Massaker von Nemmersdorf

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Zeitungsausschnitt mit Schlagzeile „Bestien wüteten in Ostpreußen“
Schlagzeile in der deutschen „Braunschweiger Tageszeitung“ vom 27. Oktober 1944

Als Massaker von Nemmersdorf werden die Kriegsverbrechen um den 21. Oktober 1944 im damals deutschen Dorf Nemmersdorf (heute Majakowskoje, Russland) bezeichnet, bei denen nach heutigen Erkenntnissen zwischen 19 und 30 Menschen ermordet wurden, nachdem die Rote Armee den Ort besetzt hatte. Im Kern dieser Ereignisse steht die Erschießung von 13 einheimischen Zivilisten, die sich vor den Kampfhandlungen zwischen der Wehrmacht und den sowjetischen Truppen in einen Bunker geflüchtet hatten. Hinzu kommen sechs weitere Nemmersdorfer und möglicherweise auch einige ortsfremde Personen, die bei der Einnahme Nemmersdorfs ums Leben kamen. Die Hintergründe für den Tod der dortigen Zivilisten sind bis heute nicht restlos geklärt. Aus der sowjetischen Militärstrategie heraus lassen sie sich nicht erklären.

Nachdem sich die Rote Armee am 23. Oktober 1944 vor der Wehrmacht aus Nemmersdorf zurückgezogen hatte, versuchte das deutsche Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda, die Geschehnisse in der Ortschaft im Sinne des nationalsozialistischen Regimes zu deuten. Ziel war es, die Reserven der deutschen Bevölkerung gegen die vorrückenden Sowjettruppen zu mobilisieren, indem man diese als grausame Invasoren darstellte. Zu diesem Zweck wurden nachträglich Aufnahmen mit Erschossenen unbekannter Herkunft angefertigt, die wenige Tage später in einem Bericht des Völkischen Beobachters als Beweis für methodische Verbrechen der Roten Armee gegen Zivilisten herangeführt wurden. Das Reichsministerium verbreitete darüber hinaus auch die Behauptung, ganz Nemmersdorf sei von Rotarmisten geplündert und zerstört worden, was sich nicht mit Augenzeugenberichten in Einklang bringen lässt. Trotz ihrer drastischen Darstellung trug der Bericht des Völkischen Beobachters nicht zu einem Stimmungsumschwung unter der deutschen Bevölkerung bei und wurde von Joseph Goebbels nachträglich als Misserfolg bezeichnet.

In der Bundesrepublik Deutschland wurde das Massaker von Nemmersdorf zum Symbol für die Erlebnisse der ostdeutschen Bevölkerung gegen Ende des Zweiten Weltkriegs. Es war nunmehr davon die Rede, dass in Nemmersdorf bis zu 72 Menschen gefoltert, vergewaltigt, an Scheunentore genagelt oder aus direkter Nähe erschossen worden seien. Dabei wurde auf angebliche Augenzeugenberichte Bezug genommen, die weder mit der Darstellung der NS-Propaganda noch mit der heute rekonstruierbaren Quellenlage übereinstimmen. In der DDR und in der Sowjetunion wurde das Massaker von Nemmersdorf tabuisiert beziehungsweise als reine Propagandaaktion des NS-Regimes dargestellt. In Russland wird eine Verantwortung sowjetischer Truppen für die Erschießungen bis heute abgestritten. Nemmersdorf gilt in Deutschland nach wie vor als Symbol für Verbrechen der Roten Armee gegen die deutsche Bevölkerung und wurde erst spät zum Gegenstand der historischen Forschung. Um die wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschehnisse hat sich vor allem der deutsche Erziehungswissenschaftler und Russischlehrer Bernhard Fisch bemüht, der die über Jahrzehnte tradierten Berichte über das Massaker von Nemmersdorf hinterfragte und mit Hilfe von Augenzeugenberichten zu einem neuen Bild fügte. Die Rezeption der Nemmersdorfer Ereignisse gilt als symptomatisch für die einseitige öffentliche Aufarbeitung des Komplexes Krieg und Vertreibung in den jeweiligen Ländern.

Hergang[Bearbeiten]

Kriegslage[Bearbeiten]

Bis Ende Oktober 1944 hatte die Rote Armee weite Teile der von der Wehrmacht besetzten sowjetischen Gebiete zurückerobern können. In der Operation Bagration hatte sie die deutschen Truppen aus Weißrussland verdrängt und konnte bis August an die ostpreußische Grenze, an die Weichsel und nach Riga vordringen. Damit hatte die Rote Armee die Ergebnisse des Überfalls auf die Sowjetunion von 1941 praktisch revidiert, hatte aber die Grenzen des Deutschen Reiches von 1937 nicht überschritten. Ausschlaggebend für das Ende der sowjetischen Sommeroffensive waren vor allem die hohen Verluste, die ausgeglichen werden mussten, sowie überdehnte Nachschubwege. Einige Divisionen der Roten Armee lagen mit 2.000 bis 3.000 Soldaten weit unter ihrer Sollstärke von rund 10.000 Mann. Die verbliebenen Reserven reichten nicht aus, um nennenswerte Gebietsgewinne auf deutschem Territorium zu machen.[1] Allerdings bemühte sich der sowjetische Generalstab, zum 27. Jahrestag der Oktoberrevolution einen solchen Erfolg an Stalin melden zu können. Die Armeeführung hatte für die zweite Oktoberhälfte geplant, mit der 1. Baltischen Front und der 3. Weißrussischen Front die deutschen Truppen im nördlichen Ostpreußen zu zerschlagen, um damit ganz Ostpreußen zu besetzen. Es gelang der Roten Armee aber nicht, sich gegen die 4. Armee durchzusetzen, unter anderem, weil die 1. Baltische Armee unter Hovhannes Baghramjan an der Memel Halt machte und nicht übersetzte. Die Gebietsgewinne entsprachen lediglich rund 150 km. Einzig die 11. sowjetische Gardearmee konnte auf ostpreußisches Gebiet vordringen und erreichte am 21. Oktober 1944 den Kreis Gumbinnen, wo sie auf die 4. Armee der Wehrmacht traf und sich mit ihr erbitterte Gefechte lieferte.[2]

Nemmersdorf hatte mit der einzigen befahrbaren Betonbrücke über die Angerapp in weitem Umkreis eine strategische Schlüsselrolle. Die nächste für Panzer passierbare Brücke lag 6 km weiter flussabwärts in Sabadschuhnen, südlich von Nemmersdorf lag die nächste Brücke 26 km flussaufwärts in Darkehmen. Seine Lage verschaffte Nemmersdorf aber nicht nur militärische Bedeutung: Als Reaktion auf den Vorstoß der Roten Armee hatte Fritz Feller, Bauernführer des Orts und Kreises Gumbinnen, mit den Kreisbehörden am 20. Oktober 1944 die Evakuierung der Bevölkerung in den südwestlich gelegenen Kreis Gerdauen beschlossen. Die Bewohner von etwa 20 östlich der Angerapp gelegenen Dörfern waren gezwungen, mit ihren Trecks Nemmersdorf zu durchqueren. Bis auf einen führten alle Trecks der Umgebung über Nemmersdorf, weshalb sich die Flüchtlingszüge an der Brücke stauten, hinzu kamen Militärfahrzeuge auf dem Rückzug vor der herannahenden 25. sowjetischen Panzerbrigade. Warum die Wehrmacht die Brücke nicht sprengte und den herannahenden Truppen so den Weg abschnitt, ist unklar. Die Brücke war nach Augenzeugenberichten bereits vermint, als ein Treck aus Kuttkuhnen in der Nacht vom 19. zum 20. Oktober Nemmersdorf erreichte. Bernhard Fisch vermutet, dass die Verantwortlichen vor Ort aus Rücksicht auf wartende Flüchtlingstrecks nicht sprengten. Viele Wartende verließen teils aus Ungeduld, teils aus Angst ihre Habseligkeiten und überquerten die Brücke nach Nemmersdorf zu Fuß.[3]

Nemmersdorf war nach sowjetischen Aufzeichnungen östlich der Brücke durch zwei Schützengräben, einen Panzergraben, eine Stacheldrahtlinie sowie befestigte und unbefestigte MG-Nester der Wehrmacht geschützt. Die Rote Armee selbst setzte beim Sturm auf Nemmersdorf nach eigenen Angaben zehn 75-mm-Geschütze, vier Zugmaschinen und 150 Soldaten außer Gefecht.[4] Am frühen Morgen des 21. Oktobers, etwa gegen 6:30 Uhr, erreichten zuerst die Vorhut, später die Panzer des 2. Bataillons der 25. Panzerbrigade die Nemmersdorfer Brücke, an der sich nach wie vor die Flüchtlingszüge stauten. Vor Ort war es schon hell, aber überaus neblig. Die sowjetischen Panzer mussten sich zunächst durch die Menge der wartenden Wagen kämpfen. Die Brücke frei zu räumen, war vor allem deswegen schwierig, weil die Wagen dicht gedrängt standen. Zudem liefen die polnischen Kriegsgefangenen, die die Wagen zumeist lenken mussten, zu den Sowjetsoldaten über, als diese auftauchten. Gegen 7:30 Uhr war die Brücke schließlich von der Roten Armee eingenommen, um etwa 8:00 Uhr hatte sie die Umgebung bis zum Gut Pennacken gesichert, das nordwestlich von Nemmersdorf lag.[5]

Sowjetische Besetzung[Bearbeiten]

Karte von Nemmersdorf und Umgebung
Nemmersdorf mit den Schauplätzen der Ereignisse vom Oktober 1944

Die meisten der 637 Nemmersdorfer hatten den Ort bereits verlassen, als ihn die Rote Armee einnahm. Vor allem die Einwohner, die nicht über Pferde und Wagen verfügten, alt waren oder an einer Krankheit litten, blieben im Dorf zurück. Insgesamt war es wohl nur eine kleinere zweistellige Zahl, hinzu kamen die an der Brücke verharrenden Flüchtlinge aus den östlich gelegenen Dörfern, die die Rotarmisten gegen Nachmittag des 21. Oktober wieder abziehen ließen[6]. Die Vorfälle vom 21. bis zum 23. Oktober 1944 sind schwierig zu rekonstruieren, weil nur wenige Augenzeugenberichte vorliegen. Zudem wurden diese Berichte mit großem zeitlichen Abstand angefertigt und oder mündlich durch Dritte überliefert. Ihre Autoren standen meist in einem Naheverhältnis zur NSDAP und stimmten sich vermutlich auch aufgrund persönlicher Beziehungen untereinander ab. Bernhard Fisch stuft die Berichte der namentlich bekannten Augenzeugen als authentisch ein, macht aber bei einigen Aspekten Abstriche an ihrer Aussagekraft.[7] Auch einen Bericht der nicht namentlich bekannten Frau des Dorfpolizisten, den erstmals Fritz Leimbach 1956 zitierte, stuft Fisch als seriös ein: Die Frau sei mit ihren beiden Kindern aus dem Ort geflohen, als der Gefechtslärm näher rückte. Dabei habe sie ein Wehrmachtspanzer überholt, ohne anzuhalten, obwohl sie der Besatzung zurief, sie mitzunehmen. Kurz darauf habe sie jedoch ein russischer Offizier in einem Panzerspähwagen mitgenommen, außerhalb des Ortes abgesetzt und, so Leimbach, in gutem Deutsch vor seinen Kameraden gewarnt.[8] Auch der Malermeister Johannes Schewe, der gegen Morgen des 21. Oktober zu seinem Haus ging, konnte die sowjetischen Soldaten passieren, wurde später von einem Offizier auf deutsch befragt und konnte den Ort schließlich ungehindert verlassen. Auf der Angerappbrücke wurden die Flüchtlingstrecks hingegen von sowjetischen Soldaten durchsucht, gegen Nachmittag des 21. Oktobers wurde das verlassene Gepäck dort auch geplündert, so die Augenzeugin Gerda Meczulat. 14 Zivilisten – Einwohner von Nemmersdorf und evakuierte Verwandte, darunter auch Gerda Meczulat – hatten sich bei der Einnahme Nemmersdorfs aus Angst vor Panzergeschossen in einen behelfsmäßigen Bunker zurückgezogen, der im Süden des Dorfes an einem Kanaldurchbruch errichtet worden war. Nachdem es ruhiger geworden war, seien einige Stunden später zunächst ihr Vater Eduard, später Karl Kaminski, ebenfalls ein Nemmersdorfer, zu ihren Häusern zurückgegangen, um Kaffee und Decken zu holen. Während ihr Vater von den Rotarmisten durchsucht und dann durchgelassen worden sei, habe man Kaminski den Zutritt zu seinem Haus verwehrt, dieser sei unverrichteter Dinge in den Bunker zurückgekehrt. Am frühen Nachmittag erschienen schließlich sowjetische Soldaten im Bunker, sprachen mit Meczulats Vater, durchsuchten das Handgepäck und spielten mit den anwesenden Kindern. Gegen Abend sei ein höherer Offizier erschienen, woraufhin es zu einer Auseinandersetzung zwischen diesem und einem anderen Soldaten gekommen sei. Anschließend seien die Zivilisten aus dem Bunker kommandiert worden und vor dem Ausgang mittels Kopfschüssen getötet worden. Lediglich Gerda Meczulat überlebte, weil sie krankheitsbedingt hinfiel und zwar einen Kopfschuss erhielt, der aber lebenswichtige Organe verfehlte. Meczulat wurde einen Tag später von Wehrmachtssoldaten nach Osterode und später ins Krankenhaus nach Neuruppin gebracht.[9]

Auf dem Gut Schrödershof des Nemmersdorfer Bürgermeisters Johannes Grimm hatte sich gegen 7 Uhr ein Flüchtlingstreck in Bewegung gesetzt, so dessen Frau Margot. Er sei kurz darauf von sowjetischen Soldaten angehalten worden, lediglich der erste Wagen des Trecks sei unter Gewehrfeuer davongefahren. Die Rotarmisten hätten sie zum Absteigen gezwungen und durchsucht. Den Männern seien Armbanduhren abgenommen worden, schließend sei ihr Mann zur Seite geführt und durch einen Schuss in die Schläfe getötet worden. Von polnischen Zwangsarbeitern sei sie verkleidet und als Polin ausgegeben worden, wodurch sie verschont geblieben sei.[10] Die Gemeindekrankenschwester wurde in Nemmersdorf von sowjetischen Soldaten getreten und schwer verletzt. Abgesehen von den Erschießungen decken sich diese gemischten Eindrücke der Nemmersdorfer mit Rotarmisten mit denen aus Dörfern der Umgebung: In Tutteln (Kreis Gumbinnen, russisch: Sytschjowo, der Ort existiert nicht mehr) nahmen sowjetische Truppen am 22. Oktober Zivilisten zum Schutz vor Geschützfeuer mit in einen Unterstand. Auf dem östlich der Brücke gelegenen Gut Eszerischken verhielten sich Rotarmisten am gleichen Tag zunächst freundlich gegenüber den Bewohnern, später vergewaltigten jedoch zwei Angehörige der Roten Armee eine junge Frau. Am Montag, dem 23. Oktober, spielten sie nach Angaben von Augenzeugen offenbar mit dem Gedanken, die Gutsbewohner zu erschießen, ließen jedoch nach dem Protest polnischer Zwangsarbeiter von diesem Vorhaben ab.[11] Nach Angaben von Erika Feller, die allerdings nicht vor Ort war, kamen außer den Insassen des Bunkers und dem Bürgermeister auch mindestens zwei Flüchtlingsfrauen aus Eszerischken an der Brücke ums Leben, als die Rote Armee den Ort hielt. Die Gemeindeseelenliste weist neben sieben von Rotarmisten erschossenen Nemmersdorfern aus dem Bunker auch noch die Namen Bernhard Brosius, Berta Aschmoneit, die Witwe Hilgermann und das Ehepaar Wagner auf.[12]

Namentlich oder durch Herkunft bekannte Tote während der Einnahme und Besetzung Nemmersdorfs durch die Rote Armee[13][14][15]
Name Herkunft Alter Todesumstände
Aschmoneit, BertaBerta Aschmoneit Nemmersdorf 70 In ihrem Haus durch eine Kugel getötet
Brosius, BernhardBernhard Brosius Nemmersdorf * 1885 Unbekannt
Grimm, JohannesJohannes Grimm Nemmersdorf 37 Auf Gut Schrödershof von sowjetischen Soldaten erschossen
Hilgermann, Fr.Fr. Hilgermann Nemmersdorf Ca. 60 Unbekannt
Hilbermann, HeleneHelene Hilbermann Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Hobeck, FriedrichFriedrich Hobeck Nemmersdorf Ca. 72 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Hobeck, AmalieAmalie Hobeck Nemmersdorf Ca. 74 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminski, KarlKarl Kaminski Nemmersdorf * 1865 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminski (Ehefrau), Fr.Fr. Kaminski (Ehefrau) Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminski (Schwiegertochter), Fr.Fr. Kaminski (Schwiegertochter) Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Verwandter vonVerwandter von Kaminskis Gumbinnen Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Verwandte vonVerwandte von Kaminskis Gumbinnen Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Enkelkind vonEnkelkind von Kaminskis Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Enkelkind vonEnkelkind von Kaminskis Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Enkelkind vonEnkelkind von Kaminskis Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Kaminskis, Enkelkind vonEnkelkind von Kaminskis Nemmersdorf Unbekannt Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Klaus, AmalieAmalie Klaus Nemmersdorf * 1881 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Koch, MariaMaria Koch Skardupchen * 1897 Unbekannt
Meczulat, EduardEduard Meczulat Nemmersdorf 71 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Susat, Hr.Hr. Susat Nemmersdorf Ca. 70 Am Kanaldurchbruch von sowjetischen Soldaten erschossen
Wagner, Hr.Hr. Wagner Nemmersdorf Ca. 65 Unbekannt
Wagner, Fr.Fr. Wagner Nemmersdorf Ca. 65 Unbekannt
Waldowski, Grete (Gertrud)Grete (Gertrud) Waldowski Kopischken 19 Durch Kopfschuss getötet
Zahlmann, Hr. M.Hr. M. Zahlmann Gerwischken Unbekannt Erschossen
Name Unbekannt (Arbeiterfrau) Gut Eszerischken Unbekannt Unbekannt
Name Unbekannt (Arbeiterfrau) Gut Eszerischken Unbekannt Unbekannt

Neben den hier aufgelisteten Opfern gab es weitere Personen, bei denen nicht sicher festzustellen ist, wo sie sich während der Ereignisse in und um Nemmersdorf aufhielten und wie sie ums Leben kamen. Dazu gehörten eine Schwester von Berta Aschmoneit und eine weitere Arbeiterfrau aus Eszerischken. Aus einem Treck aus Schameitschen wurden möglicherweise Herta und Margitta Brandtner durch Schüsse getötet. Aus den Trecks wurden zudem das Ehepaar Friedrich (* 1868) und Matilde Rossian (* 1875) aus Matzukehmen und ein Mann namens Bahr aus Augstupönen als vermisst gemeldet.[16] Legt man vertrauenswürdige Augenzeugenberichte, die Gemeindeseelenlisten und Fragebogenberichte zugrunde, so beläuft sich die Gesamtzahl der Toten in Nemmersdorf auf 23 bis 30. Die Berichte der Wehrmachtsoffiziere Hans Hinrichs und Karl Fricke, die Bernhard Fisch als seriös bewertet, kommen auf insgesamt 26 Todesopfer in und um Nemmersdorf.[17] Abgesehen von den durch Augenzeugen bezeugten Erschießungen lässt sich aber nicht feststellen, welche der Opfer mutwillig getötet wurden. Auch unbeabsichtigte Todesfälle unter der Zivilbevölkerung etwa durch Panzergranaten von Wehrmacht oder Roter Armee sind möglich. Eine solche Interpretation wurde in der bundesdeutschen Literatur aber in der Regel zugunsten der These fallen gelassen, die Menschen seien durch Sowjetsoldaten ermordet worden.[18]

Rückeroberung und Inspektion[Bearbeiten]

Bereits in der Nacht zum 21. Oktober 1944 hatte die Wehrmacht in der Garnison Insterburg Alarmeinheiten aufgestellt. Das deutsche Panzergrenadier-Ersatzbataillon 413 schickte in der Nacht zum 22. Oktober etwa 100 Mann nach Nemmersdorf, die von Oberleutnant Louis Rubbel und Feldwebel Helmut Hoffmann angeführt wurden und das Dorf von Westen angriffen. Sie konnten die Angerapphöhe südlich des Dorfes erreichen, während Einheiten der Fallschirm-Panzer-Division Hermann Göring unabhängig von ihnen das Dorf von Nordwesten angriffen. Nach mehreren Gefechten im Laufe des 22. Oktobers zog sich die Rote Armee am 23. Oktober 1944 gegen 2:30 Uhr aus Nemmersdorf zurück.[6]

Der Rückzug der Roten Armee wurde von den deutschen Truppen erst nach etwa sechs bis acht Stunden am Morgen des 23. Oktobers bemerkt. Günter K. Koschorrek, der seine Kriegserinnerungen 1995 veröffentlichte, gehörte zu den Soldaten, die das Dorf zurückeroberten. Er beschreibt seine Eindrücke folgendermaßen:

„Als wir den Ort durchkämmten, trafen wir keine Sowjets mehr an. Dafür entdeckten wir grausige Bilde von dahingemetzelten Menschen, die mich an die Greueltaten an sowjetischen Dorfbewohnern durch ihre eigenen Soldaten erinnerten, wie ich sie während unseres Rückzugs im Frühjahr 1944 oft erlebte. Hier waren es deutschen Frauen, denen man die Kleider vom Körper gerissen hatte, um sie zu schänden und anschließend auf gräßliche Art zu verstümmeln. An einer Scheune entdeckten wir einen alten Mann, dessen Hals mit einer Mistgabel durchstochen wurde, daß er an der Tür regelrecht angenagelt war. Im Schlafzimmer eines Hauses waren alle Federbetten aufgeschlitzt und mit Blut verschmiert. In den Federn lagen zwei aufgeschlitzte Frauenleichen und zwei ermordete Kinder (...). Es ist mir unmöglich, all das Grauenvolle in Nemmersdorf so zu beschreiben, wie es wirklich war. Ich finde keine richtigen Worte und es widerstrebt mir, das auszusprechen, was hier an unschuldigen Frauen, Kindern und alten Menschen teuflisch vollzogen wurde.“[19]

Zu den ersten Deutschen, die den Ort danach inspizierten, gehörten Helmut Hoffmann und der Soldat Harry Thürk aus der Division Herrmann Göring. Auch der Kreisbauernführer Fritz Feller begab sich umgehend nach Nemmersdorf, als er vom Abzug der Sowjettruppen erfuhr. Am 23. oder 24. Oktober traf mit Karl Gebhardt nicht nur ein SS-Generalleutnant, sondern auch der Leibarzt von Heinrich Himmler ein. Als die ersten offiziellen Inspekteure der Geheimen Feldpolizei am 25. Oktober in Nemmersdorf eintrafen, waren dort bereits zahlreiche Angehörige der SS und NSDAP anwesend, darunter drei Sicherheitspolizisten aus Gumbinnen, eine Abordnung der SS-Standarte Kurt Eggers sowie eine NSDAP-Kommission unter dem ostpreußischen Gaupropagandaleiter Märtins. Darüber hinaus hatten auch die Heeresgruppe Mitte und die Luftwaffe jeweils einen Kriegsberichterstatter nach Nemmersdorf abkommandiert, zu denen am 25. Oktober auch noch Hans Hinrichs vom Oberkommando der Wehrmacht, ein Kriegsgerichtsrat Groch und Hauptmann Karl Fricke vom Oberkommando der 4. Armee stießen. Die Vertreter von Wehrmacht und SS wurden unabhängig voneinander nach Nemmersdorf entsandt, was sich daran ablesen lässt, dass die ersten SS-Einheiten vor den offiziellen Wehrmachtsinspekteuren in Nemmersdorf eintrafen, offenbar war ein direkter Nachrichtenweg von der ostdeutschen Front zum SS-Reichsführer Heinrich Himmler vorhanden.[20]

Von diesen frühen Zeugen liegen Berichte von Hoffmann, Thürk, der Geheimen Feldpolizei sowie von Hinrichs und Fricke vor. Hoffmann gab seine Beobachtungen etwa 65 Jahre später Bernhard Fisch zu Protokoll, alle anderen Zeugen verfassten sie schriftlich. Alle Berichte aus dieser Zeit stimmen stark überein, sowohl hinsichtlich der Szenerie als auch mit Blick auf die Opferzahlen. Vermerkt wurden Tote am Kanalbunker (neun bis zehn), in den Häusern östlich des Dorfplatzes (eine alte Frau in ihrem Wohnzimmer, im gegenüberliegenden Haus ein totes Ehepaar und eine junge Frau, Grete Waldowksi) sowie an der Brücke (zwei Frauen und ein Säugling). Abseits der Hauptstraße berichtete Harry Thürk von einem toten älteren Mann auf einem Misthaufen, dem eine Mistgabel im Brustkorb steckte. Darüber hinaus vermerkt Thürk eine Frau, die an einen Scheunenflügel aufgehängt worden und, kurz nachdem er sie gesehen hatte, abgenommen worden sei.[21] In der Frage, ob es in Nemmersdorf zu Vergewaltigungen kam, sind sich die Berichte uneinig: Hoffmann verneint dies, die Geheime Feldpolizei hielt sie bei einer Frau auf der Brücke für möglich. Die im Dorf gefundenen Leichen wurden von den Inspekteuren zunächst der Hitze wegen in einem Massengrab auf dem Dorffriedhof beerdigt. Später wurden die Leichen exhumiert und untersucht, die Geheime Feldpolizei notierte 13 Frauen, acht Männer und fünf Kinder. Von den Leichen wurden anschließend Photos angefertigt, es ist aber unklar, wie stark die Körper für die Bilder manipuliert wurden. Wenn diese ersten Bilder mit den später vom deutschen Propagandaministerium verbreiteten identisch sind, wurden den Frauen zumindest die Röcke hoch- und die Unterwäsche herabgezogen.[17] Dies legt bereits eine propagandistische Absicht nahe, Überlegungen der Pietät hätten hingegen eine Bedeckung der Toten nach sich gezogen, so Bernhard Fisch. Unklar ist auch, wer die Toten identifizierte, hierzu machen die Quellen widersprüchliche Angaben. Wahrscheinlich handelte es sich um Gertrud Hobeck, die als Krankenschwester in Insterburg tätig war und ihre Eltern und andere Dorfbewohner erkannte. Die aus dem Kreis Darkehmen stammende Grete Waldowski wurde offenbar anhand ihrer Kennkarte identifiziert. Der weitere Verbleib der Leichen ist ungeklärt: Im heutigen Majakowskoje gibt es keinen Grabstein, der auf Einzel- oder Massengräber hinweist. Auch Fotos von einer solchen Grabstätte existieren nicht. Eine anonyme Bestattung wäre selbst für die Endphase des Zweiten Weltkrieges äußerst ungewöhnlich, im Frühjahr 1945 wurden selbst in der Schlacht gefallenen Soldaten noch an Ort und Stelle Grabkreuze mit Inschrift gesetzt.[22]

Der Zustand des Dorfes nach den Kampfhandlungen ist unklar: Laut Thürk sei es weitgehend unbeschadet gewesen, was er angesichts des Artilleriebeschusses durch die Wehrmacht erstaunt zur Kenntnis genommen habe. Auch Bernhard Fisch, der das verlassene Dorf am 27. Oktober 1944 als junger Soldat in Augenschein nahm, beschreibt den westlichen Teil Nemmersdorfs als völlig intakt.[23] Während Fritz Feller dies in seinem Fragebogenbericht von 1944 bestätigte, reichen die Schilderungen von ehemaligen Nemmersdorfern in späteren Jahrzehnten von mehreren zerstörten Häusern bis hin zu einer völligen Zerstörung des Dorfs; Fritz Feller selbst sprach später davon, der Ort sei zu zwei Dritteln zerstört gewesen. Diese Diskrepanzen lassen sich zum Teil durch unterschiedlich betroffene Ortsteile erklären. Zudem ist es möglich, dass durchziehende Landser das verlassene Dorf nach dem Abzug der ersten Inspekteure verwüsteten, wie dies auch im Umland von Nemmersdorf vorkam.[24]

Propagandistische Instrumentalisierung[Bearbeiten]

NS-Offizielle inspizieren aufgebahrte Leichen
Aufnahme einer deutschen Propagandakompanie mit Leichen in Nemmersdorf. Die Toten wurden bewusst mit hochgezogenen Röcken fotografiert, um sie als Vergewaltigungsopfer darzustellen.

Das deutsche Reichspropagandaministerium unter Joseph Goebbels erkannte die Bedeutung der Nemmersdorfer Vorfälle für eine propagandistische Auswertung, möglicherweise wurden bereits vor der Einnahme Nemmersdorfs durch die Rote Armee Vorbereitungen für eine entsprechende Instrumentalisierung getroffen. So war dem Ministerium der Stimmungsumschwung in der deutschen Bevölkerung bekannt, die der NS- und Wehrmachtführung angesichts der fortgesetzten Niederlagen deutscher Truppen an der Ost- und Westfront 1944 zunehmend skeptisch gegenüberstand. Es arbeitete intensiv an Gegenmaßnahmen, um die Kriegsmoral der Deutschen wiederherzustellen.[25] Noch bevor die Wehrmacht das Dorf angriff, gingen leitende Stellen von der Gewissheit aus, dass in Nemmersdorf Zivilisten umgekommen waren.[26]

Öffentlichkeitskampagne[Bearbeiten]

Nachdem ihn die ersten Berichte aus Nemmersdorf erreicht hatten, notierte Goebbels in seinem Tagebuch, dass er zu Nemmersdorf eine große Presseerklärung plane. Auf Basis der Berichte von NSDAP-, SS- und Wehrmachtsangehörigen vor Ort erschien schließlich am 27. Oktober 1944 im Völkischen Beobachter und anderen reichsdeutschen Zeitungen ein Artikel über Nemmersdorf. Er nannte keine genaue Opferzahl, fügte aber zu den Toten aus den frühen Berichten „mehrere niedergemachte Frauen“ hinzu, die allesamt per Genickschuss getötet und ausgeraubt worden seien. Der Völkische Beobachter behauptete außerdem, dass alle Häuser Nemmersdorfs von Rotarmisten geplündert und zerstört worden seien, dass die Evakuierung des Orts planmäßig verlaufen sei und dass es sich beim Einrücken der Roten Armee über einen plötzlichen Vorstoß gehandelt habe, der einige Dorfbewohner überrascht habe. Am Tag darauf folgte eine Reportage eines PK-Mannes und ein ausführlicherer Bericht, der auch Todesopfer aus der weiteren Region behandelte und auf insgesamt 61 Tote kam. Die Belastbarkeit dieser Zahlen ist ungeklärt. Der Völkische Beobachter subsumierte alle Toten unter dem Stichwort Nemmersdorf, um die propagandistische Wirkung zu verstärken. Wochenschauaufnahmen zeigten Bilder der Propagandakompanie, auf denen mehrere Frauen mit hochgezogenen Röcken und ein vollständig zerstörtes Dorf zu sehen waren. Zwei Tage später folgten nachweislich falsche Berichte in den NS-nahen Zeitungen Fritts Folk (Oslo) und Courrier de Genève (Genf), die die Artikel im Völkischen Beobachter bestätigten oder an Drastik noch übertrafen.[27]

Untersuchungskommission[Bearbeiten]

Parallel dazu richtete Goebbels eine internationale Untersuchungskommission ein, die mit dem Esten Hjalmar Mae einen Vertrauten von Karl Dönitz als Vorsitzenden und als Mitglieder bis auf eine Ausnahme nur Angehörige von besetzten oder verbündeten Staaten hatte. Sie befragten am 31. Oktober 1944 den Volkssturmmann Emil Radünz, den Kriegsgerichtsrat Paul Groch, Hans Hinrichs, Charlotte Müller von Gut Eszerischken, einen Stabsarzt namens William, einen Leutnant Saidat und einen Reporter der Luftwaffe Keiner, der die Aufnahmen aus Nemmersdorf angefertigt hatte. Die Zeugen wurden vor ihrer Befragung durch Eberhard Taubert unter vier Augen belehrt, ihre Aussagen wurden mit ihm zuvor durchgesprochen. Insbesondere die Schilderungen von Radünz und Saidat spitzten die Darstellungen der NS-Presse noch einmal zu, so war von Verschleppungen nach Sibirien, ausnahmsloser Vergewaltigung aller Nemmersdorferinnen und einem toten Schweizer die Rede. Auch über die Tagung der Untersuchungskommission berichtete der Völkische Beobachter. Sie war für Goebbels nicht nur ein Versuch, die deutsche Öffentlichkeit noch weiter aufzurütteln, sondern richtete sich vor allem auch an ausländische Staaten und Medien, die damit für den Kampf gegen die Sowjetunion gewonnen werden sollten.[28]

Weder die inländische Pressekampagne noch die Untersuchungsmission hatte jedoch nennenswerte Erfolge. Die NS-Propaganda schaffte es nicht, Fragen nach den Ursachen der sowjetischen Vorstoßes und ihrer Evakuierungspolitik in der Bevölkerung zu zerstreuen. Goebbels verbuchte seine Aktion am 10. November 1944 als Misserfolg in seinem Tagebuch und äußerte sich bis Dezember 1944 überhaupt nicht mehr zu den Vorfällen.[29] Die Wehrmachtführung klagte im Januar 1945 verschiedene Offiziere der Roten Armee wegen Kriegsverbrechen in Nemmersdorf an, was jedoch angesichts der Kriegslage keine Konsequenzen hatte.[30]

Rezeption in der Nachkriegszeit[Bearbeiten]

Eine neue Dynamik gewann der Fall Nemmersdorf nach Kriegsende vor dem Hintergrund der Vertreibung der deutschen Bevölkerung aus den Gebieten östlich der Oder-Neiße-Linie und des aufkommenden Kalten Krieges. Die Berichte über die Ereignisse wurden in der Bundesrepublik Deutschland zu einem Teil der Erinnerungskultur und erfuhren zahlreiche inhaltliche Änderungen. Bereits 1946 gab Erich Dethleffsen zu Protokoll, die sowjetischen Soldaten hätten in Nemmersdorf mehrere Personen lebendig an Scheunentore genagelt und neben einheimischen Zivilisten auch rund 50 französische Kriegsgefangene erschossen. In den Jahren darauf meldeten sich immer mehr ehemalige Autoren zu Wort, die durch Zeugen von Massenvergewaltigungen, von Panzern plattgewalzten Zivilisten und kastrierten Männern erfahren haben wollten. Diese Schilderungen gipfelten im vermeintlichen Augenzeugenbericht, den Karl Potrek 1953 unter einem Pseudonym verfasste: Er sprach von 72 ermordeten Frauen und Kindern in Nemmersdorf, Kreuzigungen nackter Frauen an Scheunentüren und Axtmorden an alten Frauen. Unter den Toten sei nur ein einziger erwachsener Mann, der Rest seien Frauen und Kinder gewesen. Laut Potrek wurden die Toten erst nach fünf Tagen bestattet, was mit keiner der Aussagen früherer Zeugen vereinbar ist. Von den Toten am Behelfsbunker oder auf Gut Schrödershof war in den bundesdeutschen Berichten der Nachkriegszeit hingegen nur noch selten die Rede. Potreks „Erinnerungen“ wurden 1971 von Rudolf Grenz veröffentlicht. Neben Potrek berief sich Grenz auch auf eine Reihe weiterer fragwürdiger Zeugen, durch Augenzeugen verbürgte Begebenheiten sind in seinem Werk oft stark dramatisiert und teils verfälscht. Werke aus späteren Jahrzehnten, unter anderem von Alfred de Zayas, beriefen sich häufig auf Grenz und seine Zeugen; vor allem Karl Potrek, der wahrscheinlich nie vor Ort war, wurde am häufigsten zitiert. Die Zeitzeugen Gerda Maczulat und Johannes Schewe veröffentlichten zwar Ende der 1970er ihre Erinnerungen, sie wurden jedoch auch von späteren Autoren übergangen. Fotografien der Propagandakompanie sowie Berichte und Artikel offizieller NS-Stellen wurden im bundesdeutschen Diskurs als verlässliche Quellen betrachtet. Lediglich de Zayas bemühte sich um eine Überprüfung einiger Berichte durch ihre noch lebenden Urheber.[31]

Die Zuspitzung der Berichterstattung über Nemmersdorf in der Bundesrepublik erklären Eva und Hans-Henning Hahn als Verdrängung einer deutschen Mitverantwortung für die Aussiedlung der deutschen Bevölkerung aus den Ostgebieten.[32] Bernhard Fisch vermutet hingegen eine Reaktion auf den Blockgegensatz im Kalten Krieg, bei dem der ideologische Gegner Sowjetunion dämonisiert wurde.[33]

Arbeiten von Bernhard Fisch[Bearbeiten]

Fisch beschäftigte sich seit seiner Jugend und Aussiedlung in die Deutsche Demokratische Republik mit Nemmersdorf, konnte aber lange Zeit kaum dazu forschen, da die DDR-Führung die Aufarbeitung sowjetischer Kriegsverbrechen unterdrückte. Die Sowjetunion wiederum bestritt von Anfang an jede Verantwortung für die Vorfälle, sie werden auch in jüngeren russischen Geschichtsbüchern noch als reine Propagandaaktion des NS-Regimes dargestellt. Erst nach der deutschen Wiedervereinigung konnte Fisch offen zu Nemmersdorf forschen und bis 1994 noch lebende Zeitzeugen ausfindig machen. Diese widersprachen ausdrücklich allen nach Kriegsende aufgekommenen Darstellungen des Geschehens und relativierten auch einige der Behauptungen des Völkischen Beobachters. Fisch gelang es ab Ende der 1990er, das Geschehen in und um Nemmersdorf in vielen Teilen zu rekonstruieren, wies aber auch auf bedeutende Lücken in den Quellen hin, die es nicht möglich machten, die Ereignisse vollständig nachzuzeichnen. Mit Blick auf die veränderte Quellenlage übten Fisch sowie Eva und Hans Henning Hahn[32] scharfe Kritik an früheren westdeutschen Historikern, die das Massaker von Nemmersdorf fahrlässig, unkritisch oder verfälschend dargestellt hätten.[34]

Spekulative Deutungen und Kritik[Bearbeiten]

Nach wie vor ist ungeklärt, warum Rotarmisten in Nemmersdorf Zivilisten erschossen. Fisch hält es für möglich, dass die Wehrmacht im Oktober 1944 verdeckte Aktionen hinter feindlichen Linien durchführte und mit in die Ereignisse im Dorf verwickelt war. Dafür führt er unter anderem den Umstand ins Feld, dass sie zum damaligen Zeitpunkt über sowjetische T-34-Panzer verfügte, die auch als Lockvögel eingesetzt wurden und dass die SS über eine direkte Nachrichtenverbindung nach Nemmersdorf sowie zahlreiche Offiziere binnen kurzer Zeit dorthin abordnen konnte. Auch hinter dem Deutsch sprechenden sowjetischen Offizier, der die Frau des Dorfpolizisten aus dem Ort fuhr, sieht er einen Hinweis darauf, dass mit sowjetischen Panzern womöglich auch getarnte deutsche Einheiten in Nemmersdorf einrückten. Fisch vermutet aufgrund dieser Indizien eine aktive Rolle der deutschen Seite im Massaker von Nemmersdorf, kennzeichnet sie aber deutlich als Spekulation.[26][32] Neben dem Lob für seine Quellenarbeit[35] brachten diese Deutungen Fisch allerdings auch Kritik ein: So bemängelt etwa Karl-Heinz Frieser, dass Fischs Darstellung fast ausschließlich auf mündlichen Zeitzeugenberichten beruhe und in ihrer Interpretation der Ereignisse zu positiv gegenüber der Roten Armee ausfalle. Frieser hält die bei Nemmersdorf verübten „Greueltaten sowjetischer Truppen“ auch für „eine erste moralische Niederlage im heraufdämmernden Kalten Krieg“.[36]

Schwierigkeit der Rekonstruktion des Geschehens[Bearbeiten]

Für Ian Kershaw sind die „genauen Einzelheiten der Vorgänge, die in Nemmersdorf stattfanden [...] nach wie vor unklar“.[37] So schwierig es sei, Propaganda und Wirklichkeit auseinanderzuhalten, gelte doch, dass bei Nemmersdorf „tatsächlich entsetzliche Dinge geschehen“ waren.[38][39]

Belege[Bearbeiten]

Literatur[Bearbeiten]

  •  Bernhard Fisch: Nemmersdorf, Oktober 1944. Was in Ostpreußen tatsächlich geschah. edition ost, Berlin 1997, ISBN 3-932180-26-7.
  •  Bernhard Fisch: Was haben die Augenzeugen wirklich gesehen? Erfahrungsbericht über die Quellen zu den Ereignissen im ostpreußischen Nemmersdorf am 21. und 22. Oktober 1944. In: Bulletin für Faschismus- und Weltkriegsforschung. 12, 1999, S. 30–65.
  •  Bernhard Fisch: Nemmersdorf 1944 – nach wie vor ungeklärt. In: Gerd Ueberschär (Hrsg.): Orte des Grauens: Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Primus, Darmstadt 2003, ISBN 3896782320, S. 155–167.
  •  Bernhard Fisch: Nemmersdorf im Oktober 1944. In: Elke Schersjanoi (Herausgeber) (Hrsg.): Rotarmisten schreiben aus Deutschland. Briefe von der Front (1945) und historische Analysen. K. G. Sauer, München 2004, ISBN 3-598-11656-X, S. 287–304.
  •  Bernhard Fisch: Nemmersdorf 1944 – ein bisher unbekanntes zeitnahes Zeugnis. In: Zeitschrift für Ostmitteleuropa-Forschung. 56 (1), 2007, S. 105–114.
  • Karl-Heinz Frieser: Epilog. Das Menetekel von Nemmersdorf. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 8. Die Ostfront 1943/44. Der Krieg im Osten und an den Nebenfronten. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes hrsg. von Karl-Heinz Frieser. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2007, ISBN 978-3-421-06235-2, S. 619–622
  •  Hans Goldenbaum: Nicht Täter, sondern Opfer? Ilja Ehrenburg und der Fall Nemmersdorf im kollektiven Gedächtnis der Deutschen. In: Hallische Beiträge zur Zeitgeschichte. 17, 2007, S. 7–38.
  •  Eva Hahn, Hans-Henning Hahn: Die Vertreibung im deutschen Erinnern: Legenden, Mythos, Geschichte. Schöningh, Paderborn 2010, ISBN 978-3-506-7704-48.
  • Ian Kershaw: Das Ende, Kampf bis in den Untergang. NS-Deutschland bis 1944/45. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2011, ISBN 978-3-421-05807-2, S. 166–182
  •  Alfred M. de Zayas: Die deutschen Vertriebenen: Keine Täter – sondern Opfer. Hintergründe – Tatsachen – Folgen. Ares Verlag, Graz 2006, S. 67ff.

Artikel in Tageszeitungen und Zeitschriften[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Commons: Massaker von Nemmersdorf – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Fisch 1997, S. 8.
  2. Fisch 1997, S. 9.
  3. Fisch 1997, S. 104–118.
  4. Fisch 1997, S. 79.
  5. Fisch 1997, S. 119–120.
  6. a b Fisch 1997, S. 155.
  7. Fisch 1997, S. 33–41.
  8. Fisch 1997, S. 169.
  9. Fisch 1997, S. 121–123.
  10. Fisch 1997, S. 121–124.
  11. Fisch 2003, S. 156–157.
  12. Fisch 1997, S. 125.
  13. Fisch 1997, S. 124–125.
  14. Fisch 2003, S. 159–160.
  15. Fisch 2007, S. 108–109.
  16. Fisch 1997, S. 124–126.
  17. a b Fisch 1997, S. 159–161.
  18. Fisch 1997, S. 126.
  19. Günter K. Koschorrek: Vergiss die Zeit der Dornen nicht. Weltbild, Augsburg 2008, S. 435 f.
  20. Fisch 2003, S. 158–165.
  21. Fisch 1997, S. 132.
  22. Fisch 1997, S. 134–136.
  23. Fisch 1997, S. 27–28.
  24. Fisch 1997, S. 131–140.
  25. Fisch 1997, S. 141–144.
  26. a b Fisch 2003, S. 165.
  27. Fisch 1997, S. 144–152.
  28. Fisch 1997, S. 155–159.
  29. Fisch 1997, S. 150.
  30. Fisch 1997, S. 162–163.
  31. Fisch 1997, S. 160–172.
  32. a b c Hahn & Hahn 2010, S. 64.
  33. Fisch 1997, S. 172.
  34. Fisch 1997, S. 171–172.
  35. Goldenbaum 2007, S. 35.
  36. Karl-Heinz Frieser: Epilog: Das Menetekel von Nemmersdorf. In: Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg. Bd. 8. S. 619–622 (Zitat S. 622); vgl. auch Ian Kershaw: Das Ende, S. 166–182 sowie zu Fisch und Frieser, S. 578f. Fußnote 63.
  37. Ian Kershaw: Das Ende, S. 169.
  38. Ian Kershaw: Das Ende, S. 171.
  39. Ian Kershaw, The End, S. 394 ("the propaganda image of Nemmersdorf, scene of sowjet atrocities in October 1944, was worse than the reality - but that had certainly been bad enough.")

54.5222.065555555556Koordinaten: 54° 31′ N, 22° 4′ O