Abtei St. Martin

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Abtei und Kirche um 1750 (im Vordergrund die Martinsmühle)

Die Abtei St. Martin war eine wahrscheinlich im 6. Jahrhundert entstandene Klosteranlage in Trier. Sie soll aus einer von Martin von Tours im 4. Jahrhundert errichteten Kirche zurückgehen. Spätestens im 10. Jahrhundert wurde die Abtei mit Mönchen des Benediktinerordens besetzt, sie zählte einst zu den größten Abteien der Stadt und wurde 1802 unter der napoleonische Herrschaft aufgehoben. Die Abtei lag in unmittelbarer Nähe des Moselufers, im Nordwesten der Trierer Innenstadt.

Das erhaltene Westflügel des Abteigebäudes und ein moderner Neubau wird heute unter dem Namen „Martinskloster“ als eines der sechs Trierer Studentenwohnheime genutzt.

Geschichte[Bearbeiten]

Martinskirche[Bearbeiten]

Martin beim Kaiser

Der Überlieferung nach kam Bischof Martin von Tours (* 316/317; †  397 – jener „Sankt Martin“, der seinen Mantel mit einem Bettler teilte) mehrfach nach Trier, erstmals im Jahr 371 kurz nach seiner Bischofsweihe. Er soll hier den vom Teufel besessenen Knecht des Trierer Prokonsul Tetradius geheilt haben, woraufhin Tetradius zum christlichen Glauben übergetreten sei und im Jahr 385 sein Haus vor den Toren der Stadt zur Verfügung gestellt habe, „damit Martin dort eine Kirche zu Ehren des Heiligen Kreuzes gründen konnte“.[1][2] Auf dem Gelände an der Mosel, das noch für Jahrhunderte außerhalb der Stadtmauern liegen sollte, soll Martin selbst eine Kapelle gegründet haben, bei der auch christliche Bestattungen stattfanden.

Tatsächlich besuchte Martin im Zusammenhang mit der Auseinandersetzung über die Anklage und Hinrichtung des häretischen Bischofs Priscillian mehrfach den Römischen Kaiser Maximus in Trier, unter anderem im Jahr 386. Zudem fand man 1943 bei Notgrabungen für einen Luftschutzkeller auf dem Gelände des Martinsklosters Fußböden und Mauern eines großen römischen Wohngebäudes aus dem 4. Jahrhundert. Um 400 wurde eine Mauer errichtet, mit der ein Raum für religiöse Zwecke abgetrennt wurde. Darin fanden sich Gräber mit Grabbeigaben aus dem 4. bis 7. Jahrhundert. Die Überlieferung mit ihren legendenhaften Details kann dadurch zwar nicht bewiesen werden, die Funde sprechen aber immerhin mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit für die Gründung der ursprünglichen Kirche durch Martin selbst.[1]

Während der Völkerwanderungszeit im 5. Jahrhundert ist diese dem Heiligen Kreuz geweihte Kirche verwüstet worden. Um 587 wurde vom Trierer Bischof Magnerich (auch Magnericus, 573–596) die Martinskirche errichtet, aus der später Abtei entstand. Zuverlässige Angaben darüber, ob Magnerich bereits Benediktiner dorthin berief, sind nicht überliefert. Magnerich wurde in der Martinskirche beigesetzt.[2]

Die Abtei St. Martin auf einem Stich 1646; diese Ansicht ohne Renaissancebau geht wohl auf 1548 zurück[3]
Kopie der Kreuzigungsgruppe von 1498
Erhaltenes Abteigebäude, heute Studentenwohnheim
Martin-Relief am Klostergebäude

Abtei St. Martin[Bearbeiten]

Im April 882 wurde die Abtei bei den Normanneneinfällen auf Trier zumindest teilweise zerstört. 899 setzte Erzbischof Radbod von Trier (883–915) den aus der Abtei Prüm entlassenen Abt Regino (* um 840; †  915) als Abt von St. Martin ein und beauftragte ihn mit der Wiederrichtung des Klosterwesen. Nach Radbods Tod kam St. Martin und andere Klöster im Trierer Raum in den Besitz des Herzogs Giselbert von Lothringen (928–939). Erzbischof Theoderich I. (965–977) gelang die Wiedererlangung der Rechte der trierischen Kirche.[2]

Im Jahre 975 wurde das Kloster von Theoderich wieder seiner Bestimmung übergeben und die alten Besitzungen wiedergegeben. Dem Konvent wurde die freie Abtwahl zugestanden. Aus dem gleichen Jahr stammt auch eine Urkunde Kaiser Ottos II., nach welcher er die wiederhergestellte Abtei St. Martin bestätigte und unter seinen Schutz nahm. Der Vorgänger Theoderichs, Erzbischof Heinrich I. (956–964), hatte der Abtei achtzig Mansus Land entzogen und nach der Vertreibung der Mönche Kanoniker eingesetzt.[2] Zu den 975 genannten Besitztümern der Abtei gehörte die Kirche St. Viktor (1443 zerstört)[4] mit allem Zubehör: Sivenich (Siuinic), Kommlingen (Cumelanch) und Beßlich (Bessilich); die Kirche St. Symphorian (nach 1393 verfallen)[4] mit Zubehör: Lorich (Lorchen) und Sirzenich (Sarceni); die Gutsbezirke Irsch (Erche), Hockweiler (Hocuuilre), Korlingen (Corlanch) und Ockfen (Occava).[5] Erzbischof Hillin schenkte 1168 der Abtei Ländereien bei Wehlen, Graach und Zeltingen und bestätigte alle Rechte. Neben den bereits 975 genannten Besitzungen wurden genannt: das Dorf Pallien, zu Pfalzel drei Mansus Land, in Wiltingen einen Mansus, einer zu Lonebach, einer zu Dudeldorf sowie verschiedene kleinere Besitzungen.[2]

Im 10. Jahrhundert befand sich das im 9. Jahrhundert in Tours geschriebene Strahov-Evangeliar im Besitz der Abtei, wo dieses vom Meister des Registrum Gregorii überarbeitet und verziert wurde.

Auf den Neubau der Klosterkirche am Ende des 11. Jahrhunderts folgte bis zum 13. Jahrhundert die wirtschaftliche Blütezeit des Klosters. Die mittelalterliche Trierer Stadtmauer wurde bis an das Kloster gebaut, und in seiner unmittelbaren Nähe wurde das Martinstor errichtet.

In den folgenden Jahrhunderten wurde das Kloster kontinuierlich erweitert; ein Dormitorium (1506) sowie der heute noch bestehende Westflügel des Abteigebäudes mit der Spätrenaissancefassade an der Moselseite (1626, Erweiterung 1735) wurden erbaut.[6]

Säkularisation, Porzellanmanufaktur[Bearbeiten]

In der Folge der Französischen Revolution wurde Trier am 9. August 1794 von Französischen Revolutionstruppen besetzt. 1797/1801 wurde das Linke Rheinufer Teil der Französischen Republik. Am 15. März 1802 erfolgte durch den Präfekten des Saardepartements die Aufhebung der Abtei und die Beschlagnahme des gesamten Vermögens. Die noch übrigen sechs Geistlichen wurden pensioniert.[2] 1804 erfolgte die Versteigerung des Klosters, die Kirche und verschiedene Gebäude inklusive des Dormitoriums wurden abgerissen.[6] Im übrig gebliebenen Westflügel wurde 1807 von Christian Deuster eine Porzellanmanufaktur eingerichtet, in der Krypta befand sich der Brennofen. 1813 wurde diese Manufaktur aufgegeben und, nachdem Trier 1815 an Preußen gekommen war, 1816 von Peter Marx wieder in Betrieb genommen. Die Fabrik ist um 1824 eingegangen. [7][8]

Äbte[Bearbeiten]

0899–0915 Regino  
0975–0995 Engelbert  
0995–1040 Eberwin verfasste auch verschiedene Schriften
 ? Siegfried nur Name überliefert
 ? Remigius  
Mitte 11. Jh. Ernestus  
um 1074 Hugo  
000?–1094 Siegeberin vollendete 1090 den Bau des Klosters
1094–? Theodericus verfasste als Mönche eine Schrift gegen Gregor VII.; vollendete die Kirche
um 1136 Otto  
um 1138 Rainald erscheint als Zeuge in der Stiftungsurkunde der Zisterzienserabtei Himmerod
um 1156 Godefried I. erscheint als Zeuge in der Stiftungsurkunde der Prämonstratenserabtei Arnstein
1163–1168 Reginer  
1168–1178 Oliverus  
1178–? Cono  
vor 1181 Godefried II.  
1181–? Reiner aus der Abtei St. Maximin gewählt
um 1197 Wilhelm I.  
1218–1230 Richard  
1230–1240 Balduin  
1240–1249 Theoderich II.  
1250–1297 Johannes I. war 1361–1376 auch Trierer Weihbischof
1297–1339 Johannes II. von Lieser  
1339–1366 Werner von Zandt zu Merl  
1366–1388 Wilhelm II. von Zandt zu Merl  
1388–1415 Hugo von Ellenz  
1415–1427 Johannes IV. von Schwarzenburg  
1427–1429 Herbrand von Güls  
1430 Heinrich von Gmünd (de Gemunda)  
1434–1440 Wilhelm III. von Helmstadt  
1440–1465 Matthias Rutger (gest. 1482, resignierte) 
1483–1499 Johannes V. Blankart  
1499–1523 Konrad von Rat(t)ingen  
1523–1539 Nikolaus von Reil (Ryle)  
1539–1562 Rupert (Ropert) von Echternach  
1563–1577 Gregor von Virneburg  
1577–1604 Johann(es) VI. von Malmedy  
1604–1621 Servatius Maring  
1621–1652 Franz Holz(erus)  
1652–1668 Martin(us) Mering(ius)  
1668–1672 Albert Balthasari  
1672–1680 Nikolaus Lyser (Liser, Lieser)  
1680–1687 Matthias Irsch  
1687–1700 Jacob de Belva (de Bellevaux)  
1701–1747 Benedikt Henn  
1747–1778 Paul Lejeune  
1778–1790 Karl von Sachs  
1790–1802 Paul Tisquin  

Abteigebäude[Bearbeiten]

Heute ist nur noch der Westflügel des Abteigebäudes im Stil der Spätrenaissance erhalten. Daneben ist die Kopie einer spätgotischen Kreuzigungsgruppe (1498) aufgerichtet, deren Original in der Kirche St. Paulus steht.[6]

Heutige Nutzung[Bearbeiten]

1972 wurde der Westflügel des Abteigebäudes aus dem 17. Jahrhundert nach längerem Leerstand kernsaniert und mit einem im gleichen Jahr errichteten Neubau zu einem Studentenwohnheim umfunktioniert. Der Neubau wurde hufeisenförmig an den geraden Altbau angebaut, so dass zwischen den Gebäuden ein Innenhof entsteht, der eine mächtige Rotbuche (Naturdenkmal) beherbergt.

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Martinskloster – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Literatur[Bearbeiten]

  • Friedhelm Jürgensmeier, die Männer- und Frauenklöster der Benediktiner in Rheinland-Pfalz und Saarland, in Verbindung mit Regina Elisabeth Schwerdtfeger (= Germania Benedictina IX: Rheinland-Pfalz und Saarland, hrsg. von der Bayerischen Benediktinerakademie München in Verbindung mit dem Abt-Herwegen-Institut Maria Laach), St. Ottilien 1999.

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. a b Hans-Georg Reuter (1997). Martin von Tours († 08.11.397). Martin stiftet in Trier eine Kirche auf den Seiten des Bistums Trier (abgerufen 16. Februar 2012)
  2. a b c d e f Jakob Marx: Geschichte des Erzstifts Trier, Erster Band Band, II. Abtheilung, Trier: F. Lintz, 1860, S. 252 ff (Geschichte der Abtei St. Martin)
  3. Matthäus Merians Stich von 1646 ähnelt stark dem Holzschnitt von Trier von 1548 in Sebastian Münsters Cosmographiae Universalis (Titel: Situs & figura antiquissimae & praecipuae Medioniatricum ciuitatis Treuirensis), die als die erste authentische Stadtansicht von Trier gilt. Zwar ist Merians Ansicht detaillierter als der Holzschnitt, bildet aber bauliche Veränderungen, die zwischen 1548 und 1646 vorgenommen wurden (z. B. an der Konstantinbasilika), nicht ab. Vergleich den Holzschnitt in der lateinischen Ausgabe der Cosmographiae Universalis von 1550 auf Historic Cities
  4. a b Jakob Marx, Nikolaus Thielen, Heinrich Volk: Geschichte der Pfarreien der Dekanate Trier, Konz und Engers, Teil 2, Trier: Verlag der Paulinus-Druckerei, 1932, S. 51 ff (Online bei dilibri.de)
  5. Heinrich Beyer: Mittelrheinisches Urkundenbuch, Band I, Coblenz: Hölscher, 1860, S. 715 (Urkunde)
  6. a b c Georg Dehio: Handbuch der deutschen Kunstdenkmäler: Rheinland-Pfalz/Saarland; München: Deutscher Kunstverlag, 1984; ISBN 3-422-00382-7; S. 1057
  7. Gottfried Kentenich: Zur Geschichte der Trierer Porzellanmanufaktur in Trierische Chronik, Trier 12/1911, S. 64 (Online bei dilibri.de)
  8. Engelbert Giesen: Peter Marx, ein Wohltäter der St. Paulinuskirche zu Trier in Trierische Chronik, 1920, S. 137 (Online bei dilibri.de)

49.76256.6333333333333Koordinaten: 49° 45′ 45″ N, 6° 38′ 0″ O