Markus Wolf

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Markus Wolf (1989)

Markus Johannes („Mischa“) Wolf (* 19. Januar 1923 in Hechingen, Hohenzollernsche Lande; † 9. November 2006 in Berlin) leitete 34 Jahre, von 1952 bis 1986, die Hauptverwaltung Aufklärung (HVA), den Auslandsnachrichtendienst im Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR.

Leben[Bearbeiten]

1923 bis 1951[Bearbeiten]

Wolfs Vater war der Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf (1888–1953), sein Bruder der Filmregisseur Konrad Wolf (1925–1982). Friedrich Wolf, jüdischer Herkunft und aktiver Kommunist, emigrierte mit der Familie 1933 zunächst in die Schweiz, danach nach Frankreich und 1934 in die Sowjetunion. Er überlebte dort (anders als viele andere Kommunisten, die ebenfalls in die SU geflohen waren) die Zeit des Großen Terrors (Herbst 1936 bis Ende 1938); ebenso sein Vater. Beide waren im Hotel Lux untergebracht. [1]

Von 1940 bis 1942 besuchte Wolf die Hochschule für Flugzeugbau in Moskau, anschließend die aus Moskau nach Kuschnarenkowo im Ural-Vorland evakuierte Parteischule des Exekutivkomitees der Komintern, wo er sich in die Tochter Emmi des früheren KPD-Reichstagsabgeordneten Franz Stenzer (1900–1933) verliebte[2]. Ab 1943 war er Redakteur und Sprecher beim Moskauer Deutschen Volkssender. 1944 heiratete er in Moskau Emmi Stenzer.[2]

1951 bis 1990[Bearbeiten]

Markus Wolf (Mitte, mit Sonnenbrille) bei der Beisetzung seines Bruders Konrad in Berlin 1982. Unter den Gästen rechts Erich Honecker.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kehrte Wolf nach Deutschland zurück. Zunächst war er unter dem Decknamen „Michael Storm“ beim neu aufgebauten Berliner Rundfunk tätig, wo er bis 1949 blieb. Wolf war 1945/1946 als Berichterstatter bei den Nürnberger Prozessen akkreditiert.

Nach der Gründung der DDR wurde Wolf 1949 als Erster Rat an die DDR-Botschaft in Moskau berufen. Diese Tätigkeit übte er bis 1951 aus.

Wolf spricht bei der Berliner Großdemonstration am 4. November 1989

Ab September 1951 beteiligte sich Wolf am Aufbau des als Institut für wirtschaftswissenschaftliche Forschung getarnten Außenpolitischen Nachrichtendienstes der DDR (APN) in Berlin. Er wurde stellvertretender Leiter der Hauptabteilung III (Abwehr) des Nachrichtendienstes. 1952 wurde er als Nachfolger von Anton Ackermann zum Leiter des APN berufen. Wolf wurde damit der Leiter eines weltweiten Agentennetzes mit 4600 hauptamtlichen Mitarbeitern, über 10.000 inoffiziellen Mitarbeitern, 1500 Spionen in der Bundesrepublik Deutschland, darunter rund 50 Spitzenquellen. Seine Mitarbeiter in der HvA wurden speziell ausgewählt, waren vielfach besser ausgebildet als normale Stasi-Spitzel und verstanden sich als Elite im Ministerium für Staatssicherheit. 1953 wurde der APN in das Ministerium eingegliedert. Wolf wurde zum Leiter der Hauptabteilung XV (Auslandsaufklärung), deren Bezeichnung ab 1956 noch einmal in Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) umgewandelt wurde. Wolf wurde Generalmajor und war als Spionagechef auch 1. Stellvertreter des Ministers für Staatssicherheit, zunächst unter Ernst Wollweber, dann unter Erich Mielke. Wolfs wichtigster Fokus war die Wirtschaftsspionage in der Bundesrepublik Deutschland und Einflussnahme auf die westdeutsche Politik durch gezielte Falschinformationen mit dem Ziel der Destabilisierung.

Im März 1976 und nach der Scheidung von seiner ersten Frau Emmi lernte er in Karl-Marx-Stadt Christa Heinrich, eine gelernte Schneiderin, kennen. Er heiratete sie 1976 und weihte sie in seine Geheimdienst-Tätigkeit ein. Für sie war dies kein Problem, denn sie war selbst schon seit Jahren für die Stasi tätig.

Wolf wurde 1979 durch Werner Stiller beim Bundesnachrichtendienst auf einem Foto des schwedischen Nachrichtendienstes identifiziert. Es zeigte ihn bei einem Einkauf in Stockholm. Nachdem es seit den 1950er Jahren kein aktuelles Foto von ihm im Westen gegeben hatte und er den Beinamen „Mann ohne Gesicht“ bekommen hatte, war dies sensationell. Seitdem waren seine Reisemöglichkeiten ins westliche Ausland stark eingeschränkt. Dieses Bild wurde dem Nachrichtenmagazin Der Spiegel von Seiten des BND lanciert und machte Markus Wolf auch der westdeutschen Öffentlichkeit bekannt.[3]

Ein seltenes Foto zeigte Wolf am 12. März 1982 bei der Beerdigung seines Bruders auf dem Friedhof Berlin-Friedrichsfelde. Das Foto schoss der Stern-Fotograf Harald Schmitt, der in seinem Bildband "Sekunden, die Geschichte wurden" berichtete, dass die Negative zu den Fotos aus dem Stern-Archiv "auf mysteriöse Weise" verschwunden seien.

Im Mai 1986 wurde Wolf, der den Dienstgrad Generaloberst erreicht hatte, auf eigenen Wunsch beurlaubt. Er ließ sich im August von seiner Frau Christa scheiden. Er begann sein erstes Buch, „Die Troika“, und im Oktober 1986 heiratete er Andrea Stingl, mit der er bis zu seinem Tod zusammen blieb. Stingl hatte vier Monate wegen versuchter Republikflucht in Stasi-Haft gesessen. Dies und Wolfs Frauenverhältnisse im Allgemeinen waren seinem Vorgesetzten Erich Mielke ein Dorn im Auge. Mielke deutete in späteren Zeitungsinterviews an, dass Wolfs Lebenswandel auch zu seinem Ausscheiden im Jahr 1986 führte. [4] Noch im November 1986 wurde Wolf aus dem MfS entlassen.

1989 veröffentlichte er sein Buch "Die Troika", das durch selbstkritische Offenheit überraschte. Im September 1989 sprach er in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" von seiner Mitverantwortung an den Mängeln der DDR. Später nahm er sogar an Veranstaltungen oppositioneller Gruppen teil und bezeichnete sich selbst als 'Berater' der neuen SED-Politiker, übernahm aber selbst keine Ämter. Am 4. November 1989 trat Wolf auf der Großdemonstration auf dem Berliner Alexanderplatz als Redner auf. Er bekannte sich zu den Reformen in der DDR, forderte aber auch Anerkennung für die Mitarbeiter des MfS, woraufhin er ausgepfiffen wurde.[5]

Wolf behauptete, er habe im Mai 1990 ein Angebot der CIA über eine siebenstellige Summe, eine neue Identität und ein Haus in Kalifornien erhalten.[6] Im Juni 1990 erließ die Bundesrepublik einen Haftbefehl gegen Markus Wolf. Er flüchtete am 27. September 1990, also kurz vor der Wiedervereinigung, mit seinem Sohn Franz aus erster Ehe, seiner Frau Andrea sowie seinem Schwiegervater mit echten Pässen über die DDR-Grenze in die Tschechoslowakei. Wolf hatte sein West-Auto kurz zuvor gegen einen alten Lada getauscht. Das erste Versteck war eine Ferienwohnung im österreichischen Kitzbühel, die ihm sein Freund Heinrich Graf von Einsiedel verschafft hatte. Danach halfen Wolf seine alte Kontakte zum sowjetischen Geheimdienst, und ein KGB-Kurier brachte ihn und seine Frau aus Österreich nach Ungarn und von dort per Flugzeug nach Moskau. Sie blieben ein Jahr im Exil, bis auch die Sowjetunion nach dem gescheiterten Putschversuch gegen Michail Gorbatschow, dem Augustputsch in Moskau, zusammenbrach.

1991 bis 2006[Bearbeiten]

Im September 1991 suchte Wolf Zuflucht in Bayerisch Gmain und beantragte in Österreich politisches Asyl, was abgelehnt wurde. Nach fast genau einem Jahr Exil kehrte er mit seiner Frau, auch auf Anraten ihrer Anwälte, nach Deutschland zurück, um sich den deutschen Bundesbehörden zu stellen.[7] Bundesanwalt Joachim Lampe nahm ihn schon an der Grenze in Gewahrsam. Johann Schwenn übernahm seine Verteidigung.

Grab von Konrad und Markus Wolf auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin

Fast zwei Jahre nach seiner Festnahme begann das Oberlandesgericht Düsseldorf im Mai 1993 den Prozess unter der Anklage auf Landesverrat und Bestechung, mit riesigem Medieninteresse. Das Gericht folgte der Anklage und verurteilte Wolf zu sechs Jahren Freiheitsstrafe. Der mittlerweile 70-Jährige musste nicht mehr in Haft. Zwei Jahre später traf das Bundesverfassungsgericht eine Grundsatzentscheidung: Mitarbeiter der HVA mit damaligem Lebensmittelpunkt in der DDR wurden nicht mehr strafrechtlich verfolgt, da die Spionage im Auftrag des souveränen Staates DDR und im Einklang mit ihren Gesetzen erfolgte.[8]. Das Urteil gegen Wolf wurde aufgehoben.

1996 beantragte Wolf ein Visum für die Vereinigten Staaten, um bei der Veröffentlichung seiner Memoiren im Verlag Random House dabei zu sein und um seinen Halbbruder zu besuchen, den er seit den 1930er-Jahren nicht mehr gesehen hatte. Das Visum wurde mit der Begründung verweigert, er habe eine terroristische Vergangenheit.[9]

1997 gab es eine weitere Verurteilung zu zwei Jahren Freiheitsstrafe auf Bewährung wegen Freiheitsberaubung, Nötigung und Körperverletzung in vier Fällen. Im gleichen Jahr wurde gegen Wolf wegen Aussageverweigerung im Spionageprozess gegen den SPD-Politiker Paul Gerhard Flämig drei Tage Beugehaft verhängt.

Gegen Ende seines Lebens lebte Wolf in Berlin, wo er im Alter von 83 Jahren in der Nacht zum 9. November 2006 starb. Am 25. November wurde seine Urne im Grab seines Bruders Konrad in der Grabanlage Pergolenweg der Gedenkstätte der Sozialisten auf dem Zentralfriedhof Friedrichsfelde in Berlin beigesetzt.

Seine Tochter Claudia Wolf ist seit 1993 Assistentin und zweite Ehefrau des schwäbischen Unternehmers Hans Wall.[10] Sein Sohn Franz Wolf wurde im Zusammenhang mit den Offshore-Leaks als Finanztreuhänder bekannt.

Werke[Bearbeiten]

  • Die Troika: Geschichte eines nichtgedrehten Films. Aufbau, Berlin/Weimar 1989, ISBN 3-351-01450-3.
  • In eigenem Auftrag: Bekenntnisse und Einsichten. Schneekluth, München 1991, ISBN 3-7951-1216-8.
  • Geheimnisse der russischen Küche. Rotbuch, Hamburg 1995, ISBN 3-88022-459-5.
  • Spionagechef im geheimen Krieg: Erinnerungen. Econ & List, München 1998, ISBN 3-612-26482-6.
  • Die Kunst der Verstellung: Dokumente, Gespräche, Interviews. Schwarzkopf und Schwarzkopf, Berlin 1998, ISBN 3-89602-169-9.
  • Freunde sterben nicht. Das Neue Berlin, Berlin 2002, ISBN 3-360-00983-5.

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Nachrufe

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Karin Hartewig (2000): Zurückgekehrt.: Die Geschichte der jüdischen Kommunisten in der DDR. Böhlau Verlag. Blick ins Buch
  2. a b  Markus Wolf: "Spionagechef im geheimen Krieg". List Verlag, München 1997, ISBN 3-471-79158-2.
  3.  DDR-Spionage: Das läßt die mächtig wackeln. In: Der Spiegel. Nr. 10, 1979, S. 70 (5. März 1979, online).
  4. [1]
  5. http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-49533708.html
  6. http://www.msnbc.msn.com/id/15634347/
  7. http://www.mdr.de/geschichte-mitteldeutschlands/filme/wolf/markus-wolf-karte100.html#anchor15
  8. Markus Wolf: Schlusswort als Angeklagter im Prozess 1993
  9. Presse-Erklärung des US-Außenministeriums. Auf: secretary.state.gov, 9. Juni 1997. Unter anderem zur Ablehnung eines USA-Visums für Markus Wolf (englisch).
  10. Anna Kemper und Esther Kogelboom: Sonntagsinterview. „Wir sind im Herzen alle Kommunisten, oder?“. In: Der Tagesspiegel, 4. Oktober 2009.