse im Kult der Marind-anim selbst verständnisvolle Ethnographen in Rage gebracht hätten. Der seit 1933 mit diversen Forschungsarbeiten in der Region befasste deutsche Ethnologe Hans Nevermann soll angewidert zu Papier gebracht haben, dass kein anderes Volk sich bei kultischen Zeremonien „so viehisch und schamlos“ benehmen würde.[6] Auch Hochzeitsnächte verliefen ungewöhnlich. Im Glauben, dass die Menge des Samengutes die Fruchtbarkeit einer Frau bestimme, durften alle männlichen Mitglieder der Erblinie des Ehemannes in der Hochzeitsnacht mit dessen Ehefrau in geschlechtlichen Verkehr treten. Soweit nicht alle an der Reihe waren, fanden die Handlungen in den Folgenächten ihre Fortsetzung.[1][7]

Sowohl die Mission als auch die Kolonialverwaltung wirkten mittels ihrer Verbote nachhaltig auf das Volk der Marind-anim ein, sodass die alten Gepflogenheiten rasch aus dem Lebensalltag des Volkes verschwanden.[1] Dem Schweizer Paul Wirz gelang es in diesem Umfeld in der Zeit zwischen 1916 (Beginn) und 1931 tradierte Kulthandlungen zu beobachten und Aufzeichnungen zu diversen Mythen zu fertigen.[8]

Sprache[Bearbeiten]

Die Marind-anim gehören zum Marind-Sprachraum (Tugeri),[9] der dem übergeordneten Transneuguinea-Hauptzweig (TNG) zugehörig ist.

Kulte[Bearbeiten]

Detail aus dem Dema-Kostüm: Aus der Sagopalme geschnittene Brettchen, dicht beklebt mit roten Paternostererbsen (Abrus-Samen), umrandet von grau schimmernden Hiobstränen (Coix lacrimae)

Die Marind-anim hatten fünf regionale Kultzyklen.

Majo[Bearbeiten]

Der offizielle Stammeskult nannte sich Majo. Er kehrte periodisch alle vier bis sechs Jahre im selben Dorf wieder und wurde entlang der Küste von Westen nach Osten in einer festgelegten Folge zelebriert. Die Dorfzeremonie dauerte bis zu einem halben Jahr an (Trockenzeit). Über die Dauer des Festes hatten andere kultische Maßnahmen zu ruhen, so auch die Kopfjagd. Vornehmlicher Bestimmungszweck der Majo-Rituale war die Initiation der männlichen Nachkommen und davon wiederum getrennt auch der Mädchen. Frauen durften am Kult teilnehmen, waren aber nicht in alle Ritualgeheimnisse eingeweiht.[10]

Andere Kulte[Bearbeiten]

Die anderen Kulte hatten eher derivativen Charakter. Dort tat sich der Imo besonders hervor, da er durch die isolierte Erscheinungsform der Dörfer des Marind-Volkes auch abweichende Sonderformen aufwies.[11] Es wird jedoch spekuliert, dass er dem Majo-Kult nur nachgemacht wurde.[12]Da die Riten gegenüber Außenstehenden streng geheim gehalten wurden, ist sehr wenig über ihre Formen und Inhalte bekannt. Wirz hielt in Abweichung zu Nevermann fest, dass es sich in allen fünf Fällen zwar um Geheimkulte, nicht jedoch um Geheimbünde handelte.[13][14]

Kulthöhepunkt (Dema)[Bearbeiten]

Dema-Kostümzubehör und Zeremonialtrommel

Der Begriff der Dema-Gottheit geht auf Adolf Ellegard Jensen, einen Vertreter der Kulturmorphologie zurück und ist der Sprache der Marind-anim entnommen.

Die Dema spielt auf die mythischen Stammväter der einzelnen Verwandtschaftsgruppen an, deren Wirken in der Urzeit alles zu verdanken ist: Pflanzen, Tiere, Gestirne, Feuer, Waffen und sonstiges Lebenszubehör aber auch das geordnete irdische Dasein und das ebenso ausgerichtete Wohlverhalten. Dramatisch inszeniert wird dieser Stammväter im Ritual gedacht. Dabei entheben sich die Dema nicht des gewöhnlichen irdischen Seins, vielmehr wurden auch sie missbraucht, geschändet und getötet. Mit der ersten Tötung eines Dema kam infolgedessen auch der Tod in die Welt.[15]

Das Dema-Wir symbolisierte farbenprächtig den Ritus durch ausstaffierte Darsteller, die mit viel Zubehör, wie Bambusstangen, Vogelbälgen, Tierfellen, heiligen Pflanzen und diversen Daunen und Federn (so von Kasuaren, Reihern oder Paradiesvögeln) geschmückt waren. Imitationen aus Sagopalmen und Bananenstauden gehörten ebenfalls dazu.[16] Höhepunkt war der Auftritt des Gari-Figuranten, der die Sonne und das Feuer vermittelte. Mittels eines etwa 3 Meter hohen Fächers aus Sagobaum-Bestandteilen inkorporierte er das Weltenganze. Die Maskerade schmückte den Kopf des Trägers. Felltrommeln[17] begleiteten das Geschehen.

Bei Totenritualen fanden Gesichtsmasken Anwendung. Sie waren aus Kokosbast und Palmblättern geschnitten.

Zeremonialwaffen[Bearbeiten]

Für die Kopfjagd wurden Speere mit breiter, ornamental durchbrochener Spitze und Keulen mit durchlochter Steinscheibe als Schlagteil verwendet.[18] Die Kopfhaut der getöteten Feinde vermochten die Marind-anim so zu präparieren, dass sie später über den fleischbefreiten Schädel passte[19], um sie an Gabelpfosten auszustellen.[20] Auch standen Schwirrhölzer bei zumindest zwei der fünf Kulte im Mittelpunkt.[21]

Schambedeckungen[Bearbeiten]

Beatrice Voirol beschäftigte sich mit den Beziehungsstrukturen der Volksstämme des südwestlichen Neuguineas anhand derer Schambedeckungen. Insbesondere galt ihre Forschung den Bräuchen der Marind-anim.[22] Sie fand als klassische Schambedeckung die äußere Windung der Melo-Schnecken vor, die links und rechts so durchbohrt waren, sodass Schnüre (gelegentlich einfache Rattan-Streifen) zur Befestigung am Körper durchgezogen werden konnten. Schaustücke (Penismuscheln: „sabu“), gesammelt von Wirtz und Nevermann fand sie im Tropenmuseum von Amsterdam und im Museum für Völkerkunde Dresden vor.

Erkenntnisse können insoweit zusammengetragen werden, als dass eine wichtige Rolle im Zeremoniell der Mutterbruder bei der erstmaligen Überreichung des charakterisierenden Schmucks an die junge Altersklasse der „ewati“ spielt, denn er führt den Heranwachsenden kultisch in die Gesellschaft ein. Neben dem Penisschmuck, der in selteneren Fällen auch aus Kokosnussteilen bestand, wurden Bastzöpfchen ins Haar geflochten, das Gesicht farbenprächtig angemalt, Diademe aus Kasuar- und/oder Paradiesvogelfedern gefertigt und Arm- sowie Kniebänder mit reichlichen Verzierungen hergestellt.

Literatur[Bearbeiten]

  • Jan van Baal: Dema, Description and Analysis of Marind-Anim Culture (South New Guinea). The Hague 1966.
  • Jan van Baal: The Dialectics of Sex in Marind-anim Culture. In Ritualized Homosexuality in Melanesia. edited by G. H. Herdt, University of California Press, Berkeley 1984.
  • Raymond Corbey: Headhunters from the swamps: The Marind Anim of New Guinea as seen by the Missionaries of the Sacred Heart, 1905-1925. KITLV Press and Zwartenkot Art Books, Leiden 2010.
  • Hans Nevermann: Söhne des tötenden Vaters. Dämonen- und Kopfjägergeschichten aus Neu-Guinea. Das Gesicht der Völker. Erich Röth-Verlag, Eisenach/Kassel 1957.
  • Waldemar Stöhr: Kunst und Kultur aus der Südsee, Sammlung Clausmeyer, Melanesien. Rautenstrauch-Joest-Museum für Völkerkunde, Köln 1987, ISBN 3-923158-11-4.
  • Paul Wirz: Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea. Hamburgische Universität, Abhandlungen aus dem Gebiet der Auslandskunde, Band 10 und 16. Friederichsen, Hamburg 1922–1925.
  • Paul Wirz: Die Ornamente und insbesondere die Darstellung menschlicher Formen in der Kunst von holländisch Süd-Neu-Guinea. Tijdschrift voor Indische Taal-, Land- en Volkenkunde 60: 115–131, Batavia.
  • Bruce Knauft: South Coast New Guinea Cultures: History, comparison, dialectic. University Press, Cambridge 1993, ISBN 0-521-42931-5.

Weblinks[Bearbeiten]

Werke von Paul Wirz[Bearbeiten]

  • Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea. Hamburg, Friederichsen 1922-1925
    • Bd. 1, Teil 1: Die materielle Kultur der Marind-anim. 1922
    • Bd. 1, Teil 2: Die religiösen Vorstellungen und die Mythen der Marind-anim, sowie die Herausbildung der totemistisch-sozialen Gruppierungen. 1922
    • Bd. 2, Teil 3: Das soziale Leben der Marind-anim. 1925
    • Bd. 2, Teil 4: Die Marind-anim in ihren Festen, ihrer Kunst und ihren Kenntnissen und Eigenschaften. 1925

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c Robert B. Edgerton, Sick societies: challenging the myth of primitive harmony, S. 182
  2. Jan Van Baal, Dema (1966), Description and Analysis of Marind-Anim Culture (South New Guinea).
  3. Hans Nevermann, S. 112 (s. Lit.)
  4. Hans Nevermann, S. 13 (s. Lit.)
  5. Waldemar Stöhr, S. 107 (s. Lit.)
  6. Waldemar Stöhr, S. 121 (s. Lit.)
  7. van Baal, 1984: S. 137-139 (s. Lit.)
  8. Wirz 1922/25, II, 1, S. 26 (s. Lit.)
  9. MultiTree: A Digital Library of Language Relationships
  10. van Baal, S. 498-500 (s. Lit.)
  11. van Baal, S. 607 und 562 (s. Lit.)
  12. aus Paul Wirz, Die Marind-anim von Holländisch-Süd-Neu-Guinea (s. Lit.)
  13. van Baal, S. 603-605 (s. Lit.)
  14. Wirz 1922/25, II, 1, S. 26 (s. Lit.)
  15. van Baal 178-196
  16. Wirz 1922/25, II, 1, S. 40-59 (s. Lit.)
  17. Zeremonialtrommeln der Marind-anim
  18. van Baal, S. 725-740 (s. Lit.)
  19. Wirz, S. 746 f. (s. Lit.)
  20. Wirz, S. 56 (s. Lit.)
  21. Wirz, S. 33-48 (s. Lit.)
  22. Beatrice Voirol, in Göttinger Beiträge zur Ethnologie Band 4, Sich windende Wege, Ethnografie der „Melo“-Schnecke in Papua, Indonesien, S. 157 ff.