Materialismus

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Dieser Artikel behandelt den erkenntnistheoretischen oder ontologischen Materialismus. Zu anderen Bedeutungen siehe Materialismus (Begriffsklärung).

Der Materialismus ist eine erkenntnistheoretische oder ontologische Position, die alle Vorgänge und Phänomene der Welt auf Materie und deren Gesetzmäßigkeiten und Verhältnisse zurückführt. Auf die Frage „Was gibt es?“ antwortet der Materialismus: „Nur Materie“. Der Materialismus geht also davon aus, dass auch Gedanken, Gefühle oder das Bewusstsein Erscheinungsformen der Materie sind bzw. auf solche zurückgeführt werden können. Er erklärt die den Menschen umgebende Welt und die in ihr ablaufenden Prozesse ohne geistige bzw. immaterielle Elemente, wie beispielsweise Gott oder der Seele. In der Gegenwartsphilosophie wird der Begriff „Physikalismus“ oft gleichbedeutend mit „Materialismus“ verwendet. Gegenbegriffe sind der Idealismus, für den nur Bewusstseinsinhalte eigentlich wirklich sind, und der Dualismus, für den das Physische und das Psychische zwei strikt voneinander getrennte, eigenständig existierende Seinsbereiche darstellen. Siehe auch: neutraler Monismus.

Geschichte[Bearbeiten]

Die Ursprünge des Materialismus liegen in der griechischen Naturphilosophie. Wichtige Vordenker sind u. a. Thales, Anaximander, Epikur, vor allem aber Leukipp und Demokrit, die Begründer der materiellen Atomistik. Die Naturphilosophen suchten natürliche Erklärungen der Wirklichkeit anstelle der mythologischen. Die Naturphilosophie gilt somit auch als Vorläuferin der modernen Wissenschaft.

Als Vertreter des Materialismus im Zeitalter der Aufklärung sind ab 1750 La Mettrie, gefolgt von d’Holbach, Helvétius und Diderot zu nennen. Für großes Aufsehen, sowohl bei den Aufklärern als auch bei deren Gegnern, sorgte 1770 die pseudonyme Veröffentlichung von Holbachs Système de la nature. Dieses zweibändige Werk legt ein mechanistisches Weltbild dar, in dem die Natur aus sich selbst wirkt und alle Prozesse deterministisch ablaufen. Das Werk plädiert ausdrücklich für Atheismus, dem es die moralische Überlegenheit attestiert, und argumentiert gegen verschiedene Gottesbeweise.

Ein streng mechanistisches, deterministisches Weltbild entwarf nach ihnen der französische Mathematiker, Physiker und Philosoph Laplace. Er behauptete, die Kenntnis des gegenwärtigen Zustands eines jeden Teilchens im Universum erlaube es, auf Grundlage der Naturgesetze den Zustand des Universums zu jedem zukünftigen Zeitpunkt zu bestimmen (vgl. Laplacescher Dämon). Gegen die Vorstellung vom Laplaceschen Dämon lassen sich verschiedene Einwände erheben, die auf von der Physik nach Laplace erkannten Gesetzmäßigkeiten beruhen. Der Laplacesche Dämon dient heute nur noch zur Veranschaulichung eines streng deterministischen Weltbildes.

In der Gegenwartsphilosophie, insbesondere der Analytischen Philosophie, finden sich viele Vertreter materialistischer Positionen. Es werden verschiedene Modelle entwickelt, wie Bewusstsein und Sinnesempfindungen (siehe auch Qualia) in ein physikalistisches Weltbild integriert werden können. Während manche Philosophen solche Vorgänge zur Illusion erklären wollen (der Eliminative Materialismus etwa bei Paul Churchland und Daniel Dennett), betonen andere, dass das Psychische zwar keine eigene Seinssphäre neben dem Physischen ist, sich aber dennoch nicht völlig auf letzteres zurückfühlen lässt (z.B. der Anomale Monismus bei Donald Davidson).

Kritik am Materialismus und Auseinandersetzung mit dem Idealismus[Bearbeiten]

Der Materialismus ist seit seinen Anfängen kritisiert worden. Neben Auseinandersetzungen der verschiedenen Strömungen des Materialismus spielt dabei hauptsächlich die Auseinandersetzung zwischen Materialismus und Idealismus eine Rolle.

Grundlegende Positionen, Erkenntnistheorie und Materialismus[Bearbeiten]

Eines der Hauptargumente von idealistischer Seite gegen den Materialismus ist, dass man mentale menschliche Fähigkeiten wie das Selbstbewusstsein nicht (rein) materiell verstehen und nicht vollständig auf Materie zurückführen könne. Demgegenüber ist eines der wichtigsten Argumente gegen den Idealismus bzw. für den Materialismus, dass der Idealismus die Eigengesetzlichkeit der sinnlich wahrnehmbaren Welt und deren beobachtete Unabhängigkeit von mentalen Prozessen nicht erklären könne.

Weiter wird gegen den Materialismus argumentiert, dass der Materialismus sich nicht selbst erklären könne, da er als Theorie und nicht als Materie auftritt. Darüber hinaus sei der Begriff der Wahrheit (bzw. die gesamte Erkenntnistheorie) rein materiell nicht zu verstehen. Die Erkenntnistheorie werde durch den Materialismus auf eine empirische Wissenschaft verkürzt. Kulturelle Inhalte, Ideen und alle immateriellen Formen hätten keine eigenständige Existenz mehr. Eine Erkenntniskritik oder eine unabhängige Reflexion der Erkenntnis seien in einem Materialismus nicht mehr oder nur noch sehr eingeschränkt möglich. Eine Überprüfung von wissenschaftlichen Hypothesen sei nur noch innerhalb bestimmter metaphysischer Vorbedingungen möglich.

Gegen diese Kritik wird eingewendet, dass die Materie sich sehr wohl selbst erklären könne, und zwar mittels ihrer „höchstentwickelten“ Erscheinungsform, des menschlichen Gehirns. So habe der Mensch im Verlauf von Jahrtausenden in der praktischen Auseinandersetzung in und mit der Natur (d. h. durch Arbeit) die Fähigkeit erlangt, seine ihm über die Sinneswahrnehmung vermittelten Erkenntnisse im Denken und in der Sprache zusammenzufassen. Die Resultate des Denkens selbst, die Ideen, seien nicht materiell, beruhten aber auf der Tätigkeit des Gehirns und seien damit Produkt der Materie.

Eine wesentliche Kritik nimmt die Produkte menschlichen Geistes als Ausgangspunkt für ihre Argumentation. Selbst unter der Annahme, dass Ideen, Theorien, (Bau-)Pläne, technisches Know-How etc. vom Gehirn (und nicht vom Bewusstsein) produziert seien, müsse bedacht werden, dass diese unabhängig von ihren Urhebern (weiter-)existieren könnten. Insofern sei der Mensch von einer geistigen Welt umgeben, die sein kulturelles Erbe ausmache.

Materialismus und die Wahrnehmung von Raum und Zeit[Bearbeiten]

Der Materialismus beruhe auf der Grundannahme, dass wir die Welt so erfahren, wie sie ist, dass wir das Ding an sich unmittelbar wahrnehmen, oder sich unsere Erkenntnis doch jedenfalls im Sinne der Popperschen Falsifikation mittels empirischer Methoden an die Welt an sich stetig weiter annähern könne. Dabei werde jedoch die Tatsache vergessen, dass wir alles nur so wahrnehmen, wie es uns die a priori im Geist verankerten Formen des Raumes und der Zeit erlauben. Wir nähmen die Dinge nur so wahr, wie sie die Sinne und der Geist uns liefern.

Dagegen wird jedoch wieder im Sinne der evolutionären Erkenntnistheorie argumentiert, dass dieses angebliche geistige Apriori letztlich doch ein Aposteriori sei, nämlich insofern auf Erfahrung – also auf einer Wechselwirkung mit der Realität – beruhend, als unser Erkenntnisapparat sich im Laufe der Evolution an die eben vorhandene raumzeitliche Struktur seiner Umgebung angepasst habe und diese deshalb von Geburt an, ohne dass dies erlernt werden müsste, voraussetze.

Literatur[Bearbeiten]

  • Ernst Bloch: Das Materialismusproblem, seine Geschichte und Substanz. Suhrkamp-Verlag, Frankfurt am Main 1972 ISBN 3-518-28156-9.
  • Mario Bunge, Martin Mahner: Über die Natur der Dinge. Materialismus und Wissenschaft. Hirzel-Verlag, Stuttgart 2004.
  • Eduard Jan Dijksterhuis: Die Mechanisierung des Weltbildes. Springer, Berlin/ Heidelberg/ New York 1956, DNB 451027213. (Neuauflage: 1983, ISBN 3-540-02003-9).
  • Frederic Gregory: Scientific Materialism in Nineteenth Century Germany. D. Reidel, Dordrecht 1977.
  • Friedrich Albert Lange: Geschichte des Materialismus. Suhrkamp (stw 70), Frankfurt 1974. (Online-Version)
  • Margarete J. Osler: Mechanical Philosophy. In: New Dictionary of the History of Ideas. 1389–1392.
  • M. Overmann: Der Ursprung des französischen Materialismus. Die Kontinuität materialistischen Denkens von der Antike bis zur Aufklärung. Peter Lang, Frankfurt 1993.
  • Alfred Schmidt, Werner Post: Was ist Materialismus? Kösel, München 1975, ISBN 3-466-40000-7.
  • Annette Wittkau-Horgby: Materialismus. Entstehung und Wirkung in den Wissenschaften des 19. Jahrhunderts. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1998.

Siehe auch[Bearbeiten]