Martin Woesler

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Martin Woesler (* 29. September 1969 in Münster) ist ein deutscher Sinologe, Kulturwissenschaftler und Übersetzer aus dem Chinesischen sowie Professor für Interkulturelle Kommunikation an der Hochschule für Angewandte Sprachen München. Er ist Mit-Übersetzer des chinesischen Romans Traum der Roten Kammer und gibt mit Zhang Renli ein bidirektionales Chinesisch-Wörterbuch heraus.

Martin Woesler (2004)

Sinologe, Übersetzer aus dem Chinesischen[Bearbeiten]

Woesler übersetzte unter anderem Werke von Cáo Xuěqín 曹雪芹, Lǔ Xùn 鲁迅, Zhōu Zuòrén 周作人, Xǔ Dìshān 许地山, Yù Dáfū 郁达夫, Zhū Zìqīng 朱自清, Bīng Xīn 冰心, Bā Jīn 巴金, Qián Zhōngshū 钱锺书, Wáng Měng 王蒙, Zhāng Jié 张洁, Liú Zàifù 刘再复, Jiǎ Píngwā 贾平凹 und Hán Hán 韩寒. Woesler übersetzte mit Rainer Schwarz den chinesischen Roman Der Traum der Roten Kammer oder Die Geschichte vom Stein erstmals vollständig ins Deutsche. Viele von ihm übersetzte Texte wurden zum ersten Mal in einer westlichen Sprache zugänglich gemacht.

Woesler dokumentierte eine Kritikkampagne gegen den liberalen chinesischen Kulturminister Wáng Měng und wies nach, dass diese nur vorgeblich literarisch, tatsächlich aber politisch motiviert war (Politische Literatur in China 1991-1992, 1994). Er rückte die bis dahin vernachlässigte Gattung des chinesischen Essays als modernes Ausdrucksmittel für den aufkommenden Individualismus in China in das Blickfeld der europäischen und amerikanischen Sinologie (Geschichte des chinesischen Essays in Moderne und Gegenwart, 3 Bände, 1998). Diese vor allem über Zeitungen verbreitete literarische Kurzform war zwischen der 4.-Mai-Bewegung und Beginn der 1930er Jahre Ausdrucksform einer erwachenden kritischen Öffentlichkeit. Zwischen den 1930er Jahren bis etwa 1979 wurde der Essay auf Kosten literarischer Qualität politisch instrumentalisiert. Woesler machte auf das essayistische Werk des in China aufgrund seiner Unabhängigkeit und Japan-Freundlichkeit verfemten Zhōu Zuòrén aufmerksam. Dies führte in der amerikanischen Sinologie zu einer Neubewertung Zhous.

Auch seit den 1980er-Jahren entsteht in China wieder eine kritische Öffentlichkeit. Woesler sieht hier seit den 1990er-Jahren das Internet in der Rolle der Zeitungen der 1910er bis 1930er Jahre. Zusammen mit chinesischen Wissenschaftlern dokumentierte er in seinen Büchern (China's digital dream, 2002 u. a.), dass das Internet in China eine größere liberalisierende Wirkung hat als in liberaleren Ländern.

Übersetzungen aus dem Chinesischen[Bearbeiten]

Arbeiten zur chinesischen Literatur[Bearbeiten]

  • Geschichte des chinesischen Essays in Moderne und Gegenwart [3 Bände, 900 S.], Bochum, MultiLingua, 2. Auflage 2003, ISBN 978-3-932329-04-3
  • "Der Essay ist die Sehnsucht nach Freiheit" - Wang Meng, ehemaliger Kulturminister Chinas, als Essayist im Zeitraum von 1948 - 1992, Frankfurt u. a.: Lang 1998, ix, 394 S., ISBN 978-3-631-32898-9
  • Politische Literatur in China 1991-92, Bochum: Brockmeyer 1994.3, 267 S., 2. Aufl. 2003, ISBN 978-3-89966-004-3
  • Chinesische Literatur in deutscher Übersetzung - Veröffentlichung zum Symposium an der Hochschule für Angewandte Sprachen SDI München am 27. Juni 2009, München 2009, 164 S., ISBN 978-3-89966-293-1
  • Chinesische Literatur der Gegenwart – Autoren, Werke, Trends - Eine Momentaufnahme 2007/2008, Bochum: Europäischer Universitätsverlag 2008, 267 S., ISBN 978-3-89966-289-4
  • Chinesische Kultliteratur 2008/2009 - Autoren, Werke, Trends, München 2009, ISBN 978-3-89966-292-4, 127 S.
  • "Online- und Blogliteratur in China - Bestseller und Trends der Gegenwartsliteratur", in: Dianmo - Zeitung Leipziger Sinologie-Studenten 4 (2011.7) 12:7-14, ISSN 2190-4014, PDF

Vergleichender Kulturwissenschaftler[Bearbeiten]

Im Bereich des Kulturvergleichs hat Woesler durch seine kontrastiven Beispiele aus distanten Kulturen, im Besonderen aus der deutschen und der chinesischen, einen Beitrag zur Weiterentwicklung bestehender Modelle geleistet. Dabei hat er die Theorie des Kulturschocks um die Bezeichnung Eigen-Kulturschock erweitert, der den Schockzustand bezeichnet, die der Kulturgänger nach der Rückkehr aus der Fremdkultur in die eigene Kultur erleiden kann.[1] Er hat verschiedene traditionelle Modelle in Bezug gesetzt und vor dem Hintergrund der Globalisierung, Reisefreiheit und dem Internet weiterentwickelt. Dabei hat er 2006 das Modell der Kulturlandkarten (culturemaps) entwickelt, bei dem alle kulturellen Phänomene wie in einem Koordinatensystem verortet und mit Phänomenen anderer Kulturen in Relation gesetzt werden können.[2] Mit diesem Modell können Mischkulturen besser als mit den meisten traditionellen Modellen beschrieben werden. Im Bereich der Wirtschaftswissenschaften hat Woesler anhand von Feldstudien unter anderen von Hong/Pöyhönen/Kyläheiku 1998–2000[3] untersucht, warum China seit den 1980er Jahren zur Fabrik der Welt wurde. Folgende Charakteristika der chinesischen Produktions- und Management-Kultur als Nachfolger der japanischen Produktionskultur[4] fand Woesler international kompatibel und mit Vorbildcharakter: informelle Netzwerke, ein breit abgestimmter Entscheidungsfindungsprozess, Experimentierfreude, Flexibilität, Adaptionsfähigkeit und ein extremer Wettbewerb.[5]

Arbeiten zur vergleichenden Kulturwissenschaft[Bearbeiten]

  • Martin Woesler: A new model of cross-cultural communication – critically reviewing, combining and further developing the basic models of Permutter, Yoshikawa, Hall, Hofstede, Thomas, Hallpike, and the social-constructivism, Berlin et al.: Europäischer Univ.verl., 2. Aufl. 2009 (1. Aufl. 2006), Reihe Comparative Cultural Science, vol. 1, ISBN 978-3-89966-341-9
  • Martin Woesler: Die chinesische Produktionskultur – Genuität, Änderungen und Kompatibilität zur modernen internationalen Produktionskultur, München 2010, ISBN 9783899663570, 150 S., Reihe Sinica 26
  • mit Matthias Kettner Hrsg. Reihe Comparative Cultural Science

Literatur[Bearbeiten]

Sinologie[Bearbeiten]

  • Wolf Baus, Nachrichten zur Literatur aus China, in: Hefte für Ostasiatische Literatur (1994.11, Heft 17), S. 109–114
  • Wolfgang Kubin, Einleitung: Die Prosa, der Essay, in: Geschichte der chinesischen Literatur, Band 4, Bonn 2.2004, S. 3
  • European Science & Scholarship Association: Jurybegründung zur Preisverleihung Desiderat 2007 an Martin Woesler
  • "Summary of the Visit of Professor Martin Woesler from the University of Applied Languages, Munich, Germany, at Southwest Communication University 德国慕尼黑应用语言大学吴漠汀教授西南交通大学访学综述 (PDF; 541 kB)", in: Acta Linguistica et Litteraturaria Sinica Occidentalia, Monograph for the Studies of Hongloumeng Translation & Communication (2010.11) 3:403-405
  • "《红楼梦》译名的百花齐放——浅析《红楼梦》书名的翻译以及一个新发现 The history of the translations of the novel title ‘Hongloumeng', a new finding of an early translation of novel excerpts under the title ‘Red Chamber Dreams', and an etymological discussion of terms used in the title translations", in: 华西语文学刊 Acta Linguistica et Litteraturaria Sinica Occidentalia, Monograph for the Studies of Hongloumeng Translation & Communication (2010.11) 3:66-88
  • 吴漠汀: “俊男美女的调笑 ” —— 西方早期《红楼梦》接受研究 "To Amuse the Beaux and Belles” The Early Western Reception of the Hongloumeng", in: 中西文化交流学报 Journal of Sino-Western Communications, ISSN Online 1946-6188, Print 2153-0114, 2 (2010.12) 2, 22 pages

Vergleichende Kulturwissenschaft[Bearbeiten]

  • Judith Antkowiak "Der Eigen-Kulturschock nach Martin Woesler", in: Unique 11 (2011) 55:8-9, Jena, ISSN 1612-2267, 1612-2267, pdf, Web-Fassung mit Kommentaren

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Woesler, Martin: A new model of cross-cultural communication, Berlin 2009, S. 31
  2. ebd.
  3. Jianzhong Hong, Aino Pöyhönen, Kalevi Kyläheiku: Cultural and Communicative Interaction and the Development of Dynamic Capacities. In: Proceedings of the 7th European Conference on Knowledge Management, Corvinus University of Budapest, 4-5 September 2006, ed. Péter Fehér, Academic Conferences Limited ISBN 978-1-905305-28-5, approx. 700 pp.
  4. Toyota Production System in der englischsprachigen Wikipedia
  5. Martin Woesler: Die chinesische Produktionskultur – Genuität, Änderungen und Kompatibilität zur modernen internationalen Produktionskultur, München 2010, ISBN 9783899663570, 150 S., Reihe Sinica 26; Martin Woesler: Network Management – Does China become Japan’s successor in modern management philosophy?, London et al. 2010, ISBN 9783865151209, 60 pp., Series European Journal of Sinology, Special Issues vol. 1