Mariyamman

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Mariyamman (Sanskrit: „Mutter Mari“, „Perlenmutter“, „Regenmutter“) ist eine in Südindien sehr verbreitete hinduistische Muttergöttin, die vor allem in den Bundesstaaten Tamil Nadu, Karnataka, Andhra Pradesh als Dorfgöttin (Gramadevata) gegen Pocken, Cholera und andere Krankheiten sowie für Regen angebetet wird.[1][2] Darüber hinaus wird sie bei den verstreuten tamilischen Gemeinden in aller Welt und besonders bei den Hindus auf der malaiischen Halbinsel verehrt. Mariyamman wird auch mit Fruchtbarkeit und Wohlstand in Verbindung gebracht, ihr Gatte ist Muniyanti.[1]

Die Göttin wird oft Mariamma, Mari, Marika, Amman oder Mahamaya („große Illusion“) genannt, oder ihr werden die heiligen Anreden Muthu (Tamil) oder Sri (Sanskrit) vorangestellt. In Deutschland steht in Hannover ein großer Tempel ihr zu Ehren, der Sri Muthumariamman Tempel, er wird hauptsächlich von Tamilen besucht.

Mariyamman wird vor allem bei den niedrigen Kasten und insbesondere bei Frauen verehrt, die brahmanischen Priester erkennen sie nicht an.[2] Die Göttin kann sowohl Krankheiten verursachen, als auch vor ihnen schützen oder sie heilen, außerdem kann sie von Menschen Besitz ergreifen. Sie ist wohltätig und fürsorglich zu ihren Verehrern, aber unnachgiebig und schädigend zu denen, die ihr ihre Anbetung verweigern; so wird Mariyamman auch als blutrünstig und wild beschrieben. Häufig werden Statuen von Mariyamman am Eingang von Dörfern aufgestellt, um Fremde und unerwünschte Besucher und Feinde abzuwehren und fernzuhalten. Bei ihrem ekstatischen Tanz kann die Göttin „Perlen“ verstreuen, die Pocken (Blattern) auslösen;[1] in Nordindien entspricht ihr die Pockengöttin Shitala. Pockenerkrankungen werden häufig als Mariyammans Strafe für eine Vernachlässigung ihres Kultes gesehen, die Pocken gelten als Zeichen der Anwesenheit der Göttin und werden als ihre Augen, Perlen oder Küsse bezeichnet. Manche glauben, dass es den Zorn der Göttin hervorruft, Pocken zu behandeln, und dass die Krankheit dadurch sogar noch schlimmer wird. Mariyamman gilt in Südindien auch als Verkörperung der nordindischen Göttin Parvati oder wird mit Renuka oder Yelamma gleichgesetzt (siehe unten).[2]

Ikonographie[Bearbeiten]

Dargestellt wird Mariyamman tausendäugig[1] und vierhändig. Sie trägt den Kopf einer Brahmanenfrau (ihr erster wurde von ihrem Sohn auf Geheiß ihres Mannes aufgrund einer Verfehlung der Göttin abgetrennt) und hat den Körper einer Unberührbaren, was ihr widersprüchliches Wesen ausdrückt. Sie trägt eine Trommel (damaru), um die eine Schlange als Griff gewickelt ist und ein Messer oder Schwert in den rechten Händen und einen Dreizack (trishula) und eine Schale (kalasha) in den linken. Auf ihrem Kopf ist eine Futterschwinge befestigt. Mariyamman ist von roter Körperfarbe. Sie trägt ein gelbes Kleid und eine Perlenkette um ihren Hals. Sie wird aber auch als schwarze Gestalt unter einem Baldachin von fünf Schlangen vorgestellt. Zwei kleine Zähne ragen aus ihrem Mund. Feuerzungen gehen von ihrem Kopf bis zu den Schultern. Mariyamman wird meist zusammen mit zwei "Dämonen" dargestellt, der linke stellt ihre freundliche und segnende Seite dar, der rechte ihre zerstörerische, wütende und wird mit Reißzähnen und wilder Mähne dargestellt.[2]

Entstehungsmythos[Bearbeiten]

In Mariyammans Mythen stehen zumeist ihre Keuschheit, Treue und Reinheit, das Leiden ihrer Mutterschaft und wie sie von ihrem Ehemann verletzt, verraten und betrogen wird, im Vordergrund. Auch das Thema ihrer Enthauptung ist darin von zentraler Bedeutung.[2] Einem Mythos zufolge war Mariyamman die Frau von Tirunalluvar, einem tamilischen Dichter, der ein Paria war. Bald litt sie an Pocken und ging auf der Suche nach Nahrung von einem Haus zum anderen. Sie benutze Blätter des Neem-Baumes oder Margosa-Baumes zum Fächern, um die Fliegen aus den Wunden fernzuhalten. Sie wurde geheilt. Dann sah sie, dass die Leute sie als Göttin der Pocken verehrten. Um die Pocken fernzuhalten, hängen sie Neem-Blätter, die der Göttin heilig sind, über die Türen ihrer Häuser.[2]

Ein anderer Mythos erzählt Folgendes: Eines Tages kam das Trimurti zu Nagavali, der Frau des Pirihu, einem der berühmten sieben Rishis, der gerade abwesend war, um ihre Schönheit und Tugend zu bewundern, von der sie gehört hatten. Aber die Göttin, die die Götter nicht kannte, war wütend über ihr Eindringen in ihr Haus und verwandelte sie in Kinder. Die Götter wurden wütend und beschimpften und verfluchten sie. So verblasste ihre Schönheit und ihr Gesicht wurde von Pocken entstellt. Als ihr Ehemann nach Hause kam und ihr hässliches entstelltes Gesicht sah, schickte er sie fort. Er verfluchte sie dazu als „Dämonin“ wiedergeboren zu werden und die gefürchtete Pockenkrankheit zu übertragen, weswegen Menschen sie lieben und verehren werden. Fortan hieß sie Mari, „die Veränderte“.[3]

Wieder einer anderen Version zufolge beneidete Mariyamman, die aufgrund ihrer Tugend, Reinheit und Treue viele Wundertaten wirkt, wie Sand zu Töpfen zu formen oder Krüge allein dadurch, dass sie sie auf ihrem Kopf stellte, zum Kochen zu bringen, als ihr Ehemann nicht zu hause war, zwei vorbeikommende Gandharvas, die sich sexuell vereinigten. Dadurch verlor sie ihre magischen Kräfte. Als ihr Mann nachhause kam und dies bemerkte, unterstellte er ihr Ehebruch und ließ sie als Strafe für ihr sexuelles Missverhalten von ihrem Sohn enthaupten. Später belebte er sie wieder mit dem Kopf einer Brahmanenfrau und dem Körper einer Unberührbaren.[3]

In dieser Variante des Mythos entspricht Mariyamman der Renuka, der Mutter des Parashurama. Renuka wurde einst von ihrem Sohn Parashurama, der sechsten Avatare des Vishnu auf Befehl seines Vaters, des Weisen Jamadagni, aufgrund eines phantasierten Ehebruchs geköpft. Doch in dem Moment kam eine Pariafrau, die Renuka aus Mitleid umarmte, um sie zu schützen. Parashurama forderte sie mehrfach auf zu gehen, doch die Frau blieb. Daraufhin enthauptete Parashurama beide Frauen gleichzeitig mit einem Schlag. Sein Vater gewährte ihm jedoch die Bitte, seine Mutter gleich danach wieder zusammenzusetzen und wiederzubeleben. In der Eile vertauschte er aber die Köpfe und setze Renuka versehentlich den Kopf der Pariafrau auf, während diese nun den Kopf der Renuka, einer Brahmanenfrau, aufgesetzt bekam. Fortan wurde sie als Göttin Mariyamman verehrt, während Renuka zu Yelamma wurde.[3]

Bekannt ist sie auch als Durgamma, der Tochter eines Brahmanen. Sie wird vor der Ehe von ihrem Mann verführt. Eines Tages äußerte er den Wunsch die Zunge einer Kuh zu verzehren. Durgamma erkannte, dass ihr Mann ein Unberührbarer in Verkleidung eines Brahmanen war, nahm sie sich vor Wut das Leben. Sie verwandelte sich nach ihrem Tod in eine Göttin um sich an ihm zu rächen. Sie nahm eine Sichel, um dem Betrüger den Kopf abzuschlagen (nach anderen Versionen des Mythos verbrannte sie ihn zu Asche) und ihn so ebenfalls zu demütigen und zu erniedrigen. Dadurch wurde sie zur Schutzgöttin der betrogenen Frauen.[3]

Einer anderen Mythologie zufolge ist sie die Schwester des Vishnu und als Mahamaya bekannt.[3]

Ritual und Verehrung[Bearbeiten]

In Ritualen muss Mariyamman besänftigt werden. Zu ihrem Kult gehört ein Ritual des Feuerlaufs, bei dem Männer über glühende Kohlen rennen und sich schließlich vor dem Bild der Göttin zu Boden werfen. Der Göttin werden in manchen Regionen auch blutige, männliche Tieropfer (Schweine, Hühner, Ziegen), Balis genannt, dargebracht, die vor ihrem Schrein geköpft werden. Früher sollen ihr auch Menschenopfer dargebracht, speziell in der Region um Karnataka, worden sein. Die beliebteste Opfergabe ist jedoch das Pongal, eine Mischung aus Reis und grünen Bohnen, die meistens im Tempelkomplex oder Schrein gekocht werden, in Terracottatöpfen mit Feuerholz. Eine Feier ihr zu Ehren ist das Blumenfest in Pudukkottai. Einige rasieren sich dabei die Haare ab, während andere ekstatische Tänze, begleitet von Trommelschlägen aufführen oder sich auf dem Boden rollen. Männer und Frauen tragen leuchtend gelbe Saris und laufen in den heißen Sommermonaten auch meilenweit mit Wassertöpfen, gefüllt mit Kurkuma und Neem-Blättern oder brennenden Töpfen auf ihren Schultern, während Angehörige Gaben auf Bambusstangen legen. Es werden auch verschiedene Gelübde (vratas) abgelegt, wobei man von Gläubigen mit Wasser überschüttet wird. Einige wichtige Rolle spielen auch die sogenannten Matangis, Frauen aus den unteren Kasten (Madiga genannt), von denen man glaubt, dass sie in einer Art Trancezustand und von der Göttin besessen sind. Diese sind unverheiratet und haben ihr Amt ein Leben lang inne. Die Matangi verkörpert die Göttin und tanzt in dieser Zeit wie wild umher, trinkt Rauschmittel und stößt ihr Hinterteil auf die herumstehenden Leute. Vorbeigehende im oder vor dem Tempel, besonders Mitglieder der höheren Kasten, suchen den Kontakt zu ihr und werden von ihnen mit großer Freude bespuckt und beschimpft und so mit Glück gesegnet. Was sonst undenkbar wäre und als schlimmste Verunreinigung gelten würde, ist hier ausdrücklich gewünscht, Gläubige suchen die Nähe der Matangi. Während dieses Festes sind die üblichen Schranken der verschiedenen Kasten und alle sozialen Normen kurzfristig aufgehoben und konterkariert. Der Sinn des Festes ist es die Wurzeln des Dorfes und der unteren Kasten zu bestätigen. Bei ihren jährlichen Hochzeitsfeierlichkeiten in Kannapuram wird Mariyamman, während einer Nacht zumindest teilweise kurzzeitig als Witwe verstanden. Sie wird meist in der Form eines Steines in der Erde, der ihr Gesicht und ihren Kopf darstellen soll, verehrt, während das ganze Dorf ihren Körper bildet. Dorfbewohner leben ihrem Verständnis nach also auf oder in dem Körper der Göttin. Eines ihrer größten Feste findet in Samayapuram statt. Dort werden rituelle Selbstgeißelungen mit heiligen Waffen durch Zunge und Wangen vorgenommen, um die Göttin zu beschwichtigen. Ein Wagen mit dem Bildnis der Göttin wird dabei von den Gläubigen mit Seilen an ihren Wangen befestigt, durch das Dorf und um den Tempel der Göttin gezogen. Bei einigen Festen zu Ehren der Mariyamman finden auch Prozessionen mit Lichtlampen statt. In der Nacht tragen Gläubige Öllampen in einer Prozession.[4]

Tempel[Bearbeiten]

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Egnor, Margaret (1984) The changed mother or what the smallpox goddess did when there was no more smallpox. Contributions to Asian Studies, Retrieved from ATLA Religion Database.
  • Younger, Paul (1980) A temple festival of Mariyamman. The Journal of the American Academy of Religion. Oxford: Oxford University Press
  • Voorthuizen, Anne van (2001) Mariyamman’s sakti: the miraculous power of a smallpox goddess. Boston: Brill
  • Henry Whitehead, The Village Gods of South India, London 1921, online auf archive.org

Weblinks[Bearbeiten]

  • Phil Hine: Mariyamman. (Englischer Blog) In: enfolding.org, [ohne Ortsangabe] [ohne Jahr].
    Info: Kurzer Eintrag. Einleitung: „Mariyamman – the disease mother – is a »fever goddess« of southern India. She is said to cause, prevent or alleviate (depending on her moods) fevers or diseases (particularly of the eyes)...“
  • Privendren Reddy: The story behind Marieamman. (Englisch) In: indianspice.co.za, Indian Lifestyle by Naufal Khan, Südafrika [ohne Jahr].
    Info: Marieamman als Regengöttin (Mari = Regen), mit einem langen, übersetzten Gebet an sie.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b c d Gerhard J. Bellinger: Knaurs Lexikon der Mythologie. München 1999, ISBN 3-8289-4154-0, S. 314 ff., Kapitel: Māri, Māriyammā(n).
  2. a b c d e f g Henry Whitehead: The Village Gods of South India. Oxford University Press, London u. a. 1921, S. 29–33 (englisch; Fundstellen von „Mariamma“ im Buch online lesen auf archive.org).
  3. a b c d e Voorthuizen, Anne van (2001) Mariyamman’s sakti: the miraculous power of a smallpox goddess. Boston: Brill
  4. Younger, Paul (1980) “A temple festival of Mariyamman.” The Journal of the American Academy of Religion. Oxford: Oxford University Press