Massenpsychologie

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Massenpsychologie ist ein Teilgebiet der Sozialpsychologie und beschäftigt sich mit dem Verhalten von Menschen in Menschenansammlungen. Ausgang für die Theoriebildung der Massenpsychologie ist die zum allgemeinen Erfahrungsschatz gehörende Tatsache, dass große Menschenmassen ein oft überraschend erscheinendes Verhalten zeigen. Zum Beispiel die Auslösung einer Panik aufgrund eines eher unbedeutenden Anlasses.

Nach Studien von Davis und Harless (1996) werden wichtige Entscheidungen in einer Gruppe nicht von einzelnen Individuen getroffen, sondern von der Masse in Abstimmung herbeigeführt, um durch die Zusammenarbeit ein Ziel zu erreichen. In der Geschichte sind große Menschenmassen imstande gewesen, dramatische und plötzliche soziale Veränderungen außerhalb der etablierten Rechtsprozesse einzuleiten. Kollektive Zusammenarbeit wird von einigen verdammt, von anderen unterstützt. Sozialwissenschaftler haben einige unterschiedliche Theorien aufgestellt, um massenpsychologische Phänomene zu erklären und zu erläutern, inwiefern sich das Gruppenverhalten vom Verhalten der Einzelpersonen innerhalb der Gruppe signifikant unterscheidet.

Ansteckungstheorie[Bearbeiten]

Eine frühe Theorie zum kollektiven Verhalten hat der französische Soziologe Gustave Le Bon mit seinem Hauptwerk "Psychologie der Massen" (1895), formuliert. Nach Le Bons Ansteckungstheorie (engl. Contagion theory) üben soziale Gruppen eine hypnotische Wirkung auf ihre Mitglieder aus. Geschützt in der Anonymität der Menge, geben Menschen ihre persönliche Verantwortung auf und ergeben sich den ansteckenden Gefühlen der Masse. Die Menschenmenge entwickelt so ein Eigenleben, wühlt die Gefühle auf und verleitet die Personen tendenziell zu irrationalem Handeln. Wie Clark McPhail ausführt, offenbaren systematische Untersuchungen allerdings, dass „die verrückte Masse“ kein Eigenleben getrennt von den Gedanken und Intentionen ihrer Mitglieder führt. Norris Johnson, der eine Panik während eines Who-Konzerts 1979 erforschte, kam zu dem Schluss, dass die Masse aus vielen Kleingruppen bestand, deren Mitglieder vorwiegend versuchten, einander zu helfen.

Le Bons Arbeiten bilden den Ausgangspunkt von Sigmund Freuds Studie Massenpsychologie und Ich-Analyse. Wilhelm Reich formuliert aus seiner eigenen Weiterentwicklung der Psychoanalyse 1933 sein Werk Die Massenpsychologie des Faschismus.

Annäherungstheorie[Bearbeiten]

Die Annäherungstheorie (engl. Convergence theory) postuliert, dass das Massenverhalten nicht von der Masse selbst ausgeht, sondern von einzelnen Individuen in die Gruppe hineingetragen wird. Die Gruppenbildung selbst läuft auf die Annäherung von Individuen mit ähnlicher Gesinnung hinaus. Mit anderen Worten ausgedrückt: Die Ansteckungstheorie besagt, dass Gruppen Menschen zu bestimmtem Handeln veranlassen; die Annäherungstheorie dagegen sagt das Gegenteil: Menschen, die in einer bestimmten Weise handeln wollen, schließen sich zusammen.

Ein Beispiel für die Annäherungstheorie ist ein Phänomen, welches sich manchmal beobachten lässt, wenn in einer zuvor homogenen Gegend vermehrt Immigranten auftauchen und Mitglieder der bereits existierenden Gemeinschaft sich (offenbar spontan) verbünden, um die Zuzügler zu bedrohen. Anhänger der Konvergenztheorie glauben, dass in solchen Fällen nicht die Masse den Rassenhass oder Gewalt erzeugt, sondern dass die Feindseligkeit längere Zeit in vielen Bewohnern gebrodelt hat. Die Masse entsteht aus der Annäherung derjenigen Menschen, die gegen die neuen Nachbarn sind. Die Konvergenztheorie besagt, dass das Verhalten der Masse selbst nicht irrational ist, vielmehr drücken die Personen in der Gruppe existierende Ansichten und Werte aus, sodass die Reaktion des Pöbels nur das rationale Produkt von weitgestreuten populären Gefühlen ist.

Methodik[Bearbeiten]

Bei der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Massenpsychologie stoßen klassische Methoden sehr schnell an ihre Grenzen. Anders als individualpsychologische Fragestellungen können Hypothesen der Massenpsychologie nicht mit Experimenten im Labor überprüft werden. Interviews und Fragebögen sind untaugliche Mittel, Feldstudien erweisen sich ebenfalls als eher ungeeignet, da sie in diesem Kontext kaum durchführbar sind. Neuere Forschungsarbeiten wenden Agentenbasierte Modelle an, um kollektive Phänomene zu analysieren (Brudermann 2010).

Anwendungsgebiete[Bearbeiten]

Die Finanzmarktpsychologie ist ein wichtiges Anwendungsgebiet, in welchem sich die massenpsychologische Forschung etablieren kann. Die Zusammenführung von Wissen über Anlegerverhalten mit den Erkenntnissen der Massenpsychologie offenbart neue Modelle und Herangehensweisen für realistischere Erklärungskonzepte der Finanzmarktdynamik. Denn der Zyklus von Boom und Krise ist ein „natürliches“ Element in der Finanzmarktgeschichte und traditionellen ökonomischen Theorien und Finanzmarktmodelle (z.B. Effizienzmarkthypothese) versagen aber bei der Erklärung und Vorhersage solcher Trends und den ihnen zugrundeliegenden Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. Denn sie berücksichtigen nicht den gesamten Menschen, sondern nur eine akademische Abstraktion jener Aspekte des menschlichen Verhaltens, die sie für ökonomisch relevant halten. Und sie vergessen auch die Gesellschaft, mit der die Märkte untrennbar verbunden sind. Und genau an diesem Punkt setzt die Massenpsychologie, die unter anderem auf den Konzepten der gegenseitigen sozialen und psychologischen Ansteckung sowie der menschlichen Neigung zur Orientierung und Nachahmung anderer im sozialen Umfeld basiert, an. Die Erforschung kollektiver Dynamiken liefert noch einen weiteren Beitrag zum besseren Verständnis der Prozesse an den Finanzmärkten, indem sie auf den Zusammenhang zwischen kurzfristigen Entwicklungen und langfristigen Veränderungsprozessen hinweist. Basierend auf dem Prinzip langer und kurzer Zyklen wird in der Massenpsychologie zwischen bewusst erkannten, kurzlebigen Auswirkungen und den ihnen zugrunde liegenden langsamen, subtilen und oftmals nicht erkannten Entwicklungen unterschieden. Durch diese zentrale Erkenntnis, die im Wesentlichen schon auf Gustave LeBon zurückgeht, leistet die massenpsychologische Forschung einen Beitrag zur Beschreibung des Zusammenwirkens eines seit den 1960er Jahren angehäuften Schuldenbergs und der periodischen Entstehung von Boom-Krisen-Zyklen während der vergangenen Jahrzehnte (Fenzl 2009).

Literatur[Bearbeiten]

  • Richard A. Berk: Collective Behavior. Brown, Dubuque, Iowa 1974.
  • Edward Bernays: Propaganda – Die Kunst der Public Relations., 1928. Aus dem Amerikanischen von Patrick Schnur. orange-press, Freiburg 2007, ISBN 978-3-936086-35-5.
  • Hermann Broch: Massenwahntheorie. 1939 bis 1948.
  • Thomas Brudermann: Massenpsychologie. Psychologische Ansteckung, Kollektive Dynamiken, Simulationsmodelle. Springer Verlag, Wien/New York 2010, ISBN 978-3-211-99760-4.
  • Elias Canetti: Masse und Macht. 1960.
  • Douglas D. Davis, David W. Harless: Group vs. Individual Performance in a Price-Searching Experiment. In: Organizational Behavior and Human Decision Processes. 66, 1996, S. 215–227.
  • Mario Erdheim: Die gesellschaftliche Produktion von Unbewußtheit. Eine Einführung in den ethnopsychoanalytischen Prozeß. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1982.
  • Thomas Fenzl: Die Massenpsychologie der Finanzmarktkrise. US-Immobilienblase, Subprime Desaster, Schulden-Bubble und ihre Auswirkungen. Springer Verlag, Wien/New York 2009, ISBN 978-3-211-98090-3.
  • Sigmund Freud: Massenpsychologie und Ichanalyse. 1921. In: Sigmund Freud: Studienausgabe. Band IX: Fragen der Gesellschaft. Ursprünge der Religion. Fischer, Frankfurt am Main 1982, S. 61–134.
  • Peter R. Hofstätter, Gruppendynamik. Kritik der Massenpsychologie. Neuausgabe. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 1986.
  • Norris R. Johnson: Panic at 'The Who Concert Stampede': An Empirical Assessment. In: Social Problems. Vol. 34, No. 4, 1987, S. 362–373.
  • Gustave Le Bon: La Psychologie des foules. 1895. engl. The Crowd: A Study of the Popular Mind.
  • Thanos Lipowatz: Die Politik der Psyche. Turia & Kant, Wien 1998, ISBN 3-85132-156-1.
  • C. Mackay: Extraordinary Popular Delusions and the Madness of Crowds. Wordsworth Editions, 1841, ISBN 1-85326-349-4.
  • Serge Moscovici: Das Zeitalter der Massen. Eine historische Abhandlung über die Massenpsychologie. Fischer, Frankfurt am Main 1986.
  • José Ortega y Gasset: La rebelión de las masas. Madrid 1929.
  • Paul Parin: Das Bluten aufgerissener Wunden. Ethnopsychoanalytische Überlegungen zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien. 1993.
  • Wilhelm Reich: Die Massenpsychologie des Faschismus. Kiepenheuer & Witsch, Köln 1986, ISBN 3-462-01794-2.
  • Wilhelm Reich: Rede an den kleinen Mann. 15. Auflage. Fischer, Frankfurt am Main 2003, ISBN 3-596-26777-3.
  • Paul Reiwald: Vom Geist der Massen. 2. Auflage. Pan, Zürich 1946.
  • Ralph Turner, Lewis M. Killian: Collective Behavior. 4. Auflage. Prentice Hall, Englewood Cliffs, NJ 1993.
  • Harald Welzer: Täter. Wie aus ganz normalen Menschen Massenmörder werden. S. Fischer, Frankfurt am Main, 2005, ISBN 3-10-089431-6.

Siehe auch[Bearbeiten]

Weblinks[Bearbeiten]

 Wiktionary: Massenpsychologie – Bedeutungserklärungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen