Maslowsche Bedürfnispyramide

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Die bekannte Pyramide ist eine Interpretation von Maslows Bedürfnishierarchie.

Die Maslowsche Bedürfnishierarchie, bekannt als Bedürfnispyramide ist eine sozialpsychologische Theorie des US-amerikanischen Psychologen Abraham Maslow.[1] Sie beschreibt menschliche Bedürfnisse und Motivation (in einer hierarchischen Struktur) und versucht diese zu erklären.

Maslow gilt als der wichtigste Gründervater der humanistischen Psychologie, in der eine Psychologie seelischer Gesundheit angestrebt und die menschliche Selbstverwirklichung untersucht wird. Sein Gesamtwerk war wesentlich weitreichender als das hier dargestellte Modell, obwohl diese einfache Darstellung ihn sehr bekannt gemacht hat.

Als psychologische Theorie begründet, fand Maslows Bedürfnishierarchie Eingang in andere Wissenschaften. Das Thema „menschliche Bedürfnisse“ kann fachübergreifend in den Sozialwissenschaften, in Katholischer und Evangelischer Religionslehre oder im Bereich Philosophie behandelt werden.

Insbesondere wurde die Theorie in den Wirtschaftswissenschaften populär bzw. an den Schnittstellen von Wirtschaft und Psychologie (siehe auch Wirtschaftspsychologie). Hier untersuchen u. a. die Verkaufspsychologie oder das Marketing das Kaufverhalten von Personen. Letztlich ist das Modell aber für fast alle Wirtschaftswissenschaften relevant, denn der gemeinsame Untersuchungsgebiet aller Wirtschaftswissenschaften umfasst jene menschlichen Tätigkeiten, die der Bedürfnisbefriedigung dienen.[2]

Inhaltsverzeichnis

[Bearbeiten] Geschichte und theoretischer Hintergrund

Die erste Idee zu seinem Modell veröffentlichte Maslow 1943 unter dem Titel A Theory of Human Motivation im Psychological Review. Voll ausgearbeitet wurde sie dann 1954 in seinem Buch Motivation and Personality.

Grundlage seiner Überlegungen war die Ablehnung des Menschenbildes und der Triebtheorie der Ethologie (Vergleichende Verhaltenswissenschaft) und der Psychoanalyse;[3] aber auch des Behaviorismus.

Als Mitbegründer der humanistischen Psychologie ging er davon aus, dass Menschen als grundsätzlich gut und neutral angesehen werden können. Darüber hinaus war er einer der ersten und lautesten Fürsprecher einer Psychologie, die vom gesunden Menschen ausgeht (Ansatz der positiven Psychologie).

Der Mensch sei nicht durch niedere Triebe gesteuert, sondern wird durch ein angeborenes Wachstumspotential angetrieben, um sein höchstes Ziel, die Selbstverwirklichung, zu erreichen (optimistische Sicht).

"Destruktivität, Sadismus, Grausamkeit sind nicht inhärent (also sie sind keine ureigenen menschlichen Bedürfnisse wie etwa bei Freud), sondern wesentliche Reaktionen auf Frustrationen unserer inhärenten Bedürfnisse". (Maslow, 1973, S. 21)

Das Verhalten von Tieren und das Verhalten von neurotischen Menschen sollte demnach nicht als zentraler Ausgangspunkt zur Erklärung menschlichen Verhaltens verwendet werden.

[Bearbeiten] Inhalt

Die Bedürfnishierarchie ist als Inhaltsmodell der Motivation zu bezeichnen. Sie beschäftigt sich mit Inhalt, Art und Wirkung von Motiven, ferner wird eine Taxonomie von Motiven geboten und bestimmt, nach welchen Gesetzmäßigkeiten welche Motive verhaltensbestimmend werden.

Maslow stellte fest, dass manche Bedürfnisse Priorität vor anderen haben. Luft und Wasser brauchen wir dringender als ein neues Auto. Zum Zwecke der Einteilung wählte er – in Form einer Pyramide – eine Hierarchie, in der Bedürfnisse nach 5 größeren Kategorien geordnet sind, beginnend mit den grundlegendsten physiologischen hin zu fortgeschrittenen Bedürfnissen.

Dieses Bild beruht u. a. auf folgenden Annahmen:

  • Einzelne Bedürfnisse einer Kategorie müssen erst erfüllt sein, bevor die nächste Ebene erreicht werden kann.
  • Solange ein Bedürfnis einer niedrigeren Stufe nicht erfüllt ist, ist ein Bedürfnis einer höheren Stufe prinzipiell noch latent – es wird sich noch nicht zeigen.
  • Bei "praktisch jedem Menschen und bei fast jedem neugeborenen Baby gibt es einen aktiven Willen zur Gesundheit, einen Antrieb zum Wachstum und zur Verwirklichung der menschlichen Anlagen."

Maslow selbst bezeichnet seine Theorie als holistisch-dynamisch, da in ihr Ansätze des amerikanischen Funktionalismus, der Gestaltpsychologie und der Psychoanalyse zu einer Synthese zusammengefaßt sind.

[Bearbeiten] Herangehensweise

Entsprechend seinem Menschenbild studierte Maslow nur ausgwählte Persönlichkeiten (z. B. Albert Einstein, Jane Addams, Eleanor Roosevelt oder Frederick Douglass). Er bezog also bewusst keine psychisch gestörten Personen in seine Untersuchung mitein.[4] Konkret soll er sich auch mit dem gesündesten 1% der Studentenpopulation beschäftigt haben.[5]

Um den etwas vagen Begriff der Selbstverwirklichung etwas zu präzisieren, stellte Maslow 60 Personen zusammen, von denen er meinte, daß diese dieses Ziel erreicht hätten, wobei es sich zum größten Teil um historische Persönlichkeiten handelte. Da diese schwerlich zu Testzwecken herangezogen werden konnten, sondern lediglich Fremd- und Selbstzeugnisse vorlagen, für Maslows Zeitgenossen aber Gelegenheitsgespräche, Interviews und vereinzelt auch Tests benutzt wurden, war eine einheitliche Auswertung nicht zu leisten.[6]

[Bearbeiten] Einteilung (Defizitbedürfnisse und unstillbare Bedürfnisse)

Die Bedürfniskategorien sind im einzelnen:

  1. Fundamentale Bedürfnisse: Atmung, Schlaf, Nahrung, Wärme, Gesundheit, Wohnraum, Kleidung, Bewegung (siehe auch Grundbedürfnis, Existenzbedürfnis)
  2. Sicherheitsbedürfnisse: Recht und Ordnung, Schutz vor Gefahren, festes Einkommen, Absicherung, Unterkunft
  3. Soziale Bedürfnisse (Anschlussmotiv): Familie, Freundeskreis, Partnerschaft, Liebe, Intimität, Kommunikation, Arbeitsklima
  4. Individualbedürfnisse: Höhere Wertschätzung durch Status, Respekt, Anerkennung (Auszeichnungen, Lob), Wohlstand, Einfluss, private und berufliche Erfolge, mentale und körperliche Stärke
  5. Selbstverwirklichung: Individualität, Talententfaltung, Perfektion, Erleuchtung, Selbstverbesserung

Die unteren drei Stufen in der Pyramide (und auch Teile der vierten) nennt man auch Defizitbedürfnisse. Diese Bedürfnisse müssen befriedigt sein, damit man zufrieden ist, aber wenn sie erfüllt sind, hat man keine weitere Motivation diese zu befriedigen (wenn man nicht mehr durstig ist, versucht man beispielsweise nicht mehr zu trinken). Siehe dazu auch das Erste Gossensche Gesetz.

Unstillbare Bedürfnisse können demgegenüber nie wirklich befriedigt werden. Diese treten ab der fünften Stufe auf, teilweise aber auch schon ab der vierten.

  • Beispiele
  • Ein Künstler malt zur Selbstverwirklichung; sein Bedürfnis nach Kreativität ist nicht nach einer bestimmten Anzahl Bildern gestillt.
  • Ein Individuum hat Erfolg gehabt und möchte diesen Erfolg immer wieder übertreffen.

[Bearbeiten] Erweiterung 1970

Vielleicht auch wegen dieser „Markttauglichkeit“ hat Maslow sein Modell 1970, also kurz vor seinem Tod, erweitert (posthum veröffentlicht in: Farther Reaches of Human Nature, New York 1971); die oberste Stufe der neuen Pyramide ist nun „Transzendenz“, also die Suche nach Gott, nach einer das individuelle Selbst überschreitenden Dimension oder nach etwas, das außerhalb des beobachtbaren Systems liegt (vergleiche Niklas Luhmann, Gott als Beobachter 2ter Ordnung). Diese Erweiterung reflektiert Maslows Weg von der humanistischen zur transpersonalen Psychologie. Obwohl häufig das Datum 1970 mit angegeben wird, wird die Pyramide meist mit der Selbstverwirklichung an der Spitze dargestellt.[7][8]

[Bearbeiten] Rezeption und Kritik

Er beschäftigte sich mit wichtigen Elementen des Erlebens, die von den traditionellen Ansätzen vernachlässigt wurden: Liebe, Freude, Glück, Ekstase. Dies wird von anderen aber als Kritikpunkt aufgefaßt, die Maslow vorwerfen, er sei genauso einseitig wie die Psychoanalyse, eben nur in der anderen Richtung.

Die Bedürfnishierarchie ist die bekannteste Klassifikation von Bedürfnissen.

Trotz – oder gerade wegen – der stark reduktionistischen Sichtweise wird das Modell heute noch als einführendes Beispiel zur Klassifikation von Bedürfnissen gewählt.

Auf die Praxis der Arbeitsgestaltung hat es wesentlich Einfluss genommen. Theoretische Fundierung sowie empirische Evidenz für die Klassifikation der Bedürfnisse und die Hypothese der hierarchischen Motivaktivierung sind im Gegensatz zu ihrem Bekanntheitsgrad unzureichend.[9]

Maslows Theorie ist eine besonders optimistische Sichtweise menschlicher Motivation. Der Grundgedanke ist, dass jedes Individuum in Richtung Selbstverwirklichung strebt und sein größtmögliches Potenzial entwickeln möchte.[10] Diese nur positive Sichtweise kann nicht aufrechterhalten werden, denn Menschen bringen auch Bedürfnisse nach Macht, Dominanz und Aggression zum Ausdruck. Ein Kritikansatz wäre also das finale Ziel der Motivation.

Ferner lassen sich viele Beispiele finden, die mit der Transitivitätsannahme (erst niedere, dann höhere Bedürfnisse) nicht vereinbar sind. Man muss die Hierarchie als zum Teil willkürlich festgelegt und die Rangfolge der Bedürfnisse als nicht universell bezeichnen.[11]

Menschen haben sich schon zu Tode gehungert oder anderartig ihr Leben geopfert, um ihren politischen Standpunkt darzulegen (Hungerstreik, Selbstverbrennung). Andere Extreme, wie die Motivation zum Terrorismus oder Märtyrertum verlangen grundsätzlich andere Analyseansätze.

Trotz der Einschränkungen, versetzt uns Maslows Schema in der Lage, eine gewisse Ordnung in verschiedene Aspekte des motivationalen Erlebens zu bringen.

Einmal gestillte Defizitbedürfnisse bleiben nicht auf Dauer gestillt. Die Pyramide stellt nichts dar, was dauerhaft zu befriedigen wäre, sondern vielmehr eine Infrastruktur oder Logistik zur Bedürfnisbefriedigung, die stets Arbeit erfordert. Es wird damit nicht berücksichtigt, dass durch Moral und Ethik längerfristig befriedigende Entscheidungsmöglichkeiten existieren. Reines Aneignen von materiellen Gütern lässt sich soweit als strebenswertes/befriedigendes Grundbedürfnis bezeichnen, als dann die körperlichen und räumlichen Umstände als optimales Fundament fungieren, nicht als Teil der Selbstverwirklichung oder Individualität.

Eine weitere Quelle von Missverständnissen ist, dass Maslows Bedürfnispyramide nicht das reale Verhalten von Bedürftigen darstellt, sondern eine Empfehlung für diejenigen ist, die sich um sie kümmern. Höhere Bedürfnisse können durchaus auch ohne ständige Befriedigung der Defizitbedürfnisse angestrebt werden. Aber die Zuständigen für die Versorgung einer Stadt oder einer Truppe können Kreativität nicht höher gewichten als Sicherheit oder Religion höher als Brot, auch wenn die Betroffenen selbst so handeln.

Als Kritikpunkt lässt sich ansehen, dass Maslows Bedürfnispyramide ein westlich-industriell sozialisiertes Statusdenken und einen Individualismus voraussetzt, die nicht selbstverständlich sind. Die Bedürfnispyramide zeigt eine Hierarchie, die ohne diese Voraussetzungen nicht existiert. In Gesellschaften, für die die unteren Bedürfnisse relevant sind, streben die Menschen keineswegs danach, primär ihre körperlichen Grundbedürfnisse zu stillen, bevor sie nach Sicherheit und sozialen Beziehungen streben. Vielmehr sind die sozialen Beziehungen in Form des Aufgenommenwerdens und Verbleibens in einer Gruppe, Familie oder Stammesgemeinschaft die Voraussetzungen für Sicherheit und die Befriedigung der körperlichen Grundbedürfnisse. Dementsprechend steht auch das Wohl der Gruppe über dem eigenen. Man ist bereit, für die Gruppe zu sterben, denn ohne sie ist man ohnehin nicht lebensfähig. Die drei unteren Bedürfnisebenen dürfen demnach nicht als hierarchisch gegliedert angesehen werden, sondern bilden eher gemeinsam eine Vorstufe der materiellen Statussicherung für den darauf folgenden Bereich der sozialen Anerkennung.

Dem lässt sich entgegenhalten: Maslow unterscheidet sehr klar zwischen Bedürfnis einerseits und dem gezeigten Verhalten andererseits, das nicht allein durch Bedürfnisse, sondern auch durch Rahmenbedingungen wie die jeweilige Kultur oder die individuelle Lerngeschichte bestimmt wird (Motivation und Persönlichkeit, 1968). Das Bedürfnis nach sozialen Beziehungen um ihrer selbst willen hätte er nicht als das Gleiche angesehen wie das Pflegen der sozialen Beziehungen, um ein anderes Bedürfnis (wie das nach Essen oder Sicherheit) zu befriedigen. Im zweiten Fall ist das Verhalten instrumentell (= Mittel zum Zweck), ohne zwangsläufig vom Bedürfnis nach Gemeinschaft motiviert zu sein. Oder das Verhalten ist multipel motiviert: es liegen einem Verhalten mehrere Bedürfnisse gleichzeitig zugrunde.

[Bearbeiten] Neuere Bewertung

Die mehrdimensionalen Motivationsmodelle gehen auf die unterschiedlichen Zusammenhänge differenzierter ein, sodass man bei diesem Modell von Maslow heute eher von einer allgemeinen Verständnistheorie spricht und für die praktische Arbeit mit psychisch kranken Menschen oder in der Personalentwicklung, aber auch bei familiären Systemen auf komplexere Modelle zurückgreift.

In der experimentellen Psychologie (zum Beispiel PSI-Theorie (Dörner)) werden zum Teil Ergebnisse produziert, die der Bedürfnishierarchie sehr nahe kommen, obwohl das System nur wenige „Bedürfnisse“ kennt (beispielsweise Wasser / Nahrung und Neugierde / Langeweile). Die Frage ist aber, ob die Ergebnisse wirklich unabhängig von der Maslowschen Theorie entstehen oder ob sie nicht doch implizit ist.

Hier ist auch zu bemerken, dass viele der „höheren Stufen“ in der Hierarchie einfach mehr Zeit (beispielsweise zum Nachdenken) beanspruchen als die Niederen. Die Hierarchie gibt dann lediglich an, wie viel Zeit dem Durchschnitt der Bevölkerung für die einzelnen Stufen zur Verfügung steht.

Weiterentwicklung

Die ERG-Theorie (Existence, Relatedness, Growth) von Clayton Alderfer ist eine Weiterentwicklung der Bedürfnishierarchie.

[Bearbeiten] kulturelle Rezeption

Die Bedürfnispyramide nach Maslow findet man als praktisches Beispiel im Film Cast Away, in dem Chuck (Tom Hanks) seine Bedürfnisse nach ihr richtet.

[Bearbeiten] Literatur

Orginaltexte
  • A Theory of Human Motivation (veröffentlicht in Psychological Review, 1943, Vol. 50 #4, Seite 370–396); A Theory of Human Motivation – online Ausgabe bei der York University (engl.)
  • Motivation and Personality (1. Auflage: 1954, 2. Auflage: 1970, 3. Auflage: 1987)
Sekundärwerke

[Bearbeiten] Einzelnachweise

  1. A.H. Maslow, A Theory of Human Motivation, Psychological Review 50 (1943):370-396.
  2. Günter Wöhe, Ulrich Döring: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. Vahlen; Auflage: 24., überarbeitete und aktualisierte Auflage. (2010), ISBN 3800637952, Seite 1
  3. Bedürfnisse – Arbeitsblätter von Werner Stangl bei stangl-taller.at
  4. Anmerkung, Zitat: "the study of crippled, stunted, immature, and unhealthy specimens can yield only a cripple psychology and a cripple philosophy." Maslow, Abraham (1954). Motivation and Personality. New York: Harper. pp. 236. ISBN 0-06-041987-3.
  5. Maslow's Study of Self-Actualization - A Reinterpretation – von Willard Mittelman (abstract)
  6. Bedürfnisstruktur und selbstverwirklichung: a. maslow – Artikel über die Bedürfnisstruktur
  7. Philip G. Zimbardo Psychologie, Springer, Berlin 1999, 7. neu übers. und bearb. Aufl.
  8. Maslow’s hierarchy of needs
  9. Bedürfnishierarchie – Defnition im Gabler Wirtschaftslexikon
  10. Philip G. Zimbardo, Richard J. Gerrig: Psychologie. PEARSON STUDIUM; Auflage: 18., aktualis. Aufl. (20. März 2008). ISBN 3827372755, Seite 421
  11. David G. Myers, S. Hoppe-Graff, B. Keller: Psychologie. Springer Berlin Heidelberg; Auflage: 2. erw. u. aktualisierte Aufl. (14. Juli 2008). ISBN 3540790322, Seite 515

[Bearbeiten] Weblinks

 Commons: Maslowsche Bedürfnispyramide – Album mit Bildern und/oder Videos und Audiodateien
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