Massimo Cacciari

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Massimo Cacciari (* 5. Juni 1944 in Venedig) ist ein italienischer Philosoph und war von 1993 bis 2000 und von 2005 bis 2010 Bürgermeister von Venedig.

Massimo Cacciari, 2008 anlässlich einer historischen Regatta in Amalfi

Leben[Bearbeiten]

Philosoph[Bearbeiten]

Massimo Cacciari besuchte das Liceo Classico Marco Polo in seiner Geburtsstadt. 1967 schloss er sein Philosophiestudium an der Universität Padua ab. Seine Arbeit beschäftigte sich mit der Kritik der Urteilskraft von Immanuel Kant. Sein Doktorvater war Dino Formaggio, bei dem er als Assistent arbeitete. Danach arbeitete er bei Carlo Diano in Letteratura e Filosofia greca und bei Professor Sergio Bettini in Ästhetik und Kunstgeschichte. 1970 bis 1971 lehrte er an der Universität für Architektur in Venedig wo er Manfredo Tafuri kennenlernte. 1980 erhielt er eine Festanstellung, 1985 eine Berufung für das Gebiet der Ästhetik.

2002 gründete er die Philosophische Fakultät der Universität Vita-Salute San Raffale in Cesano Maderno (Mailand). Ihr stand er bis 2005 vor. Gleichzeitig blieb er von 1998 bis 2006 Direktor der Philosophischen Fakultät der Architekturakademie der Universität von Lugano. Außerdem gründete er verschiedene philosophische Zeitschriften, wie Angelus Novus (1964–1971), Contropiano (1968–1971), Laboratorio politico (1981–1985), Il Centauro (1981–1986) Paradosso (1990– 2000). Daneben betrieb er die italienischen Ausgaben der Werke von Georg Lukács und Hugo von Hofmannsthal.

Im Fokus seiner Arbeit steht die Krise der modernen Vernunft. Seine Werke Krisis (1976), dann Pensiero negativo e razionalizzazione (1977), Icone della legge (1985), dann L'angelo necessario (1986), und Della cosa ultima (2004) spiegeln seinen Weg zu einer beinahe religiösen Deutung.

Er ist Mitglied im Istituto Italiano per gli Studi Filosofici von Neapel und im Pariser Collége de Philosophie.

Politiker[Bearbeiten]

In jungen Jahren hing Cacciari dem linksradikalen Potere operaio (Arbeitermacht) an, schrieb auch für Classe Operaia (bis 1968)[1] trat dann der Kommunistischen Partei Italiens bei. Er war Provinzialsekretär der Chemiearbeitergewerkschaft. 1976 wurde er in die Abgeordnetenkammer gewählt und gehörte ihr bis Juli 1983 an. Nach dem Tod Enrico Berlinguers (1984) trat er aus der PCI aus.

Eine enge künstlerische und politische Zusammenarbeit verband Massimo Cacciari seit dem Ende der 1970er Jahre mit dem Komponisten Luigi Nono. Für ihn schrieb er auch das Libretto zu Io, frammento dal Prometeo (1981) und Prometeo. Tragedia dell' ascolto (1984/1985).[2]

1993 wurde Cacciari zum Bürgermeister von Venedig gewählt und unterstützte bis zum Ende seiner Amtszeit im Jahr 2000 Romano Prodi. Er selbst galt als Kandidat für eine führende Rolle im Bündnis Olivenbaum, der politischen Heimat liberaler und linker Kräfte. Im Jahr 2000 musste er jedoch eine Niederlage einstecken, als er für die Präsidentschaft der Region Venetien kandidierte, für die er seinen Sitz im Europäischen Parlament aufgegeben hatte. Er unterlag mit 38,2 % der Stimmen dem Kandidaten des konservativen Bündnisses Polo per le Libertà, Giancarlo Galan, der 54,9 % erreichte. Cacciari wurde jedoch Mitglied (Consigliere Regionale) des Regionalparlaments.

2005 kündigte Cacciari überraschend seine erneute Kandidatur für das Amt des Bürgermeisters von Venedig an. Dabei wurde die Linksgruppierung im Machtkampf zwischen Cacciari und dem ehemaligen Staatsanwalt Felice Casson gespalten. Noch im ersten Wahlgang, als Casson 37,7 % erhielt und Cacciari nur 23,2 %, sah es nach einer Niederlage aus. Mit rund 200 Stimmen Vorsprung gewann er jedoch die Stichwahl (mit 50,5 %). Cacciari führte daraufhin eine komplizierte Koalition der Mitte und der Linken.

Am 2. November 2009 kündigte Cacciari seinen Rückzug aus der Politik an, er wolle an die Universität zurück und keinesfalls bei den Wahlen des Jahres 2010 erneut kandidieren.[3] Sein Nachfolger wurde im April 2010 Giorgio Orsoni, der überraschend die Wahl gegen den Kandidaten Berlusconis, gegen Renato Brunetta gewann.

Als Bürgermeister war er Präsident der Fondazione Teatro La Fenice und Vizepräsident der Stiftung für die Biennale di Venezia.

Am 23. Juli 2010 stellte Cacciari das Manifest Verso Nord, un'Italia più vicina vor, das sich an diejenigen wandte, die sowohl vom Partito Democratico als auch vom Popolo della Libertà enttäuscht waren, um eine Politik für den Norden Italiens zu betreiben, die sich zugleich von der Lega Nord distanzierte.[4] Am 12. Oktober 2010 wurde die Partei Verso Nord formal gegründet.[5]

Auszeichnungen und Ehrungen[Bearbeiten]

Cacciari ist Ehrendoktor für Architektur der Universität Genua seit Oktober 2003, ebenso für Politikwissenschaften an der Universität Bukarest seit 2007.

1999 erhielt er den Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken, 2002 den Friedrich-Gundolf-Preis für die Vermittlung deutscher Kultur im Ausland, 2005 die Medalla de Oro für die Schönen Künste in Madrid, 2008 das Großoffizierskreuz des Verdienstordens Pro Merito Melitensi des Souveränen Malteserordens.[6]

Werke[Bearbeiten]

Monografien[Bearbeiten]

  • Sulla genesi del pensiero negativo, 1968
  • Qualifikation und Klassenbewußtsein (Qualificazione e composizione di classe, 1970), Neue Kritik (=Serie Neue Kritik, 2), Frankfurt a. M., 1970
  • Zum Problem der Organisation in Deutschland. In: Sergio Bologna u. Massimo Cacciari, Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Merve (= Internationale Marxistische Diskussion, 35), Berlin, 1973, S. 53- 129 (Sul problema dell' organizzazione Germania 1917- 1921, Einleitung zur ital. Ausgabe von Georg Lukácss Schriften (1920-'21) im Kommunismus, Marsilio, Padua, 1972.).
  • Ristrutturazione e analisi di classe, Padua 1973
  • Metropolis, Rom 1973
  • Oikos. Da Loos a Wittgenstein, zus. mit Francesco Amendolagine, Rom 1975
  • Krisis. Saggio sulla crisi del pensiero negativo da Nietzsche a Wittgenstein, Feltrinelli, Mailand, 1976, 8. Auflage 1983
  • Pensiero negativo e razionalizzazione, Marsilio, Padua, 1977
  • Dialettica e critica dell politico, saggio su Hegel, Feltrinelli, Mailand, 1978
  • Dallo Steinhof. Prospettive viennesi del primo Novecento, Mailand, 1980
  • Icone della Legge, Adelphi, Mailand, 1985, letzte Auflage 2007
  • L'angelo necessario, Adelphi, Mailand, 1986 (6. Auflage).
  • Zeit ohne Kronos, Ritter, Klagenfurt, 1986.
  • Der notwendige Engel, Ritter, Klagenfurt, 1987 (L'Angelo necessario, 1986).
  • Drama y duelo, Tecnos 1987
  • Dell'inizio, Adelphi, Mailand 1990, überarbeitete Aufl. 2001
  • Dran, Méridiéns de la décision, Editions de L' Eclat, 1992.
  • Geo-filosofia dell'Europa, Mailand: Adelphi 1994
  • Migranten - Edmond Jabès, Luigi Nono, Massimo Cacciari, Merve, Berlin, 1995, herausgegeben von Nils Röller in Zusammenarbeit mit Massimo Cacciari, ISBN 978-3-88396-126-2.
  • Großstadt. Baukunst, Nihilismus. Essay, Ritter, Klagenfurt, 1995
  • Gewalt und Harmonie, Geo-Philosophie Europas, Hanser (Edition Akzente), München, 1995 (Geo-filosofia dell' Europa, 1994).
  • L'arcipelago, Adelphi, Mailand, 1997
  • Der Archipel Europa, DuMont, Köln, 1998 (L'arcipelago, 1997).
  • Le dieu qui danse, Grasset 2000
  • Adolf Loos e il suo angelo, Electa, Milano, 2002
  • Wohnen, Denken, die Frage nach dem Ort, Ritter, Klagenfurt, 2002
  • La città, Rimini 2004
  • Della cosa ultima, Adelphi, Mailand, 2004
  • Magis Amicus Leopardi, Caserta 2005

Herausgeber, Übersetzer[Bearbeiten]

Zeitschriften[Bearbeiten]

  • Angelus Novus (Hrsg. mit Cesare de Michelis), 1964-1966.
  • Classe Operaia und
  • Potere Operaio, Mitarbeit bis 1968.
  • Contropiano (Hrsg. mit Alberto Aso Rosa, veröffentlichte dort zahlreiche Aufsätze), 1968-1971

Libretti/Textcollagen für Luigi Nono[Bearbeiten]

  • Das atmende Klarsein, 1981 (R. M. Rilke, Duineser Elegien und antike orphische Hymnen)
  • Io, frammento dal Prometeo, 1981 (Äschylos und Hölderlin)
  • Quando stanno morendo, Diario polacco, 1982 (Czeslaw Milosz, Endre Ady, Boris Pasternak und Welemir Chlebnikow)
  • Guai ai gelidi mostri, 1983 (G. Benn, Lukrez, F. Nietzsche, Ezra Pound u. R. M. Rilke)
  • Prometeo. Tragedia dell'ascolto, 1984, endgültige Fassung 1985 (Äschylos, W. Benjamin, Hölderlin u. a.)
  • Risonanze erranti. A Massimo Cacciari, Fassungen 1986, 1986 u. def. 1987 (Textfragmente aus 7 Battle Pieces von H. Melville und Keine Delikatessen (1963) von I. Bachmann)

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Editorische Notiz in S. Bologna und M. Cacciari, Zusammensetzung der Arbeiterklasse und Organisationsfrage, Merve, Berlin, 1973, S. 130
  2. Cacciari diskutierte mit Nono intensiv in der Zeit von 1976 bis 1979, er stellte für Nono Werke Textcollagen zusammen, Jürg Stenzl erwähnt besonders Quando stanno morendo (für Polen) und Guai ai gelidi mostri (der Staat als das kälteste Ungeheuer), Luigi Nono widmete seinen Liederzyklus Risonanze erranti (1986) Massimo Cacciari. Jürg Stenzl: Luigi Nono. Rowohlt, Reinbek b. Hamburg 1998, S. 92f., 100, 103 u. 118ff.
  3. Cacciari boccia il Pd: «Progetto fallito, io non sarò mai moderato o di centro». In: Il Gazzettino. 4. November 2009.
  4. Cacciari lancia Verso nord Ma non siamo il terzo polo. In: La Repubblica. 24. Juli 2010.
  5. Nasce «Verso Nord» Pronto il manifesto anti-Lega. Da Cacciari a Miracco, fondatori trasversali. «Pdl e Pd in crisi». Il Carroccio: siete delle mummie. In: Corriere del Veneto. o.D.
  6. Verdienstorden
Vorgänger Amt Nachfolger

Ugo Bergamo
Paolo Costa
Bürgermeister von Venedig
1993–2000
2005–2010

Paolo Costa
Giorgio Orsoni