Materialismus und Empiriokritizismus

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Materialismus und Empiriokritizismus ist eine philosophische Abhandlung von W. I. Lenin, die er im Untertitel kennzeichnet als „Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie“.

Im Vorwort zur ersten Auflage schrieb Lenin im September 1908, dass im Laufe des Jahres eine ganze Anzahl von Autoren, die sich als „Marxisten“ bezeichnen, einen wahrhaften Feldzug gegen den Marxismus führten. Er nennt Beiträge zur Philosophie des Marxismus, (St. Petersburg 1908, russ.) mit Aufsätzen von W. Basarow, Aleksandr Bogdanow[1], A. Lunatscharski, J. Berman, O. Helfond, P. Juschkewitsch, S. Suworow; ferner Materialismus und kritischer Realismus von Juschkewitsch (Petersburg 1908, russ.), Die Dialektik im Lichte der modernen Erkenntnistheorie von Berman (Petersburg 1908, russ.) und Die philosophischen Konstruktionen des Marxismus von N. Valentinow (1908, russ.). Lenin wirft diesen Autoren vor, unter dem Deckmantel, die neueste „Philosophie der Naturwissenschaften“ einzuführen, den dialektischen Materialismus von Karl Marx und Friedrich Engels über Bord zu werfen. Das ginge so weit, dass sogar offen die Position des Fideismus übernommen würde.

Im Vorwort zur zweiten Auflage vom 2. September 1920 nennt Lenin seine philosophischen Gegner „Machisten“ (gemäß den philosophischen Lehren von Ernst Mach).

„Statt einer Einleitung“ hat Lenin einen philosophiegeschichtlichen Rückblick vorgeschaltet: „Wie manche ‚Marxisten‘ im Jahre 1908 und manche Idealisten im Jahre 1710 den Materialismus widerlegten“. Lenin geht in seiner Darstellung der philosophischen Kontroverse zwischen Materialismus und Idealismus zurück bis auf George Berkeley, David Hume, Denis Diderot und d’Alembert[2].

Den philosophischen Grundwiderspruch zwischen Idealismus und Materialismus formuliert Lenin wie folgt:

„Materialismus ist die Anerkennung der ‚Objekte an sich‘ oder der Objekte außerhalb des Geistes; die Ideen und Empfindungen sind Kopien oder Abbilder dieser Objekte. Die entgegengesetzte Lehre (Idealismus) sagt: die Objekte existieren nicht ‚außerhalb des Geistes‘; sie sind ‚Verbindungen von Empfindungen‘.“ [3]

Das Manuskript von Friedrich Engels, das als "Dialektik der Natur" bekannt ist, lagerte dreißig Jahre lang in Archiven der deutschen Sozialdemokratie und wurde erst im Jahre 1925 in der Sowjetunion veröffentlicht. Lenin hat es im Gegensatz zum Anti-Dühring und anderen Arbeiten von Engels nicht gekannt und konnte demnach bei der Abfassung seiner philosophischen Abhandlung nicht darauf zurückgreifen.[4]

Die einzelnen Kapitel[Bearbeiten]

In Kapitel I: Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des Dialektischen Materialismus I behandelt Lenin sodann den „Solipsismus“ von Mach und Avenarius.

In Kapitel II: Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des Dialektischen Materialismus II konfrontiert Lenin Tschernow und Basarow mit den Auffassungen von Ludwig Feuerbach, Joseph Dietzgen und Friedrich Engels und äußert sich zum Kriterium der Praxis in der Erkenntnistheorie.

In Kapitel III: Die Erkenntnistheorie des Empiriokritizismus und des Dialektischen Materialismus III sucht Lenin „Materie“ und „Erfahrung“ zu definieren und behandelt die Fragen der Kausalität und Notwendigkeit in der Natur sowie „Freiheit und Notwendigkeit“ und das „Prinzip der Denkökonomie“.

In Kapitel IV: Die philosophischen Idealisten als Mitstreiter und Nachfolger des Empiriokritizismus beschäftigt sich Lenin mit der linken und rechten Kantkritik, mit der Immanenzphilosophie, Bogdanows Empiriomonismus und der Kritik von Hermann von Helmholtz an der „Theorie der Symbole“.

In Kapitel V: Die neueste Revolution in der Naturwissenschaft und der philosophische Idealismus setzt sich Lenin mit der These auseinander, durch die „Krise der Physik“ sei „die Materie verschwunden“. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „physikalischen Idealismus“.

In Kapitel VI: Empiriokritizismus und historischer Materialismus geht Lenin auf Autoren ein wie Bogdanow, Suworow, Ernst Haeckel und Ernst Mach.

In einem Zusatz zu Kapitel IV geht Lenin auf die Frage ein: „Von welcher Seite kritisierte N. G. Tschernyschewski den Kantianismus?“

Ausgabe[Bearbeiten]

  • W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1947. (Dies ist eine deutsche Übersetzung durch Frida Rubiner, die der vom Marx-Engels-Lenin-Institut in Moskau herausgegebenen neuen russischen Auflage entspricht.)

Literatur[Bearbeiten]

  • Gunzelin Schmid Noerr: Editorische Vorbemerkung zu Max Horkheimer, Über Lenins Materialismus und Empiriokritizismus. In: Alfred Schmidt, Gunzelin Schmid Noerr (Hrsg.): Max Horkheimer. Gesammelte Schriften. 18 Bände. Frankfurt am Main 1985ff. Band 11, S. 171–174.
  • Alfred Schmidt: Unter welchen Aspekten Horkheimer Lenins Streitschrift gegen den „machistischen“ Revisionismus beurteilt. In: Horkheimer. Band 11, S. 418–425.
  • Louis Althusser: Lenin und die Philosophie. In: Lenin und die Philosophie. Rowohlt, Reinbek 1974. (französische Ausgabe als Lenin et la Philosophie. François Maspero, Paris 1968.)
  • Ewald Wassiljewitsch Iljenkow: Leninist Dialectics and the Metaphysics of Positivism. Reflections on Lenin’s book: „Materialism and Empirio-Criticism“. Verfasst 1979. Russische Ausgabe 1980. Englische Ausgabe: New Park Publications, 1982, ISBN 0-86151-026-7.

Weblinks[Bearbeiten]

Einzelnachweise[Bearbeiten]

  1. Maja Soboleva: Aleksandr Bogdanov und der philosophische Diskurs in Russland zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Zur Geschichte des russischen Positivismus. Georg Olms Verlag 2007. ISBN 978-3-487-13373-7. [1]
  2. Denis Diderot: Entretien entre d'Alembert et Diderot, in: Œuvres complètes, hrg. von J. Assézat, Paris 1875, Bd. II. (dt.: Der Traum d'Alemberts, übersetzt von C. S. Gutkind, Stuttgart 1923).
  3. W. I. Lenin: Materialismus und Empiriokritizismus. Kritische Bemerkungen über eine reaktionäre Philosophie. Verlag für fremdsprachige Literatur, Moskau 1947. S. 14.
  4. Vorwort des Herausgebers zu: Marx/Engels, Werke, (MEW) Bd. 20, S. XXIIf.