Marktsackpfeife

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche
Marktsackpfeife, Grundton A

Der inoffizielle umgangssprachliche Begriff Marktsackpfeife bezeichnet eine sehr laut klingende, mundgeblasene Sackpfeife mit einer konisch gebohrten Spielpfeife und ein bis drei Bordunen. Diese Bezeichnung wird allgemein auf die Tatsache zurückgeführt dass jene Sackpfeife für den Gebrauch auf den Mittelaltermärkten entwickelt wurde und dort erstmals in Erscheinung trat. Die Bauform mit zwei Bordunen ist am weitesten verbreitet. Die konisch gebohrte Spielpfeife hat üblicherweise sieben vorderständige Grifflöcher und ein rückständiges Loch für den linken Daumen, die Griffweise der Spielpfeife ist normalerweise offen wobei die offenen Griffe den Tonvorrat einer dorischen Tonleiter auf dem Grundton A ergeben. Es besteht bei vielen Marktsackpfeifen zusätzlich die Option den Bordun einen Ton tiefer zu stimmen um somit in G spielen zu können. Die Gabelgriffe zur Erzeugung leiterfremder Töne funktionieren je nach Instrument gut bis fast gar nicht, jedoch wird der Gabelgriff zur Erzeugung der kleinen Moll-Sexte (f‘‘ auf dem Grundton A) bei nahezu allen Herstellern als Standard angesehen. Die Spielpfeife ist mit einem Doppelrohrblatt, die Bordune sind mit Einfachrohrblättern ausgestattet. Sowohl die Spielpfeife als auch die Bordune sind üblicherweise mit großen Schallbechern versehen, die meist einem Exponentialtrichter angenähert sind.

Entstehungsgeschichte[Bearbeiten]

Große Dudelsäcke des 15. Jahrhunderts

Optische Vorbilder für die Marktsackpfeife finden sich in Bilddarstellungen des Mittelalters und der Renaissance (z. B. Dürer). Konstruktiv ist das Instrument jedoch eine Neuentwicklung u. a. von Klaus Stecker und Roman Streisand in den frühen 1980er Jahren.[1] Die ersten Rekonstruktionen mittelalterlicher deutscher Sackpfeifen entstanden schon in den 1970er Jahren in Westdeutschland, man orientierte sich dabei an mittelalterlichen Abbildungen [2] und an den Blockflötenstimmungen F und C. Die offene Blockflötengriffweise hat sich erhalten, nur die Stimmung erhöhte sich um einen Ganzton. Roman Streisand wollte für die Freiluftauftritte seiner Gruppe Instrumente zur Verfügung haben, die mindestens die Lautstärke der Great Highland Bagpipe aufweisen. Daher wurde die Spielpfeife mit einem steilen Konus und Schalltrichter wie bei der bretonischen Bombarde gebaut. Ursprünglich war man bezüglich der Optik um ikonografische Originaltreue bemüht, so dass bis heute einige Marktsackpfeifen ein optisch relativ authentisches Design mit Oktav- und Quintbordun im gegabelten Doppelholzstock besitzen. Die bis zu zwei Zusatzbordune (also gesamt vier) „Brummer“ wurden bewusst klein gehalten, um nicht aufzufallen, da es im Mittelalter nur ein bis zwei Bordune gab. Die physikalische Verwandtschaft zur Great Highland Bagpipe zeigt sich darin, dass eine GHB mit einigen reversibel ausführbaren Modifikationen in ein klanglich der Marktsackpfeife sehr ähnliches Instrument transformiert werden kann. Durch Höhersetzen des Spielpfeifenrohrblatts und teilweises Abkleben einiger Grifflöcher ergibt sich die Skala der Spielpfeife einer Marktsackpfeife, durch Querschnittreduktion einer „tenor drone“ klingt diese nicht mehr auf der Oktave, sondern auf der Quinte zum Grundton.

Vergleich zu historischen Sackpfeifen[Bearbeiten]

Ausschnitt aus La Nativité von Robert Campin, ca. 1420-25

Es existieren mehrere Original-Spielpfeifen aus dem Spätmittelalter welche derzeitig den Archäologen und Musikwissenschaftlern bekannt sind, die wichtigste davon ist die sogenannte Rostocker Spielpfeife [3][4], welche auf das frühe 15 Jahrhundert datiert wird.[5] Der Design der Pfeife lässt mit hoher Wahrscheinlichkeit den Schluss zu dass diese einmal tatsächlich in einer Sackpfeife Verwendung fand, was auch durch ikonografische Quellen belegt werden konnte (siehe Bild rechts). Rekonstruktionsversuche durch Alexander Remdes und Horst Grimm (siehe Gehler 2004) haben gezeigt dass diese leicht konisch gebohrte Spielpfeife eine chromatische Tonskala zwischen Grundton as‘ und f‘‘ besitzt und eine kleine Untersekunde als Leitton aufweist. Das a' der Spielpfeife liegt auf 466 Hz wordurch aus der Sicht des ursprünglichen Herstellers das as' ein g' ist.

Der Rekonstruktionsversuch vom Sackpfeifenbauer Thomas Rezanka zeigt außerdem dass die Rostocker Spielpfeife konstruktionsbedingt zu den Tonarten Moll und Dorisch neigt.[6] Hiermit kann gesagt werden dass die Orientierung der Marktsackpfeife an der dorischen Tonleiter durchaus ihre historische Berechtigung hat. Auch lässt sich die Marktsackpfeife, rein theoretisch, in ein der Rostocker Spielpfeife ähnlich gestimmtes Instrument umwandeln, indem man das Instrument auf G umstimmt und die gesamte Tonreihe um einen halben Ton höher setzt. Diese Umstände machen deutlich dass es sich bei der Marktsackpfeife um eine Art neohistoristisches Instrument handelt, welches darauf ausgelegt ist historische Musik wiederzugeben, unter Berücksichtigung des Musikgeschmacks der modernen Allgemeinheit.

Stimmung und Tonvorrat[Bearbeiten]

Der Tonumfang der Spielpfeife beträgt eine große None beginnend mit dem Ton g1, wobei, bedingt durch die Mensur und die verwendeten Rohrblätter, nur wenige Instrumente musikalisch brauchbar überblasen werden können. Bei einbordunigen Instrumenten ist der Bordun auf den Ton A gestimmt. Bei zweibordunigen Instrumenten ist die häufigste Stimmung A+e0. Die Stimmung A+a0 ist selten. Bei dreibordunigen Instrumenten ist die Stimmung A+e0+a0, seltener A+a0+a1. Der Tonvorrat einer offen gegriffenen rein gestimmten Marktsackpfeife unter Anwendung der deutschen Blockflötengriffweise (die Abweichung von der gleichstufigen Stimmung wird in der rechten Spalte dargestellt):

Ton Cent
g' -4
a 0
h' +4
c" +16
d" -2
e" +2
fis -16
g" -4
a" 0

Je nach Hersteller und Rohrblatt können verschiedene Halbtöne erzeugt werden, wobei die meisten Hersteller eine befriedigende Lösung für cis" entwickelt haben in Form von Gabelgriffen oder eines zweiten Daumenlochs[7][8][9]:

Ton Cent
cis" -14
dis" -10
f" +14
gis" -12

Die Spielpfeife wird meist quintenrein oder gleichstufig temperiert gestimmt um das Zusammenspiel mit anderen Instrumenten reibungsfrei zu gestalten, was bei der auch oft verwendeten reinen Stimmung nicht immer der Fall ist. In der Praxis werden Stimmwachs und Klebe- bzw. Isolierband verwendet um den Durchmesser der Tonlöcher reversibel zu verändern um somit Töne tiefer zu setzen. Damit kann erreicht werden dass sowohl, gleichstufige, pythagoreische als auch die reine Stimmung zur Verfügung stehen. Bei einer rein gestimmten Spielpfeife müssen z.B. die h' c" und e" gesenkt werden um dem G-Bordun gerecht zu werden, eine solche Prozedur entfällt wenn die Spielpfeife gleichstufig gestimmt ist.

Verfügbare Tonarten[Bearbeiten]

Wie bei allen Sackpfeifen wird die Tonart durch den Bordun festgelegt. Der grundlegende Tonvorrat der Marktsackpfeife ergibt eine a-dorische Tonleiter, bei funktionierendem f" Gabelgriff steht zusätzlich a-Moll zur Verfügung. Wenn eine cis"-Lösung vorhanden ist kommt a-mixolydisch dazu und ein gis" bringt zusammen mit cis" die Möglichkeit Stücke in a-Dur zu spielen, was das spielbare Repertoire erheblich erweitert. Insgesamt, wenn alle im vorigen Abschnitt erwähnten Halbtöne zur Verfügung stehen, ergeben sich folgende Tonarten, welche auf der Marktsackpfeife zum A-Bordun gespielt werden können und in der westlichen historischen und modernen Musik Verwendung finden:

  • ACDEG (pentatonisch)
  • a-Dur
  • a-Moll
  • a-Dorisch
  • a-Mixolydisch
  • a-Lydisch

Daneben sind Teile von D-Dur, d-Moll und e-Moll vorhanden welche mit dem A-Bordun kompatibel sind. Für den G-Bordun stehen zur Verfügung:

  • GAHDE (pentatonisch)
  • CDEGA (pentatonisch)
  • g-Dur
  • g-Mixolydisch
  • g-Lydisch

Daneben sind Teile von C-Dur, c-Dorisch, C-Moll und c-Mixolydisch vorhanden. Das bedeutet, es sind zumidest theoretisch 11 vollständige Tonarten vorhanden, einschließlich Pentatonik, welche auf der Marktsackpfeife gespielt werden können, den Halbtonvorrat und Umstimmbarkeit vorausgesetzt. In der Praxis stehen heute cis", f" und gis" bei den meisten Herstellern zur Verfügung, so dass die Marktsackpfeife mit dem standardmäßigen A-Bordun in der Regel vier Tonarten spielen kann: a-Dorisch, a-Moll, a-Dur und a-Mixolydisch.

Varianten[Bearbeiten]

Neben der oben erwähnten Stimmung (in der Tabelle kursiv gesetzt) gibt es Marktsackpfeifen auch in anderen Stimmungen.

Stimmung Spielpfeife, tiefster Ton − Grundton Bordun(e), häufigste Variante
hoch-A g2 − a2 a0
hoch-G f2 − g2 g0
hoch-E d2 − e2 e0
hoch-D c2 − d2 d0
A / Standard g1 − a1 A+e0
G f1 − g1 G+d0
tief-E d1 − e1 E
tief-D c1 − d1 D+A
tief-A g0 − a0 A1+A

Die Instrumente mit Spielpfeifen auf den Grundtönen A und E werden meist zusammen mit Marktsackpfeifen in Standardstimmung gespielt. Die Instrumente mit Spielpfeifen auf den Grundtönen G und D werden allein oder auch zusammen mit Holzblasinstrumenten in c/f-Stimmung gespielt. Instrumente mit einer Spielfpfeife auf dem Grundton D können auch mit Instrumenten mit einer Spielpfeife auf den Grundtönen G oder A zusammen gespielt werden.

Populäre Rezeption[Bearbeiten]

Für die Marktsackpfeife haben sich in ihrer kurzen Geschichte einige je nach Gebrauch liebevoll bis abwertende Bezeichnungen eingebürgert.

Deutsche Sackpfeife: Das Design der ersten Hersteller ist sehr an zeitgenössischen Abb. orientiert. Dieser Name wird vor allem im Ausland allerdings auch für die Schäferpfeife und das Hümmelchen verwendet.

A-Schwein: Dieser Name bezieht sich auf die Grundtonart A der Standardstimmung, die im Zusammenspiel mit anderen Holzblasinstrumenten, die meist in c/f-Stimmung stehen, zu Problemen führen kann. Aus diesem Grund bieten vor allem Sackpfeifenbauer, die auch Marktsackpfeifen bauen, mittlerweile Schalmeien und Rauschpfeifen an, die ebenfalls auf dem tiefsten Ton g beginnen und offen gegriffen den Tonvorrat einer dorischen Tonleiter auf dem Grundton A hervorbringen. Alternative Erklärung: Im Mittelaltermarktjargon eine Anspielung auf das A-Wort (authentisch, Authentizität), was auf diese Sackpfeifen oft nicht zutrifft.

Osthupe – nimmt Bezug darauf, dass das Instrument erstmals auf dem Gebiet der ehemaligen DDR vermehrt in Erscheinung trat.

Mittelalterhupe – hat sich parallel zur Osthupe unter Spielern anderer Sackpfeifentypen eingebürgert.

Machosack – nimmt Bezug auf einige rein männlich besetzte Musikgruppen, die die Marktsackpfeife spielen und sich bei ihren Auftritten bewusst derbe bis brachial präsentieren.

Krachtüte – bezieht sich darauf, dass Marktsäcke meistens sehr laut sind.

Mittlerweile ist das Instrument im 21. Jahrhundert angekommen und wird von vielen Fantasy- und Mittelalterbands ganz selbstverständlich eingesetzt. Es hat nach wie vor einen starken Symbolwert: männlich, urwüchsig, barbarisch, kraftvoll usw. Vor allem Sackpfeifenbauer in der DDR haben zunächst die Entwicklung vorangetrieben, mittlerweile werden Marktsackpfeifen in ganz Mitteleuropa gefertigt.

Übungsinstrumente[Bearbeiten]

Der schottische Practice Chanter als Vorbild für entsprechende Übungsinstrumente

Wegen ihrer enormen Lautstärke eignet sich die Marktsackpfeife nicht zum Musizieren in kleineren Räumen. Zum Erlernen der Griffweise und später auch zum Einüben neuer Stücke wird als Übungsinstrument häufig eine Blockflöte mit offener Griffweise („deutsche Griffweise“) verwendet. Von den Grifflochabständen her kommt eine Altblockflöte in F der Spielpfeife einer Marktsackpfeife in Standardstimmung am nächsten, dennoch wird häufiger auf einer Sopranblockflöte in C geübt, da diese kostengünstiger oder in vielen Haushalten ohnehin vorhanden ist. Als Übungsinstrumente oder auch als Ersatz bei Aufführungen in kleineren Räumen sind mittlerweile auch Hümmelchen erhältlich, deren Spielpfeifen mit offener Griffweise gespielt werden. Diese Hümmelchen sind je nach Hersteller optisch ähnlich wie Marktsackpfeifen gestaltet. Seit kurzem gibt es ebenfalls Übungspfeifen nach dem Vorbild des schottischen Practice Chanter.

Siehe auch[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  • Merit Zloch: Reste vergangener Klangwelten – Archäologische Funde von Musikinstrumenten. In: Archäologie unter dem Straßenpflaster. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mecklenburg-Vorpommerns. Nr. 39, Schwerin 2005
  • Ralf Gehler: Zwei Sackpfeifenfragmente als archäologische Zeugen norddeutscher Musikkultur. In: Studien zur Musikarchäologie V. Musikarchäologie im Kontext. Archäologische Befunde, historische Zusammenhänge, soziokulturelle Beziehungen. Vorträge des 4. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 19.–26. September 2004

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Interview mit Roman Streisand abgerufen am 8. Februar 2015
  2. Bagpipes in Medieval Manuscripts - eine Sammlung mittelalterlicher Abbildungen von Sackpfeifen
  3. Zeichnung der Rostocker Spielpfeife von Merit Zloch
  4. Datenblatt der Rostocker Spielpfeife von Merit Zloch
  5. Ralf Gehler: Zwei Sackpfeifenfragmente als archäologische Zeugen norddeutscher Musikkultur. In: Studien zur Musikarchäologie V. Musikarchäologie im Kontext. Archäologische Befunde, historische Zusammenhänge, soziokulturelle Beziehungen. Vorträge des 4. Symposiums der Internationalen Studiengruppe Musikarchäologie im Kloster Michaelstein, 19.–26. September 2004, S. 41–48
  6. Medieval Bagpipes - The Rostock Bagpipe abgerufen am 8. Februar 2015
  7. Klaus Stecker, Mittelalterdudelsack G/a
  8. Arno Eckhardt, Marktsackpfeife in A
  9. Jens Güntzel, Große Mittelalterliche Sackpfeife (GMS)