Mary Sidney

aus Wikipedia, der freien Enzyklopädie
Wechseln zu: Navigation, Suche

Mary Sidney Herbert, Countess of Pembroke (* 27. Oktober 1561 in Ticknall Place, Bewdley, Worcestershire; † 25. September 1621 in London), war als gelehrte adlige englische Schriftstellerin in Elisabethanischer Zeit Mittelpunkt eines Künstlerzirkels.

Porträt von Nicholas Hilliard, ca. 1590

Leben[Bearbeiten]

Mary war eine der drei Töchter Sir Henry Sidneys (1529–1586), der dreimal Lord Deputy of Irland war, und Mary Sidney, der Tochter von John Dudley, 1. Duke of Northumberland und unter Edward VI. High Protector von England. Ihre Tante war Lady Jane Grey. Ihre Brüder waren der Dichter Sir Philip Sidney, Henry Sidney, Earl of Leicester und Sir Robert Sidney. Sie genoss eine humanistische Erziehung: Französisch, Italienisch (durch eine Italienerin), Griechisch und Latein sowie musikalischen Unterricht, spielte Laute, Virginal, möglicherweise auch Violine und sang (besonders Psalmen). Sie war rothaarig wie die Königin und wird als leidenschaftliche (bis hitzköpfige), starke Persönlichkeit geschildert, die ihre Meinung offen aussprach und für ihre geistreiche Konversation bekannt war.

Nach dem Tod ihrer letzten Schwester Ambrosia 1576 lud sie die ebenfalls als „gelehrtes Frauenzimmer“ bekannte Elizabeth I. an den Hof. Zur Königin hatte sie bereits Verbindung über ihren Onkel Robert Dudley, 1. Earl of Leicester (1533–1588), damaliger Favorit der Königin, und ihre Mutter, die die Königin als Kind pflegte und sich dabei selbst mit Windpocken ansteckte. 1577 heiratete sie auf Vermittlung ihres Onkels den viel älteren Henry Herbert, 2. Earl of Pembroke (1534–1601), mit dem sie auf dem Familiensitz der Pembrokes in Wilton House bei Salisbury (Wiltshire) lebte sowie in London in Baynard´s Castle[1]. Mit ihm hatte sie vier Kinder, darunter die beiden Brüder William Herbert, 3. Earl of Pembroke (1580–1630)[2], und Philip Herbert (1584–1649, 4. Earl nach dem Tod seines Bruders), denen die 1623 erschienene Folio Ausgabe von Shakespeares Werken ( s.s.5 [3]) gewidmet war (als „the incomparable pair“)[4] und die beide zeitweise Patrone von Shakespeares Theatertruppe „The King´s Men“ waren.

Ein schwerer Schlag war der Verlust sowohl ihrer Eltern als auch des geliebten Bruders Philip 1586 (der im Kampf der protestantischen Niederlande gegen die Spanier fiel). Sie gab später dessen „Arcadia“ heraus[5] und vollendete dessen Übersetzung der Psalmen (von denen sie 107 übersetzte[6], in möglichst vielen verschiedenen Versarten), die einen großen Einfluss auf die metaphysischen Dichter des 17. Jahrhunderts hatte (John Donne, der sie in einem Gedicht pries, George Herbert, ein Vetter 1. Grades ihres Sohnes). Wie ihr Bruder versuchte sie, in ihrem Kreis die englische Sprache zu fördern und zu verfeinern, insbesondere durch Übersetzungen aus der Bibel. Sie selbst war in der kalvinistischen Theologie[7] bewandert und aktiv in der Hilfe für hugenottische Flüchtlinge. Auch hier bemühte sie sich, die Rolle ihres Bruders als Führers der reformierten protestantischen Partei fortzusetzen. Neben Übersetzungen schrieb sie einige Gedichte, darunter eine zur Erinnerung an ihren Bruder („The doleful lay of Clorinda“) 1595. Sie gilt als erste Engländerin, die ein Drama und Gedichte unter ihrem Namen veröffentlichte.

In Wilton House hatte sie auch ein alchemistisches Labor. Adrian Gilbert, der Halbbruder von Walter Raleigh assistierte ihr in ihren Experimenten (von denen z.B. noch Rezepte für Geheimtinte erhalten sind) und entwarf ihren Garten nach streng geometrischen, von okkulten Überlegungen inspirierten Regeln. In ihrem Interesse für Magie stand sie Kreisen um John Dee nahe, und hatte möglicherweise ebenfalls Verbindungen zu Giordano Bruno, der ihren Bruder kannte. Anscheinend kannte sie sich auch in der Medizin aus. Daneben gab sie große Feste (sie war eine leidenschaftliche Tänzerin), ging auf die Jagd (auch mit dem Falken) und unterhielt eine Theatertruppe. Außerdem war sie für ihre Stickereien berühmt.

Auf ihrem Landsitz sammelte sie über 20 Jahre einen Kreis von Dichtern und Musikern um sich („Wilton Circle“), darunter Edmund Spenser (er widmete ihr seine „Ruines of time“), Michael Drayton, Sir John Davies, der auch ihr Sekretär war, und Samuel Daniel.

Nach dem Tod ihres Mannes 1600 zog sie sich aus dem literarischen Zirkel zurück (ihr Sohn William übernahm ihre Rolle als Förderer der Literatur[8]) und lebte mit dem 10 Jahre jüngeren Dr. Matthew Lister, ihrem Arzt, den sie möglicherweise auch heimlich heiratete. Sie übernahm die Verwaltung der Güter und zog 1603 in ein gemietetes Haus in London. 1609 bis 1615 wohnte sie in Crosby Hall in Chelsea bei London, danach wieder in der Stadt. Sie besuchte regelmäßig den Badeort Spa in Belgien, schon damals bekannt für sein Glücksspiel, dem sie sich ebenfalls widmete. Bei Milton Keynes ließ sie von italienischen Architekten ein Landhaus bauen, das heute Ruine ist.

Sie starb in ihrem Londoner Haus in der Aldersgate Street[9] an Windpocken und liegt neben ihrem Mann in der Kathedrale von Salisbury begraben, unter den Treppen zum Chor. Auf der vorangegangenen großen Trauerfeier in St Paul’s Cathedral wurden ihre literarischen Erfolge gewürdigt.

Sonstiges[Bearbeiten]

In Robin Williams' „The sweet swan of Avon – did a woman wrote Shakespeare?“ (Wilton Circle Press 2006) wird zusätzlich zu ihrer Biografie die These entwickelt, sie wäre ein Kandidat für die William-Shakespeare-Urheberschaftsdebatte. Im Gegensatz zu Shakespeare zeigt sie in ihren Gedichten aber einen Hang zu sehr unterschiedlichen Versformen, ganz abgesehen von der stark religiösen Färbung vieler ihrer Werke.

Ihre Übersetzung der „Tragedy of Antonie“ wird als mögliche Quelle für Shakespeares „Antonius und Kleopatra“ (1607) angesehen.

Sowohl ihre Mutter schrieb Gedichte, als auch ihre Nichte Lady Mary Wroth (1587–1652), Tochter ihres Bruders Henry Sidney, die teilweise bei ihr aufwuchs. Zeitweise wurde sie von Mary Sidney verdächtigt, mit ihrem Liebhaber Dr. Lister anzubändeln, sie war in Wirklichkeit nach dem Tod ihres Mannes die Geliebte von Mary Sidney´s Sohn, ihres Vetters William Herbert, mit dem sie zwei uneheliche Kinder hatte.

Man geht davon aus, dass Christopher Marlowe die lateinische Zueignung[10] zu Thomas Watsons Amintæ Gaudia an Mary Herbert, Countess of Pembroke, schrieb.

Werke[Bearbeiten]

  • Margaret Hannay, Noel Kinnaman, Michael Brennan: „The collected works of Mary Sidney Herbert, Countess of Pembroke“, 2 Bde., Oxford, Clarendon Press 1998 (Bd. 1 mit Briefen, in Bd. 2 die Psalmen)
  • „The Dolefull Lay of Clorinda“ 1595 (abgedruckt in Edmund Spenser „Astrophel“, London 1595)
  • „The Psalms of David“ (zu Lebzeiten nur als Manuskript, 1590er Jahre), Neuausgabe von R.Pritchard „The Sidney Psalms“, Carcanet, Manchester 1992
  • Übersetzung von Robert Garnier „The Tragedy of Antonie“ 1592, 1595 (ein sogenanntes „closet drama“, das heißt nur für den Vortrag bestimmt)
  • Übersetzung von Petrarca „The trimph of death“ („Trionfo della Morte“), 1590er Jahre
  • Übersetzung von Philippe Duplessis-Mornay(1529–1623) „Discourse of life and death“ ( „Discours de la vie et de la mort“) 1592
  • „Dialogue between two Shepherds, Thenot and Piers, in praise of Astrea“ 1602 (in Francis Davis (Hrsg.) „ A poetical rhapsody“)
  • „Even now that care“ (1590er Jahre, 1623 versehentlich in den Werken von Samuel Daniel abgedruckt, da unter seinen Papieren gefunden)
  • „To the angel spirit of the most excellent Sir Philipp Sydney“, 1590er Jahre

Literatur[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

Anmerkungen[Bearbeiten]

  1. der Name stammt aus normannischer Zeit. Es lag an der Themse nahe der Einmündung des Fleet in der Nähe der heutigen Blackfriar´s Station. Shakespeares Richard III. spielt teilweise dort
  2. er wird verschiedentlich als der in Shakespeares Sonetten erwähnte junge Mann vermutet
  3. http://internetshakespeare.uvic.ca/Library/facsimile/book/SLNSW_F1/5/?size=small&view_mode=normal&content_type=
  4. später stiegen sie am Hof Jakob I. auf, nach Williams weil der Jüngere dessen Geliebter war und der Ältere ihm seinen neuen Favoriten George Villiers, 1. Duke of Buckingham zuführte
  5. Als „The Countess of Pembrokes Arcadia“. Ihr Bruder hatte einen Großteil dieses Werks in ihrer Gegenwart geschrieben. Bei seinem Tod hinterließ er auch eine Übersetzung von 43 der 150 Psalmen
  6. sie benutzte dabei die Genfer Bibel von 1560 und Schriften von Calvin, stützte sich aber meist auf ältere englische Übersetzungen
  7. sie übersetzte z.B. ein Werk von Philip de Mornay
  8. Bei einem Besuch von Jakob I. 1603 in Wilton House traf er sie allerdings an, wie sie sich von der Theatertruppe Shakespeares „The King´s Men“ unterhalten ließ. Ob Shakespeare dabei war ist unsicher. In einem ihrer Briefe drängt sie aber ihren Sohn, sie in Wilton zu besuchen, da Shakespeare dort aufträte. Ein anderer Hinweis ist ein Lobgedicht, den ihr Sekretär Sir John Davies auf Shakespeare verfasste.
  9. nahe der reformierten französischen Kirche
  10. http://www2.prestel.co.uk/rey/pembroke.htm